Cold Stranger

Cold Stranger

Du bist meine Erlösung

Mia Kingsley

Dark Romance

Inhalt

Cold Stranger

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Über Mia Kingsley

Cold Stranger

Du bist meine Erlösung

Colder than ice.


Wenn du über dein Leben nachdenkst – was würdest du ändern?

Ich würde einen weiten Bogen um die Party machen, auf der ich Bastard zum ersten Mal begegnet bin. Vielleicht hätte ich auf dann nicht in seinen Armen geendet. Vielleicht würde ich jetzt nicht blutend und nach Atem ringend vor ihm auf dem Boden liegen und mich fragen, ob ich überhaupt jemals eine Chance hatte, diese Begegnung zu überleben …


Dark Romance. Düstere Themen. Eindeutige Szenen. Deutliche Sprache. In sich abgeschlossen.

Prolog

Bastard

Meine Füße wollten mich kaum über die Schwelle des Friedhofs tragen. Die Schuld lastete auf meinen Schultern, machte jeden Schritt zu einem Gewaltakt.

Nach außen hin war ich ruhig, doch tief in den Taschen meines Mantels waren meine Hände zu Fäusten geballt.

Ich war zu spät. Wie immer. Es war nicht bloß meine Schuld, aber zu großen Teilen – oder zumindest fühlte es sich so an.

Meine Männer begleiteten mich. Die loyalen Gefährten, die ich in den letzten Jahren an meine Seite geholt hatte. Wir hatten nur eines gemeinsam: den Hass auf den gleichen Mann. Ironischerweise sorgte das für eine größere Verbundenheit, als Blutsverwandtschaft oder Geld hätten bewirken können.

Creed nickte in Richtung des Weges, der nach Osten führte, und wieder musste ich meine Beine zwingen, sich zu bewegen.

Der Wind rauschte in den verbliebenen orangefarbenen Blättern, die sich noch tapfer an den kargen Baumstämmen hielten. Der Herbst hatte Washington fest im Griff. Der Vormittag war freundlich und mild gewesen, doch passend zu meiner Laune war die Temperatur gesunken und düstere Wolken wanderten über den Himmel.

Als die ersten Tropfen fielen, klappte Judge den Kragen seines Mantels hoch. Ich ignorierte den Regen. Nach allem, was ich in den letzten Jahren durchgemacht hatte, war es lächerlich, aufgrund von ein wenig Wasser auch bloß mit der Wimper zu zucken.

Mein Magen verkrampfte sich mit jedem Schritt mehr. Endlich kam der elegant geschwungene Grabstein in Sicht. Edle Materialien, vergoldete Buchstaben und eine Engelsstatue, die Blair zutiefst angewidert hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre.

William blieb stehen und studierte die Umgebung genau. Es war weniger sein Bedürfnis, mir die Möglichkeit zu geben, mich allein von Blair zu verabschieden, als seine ewig währende Paranoia. Er sah überall Scharfschützen und Verstecke von Angreifern. Ich fand seine Aufmerksamkeit nützlich und störte mich nicht daran. Im Gegensatz zu Dean, der stehen blieb, mit den Augen rollte und sich eine Zigarette anzündete.

Creed, Judge, William und Dean – sie waren alles, was mir noch geblieben war. Ein rauer Haufen, der dem, was andere eine Familie nannten, am nächsten kam.

Ich stützte mich mit einer Hand an dem Grabstein ab, als würde ich die Kälte des Steins spüren müssen, um es zu glauben.

Blair Graham, geborene Bouchard. 24.02.1988 – 31.03.2018. Geliebte Ehefrau und Tochter.

Ich presste die Zähne aufeinander, bis es schmerzte. Der Hurensohn hatte »Schwester« vergessen, aber das machte nichts. Ich würde ihn verfickt noch mal daran erinnern.

Creed räusperte sich hinter mir, und als ich mich umdrehte, stand er neben Dean und reichte er mir einen Blumenstrauß. »Dean sagte, sie mochte gelbe Rosen.«

Erstaunt nahm ich die Blumen entgegen. Für ein paar Sekunden war der Kloß in meiner Kehle so groß, dass ich nicht sprechen konnte. »Mir war nicht bewusst, dass du mir zugehört hast.«

Deans Augen verdunkelten sich und für einen kurzen Moment waren wir beide wieder in Algerien. »Deine blöden Geschichten waren das Einzige, was mich am Leben gehalten hat, Kumpel.«

Da wir beide wussten, dass er nicht mehr dazu sagen würde, störte ich mich nicht daran, dass er sich einfach umdrehte und ging.

Ich musste mich zwingen, das Bild von ihm in meinen Armen abzuschütteln. Als wir beide eingesperrt gewesen waren und sie ihm den Rücken bis aufs Blut gepeitscht hatten – so schlimm, dass ich an einigen Stellen die Knochen hatte durchschimmern sehen – war ich verzweifelt gewesen. Aus Angst, dass er bewusstlos werden könnte und nicht wieder aufwachte, bevor er starb, hatte ich ihm alles erzählt, was mir eingefallen war. Es überraschte mich, dass er tatsächlich klar genug im Kopf gewesen war, um mir zu lauschen.

Ich legte die Blumen ab und fragte mich, was man eigentlich an Gräbern tat, wenn man nicht an Gott glaubte. Wenn alles, was passiert war, es unmöglich machte, an Gott zu glauben.

Ich hatte mich schon vor langer Zeit von Blair verabschiedet, sodass es mir nicht schwerfiel, mich von ihrem Grab abzuwenden. Ein altes Kapitel zu beenden bedeutete auch, ein neues anzufangen.

»Wo ist er?«

Ein Grinsen umspielte Judges Mundwinkel. »In einem Mausoleum. Ich hätte mir kein besseres Versteck ausdenken können, wenn ich gewollt hätte.«

Zusammen mit Creed ging er voraus, ich folgte ihnen und William und Dean bildeten die Nachhut.

Das Mausoleum war halb verfallen, die Tür hing schief in den Angeln und meine Männer entzündeten die Petroleumlaternen, die vor dem Eingang standen.

Das schwache, flackernde Licht erhellte das Innere genug, damit ich Malcolm Graham bewusstlos in den Ketten hängen sah, zwischen die er gespannt worden war.

Es stank bereits nach Blut und Pisse, aber das störte mich nicht. Ich war zu sehr auf ihn fixiert.

William kam mit einem Eimer und kippte den Inhalt in Grahams Gesicht. An der Art, wie unser Gefangener prompt wach wurde und mit den Zähnen klapperte, nahm ich an, dass William eiskaltes Wasser benutzt hatte.

Graham blinzelte, so gut es mit seinen zugeschwollenen Augen möglich war, und starrte mich an. »D-d-d-as kann nicht s-s-sein«, stotterte er.

Ich hatte mir so lang ausgemalt, wie es sein würde, ihn endlich vor mir zu haben, und wie viel Zeit ich mir dabei lassen würde, ihn zu quälen, doch jetzt gerade wütete der Zorn so heiß in mir, dass ich ihm einfach nur die Kehle durchschneiden wollte.

Ich zwang mich, einen Schritt zurückzutreten. »Überraschung. Ich lebe noch.«

Graham begann zu wimmern und der Uringeruch wurde stechender, während er sich erneut in die Hose pisste. »Bitte«, flüsterte er.

»Bitte was? Und ich hoffe inständig, dass du mich nicht um Gnade anflehst. Wirklich. Wir wissen beide, dass das Thema vom Tisch ist. Ich habe Blairs Krankenakten gesehen. Die Knochenbrüche, die Schnitte, die Verbrennungen, die Quetschungen und die Abschürfungen. Du bist geschickt wie eh und je vorgegangen. Dass die offizielle Todesursache als Folge einer Hirnembolie deklariert ist, lässt die Öffentlichkeit ganz mitfühlend werden. Gut für den Stimmenfang, nehme ich an. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn alle Welt wüsste, dass meine Schwester elendig verblutet ist, nachdem du sie in einer Koks indizierten Psychose mit einer abgebrochenen Glasflasche gefickt hast?« Ich beugte mich vor und zog das Messer aus dem Halfter an meinem Knöchel.

»Es war ein Unfall. Bitte«, bettelte er. »Bitte, Jenkins.«

»Na, na.« Ich schnalzte mit der Zunge. »Das ist nicht mein Name. Schon vergessen? Du wirst doch nicht auf einmal aus der Reihe tanzen, wenn dir immer und immer wieder eingebläut wurde, wie ich heiße, oder?«

Graham schluckte und starrte auf die Klinge in meiner Hand.

Ich trat zu ihm und bohrte die Spitze in seinen Bauch. Nicht allzu tief, aber tief genug, um das hellblaue Hemd mit Blut zu tränken. »Sag es. Erinnere mich daran, wie ich heiße.«

»Jenkins, bitte!« Er heulte Rotz und Wasser.

Mit einer schnellen Bewegung brachte ich das Messer an sein Gesicht und zog es nach unten. Von der Augenbraue über seine Wange und bis zum Kinn. Dieses Mal hielt ich mich nicht zurück. Das Fleisch klappte auseinander, seine Wange gab den Blick auf die teuren Goldkronen über seinen Backenzähnen frei. Das Blut quoll hervor und lief in Strömen über seine Haut. »Du willst meinen Vater doch nicht enttäuschen, oder? Sag es!«

»Bastard«, keifte er. »Du bist ein Bastard.«

»Geht doch.« Ich drehte mich zu meinen Freunden und nickte ihnen zu. Wir hatten vereinbart, uns sowohl die Arbeit als auch das Vergnügen zu teilen. Außerdem war es in meinem Sinne, dass Graham so viel wie möglich litt.

»Uns bleiben noch zwei Stunden«, sagte Judge und bewaffnete sich mit einer brutal aussehenden Zange. »Danach müssen wir in Kingman Park sein. Wir haben viel zu tun.«

Kapitel 1

Maeve

»Das ist wirklich nicht die beste Idee«, protestierte ich so gut es ging, während Sarah beinahe aggressiv mit dem Lipgloss-Applikator auf meine Lippen einstach, weil ich nicht stillhielt.

Mit einem Seufzen packte sie mein Kinn und zwang mich, in ihre Richtung zu schauen.

Dale lachte und hielt zwei verschiedene Kleider aus dem Schrank seiner Cousine Jules hoch. »Rot oder dunkelblau?«

Ich schlug Heathers Hand weg und schob Sarah zur Seite. »Ich meine es ernst! Wer ist der Kerl überhaupt?«

»Darling. Ein reicher Typ. Nicht der Erste, den wir ausnehmen, und ganz sicher nicht der Letzte.« Heather zog die Bürste durch meine Haare, bevor sie die Strähnen feststeckte. Wenn Sarah und sie mit mir fertig waren, würde ich wie ein preisgekröntes Pony aussehen.

Lester kam herein und pfiff durch die Zähne. »Wow. Liegt es an mir oder wird unsere Kleine von Tag zu Tag hübscher?«

Ich spürte, dass ich feuerrot wurde – wie jedes Mal, wenn Lester mir ein Kompliment machte. Ein gutes Dutzend Schmetterlinge flatterte durch meinen Bauch.

Lester umrundete den Stuhl, auf dem ich saß, und nickte anerkennend. »Der Kerl wird dir aus der Hand fressen. Bist du bereit, David Harper nach allen Regeln der Kunst auszunehmen?«

Ich bekam in seiner Nähe kaum ein Wort heraus. Lester roch so wunderbar nach Holz und Leder. Für einen Augenblick verlor ich mich in seinen braunen Augen, dann nickte ich hastig. »Ja.«

»Perfekt.« Er wandte sich ab, zog einen Briefumschlag aus seiner Hosentasche und ließ sich neben Dale aufs Sofa fallen. »Ich habe hier unsere Studentenausweise und die Eintrittskarten. Die Party findet in David Harpers Haus in der Nähe des Campus statt. Reiches Kind absurd reicher Eltern, der Vater ist Politiker, Sohnemann soll in seine Fußstapfen treten, ist aber ein unangenehmer und unsympathischer Zeitgenosse, gegen den bereits drei Frauen einstweilige Verfügungen erwirkt haben. Um seine Beliebtheit zu steigern, veranstaltet er die Party. Unsere einmalige Gelegenheit. Es gibt einen Safe, unzählige Kunstwerke und Computer mit gespeicherten Passwörtern. Maeve mimt den Lockvogel, weil David auf jung, zierlich und unschuldig steht.«

Prompt wurde mein Gesicht noch heißer. So unschuldig war ich gar nicht und eigentlich war ich auch etwas schlagfertiger, aber Lester schien diesen Effekt auf mich zu haben.

In meiner alten Crew hatte ich kein Problem gehabt, mich zu behaupten. Doch als zwei von ihnen festgenommen worden waren und meine beste Freundin sich von einem widerlichen Schleimer hatte schwängern lassen, war ich auf neue Partner angewiesen gewesen. Über den Freund eines Freundes einer Bekannten war ich in Washington gelandet und hatte Dale kennengelernt. Nachdem der erste Job ein Kinderspiel gewesen war, hatte er mich seinem Team vorgestellt.

Als Sarah mich warnend ansah, spitzte ich dieses Mal bereitwillig die Lippen und ließ sie von ihr einpinseln. Vielleicht konnte ich Lester nach unserem Raubzug überreden, mit mir etwas trinken zu gehen.

Mein Blick verharrte auf seinen breiten Schultern und ich hätte beinahe verträumt geseufzt.

Natürlich erwischte er mich beim Starren und zwinkerte mir vielsagend zu.

Bevor ich die Chance hatte, mir ein Loch im Boden herbeizuwünschen, hielt Heather mir das rote Kleid unter die Nase. »Hier. Zieh das an. Keine Unterwäsche. Wir wollen, dass er bei deinem Anblick eine Latte bekommt. Mit ein bisschen Glück versucht er direkt, dich flachzulegen.«

Der Protest, dass das überhaupt nicht meine Art war, lag mir auf der Zunge, als Lester lachte: »Das sollte kein Problem sein. Schaut sie euch an. Vielleicht sollten wir uns nicht bloß mit heute zufriedengeben, sondern einen längere Masche starten. Wir könnten ihn dazu bringen, sich in Maeve zu verlieben.«

»Der gute, alte Love Scam. Warum nicht?« Dale warf mir einen ermutigenden Blick zu, als würde er jetzt bereits meine Zustimmung hören wollen.

Ich fühlte mich unwohl, weil sie mich alle anstarrten. Besonders Heather runzelte die Stirn, als hätte sie selten etwas Absurderes gehört.

Im Vergleich zu ihr fühlte ich mich aber ehrlich gesagt auch nicht sonderlich beeindruckend. Dank eines Stoffwechselfehlers hatte ich schneeweiße Haare zu meiner unnatürlich blassen Haut, während meine Augen tiefgrün waren. Ich hatte mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber mehr als einmal war mir gesagt worden, dass mein Gesicht »irgendwie falsch« aussah. Ein Typ war so weit gegangen, es mit den »schlechten, anfänglichen Computersimulationen« zu vergleichen. Besten Dank auch.

Heather hingegen glich einem makellosen Pin-up-Model. Eine Silhouette zum Niederknien, perfekte blonde Haare und kornblumenblaue Augen. Sie stützte die Hand mit den makellos manikürten Nägeln in die Seite und schnaufte. »Wie wäre es, wenn der Neuling sich erst mal beweist, bevor du hier die großen Reden schwingst, Lester? Wir wissen alle, dass du sie flachlegen willst – wie du es mit allen Neulingen machst.«

Der Blick, den sie mir zuwarf, ehe sie aus dem Raum stöckelte, war längst nicht so feindselig, wie ich erwartet hatte. Stattdessen las ich aus ihrem Gesicht, dass ich vorsichtig sein sollte, bevor Lester mich einlullte.

Die Erkenntnis wirkte wie eine kalte Dusche. Ich war ein Profi, und offensichtlich war es höchste Zeit gewesen, dass jemand mich daran erinnerte.

Eine knappe Stunde später kletterte ich aus dem dunkelblauen BMW, den Dale gemietet hatte, zerrte mein Kleid panisch nach unten und betrat an seinem Arm das Haus.

Der Plan war simpel. Wir würden den Gastgeber suchen. Sobald wir ihn gefunden hatten, würden wir uns »streiten«, bis mein Freund die Party verließ und ich einsam zurückblieb. Sollte David Harper nicht von allein auf die Idee kommen, mich zu retten, würde ich mich notfalls an seinen Hals werfen und ihn so lang beschäftigen, wie Heather, Sarah, Lester und Dale brauchten, um das Haus auszuräumen.

Kurz vor der Tür blieb ich stehen und zog den gefälschten Führerschein aus meiner Tasche, um die Daten ein letztes Mal zu verinnerlichen. Ich konnte immer noch nicht fassen, dass Lester für mich nichts Besseres als »Mariah Santiago« hatte auftreiben können. Mein falscher Name klang wie die fiese Hexe aus einer Seifenoper.

Ein kühler Windhauch strich über meine nackten Arme, weshalb ich mich beeilte, ins Haus zu kommen. Der Herbst war meine liebste Jahreszeit, doch dieses Jahr war es erstaunlich früh kalt geworden.

Die Party war nicht die typische Art von College-Party, die ich erwartet hatte. Es war eher eine Cocktailparty der High Society. Champagnergläser wurden zum Toast gehoben, alle unterhielten sich mit gedämpften Stimmen und im Hintergrund lief klassische Musik.

Wow. Und ich war mit meinem engen roten Kleid wie eine Nutte gekleidet, die hier absolut nicht hingehörte. Ein schneller Blick versicherte mir, dass ich außerdem die einzige anwesende Frau war, die keine Perlenkette trug.

»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte ich an Dales Ohr, nachdem ich mich in seine Richtung gelehnt hatte.

»Ja, definitiv. Komm mit. Ich glaube, ich habe Harper dahinten gesehen.« Dale legte die Hand auf meinen unteren Rücken und schob mich vorwärts.

Obwohl es bei Weitem nicht der erste Trickbetrug war, an dem ich beteiligt war, prickelte es in meinem Nacken. Ein ungutes Gefühl machte sich in meiner Magengrube breit. Ich konnte es nicht benennen, aber alles in mir schrie danach, mich umzudrehen und diese Party so schnell wie möglich zu verlassen.

Dale zerrte mich tiefer und tiefer in den langen Gang, bis sich unvermittelt vor uns eine Tür öffnete.

Ein großer Mann kam heraus. Dale war bereits relativ hochgewachsen, aber der Fremde überragte ihn um ein deutliches Stück. Er war so unmöglich zu übersehen, wie man einen Panzer direkt vor der eigenen Nase übersehen konnte.

Trotz des Anzugs, den er trug, konnte ich erahnen, dass er seine breite Form den Muskeln zu verdanken hatte, die er unter dem Stoff verbarg. Unter den Ärmeln und dem Kragen des schwarzen Hemds ragten Tätowierungen hervor, die ebenso auf die Party passten wie mein nuttiges Kleid.

Er schloss die Tür und musterte uns aus seinen dunkelbraunen Augen, die beinahe schwarz wirkten.

Ich schluckte schwer und hatte nicht die geringste Ahnung, wie er diese Reaktion provoziert hatte. Er bewegte sich wie ein geschmeidiges Raubtier, und ihn umgab die Aura eines Mannes, der immer bekam, was er wollte.

Dale war nett und in meinem Alter, aber der Kerl vor mir …

Er war ein richtiger Mann.

Selbst ohne den kurzen Bart und die Tattoos wäre er beeindruckend gewesen. Sein Gesicht war symmetrisch und enorm attraktiv – gemeißelte Wangenknochen, ein starker Kiefer und auch der Knick im Nasenrücken trug zu seiner Anziehungskraft bei.

Dass ich einen Schritt in seine Richtung gemacht hatte, merkte ich erst, als Dale meinen Oberarm packte.

Endlich meldete sich mein Gehirn wieder zum Dienst. »Ups«, flötete ich. »Da müssen wir uns wohl eine andere Ecke suchen, um ungestört zu sein.«

Mein Tonfall ließ keinen Zweifel zu, wie meine Worte gemeint waren. Dale legte den Arm um meine Taille, zog mich an sich und gemeinsam drehten wir uns um. Wir schlenderten davon, als hätten wir alle Zeit der Welt.

»Wer war das?«, flüsterte ich leise.

»Keine Ahnung. Aber er sieht nach Ärger aus«, gab Dale ebenso gedämpft zurück.

Zumindest darüber waren wir uns also einig. Da ich mich unter den anderen Partygästen unwohl fühlte, schaute ich zur Treppe und dann weiter, zurück in den Flur.

Der Gang hinter uns war leer, Mister Düster-und-unbekannt war verschwunden.

»Sollen wir es oben versuchen?«, schlug ich vor.

Dale wog unsere Optionen ab. »Nein. Warte du hier. Ich gehe zur Bar und hole uns Drinks und frage mich unterwegs durch, ob jemand den Gastgeber gesehen hat.«

»Okay.« Nervosität nagte an meinen Eingeweiden. Seit der Begegnung mit dem Fremden noch mehr, und es widerstrebte mir zutiefst, allein auf der Party herumzustehen. Aber mir würde nichts anderes übrig bleiben.

Es war merkwürdig, weil ich schon viel riskantere Jobs erledigt hatte, ohne auch nur einen Hauch von Aufregung zu verspüren, doch heute schrillten meine Alarmglocken die ganze Zeit mit ohrenbetäubender Lautstärke. Aber ich konnte nicht bei unserer ersten gemeinsamen Tour kneifen und die Flucht antreten. Die Crew würde nie wieder mit mir zusammenarbeiten wollen.

Dale hatte die Bar noch nicht erreicht, als ein Mann neben mir aus dem Boden wuchs. Er strahlte mich an und griff nach meiner Hand. »Guten Abend, schöne Frau, mein Name ist David Harper. Ich glaube, wir kennen uns noch nicht. Ich bin der Gastgeber dieser bescheidenen Veranstaltung.«

Erleichterung erfüllte mich. Wenigstens die Zielperson hatte ich gefunden. Oder er mich … wie man es nahm.

»Mariah«, hauchte ich so verführerisch wie möglich, obwohl ich mich innerlich aufgrund des Namens zusammenkrümmte.

»Mariah.« David lächelte verzückt und presste seine Lippen auf meinen Handrücken.

Ein Schauer lief meine Wirbelsäule entlang, allerdings kein guter. Es fühlte sich eher wie ein Kribbeln an, als würden Ameisen über meine Haut kriechen und krabbeln. Meine Nerven waren überstrapaziert und immer wieder beäugte ich die Eingangstür. Wie weit war es von hier aus? Zwanzig Schritte? Fünfundzwanzig?

Ich erinnerte mich daran, dass Lester die einstweiligen Verfügungen gegen David erwähnt hatte.

Ein Teil von mir verstand es. David wirkte sehr bemüht. Seine Worte waren etwas zu schwülstig, das Lächeln einen Hauch zu breit und die Bewegungen ein wenig zu steif. Er benahm sich wie ein Außerirdischer, der gerade erst auf der Erde gelandet war und nun versuchte, die Gepflogenheiten weitestgehend zu imitieren.

Ich widerstand dem Impuls, ihm meine Finger zu entziehen. Stattdessen klimperte ich mit den Wimpern. »Freut mich, David. Ein wunderschönes Haus haben Sie.«

Er wuchs unter dem Kompliment gleich um drei Zentimeter und strahlte mit gefletschten Zähnen. Es war grotesk.

Aus dem Augenwinkel sah ich Dale. Er hatte zwei Gläser Champagner in der Hand, zuckte mit den Achseln und zog sich zurück. Ab jetzt war ich auf mich allein gestellt.

»Sagen Sie, Mariah, interessieren Sie sich für Kunst?« David hielt meine Hand fest und legte sie auf seinen Unterarm.

Ich wollte wegrennen. So schnell wie möglich so weit wie möglich. Stattdessen zwitscherte ich: »Selbstverständlich.«

Seine Augen leuchteten auf und er geleitete mich zur Treppe. »Ich habe eine exquisite Sammlung. Auch wenn ihre Schönheit nicht mit deiner mithalten kann, Mariah.«

Ich wusste nicht, ob es mich mehr irritierte, wie schnell er zum Du übergegangen war, oder wie zärtlich er meinen Namen aussprach. Aus seinem Mund glich er beinahe einer Liebkosung.

»Wir sollten in der Bibliothek anfangen. Dort habe ich ein paar der schönsten Stücke versteckt.« David beschleunigte seinen Schritt und bedeckte meine Hand mit seiner, als hätte er Angst, dass ich weglaufen würde.

Seine Sorge war berechtigt. Mit jedem Schritt fühlte ich mich abgestoßener von ihm. Einen vernünftigen Grund hatte ich dafür nicht. Es war ein nervöses Nagen in der Magengegend, die unbestimmte Ahnung, dass etwas ganz gewaltig schieflief.

Er stieß die zwei Flügeltüren auf und schob mich förmlich in den hell erleuchteten Raum.

Als er den Fremden sah, der lässig mit verschränkten Armen vor dem Fenster stand, wurde David blass. »Bastard.«

»Wir hatten eine Abmachung«, sagte der Mann ruhig. Seine Augen glitten zu mir, und für den Bruchteil einer Sekunde presste er die Lippen aufeinander, als würde ihm meine Anwesenheit missfallen.

Tja, ich war auch nicht gerade glücklich, ihm erneut über den Weg gelaufen zu sein. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob ich David richtig verstanden hatte. In meinen Ohren hatte es geklungen, als ob er den Mann tatsächlich »Bastard« genannt hatte.

David seufzte theatralisch. »Es ist nicht so leicht, die Informationen aufzutreiben.«

Der Mann drückte den Rücken durch. »Du scheinst immer noch zu glauben, dass das hier alles so eine Art lustiges Spiel ist.«

»Nein.« David rollte mit den Augen. »Du hast dich klar ausgedrückt. Wie seid ihr eigentlich reingekommen?«

Der Fremde nickte, und aus dem Schatten neben einem der Bücherregale löste sich ein anderer Mann, der mit seinen blonden Haaren und blauen Augen an einen Filmstar erinnerte. Er trug einen Karton in den Händen, den er achtlos vor Davids Füßen auf den Boden fallen ließ.

Ein Keuchen stieg in meiner Kehle auf, das ich rasch unterdrückte, denn in dem Karton befand sich ein abgetrennter Kopf – und dem Gesichtsausdruck des Toten nach zu urteilen, war es kein schöner Tod gewesen.

David drehte sich zur Seite und würgte.

Der Fremde kam langsam näher. In seinen dunklen Augen war nicht ein einziger Funken menschlicher Emotionen zu sehen. »Vermutlich erkennst du deinen Bodyguard, oder? Du wirst die Informationen besorgen, David. Du wirst alles tun, was ich verlange. Hast du das verstanden?«

»Ja.« David wischte sich fahrig über den Mund und nickte.

»Gut.« Der Mann klopfte ihm auf die Schulter. »Allerdings möchte ich sichergehen, dass du es wirklich, wirklich verstehst. Wer ist das?« Mit diesen Worten drehte er sich zu mir.

Ich hatte bisher alles versucht, um so unsichtbar wie möglich zu werden. Nicht einen Muskel hatte ich gerührt. Keine Ahnung, warum ich gedacht hatte, es würde vielleicht funktionieren.

»Niemand.« Davids Antwort kam zu schnell.

»Niemand?« Der Fremde hob eine Augenbraue und lächelte spöttisch. »Gut.«

du

»Du hast sicherlich gehört, wie dein Liebhaber mich Bastard genannt hat, oder?«

»Das kann unmöglich dein Name sein.«

»Und Mariah kann unmöglich dein Name sein. Was machen wir jetzt?«

»Nichts.« Ich zuckte mit den Achseln, den Kopf gesenkt. Alles, was ich brauchte, war ein unvorsichtiger Moment seinerseits, und ich wäre schneller verschwunden, als er meinen falschen Namen rufen konnte.

Ohne Vorwarnung packte Bastard mein Kinn und brachte mich dazu, ihn anzusehen. »Wie du auch kein Recht hast, mich um etwas zu bitten, hast du ebenfalls kein Recht, mir die Antworten auf meine Fragen zu verweigern. Du solltest dich nicht darauf verlassen, dass dein Liebhaber dich rettet. Schon allein aus dem Grund ist es dringend ratsam, dass du nett zu mir bist.«

Die Art, wie er »nett« betonte, ließ mir einen eisigen Schauer über den Rücken laufen. »David Harper ist nicht mein Liebhaber. Ich habe ihn heute zum ersten Mal getroffen.«

»Warum sollte ich dir glauben?«

»Es ist mir egal, ob du mir glaubst.«

»Vorsicht«, warnte er mich und bohrte die Finger tiefer in meine Wangen. »Wir sollten über die Regeln sprechen. Du wirst nicht reden, es sei denn, du wirst angesprochen. Du wirst machen, was ich dir sage, und zwar sofort. Jedes Mal, wenn du eine der Regeln brichst, wirst du bestraft. Die Strafen werden härter und härter ausfallen, bis du dazulernst.«

In mir breitete sich die Erkenntnis aus, dass er jedes Wort ernst meinte. Er dachte offensichtlich, dass ich so eine Art Spielchip war, den er gegen David einsetzen konnte. Ich hätte ihn über seinen Irrtum aufklären können, aber auf der einen Seite würde er mir wahrscheinlich nicht glauben, und auf der anderen Seite war ich so gut wie tot, falls er mir wider Erwarten doch glaubte. Denn in dem Fall war ich bloß noch eine Zeugin und damit eine signifikante Belastung.

»Hast du mich verstanden?«, wiederholte er mit einem Grollen in der Stimme.

»Ja.« Ich klang steif und distanziert.

Sein Blick bohrte sich in meinen. »Wie heißt du?«

Der Wagen stoppte und hielt an einer roten Ampel. Meine Finger lagen die ganze Zeit schon auf dem Türgriff.

Ich zögerte nicht und öffnete die Tür mit einer schnellen Bewegung.