Das Umschlagsbild von E. Nolde hat den Titel Meer1. Noldes Meeresbilder sind etwas, das man ‚Visionen‘ nennen darf. Sie sind nicht abstrakt, aber auch nur angedeutet figurativ. Mit ‚Vision‘ kann zwar ein Zustand der der frühesten seelischen Verfassungen des Menschen beschrieben werden, in dem noch keine feste psychische Struktur vorhanden ist. Dennoch muss man zu diesem Zustand zurückkehren, um sich von dort aus zu regenerieren und um sich im Sinne einer Reifung und Vervollständigung neu aufbauen zu können, wozu mehr gehört. Nämlich ‚eins mehr‘, das auch ein Wortspiel zum Meer 1 darstellt‚ wovon noch die Rede sein wird.

Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 9783754354469

Lektorat S. Möckel und T. Heydecker

Inhaltsverzeichnis

  1. Das ‚anders herum‘ von Liebe und Tod
  2. Lacans Dreier-Zopf
  3. Ein Fest machen
  4. ‚Ikonisches‘ und weiblicher Liebesdiskurs
  5. Tod, der absolute Herr?
  6. ‚Besser weglassen‘
  7. Visionen ‚anders herum‘
  8. Lacans ‚Ding‘ und die Bewusstheit der Mechthild von Magdeburg

1. Das ‚anders herum‘ von Liebe und Tod

In der ZEIT vom 27. 5. 2021 schreibt eine junge Frau über die Erfahrungen und Leiden ihrer psychischen Erkrankungen. „Psychisch Kranke endlich einmal ernst nehmen und authentisch darstellen“, steht im Vorspann ihres Textes.1 Und tatsächlich, sie beschreibt ihr Kranksein einschließlich Klinikaufenthalt und Alltagssituationen sehr akribisch, aber auch differenziert. Vor allem beschäftigt sie sich mit der Art, wie in Netflix-Serien und anderen filmischen und verbalen Repräsentationen die psychische Symptomatik oberflächlich, irreführend und wenig hilfreich herüberkommt. Sie schildert, wie in der Serie ‚13 Reasons Why‘ der Psychotherapeut „mit ernsten Gesicht und beruhigender Stimme sagt: Manchmal wird alles erst schlimmer, bevor es besser wird“. Grandiose, typische Pseudologik, der die Autorin immer nur mit dem Statement, dass die wahre Superkraft ‚im allein Aushalten‘ liegt, gegenübertreten kann.

Doch warum sagt sie, dass sie psychisch krank ist? Ist das nicht nur ein Ausdruck der fachlich Etablierten und der perfekt Angepassten, die dem sogenannten ‚universitären Diskurs‘ folgen, während die Autorin selbst viel einfühlender, selbstorganisierter und grundlegender argumentiert, so dass man sie eine Protagonistin nicht nur in eigener Sache nennen könnte? Ist sie nicht fast eine Psychoanalytikerin, eine für sich Selbst und eine für andere Betroffene? Sie ist neurotisch, doch das Wesen der Neurose besteht im Grunde genommen nur darin, dass der Neurotiker seine Phantasien sich nicht nur ausmalt und liebt, sondern dass er sie genießt. Er genießt leidenschaftlich das, was er so blühend phantasiert, wie wenn es real wäre. Neurose ist psychisch nicht in Ordnung, aber ist es auch Krankheit?

Als die heilige Mechthild von Magdeburg (1207-1282) ihrer Oberschwester gestand: „Gott spricht mit mir“! war letztere überhaupt nicht ‚amused‘. Dabei waren die Klosterschwestern doch genau daraufhin angelegt mit Gott zu kommunizieren. Aber plötzlich scheint eine aus den Reihen zu tanzen und schon geraten alle durcheinander. Die Kolleginnen sind neidisch, die Vorgesetzten bangen um die Rechtgläubigkeit. „Die da viel lieben, die schweigen selig, die nicht lieben, sind die Aufpasser [Verräter] der Liebe“,2 schrieb sie selber. Ich betreute jahrelang katholische Schwestern in einem ihnen gehörigen Altenheim als Arzt. Sie waren alle bescheiden, zufrieden und gut zu haben. Aber dass Gott vielleicht auch einmal ihre Leiden direkt lindern könnte, kam ihnen nicht in den Sinn. Warum eigentlich? Ich würde sagen, weil die heutige Zeit noch mehr als früher zum Aufpasser der Liebe geworden ist und sie deswegen nichts von diesem ‚anders herum‘ des ‚Fließenden Lichts‘ (Mechthilds Hauptwerk) wussten, von dem ich hier aus modernem Blickwinkel später noch berichten will.

Bei der heiligen Mechthild handelt es sich nicht um Phantasien, sondern um ‚Visionen‘, was ich vorerst noch wegen gewisser Unklarheiten in Anführungszeichen schreibe. Auch Phantasien zu haben ist nicht das Problem, aber sich von ihnen – oft auch unbewusst – zu stark erregen zu lassen, geht nicht. Den subtilen Künstlern, Lehrern, Meistern und ‚Visionären‘ der Menschheit konnte man immer ein bisschen ‚psychisch krank‘ unterstellen, sie haben nur nicht so viel Selbstbezichtigung betrieben wie die obige Autorin. Zum Genießen gehört sowieso immer etwas Irrsinn und selbst der Philosoph F. W. Hegel sagte einmal, er wäre persönlich für kurze Zeit nahe an der Geisteskrankheit gewesen, so sehr genoss er seine Gedanken. Zu derartig Neurotischem kann man auch den Dichter A. Strindberg, den Komponisten R. Schuhmann, den Maler E. Munch und viele andere aus Kultur und Wissenschaft zählen. Doch inzwischen hat sich einiges geändert, wir haben die Psychoanalyse!?

Dass Philosophen der Psychoanalyse oft ablehnend gegenüber stehen, ist nicht unbekannt. Einem so populistischen Denker wie D. Precht kann man dies nicht übelnehmen, er hat sich einfach zu wenig darüber informiert, was Sigmund Freud oder der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan gesagt und geschrieben haben. Aber bei dem derzeit größten Philosophen in Mitteleuropa, Jürgen Habermas, ist dies mehr als verwunderlich. Wenn Laien sich von Freuds Sexualtheorie abgestoßen fühlen, kann man das noch verstehen. Sie glauben, dass es um Sexualität geht – in erster Linie wenigstens – doch dies ist nur ein Nebeneffekt, das Wort ‚Sexual‘ bezeichnet nur eine Charakteristik der grundlegenden Kräfte menschlichen Begehrens, die sich schon in der frühesten Kindheit gebildet und eben den Charakter von Trieben haben, die unweigerlich, wie penetrant, ihr Ziel ansteuern, um sich zu befrieden.

Habermas meint jedoch, Freud, und speziell Lacan, habe mit seiner psychoanalytischen Theorie „das Licht der Aufklärung verdunkelt“. Doch diese negative Aussage muss man positiv umdeuten: das Licht der Aufklärung war gar nicht so hell, wie Habermas meint, das neuzehnte und zwanzigste Jahrhundert mit ihren grauenhaften Kriegen haben gezeigt, dass schrecklichste Finsternis herrschte, an der die Aufklärung nichts geändert hat. Und so konnte es nur gut sein, das Licht der Aufklärung mit einem Ausflug in die Psychoanalyse ein bisschen herunter zu dimmen. Freuds grundlegende Kräfte betreffen den Eros-Lebens- und den Todes-Trieb, das heißt – wenn ich es sehr vereinfachend und pauschal ausdrücken darf – die Kraft der Liebe und des Todes. Aber eben weil dies nur sehr simplifizierend ausgedrückt ist, habe ich im Titel des Buches vom ‚anders herum‘ dieser Kräfte und auch der Psychoanalyse insgesamt geschrieben. Denn ‚Visionen‘ haben in ihr keine Geltung.

Dass sie doch nicht ganz unberücksichtigt bleiben, kann man vor allem dem französischen Psychoanalytiker J. Lacan verdanken, der diese beiden Kräfte umformuliert hat in die Kraft eines Wahrnehmungs- bzw. Schautriebs (steht der Liebe nahe) und eines Entäußerungs- bzw. Sprechtriebs (steht dem Tod nahe). Jedenfalls lässt sich mit dieser Umformulierung die Psychoanalyse besser begreifen und umfassender nutzen. Es ist nicht unverständlich, dass das Sprechen dem Tod nahesteht. Die Menschen reden ständig aneinander vorbei, sie missverstehen sich, ja sie lügen, sie widersprechen sich oft in totaler, perfekter Weise, so dass man sich wirklich fragen muss, was sie eigentlich vom Sprechen haben.

Aber eben, es geht ja um einen Trieb, eine Kraft, der man nicht so leicht widerstehen kann. Und mit der Kraft der Liebe und des Todes verhält es sich so, dass keiner genau weiß, was darin richtig, zutreffend und charakteristisch ist, obwohl man ihnen doch exakt so folgen muss, notgedrungen, zwingend. Dabei war es immer schon störend, dass die Liebe dem Tod gegenüber meist verloren hat. Auch wenn Jahrtausende lang ein Gott oder mehrere Götter ein Garant dafür sein sollten, dass es auch ‚anders herum‘ funktioniert, indem das Leben nach dem Tod in einem jenseitigen Reich weitergehen würde, bleibt die Frage nach der völligen Unklarheit dieses jenseitigen Lebens und ihren Kräften bestehen.

Um was geht es in der Liebe? Vergeht sie nicht immer in der gleichen Weise, auch wenn sie noch so viel besungen wird? „Die Liebe ist so stark wie der Tod“, heißt es im Hohen Lied,3 und an vielen anderen Stellen wird hinzugefügt, dass Gott mehr liebt als es die Menschen je können würden. Doch muss man sich dafür „treu bis in den Tod erweisen“, und zudem wird monoton behauptet, dass ohnehin „die Liebe das größte ist“, usw., usw.4 Ein andauerndes, nichts sagendes Gerede. Mit anderen Worten: es geht eigentlich um eine Wette, die ständig abgeschlossen wird und die man stets wieder abschließen muss, um sich über Fragwürdigkeiten von Tod und Liebe irgendwie gelungen hinweg zu schmuggeln. Es geht um das ‚anders herum‘ von Liebe und Tod, weil man diese Kräfte im Normalgebrauch immer mit negativen Folgen durcheinander bringt.

Denn auch wenn an all dem normal herum Gesagten ein Körnchen Wahrheit zu finden ist, für die heutige Wissenschaftskultur genügen diese etwas pauschal überhöhten Wahrheiten nicht mehr. Man muss das ‚anders herum‘ in neuer und beweisbarer Form vermitteln, so dass man nicht mehr nur glauben muss, sondern auch ein authentisches Wissen davon haben kann. Vor mehr als hundert Jahren hat die Psychoanalyse mit dem ‚anders herum‘ angefangen. Der Hauptteil der Seele befindet sich – ‚anders herum‘ als bewusst – im sogenannten Unbewussten, dass das Reservoir von zurückgedrängten oder gar ganz abgespaltenen Regungen und Bedeutungen darstellt.

Aber ausgerechnet hinsichtlich Liebe und Tod ist die Psychoanalyse ein bisschen ins Straucheln geraten, meines Ansicht eben wegen des Mangels an ‚Visionärem‘. Der Literaturkritiker E. Goebel meinte, dass vor allem Freuds Todestrieb Hypothese schuld daran ist, dass das psychoanalytische Gesamtkonzept letztlich pessimistisch ausfällt.5 Denn die aktiven Eros-Lebens Triebe haben gegenüber dem Tod keine Chance. Der Tod wird vom französischen Psychoanalytiker J. Lacan daher als der „absolute Herr“ bezeichnet, an dem kein Weg vorbei geht, und in der Liebe sieht er – neben dem Hass und der Ignoranz – eine Form des Nichts.

Bevor ich damit fortfahre, dass das Nichts nicht ohne ein Etwas logisch denkbar ist, die Eins nur vor dem Hintergrund der Null Bestand hat und die Existenz man sich nur vor dem Hintergrund einer Nichtexistenz vorstellen kann, und sich damit diese Aussagen alle wieder ein bisschen aufheben und ausgleichen, etwas Persönliches: Als Arzt habe ich mich immer gefragt, warum die Menschen so viel Zeit und Kraft damit verschwenden, um nicht an einer Krankheit zu sterben. Sie nehmen Unmengen von Medikamenten, erwägen ständig den einen oder den anderen operativen Eingriff und suchen für alles sogenannte Zweit- und Drittmeinungen, doch nur mit geringem Fortschritt. Wäre es nicht besser ‚anders herum‘ sich den Tod als etwas instrumentell Hilfreiches heranzuziehen, sich eine ‚Diaita‘ (δίαιτα) zuzulegen, eine besondere Lebensweise oder Lebenskunst, wie es die alten Griechen nannten. ‚Diaita‘ war Theorie und Praxis und ging über die Philosophie noch hinaus.

Ich selber leide an einer somatoformen Schmerzstörung, die aushaltbar ist und an der man keinesfalls sterben kann. Sie ist ein ständiger Begleiter, der stört, der sich aber nach Jahren mehr und mehr zu einem Lebenskompass entwickelt hat. Das heißt, ich spüre, wenn mir etwas nicht gut tut, ich mich übernommen, falsch verhalten oder ernährt habe. Dadurch denke ich über den Tod nicht mehr nach, im Gegenteil, ich habe genau aus diesen Vorgaben, aus diesem Grund, das Verfahren entwickelt, das ich im Untertitel angekündigt habe und das exakt im Sinne dieses Kompasses von jedem selbst erlernt werden kann. Eine Methode der Selbsterfahrung und Selbsttherapie, eine Diaita einzuhalten, von der sich natürlich auch das Wort Diät ableitet, aber eben auch andere kunstvolle Seele- und Körpertechniken, ist im Endeffekt nichts Neues. Ich komme noch ausführlich darauf zurück, indem ich das erwähnte neue Verfahren, das ich Analytische Psychokatharsis genannt habe, wissenschaftlich begründen will.

Zurück zum Nichts, zur Null, zum grundlegenden Mangel, der – Lacan folgend – den eigentlichen Anfang gemacht hat, auch wenn man sich den entsprechenden Seins-Hintergrund dazu denken muss. Dass man vom Urknall als einem Anfang des Universums gesprochen hat, ist nur im Nebensatz richtig und nur auf einem Nebenschauplatz erfolgt. Geht man von einer Wissenschaft vom Subjekt aus, deren Objekt man jeweils selber ist, liegt der Anfang viel mehr in der Relevanz, die sich nur in jedem Einzelnen praktisch erfassen lässt und nicht in einer generalisierten Theorie. Denn wenn ich hier schreibe und erzähle, geht alles mit einem ‚Ich spreche, also bin ich‘ los. Es beginnt und endet mit dem „L’etre parlant“ wie Lacan den Menschen in seiner grundlegenden Funktion benannt hat und diese Funktion dann fast bis zu einer Psychoanalyse ganz ‚anders herum‘ ausformuliert hat.6

Und so heißt mit dem Nichts anzufangen, verkehrt als üblich anzufangen. Kant fing zum Beispiel mit der Frage nach den ‘synthetischen Urteilen a priori’ an, indem er behauptete, dass es analytische Urteile gibt, die automatisch a priori wahr sind, weil sie sozusagen schon in den Sprachregeln, die wir nutzen, wenn wir z. B. das Wort nutzen nutzen, enthalten sind: Nutzen nützt – ein analytisches Urteil, a priori wahr. Es ist aber auch irgendwie unsinnig und banal. Diesen Unsinn gibt Kant zwar zu, greift sich jetzt aber die synthetischen Urteile (die also nicht schon durch die Sprachregeln bedingt sind) und fängt dann an, ganze Bücher mit den Wahrheiten zu füllen, die er nunmehr durch einen Syllogieschluss der analytischen mit den synthetischen Urteilen erhält.7

So kann er dann leicht beim Wort anfangen anfangen: aktiv fängt die Ursache an (in fit), sagt er, weil passives Anfangen als Kausalität Ursache wird (fit). Jetzt braucht er nicht mehr zu fragen, warum er im Wort Ur-Sache schon die Sache präferiert (sie sozusagen ‘urt’, urtümlich macht). Kurz: er kommt auf diese Weise dazu, der Philosoph seiner Zeit zu sein, der Professor, der Universitätslehrer, der Wissende. 8 Er sagt alles richtig, er weiß alles ganz genau – und dies gilt durchaus auch für heute und für alle anderen Wissenschaften – aber Kant sagt es nicht gut genug! Nicht so, dass man es unmittelbar erfahren könnte. Alles ist richtig gewusst, aber nicht gut kommuniziert, nicht gut vermittelt, nicht gut gesagt! (Es war auch schon zu Kants Zeiten so, dass die Leser über seinen Werken stöhnten).

Immerhin würde es Kant gefallen, wenn man so wie Lacan es vorschlägt, mit dem Mangel, der Null, anfängt und vom ‚Ex-Sistierenden‘ reden würde, indem etwas ‚sistiert‘ (beharrt) ‚ex‘ (außerhalb). Ein Gott zum Beispiel, den es dann – wie bei meinen katholischen Altenheimschwestern – gar nicht mehr so richtig gibt, weil man ihn nur im ‚Ex‘ findet, wo er verharrt. Der katholische Religionsphilosoph R. Spaemann sagte daher, Gott sei ein „unsterbliches Gerücht“. Das war nicht negativ gemeint. Ein Jemand, von dem immer gesprochen wird und werden wird, ist besser als das Bild eines alten Mannes mit Bart oder auch als ständige kathechetische Wiederholungen. Es geht also um jemanden, den es innerhalb des Hier und Jetzt nicht gibt, der aber dennoch Körper haben kann, aber einen ohne Gestalt, ohne Form, ‚ex‘ eben.

Der moderne Bewusstseins Philosoph T. Metzinger schreibt dem Menschen ein ‚phänomenales Selbstmodell‘ zu, also ein eigenständiges Ich, eine bewusst-gefühlte Innenperspektive,9 die Lacan auch ein ‚imaginäres Objekt‘ nennt. Metzinger geht vom Grauen des Leidens aus, in das hineinzublicken dazu führt, dass es auch in einen selbst hineinblickt, wie Nietzsche sagte.10 Doch wirkliches Leiden kann nur empfinden und bei sich und dann auch noch bei anderen richtig einschätzen, wer noch weitere Kriterien als ein ‚imaginäres Objekt‘, als ein fest umrissenes Ich-Gefühl in sich erfüllt. Man braucht eine ‚Leidensmetrik‘, meint Metzinger, um Leiden in seiner Quantität und Qualität wirklich begreifen zu können, doch der Philosoph muss weit ausgreifen, um davon schreiben zu können, wie das Leiden nun wirklich vermindert werden könnte und wie man dann nicht mehr nur vom Bewusstsein, sondern von Bewusstheit, der Mitleidsbewusstheit, sprechen müsste.

Metzinger sieht zudem den Unterschied zwischen den imaginären und den symbolischen Objekten, also zwischen der perspektivischen, phänomenalen, an Erscheinung und Bild orientierten Ordnungen des bewussten Lebewesens und der am Wort, am Symbol, an der umfassenden Sprachwelt orientierten Ordnung, die z. B. ja auch dazu führen kann, dass man auch an einem Verlust von Würde schrecklich leiden kann. Selbst die ganze Menschheit, meint er, könnte an Würdelosigkeit leiden und zugrunde gehen, wenn man Klima- und Umweltfaktoren nicht in den Griff bekäme. Für das erweiterte Bewusstsein, das so bereits in Richtung Bewusstheit drängt, indem es Mitgefühl und Mitbewusstheit beinhaltet, sind also auch Bezüge zur Komplexität der Sprache und des Sprechens notwendig.

Ich gehe jedoch nicht von einer politischen oder neurophilosophischen Betrachtung aus, sondern von einer psychologischen, psychoanalytischen, unbewusst geistigen. In deren Sinne muss man ebenfalls das Bewusstsein von der Bewusstheit unterscheiden. Letztere kann noch im halbtoten Zustand vorhanden sein, wie man bei sogenannten Nahtoderlebnissen feststellen konnte. Der in einer Art von Ohnmacht Daliegende kann sich wie von außen her sehen und dies auch ganzheitlich erfassen, ist aber nicht wach-bewusst. Ähnliches existiert beim ‚Déjà Vu‘, der überzeugend starken Empfindung, etwas schon einmal genau so erlebt oder erfahren zu haben. Es ist kein Bewusstsein da, aber eine naive Bewusstheit, die man in einer Psychoanalyse sogar noch weiter klären kann, weil hinter dem ‚Déjà Vu‘ ein ‚Jamais Raconte‘ steckt, ein Nie Erzähltes, Verdrängtes, klassischer Fall eines ganz ‚anders herum‘.

Doch auch der mystische Ekstatiker ist in seiner Verzückung weit vom Bewusstsein abgekoppelt, er ist nach außen hin oft kaum noch wach und befindet sich dennoch in einer Art von Bewusstheit. Hier wird das Phänomen der Bewusstheit ohne Bewusstsein vielleicht noch deutlicher. Ich erinnere an den bekannten indischen Heiligen Ramakrishna, der aus seiner Entrückung manchmal mit Gewalt zurückgeholt werden musste, so kataton, erstarrt, abgedriftet, wirkte er in seinen Meditationen. Mit Sicherheit ist hier die Nähe zur psychischen Krankheit zu spüren, aber allein mit einem Bezug auf psychische Extreme wird man der Bewusstheit nicht gerecht.

Um nicht in langweiliger Theorie zu ersticken, will ich gleich ein Beispiel dazu aus der eigenen Anwendung der Analytischen Psychokatharsis bringen, die wieder von einer anderen Seite her Klarheit ins Psychologische und Psychoanalytische bringen kann. Ich gehe vom Freud’schen Unbewussten aus, auf das Gleiche zutrifft, man findet es nämlich nicht im eigenen Bewusstsein, denn es ist ‚ex‘ von einem selbst und doch zugleich das Innerlichste. Um das zu entdecken und auch dauerhaft am Laufen zu halten so wie die Vestalinnen im alten Rom das Feuer nie ausgehen lassen durften, braucht es heute eine zunehmend größere Mannschaft von Neuro-, Geisteswissenschaftlern und Psychoanalytikern, während ich es, dieses ‚ex‘, jedem Einzelnen zurückgeben kann. Denn nur der Einzelne kann die wahre Bewusstheit erreichen, wozu es eine Praxis braucht, von der eine Unze mehr wert ist, als eine Tonne Theorien, wie ein altes Sprichwort sagt. Theoretiker, Philosophen und Bewusstseinsforscher waren für Freud sublime Hysteriker; sie versuchen nur aus sich durch ein Hochschrauben der Gedanken die Wahrheit über das Sein, den Menschen, die Liebe, den Tod, etc. zu begründen.

Als ich das Verfahren, das also meditative und psychoanalytische Methodik verbindet, wieder einmal ausübte, bemerkte ich nach etwa einer Stunde solch einer Konzentrationsübung nicht nur eine deutliche Entspannung, sondern auch eine physisch spürbare Konzentration in der Körpermitte, die sich nach oben hin über den Kopf hinaus wie zu einem stets höher werdenden, auch angedeutet visuell sichtbaren ‚Berg‘ entwickelte. Abgesehen von einer gewissen Mächtigkeit (nicht Macht) dieses Bildes, dieses imaginären Eindrucks, befand ich mich auch in einem äußerst angenehmen Zustand und gleichzeitig in irgendeiner Art von Gewissheit, ein uraltes Symbol wiedererweckt zu haben.

Diese ‚Bergerfahrung‘ schien nämlich ganz körpernah gewesen zu sein, ‚leibhaftig‘ wie man früher sagte. Physisch spürbar. Es ging also um einen Bezug zum Unbewussten mehr auf der Ebene unbewusster Körperbilder, während in der herkömmlichen Psychoanalyse mehr die Ebene unbewusster Phrasen im Vordergrund steht, weshalb Lacan sagt: Es Spricht im Unbewussten.. Dieses nach innen Projizierte, das Somatoforme meiner Erfahrung, übermittelte sich aber wie ein Es Fühlt, Es Strahlt, Es Chillt.11 Die Körperbilder sind unbewusste, aber eben ‚leibhafte‘ Aspekte, die die gleiche Wichtigkeit haben wie die erwähnten unbewussten Phrasen.

So weiß ich als Psychoanalytiker, dass man diesen ‚Berg‘ auch als Phallus-Symbol deuten kann, als die übliche Phrase, das Wort-Wirkende des ‚phallus symbolique‘, wie Lacan Es (diese Wappenfigur des Freud’schen Es) in seinen psychoanalytischen Seminaren ständig nannte.12 Mein ‚Berg‘ hatte jedoch neben dem heraldisch Symbolischen auch etwas Imaginär-Reales (bildlich Leibhaftiges) an sich. Denn es handelte sich ja nicht – oder nicht im Wesentlichen – um eine Erinnerung oder um eine Phantasie, die ein phallisches Begehren artikuliert, sondern um etwas ein bisschen mehr Substanzielles, Bild-Wirkendes, ‚Visions‘-Artiges. Mit einem Bezug zur Wissenschaft Freuds kann ich diese Beschreibung voll von früheren Darstellungen in Mystik, Religion, Yoga oder bei heutigen Esoterikern gut abgrenzen. Denn ich werde meine ‚Bergerfahrung‘ in Anlehnung an bildwissenschaftliche und psychoanalytische Vorgehensweisen präzisieren.

So bilde ich hier schon einmal ein derartiges Formel-Wort ab, das bei der ersten meditativen Übung der Analytischen Psychokatharsis verwendet wird und ich in dem Beispiel mit dem ‚Berg‘ auch verwendet habe. Es enthält mehrere Bedeutungen in einem einzigen (hier im Kreis geschriebenen) Schriftzug.13 Die Bedeutungen überlappen sich, so dass der Schriftzug als solcher gar nichts sagt, es liegt eine ‚Überdeterminierung‘ (Mehrfachaussage) vor, wie man sie aus der psychoanalytischen Traumdeutung kennt. Doch dies ist gerade von Vorteil, weil so das Unbewusste, das rein strukturell genauso aufgebaut ist wie das Formel-Wort, gereizt, provoziert und geweckt wird, seine, und das heißt jetzt auch unbewusst meine, mich betreffende, Bedeutung herauszugeben (wozu eine zweite Übung dienen wird).

Denn ich messe meiner ‚Bergerfahrung‘ nur eine beiläufige Bedeutung zu. Für mich besteht in dieser ‚Erscheinung‘, in diesem Imaginär-Realen, ‚Visions‘-Ähnlichem, nur ein kleiner Teil meines Verfahrens. Der gefühlte, ,chillende‘ ‚Berg‘ stellt lediglich etwas Kathartisches dar, also ein befreiendes, reinigendes, rein bildlich-reales, klärendes Erleben dar, das keine präzise Aussage ermöglicht. In der Theorie Freuds würde ich solch eine Erfahrung nahe an der Stelle einordnen, die Freud als Vorstellungsrepräsentanz bezeichnete. Dort ist die Triebkraft – hier jetzt die des Wahrnehmungs- bzw. Schautriebs – direkt psychisch repräsentiert, was von dort ausgehend dann üblicherweise zu einem ungesteuerten Affekt oder zu Abwehrmechanismen führt (wenn der Trieb nicht ertragen und ins komplexe Denken oder in Symptome verschoben wird).

Dennoch ist dieser also mehr dem Imaginär-Realen, dem Bild-Wirkenden zuzurechnende Anteil wichtig. Er stellt sogar den Hauptteil des Buches dar, weil in der klassischen Psychoanalyse nur oder ganz betont, das Symbolisch-Reale, das Wort-Wirkende zum Zug kommt. Lacan hat dies ganz klar erkannt und versucht, mit geometrischen Figuren, Topologien, Knotenbildungen und zopfartigen Darstellungen dem Bildhaften, dem imaginäre Signifikanten (Imaginär-Realen) Gestalt zu geben. Doch blieb er selbst damit noch weit hinter der Schwergewichtigkeit des Wort-Wirkenden zurück. Das Bild-Wirkende selbst zu erfahren, eine Art von ‚Vision‘ zu haben, ja fast mit dieser kommunizieren zu können, hat etwas Großartiges an sich, das man nicht ganz unter den Tisch kehren kann.