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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Die zauberhafte Pfarrerstochter Phoebe Millbury ist fest entschlossen, sich einen Herzog als Ehemann zu angeln, denn nur so kann sie sich das Erbe ihres Großvaters sichern. Auf ihrem ersten Londoner Ball begegnet sie dem unverschämt attraktiven Lord Rafe Marbrook, und es knistert sofort gewaltig zwischen der schönen Pfarrerstochter und dem verruchten Lord. Gleich am nächsten Morgen flattert Phoebe ein Heiratsantrag ins Haus, und sie ist sich sicher, der kann nur von Marbrook stammen. Als sie erfährt, dass der Bewerber auch noch einen Herzogtitel erben wird, kann sie ihr Glück kaum fassen – und akzeptiert freudestrahlend. Es gibt nur ein Problem: Es ist nicht Rafe, der um ihre Hand angehalten hat, sondern sein älterer Bruder Calder, mit dem Phoebe noch nie ein Wort gewechselt hat. Nun steckt Phoebe in einer schrecklichen Zwickmühle: Eine Ehe mit dem langweiligen Calder würde ihr den Titel einer Herzogin und damit das großväterliche Vermögen sichern, doch ihr Herz schlägt für den sinnlichen Rafe...

Autorin
Celeste Bradley wurde für ihren von Kritikern und Leserinnen hoch gelobten Debütroman mit dem RITA Award ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem
Mann und ihren beiden Töchtern in Tennessee.

Von Celeste Bradley ist bereits erschienen:
 
Der Liar’s Club
Die schöne Spionin (01; 36279) – Die schöne Schwindlerin (02; 36335) • Die schöne Rächerin (03; 36614) Die schöne Betrügerin (04; 36336) •
Die schöne Teufelin (05; 36854)
 
Die Royal Four – Spione im Dienste Ihrer Majestät
Der verruchte Spion (01; 36660) – Der geheimnisvolle Gentleman
(02; 36661) • Verruchte Nächte (03; 36905)

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Dieses Buch ist meinem Vater Fred Epps gewidmet, der das Lesen und das Lachen liebte. Er hat nie erfahren, dass sein kleines Mädchen Schriftstellerin wurde, aber ich glaube, er hätte seine wahre Freude daran gehabt.

Prolog
Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, wenn auch körperlich geschwächt, bekunde ich, Sir Hamish Pickering, als meinen letzten Willen und Testament das Folgende:
Ich bin die gesellschaftliche Leiter so weit hinaufgeklettert, wie es möglich ist, dabei verfüge ich über mindestens doppelt so viel Verstand, Weisheit und Seelenstärke wie der faulenzende Adel. Eine Frau hingegen kann so hoch heiraten, wie ihr Aussehen es zulässt, ja, sie kann sogar Herzogin werden, wenn sie es anstrebt.
In dieser Hinsicht haben mich meine eigenen Töchter schmählich enttäuscht. Morag und Finella, ich habe Geld in Euch investiert, damit Ihr über Eurem eigenen Stand heiraten könnt, aber Euch fehlte der Mumm dazu. Ihr habt darauf gewartet, dass Euch die Welt auf einem Silbertablett serviert wurde. Wenn irgendein weibliches Mitglied dieser Familie auch nur einen einzigen Farthing meines Geldes haben will, dann muss sie es sich schon verdienen.
Deshalb erkläre ich, dass mein gesamtes Vermögen meinen nutzlosen Töchtern vorenthalten und für jene Enkelin oder Urenkelin aufbewahrt werde, die einen englischen Herzog heiratet oder einen Mann, der später einen Herzogtitel erbt. Zu diesem Zeitpunkt soll ihr allein das gesamte Vermögen ausbezahlt werden.
Hat sie Schwestern oder Cousinen, die bei diesem Versuch scheitern, so erhalten diese bis an ihr Lebensende eine jährliche Leibrente in Höhe von fünfzehn Pfund. Hat sie Brüder oder Cousins, obschon die Familie unglücklicherweise zu Töchtern tendiert, dann erhält davon ein jeder fünf Pfund, denn mehr hatte ich auch nicht in meinen Taschen, als ich nach London kam. Jeder Schotte, der seinen Haggis wert ist, kann im Laufe von ein paar Jahren aus fünf Pfund fünfhundert machen.
Jedes Mädchen erhält im Jahr seines gesellschaftlichen Debüts eine festgelegte Summe für Kleider und Sonstiges.
Sollten drei Generationen von Pickering-Mädchen versagen, will ich mit der ganzen Mischpoke nichts mehr zu tun haben. In diesem Fall sollen die gesamten fünfzehntausend Pfund dazu verwendet werden, die Strafen und Unkosten jener zu bezahlen, die den Zollinspekteur beim Export jenes herrlichen Scotchs umgehen, der mein einziger Lichtblick in dieser Familie von Schwachköpfen war. Wenn Eure arme, selige Mutter Euch jetzt nur sehen könnte.
 
Gezeichnet
Sir Hamish Pickering
 
Bezeugt von
B. R. Stickley, A. M. Wolfe
Kanzlei Stickley & Wolfe

Erstes Kapitel
England, 1815
Wahrscheinlich bedeutete es nichts Gutes, aber als Miss Phoebe Millbury, die wohlerzogene Tochter eines Vikars, dem Mann ihrer Träume begegnete, war das erste Körperteil, in das sie sich verliebte, sein Hintern.
Bis zu jenem Moment war der luxuriöse Ballsaal voller bunt gekleideter Tänzer ein Traum, allerdings kein ausgesprochen schöner. Phoebe bewegte sich durch die fremde Umgebung ihres ersten Gesellschaftsballs, als berührten ihre Füße kaum den Boden, so unwirklich wie ein Geist und ebenso unbemerkt. Was hatte sie in dieser glitzernden Welt der oberen Tausend zu suchen?
Geh nach London und angle dir einen Herzog, hatte der Vikar zu ihr gesagt. Erfülle den letzten Wunsch deiner sterbenden Mutter.
Als wäre das so einfach.
Und pass auf, dass es nicht wieder passiert. Oh, der Vikar hatte es nicht laut ausgesprochen, aber sie hatte es dennoch klar und deutlich in seinen Augen lesen können. Sie musste jederzeit den Anstand wahren, sich fügen und vernünftig und bescheiden sein, wie sie es jetzt schon seit vielen Jahren war. Niemals wieder durfte sie jenen unglückseligen Pfad einschlagen.
Was ihr nicht gerade viele Möglichkeiten ließ, die Aufmerksamkeit des vorher genannten Herzogs zu gewinnen. Ihre Kleider waren gut genug für ein Landei, das seine Runde unter den Kranken und Alten des Dorfes machte, oder auch für einen Tanz im örtlichen Bürgerhaus – nicht dass sie es jemals gewagt hätte, unter dem wachsamen Blick des Vikars zu tanzen -, aber sie konnten es nicht mit der kostbaren Londoner Mode aufnehmen, die von fast jeder anderen Dame im Raum getragen wurde.
Außerdem war sie keine schlanke Schönheit wie ihre Cousine Deirdre oder selbst ihre verwitwete Tante Tessa. Sie hatte es bisher noch nie nötig gehabt, sich um ihr Aussehen zu kümmern, erinnerte sie sich, dabei hatte sie in dieser Hinsicht viel mehr Glück als andere. Sie warf einen raschen Blick auf die andere Seite des Ballsaals, wo ihre andere Cousine, die unscheinbare Miss Sophie Blake, gerade auf einem jener Stühle Platz nahm, die inoffiziell für jene jungen Frauen reserviert waren, die niemals tanzen würden.
Angle dir einen Herzog. Damit würde ein Traum wahr werden – was nicht einer gewissen Ironie entbehrte, denn es war hauptsächlich dem Vikar zu verdanken, dass Phoebe solch unrealistischen Träumereien nicht länger nachhing.
Oh, einst war sie eine Anhängerin solcher Träume gewesen. Mit fünfzehn war sie eine echte Romantikerin, eine Träumerin ersten Ranges.
Einen gut aussehenden Tanzlehrer später war sie für alle Zeiten geheilt. Da sie offensichtlich nicht in der Lage war, Traum und Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden, nicht einmal das Richtige vom Falschen unterscheiden konnte, blieb ihr, um wirklich sicherzugehen, nichts anderes übrig, als sich ganz genau an die Regeln zu halten. Man konnte sich auf die Regeln verlassen, mehr jedenfalls als darauf, was die Leute sagten.
Oder was man selbst fühlte.
Phoebe seufzte. Sophie schien es nichts auszumachen, sitzen zu bleiben, während die Musik spielte, aber Phoebe würde doch lieber irgendwann mit jemandem tanzen. Er musste gar nicht gut aussehen, musste auch keinen Adelstitel haben, solange er nur vor nicht allzu langer Zeit gebadet hatte und ihr nicht auf die Zehen trat.
In diesem Moment fiel ihr Blick auf jene festen, männlichen Pobacken, die ihre Langeweile durchstachen wie eine Nadel eine Seifenblase.
Der Rest von ihm war auch nicht übel. Während sie die breiten Schultern und das dunkle, wellige Haar des Mannes betrachtete, der ihr beim Tanzen den Rücken und seine himmlische Kehrseite zuwandte, fuhr sich Phoebe mit der Zungenspitze über die Lippen und ermahnte sich selbst, dass sie nicht mehr diese Sorte Frau war. Sie würde nie wieder sündigen.
Oh, bitte, doch!
Nein, nie wieder.
Bitte, bitte, bitte.
Es war zweifelsohne der schönste Hintern, den sie jemals gesehen hatte. Er steckte in eng anliegenden schwarzen Hosen, und die Schöße seines Fracks fielen gerade so über die gut ausgebildeten...
Der Herr verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere, und Phoebe fielen schier die Augen aus dem Kopf.
Köstlich.
Sie ließ ihren Blick bis ganz nach unten wandern und dann ganz langsam wieder hinauf, Zentimeter für Zentimeter. Er war schön. Als hätte jemand das Ideal jeder Frau von breiten Schultern und langen, muskulösen Beinen genommen und dann den Mann dazu bestellt, der das alles erfüllte.
Er drehte den Kopf.
Sein schneeweißes Halstuch betonte ein wahrhaft anbetungswürdiges Kinn, das wiederum von hohen Wangenknochen und einer Stirn ergänzt wurde, für die selbst Adonis sich nicht geschämt hätte. Dunkles Haar kräuselte sich an seinen Schläfen und über seinem Kragen, ein kleines bisschen zu lang und ein wenig zu wild, als wäre er trotz seiner edlen Kleidung doch nicht gänzlich gezähmt.
Ich mag sie nicht gänzlich gezähmt.
Endlich drehte er im Tanz seinen ganzen Körper. Sein Lächeln blitzte. Seine schneidige Verbeugung zum Abschluss der Schrittfolge verriet Phoebe, dass sein Bauch so flach war wie die Brust ihrer Cousine Sophie und sein Brustkorb breit und muskulös.
Außerdem passte ihm seine Hose vorne noch besser.
Heiß schoss das Blut durch Phoebes Adern. Vorsichtig schaute sie sich um, denn sie wollte nicht, dass ihre Cousinen oder ihre Anstandsdame sie dabei ertappten, wie sie sich derart danebenbenahm. Sie war erst seit einer Woche in London, und bisher war ihr noch niemand auf die Schliche gekommen, nicht einmal bei ihrer nervenaufreibenden Präsentation bei Hofe.
Nein. Deirdre, ihre elegante und topmodische Cousine, war von ihrem üblichen Schwarm von Verehrern umgeben und sah nicht so aus, als hätte sie auch nur das geringste Maß an Aufmerksamkeit für sie übrig. Sophie, ihre bedauernswert groß gewachsene und ungeschickte Cousine, gab sich auf der anderen Seite des Ballsaals größte Mühe, sich in der Menge zu verstecken, und war mit diesem unmöglichen Unterfangen so sehr beschäftigt, dass sie nicht einmal in Phoebes Richtung schaute.
Tante Tessa, die nicht sehr daran interessiert war, die Anstandsdame für sie zu geben – nicht einmal für ihre Stieftochter Deirdre -, ging vollkommen darin auf, den neuesten Klatsch und Tratsch mit ihrer gleichermaßen modischen Clique von gelangweilten Ehefrauen der guten Gesellschaft auszutauschen. Phoebe war in Sicherheit.
Dann lachte der Mann vor ihr. Sein tiefes Glucksen rollte wie Donnergrollen durch ihren Körper, verursachte ein Zittern in Regionen, die besser unausgesprochen blieben, und brachte jede Menge Alarmglocken in ihrem Innern zum Läuten. Sie wusste, was dieses Gefühl bedeutete!
Oh Himmel.
Sie war an einem Mann interessiert. Zum ersten Mal, seit sie sich vor zehn Jahren in ihren Tanzlehrer verliebt hatte, war sie wieder auf diese Weise an einem Mann interessiert.
Damals war die Geschichte ganz und gar nicht gut ausgegangen.
 
Lord Raphael Marbrook, der seinen Titel purer Höflichkeit verdankte und nicht dem Geburtsrecht, war es bis zum jetzigen Zeitpunkt an diesem Abend gelungen, sich ohne Zwischenfall unter die Menge der Ballbesucher zu mischen. Er war geschickt einigen von ihm gehörnten Ehemännern aus dem Weg gegangen, hatte dreimal ein Zusammentreffen mit kartenspielenden Lords vermieden, die darauf aus waren, sich ihre Verluste zurückzuholen, ja, es war ihm sogar gelungen, an seiner ehemaligen – verheirateten – Geliebten vorbeizutanzen, ohne dass sie seine Nähe bemerkt hätte.
Noch eine Stunde, dann würde er sich entschuldigen. Nicht einmal sein Halbbruder Calder könnte sich dann noch darüber beschweren, dass er seiner Pflicht als Familienangehöriger nicht nachkäme. Allein die Drohung, dass er sonst die noch langweiligere Parade der Jungfrauen bei Almack’s über sich hätte ergehen lassen müssen, hatte Rafe dazu gebracht, überhaupt hierherzukommen.
»Wenn ich schon meine Zeit mit der Suche nach einer Ehefrau vertun muss, dann musst du mich begleiten«, hatte Calder bestimmt. Sein Tonfall hatte schwere Konsequenzen für den Fall angedroht, dass Rafe sich sträuben könnte. Es würde Calders zweite Frau werden, denn er hatte seine erste nur wenige Jahre nach der Hochzeit verloren.
Es war besonders ungerecht, da Rafe unter keinen Umständen für sich selbst eine erste Frau unter diesen aufrechten und respektablen Mitgliedern der Gesellschaft finden könnte. Doch er wollte möglichst den dunklen und brütenden Zorn des Marquis von Brookhaven vermeiden.
Rafe hatte keine Angst vor seinem Bruder – sie waren etwa gleich alt und gleich groß, und keiner von ihnen war je als eindeutiger Sieger aus ihren brüderlichen Raufereien hervorgegangen -, aber er wollte Calder einen Plan hinsichtlich einiger Verbesserungen bezüglich der Brookhaven’schen Ländereien unterbreiten, und es wäre der Sache nicht gerade dienlich, wenn er ihn vorher provozierte. Nur Calder konnte die Veränderungen in Gang setzen, denn Rafe hatte keine Macht über das Erbe ihres Vaters. Er war nicht der richtige Sohn.
Die Ironie bei der ganzen Sache war jedoch, dass Calder sich keinen Deut um Brookhaven scherte. Oh, ja, er tat seine Pflicht. Niemand musste verhungern, und die Produktion blieb auf gleich hohem Niveau, aber man könnte so viel mehr aus dem Landgut machen!
Brookhaven lag Calder nicht so am Herzen wie Rafe. Das Einzige, was Calders eisiges Blut in Wallung brachte, waren seine Fabriken. Er war von der Maschinerie und der Effizienz fasziniert, während die altehrwürdige Grandezza von Brookhaven sich seiner Logik nicht erschloss. Er bezeichnete die herrliche Eingangshalle als zugigen Steinhaufen und die loyalen Dorfbewohner, das eigentliche Herz von Brookhaven, als rückwärtsgewandte Bauern.
Der anerkannte Bastard eines Marquis zu sein hatte seine Vor- und Nachteile. Einerseits war er mit seinem Halbbruder auf Brookhaven aufgewachsen und hatte dieselben Vorzüge und Privilegien der Erziehung genossen wie Calder. Andererseits hatte er diese Jahre in der Gewissheit verbracht, dass Calder zwar irgendwann den Titel und den Einfluss seines Vaters erben würde, ihm aber nur eine jährliche Apanage und ein der Höflichkeit geschuldeter »Lord« vor seinem Namen und der skandalöse Ruf blieben, für den er so lange hart gearbeitet hatte – den er jetzt jedoch bereute.
Immerhin ließen sich auch großzügige Apanagen genauso leicht verprassen wie jede andere Form der Einkünfte, und er hatte Jahre damit zugebracht, seine bis auf den letzten Farthing auszukosten. Frauen, Kartenspiel, Alkohol – und das alles ohne die ermüdenden Pflichten, die mit der Legitimität einhergingen. Jeder erwartete, dass es mit dem Bastard von Brookhaven ein schlimmes Ende nehmen würde, und Rafe hatte den größten Teil seiner Jugend damit zugebracht, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit sie recht behielten.
Doch es hatte jetzt keinen Sinn, dass er seine jugendlichen Indiskretionen bereute. Entschuldigungen würden ihm bei Calder nichts einbringen. Nur mit Zeit und Mühe konnte er seinem Bruder beweisen, dass er bereit war, eine Pflicht zu übernehmen.
Und die Pflicht, die er wollte, war Brookhaven.
Als er jetzt innehielt, um mit einem seiner ehrbareren Bekannten zu sprechen, zuckte Rafe unwillkürlich mit den Schultern. Während der letzten Minuten hatte er das unheimliche Gefühl gehabt, dass er beobachtet wurde.
 
Phoebes einzige Gouvernante, die nur wenige Wochen ihren Dienst versehen hatte, hatte ihr einst prophezeit, dass sie im Leben höchstens Pech hätte, nie aber Glück.
Ihr Pech lief an diesem Abend auf Hochtouren, denn gerade als sie beschlossen hatte, dass sie mit dem Träger jenes männlichen, muskulösen Hinterteils den Rest ihres Lebens verbringen wollte, fing alles an, schrecklich aus dem Ruder zu laufen.
Er hob das Kinn, während seine freundlichen braunen Augen den Raum absuchten, doch mit einem Mal war sein Blick nicht mehr freundlich, als er ihr direkt in die Augen sah.
Etwas traf Phoebe in der Nähe ihres Herzens – und ein wenig tiefer. Eine machtvolle und erschütternde Anziehung, die weit über ein einfaches Interesse an seiner Anatomie hinausging. Sie fühlte sich so stark getroffen, dass sie kaum noch Luft bekam.
Ein Blitzschlag!
Dann bemerkte sie die Katastrophe: Er hatte gemerkt, dass sie ihn anstierte.
Verdammter Mist! Ohne einen klaren Gedanken zu fassen, rannte Phoebe davon und landete direkt in einem Diener, der ein Tablett voller Champagnerflöten balancierte. Der heftige Zusammenstoß schleuderte den armen Mann, sein Tablett und alles, was darauf gestanden hatte, direkt in die sich drehenden Tänzer hinter ihm.
Sofort war der Teufel los. Entsetzte Damen kreischten, verärgerte Lords fluchten, amüsierte Musiker verkniffen sich ein Lächeln. Schließlich fingen alle an, nach dem Sündenbock Ausschau zu halten.
Es war ihr schrecklichster Albtraum, der hier gerade wahr wurde. Phoebe machte sich auf das Schlimmste gefasst.
Rafe konnte es kaum fassen. Der arme Diener hatte keine Chance gegen das gut gebaute Geschoss gehabt, das auf ihn abgefeuert worden war. Weit und breit lagen Glasscherben und tropfte Champagner, während das Mädchen inmitten des halbkreisförmigen Chaos stand.
Verdammt!
Er stürzte sich ins Kampfgetümmel, ergriff das Mädchen bei der Hand und tanzte mit ihr in die Formation des schottischen Reel, als wären sie beide gerade zufällig vorbeigekommen.
Sie rang nach Atem, als er sie derart fest anfasste. »Sir, was tut Ihr da?«
Er schaute unbeeindruckt nach vorn, führte sie hin und her. »Oh, wolltet Ihr etwa stehen bleiben und zusehen, wie sich die Dinge entwickeln?«
Sie linste über ihre Schulter, erbleichte erkennbar, als sie das Chaos erblickte, und wandte resolut den Blick ab. »Gut, aber... wir wurden einander nicht vorgestellt.«
»Ich werde es niemandem verraten, wenn Ihr es nicht tut.« Die letzten Takte des Reel verklangen, und sie standen auf der anderen Seite des Ballsaals, weit weg von dem Unglück. Ein Walzer setzte ein. Er grinste auf sie herab, denn sie tanzte jetzt ernsthaft und führte ihn so schnell wie möglich woandershin. »Versäumen wir irgendetwas, dass wir uns so beeilen müssen?«
Sie warf ihm einen kläglichen Blick zu. »Meine Tante Tessa!«
Rafe blickte sich um und sah eine außerordentlich elegante Dame mit einer außerordentlich genervten Miene, die den Ballsaal mit scharfen Blicken durchkämmte. Mist! Nicht die berüchtigte Lady Tessa! »Wollt Ihr ein wenig frische Luft schnappen?«, fragte er beiläufig.
Vor Dankbarkeit schmolz Phoebe schier dahin. Er war ein Gott und ein Held. »Ich hätte nichts dagegen«, sagte sie mit der Unbekümmertheit einer Frau, die gerade dem Exekutionskommando entkommen war.
Er tanzte mit ihr zur Terrassentür und schnappte sich dabei mit einer Hand zwei gefüllte Gläser von einem Tablett, das von einem Lakaien gehalten wurde. Der Mann verneigte sich nur mit einem schiefen Grinsen. Sonderpunkte für Stil war in seinem Gesicht zu lesen.
Sonderpunkte für absolute männliche Perfektion, sagte Phoebes Herz.
Sie streckte eine Hand aus und öffnete die Tür, und sie tanzten hindurch, ohne auch nur einen Moment innezuhalten. Drei Stufen führten von der Tür zur Terrasse hinunter. Er schlang einen Arm fest um ihre Taille, hob sie hoch und wirbelte mit ihr die Stufen hinunter, ohne einen einzigen Champagnertropfen zu vergießen.
Es war eine gewagte, unverschämte Tat. Phoebe lachte laut auf, denn sie war so sehr überrascht, dass sie sich keine Gedanken mehr um das Chaos machte, das sie angerichtet hatte.
Er lächelte sie an, als er sie wieder auf den Boden hinabließ. »Schon besser. Was haben wir schon mit der schrecklichen Szene da drin zu tun? Wir haben doch nur getanzt!«
Sie rang nach Atem und wich ein Stückchen zurück, konnte die Stärke seines Oberkörpers noch immer an ihrer Brust spüren. »Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ihr Euch oft aus Schwierigkeiten heraustanzt, Mr...«
Er verneigte sich tief, wobei er die Champagnergläser noch immer in einer Hand balancierte. »Marbrook. Sehr zu Diensten, Mylady.«
Phoebe musste wieder lachen und machte einen Knicks. »Meinen Dank, edler Ritter. Ich bin jedoch keine Dame. Mein Name ist Phoebe Millbury, aus Thornton.«
Er richtete sich grinsend auf. »Darf ich Euch ein Glas anbieten, Phoebe Millbury aus Thornton?«
Sie beäugte misstrauisch das Glas. »Anständige junge Damen trinken keinen Champagner.«
»Anständige junge Damen überschwemmen damit auch keinen Ballsaal.«
Sie erschauderte. »Erinnert mich bloß nicht daran.« Sie nahm das Glas. »Ich nehme an, es kann heute Abend nicht mehr schlimmer kommen.« Sie nippte daran. »Oh, das ist köstlich.« Sie nahm einen weiteren, größeren Schluck.
»Hoho, immer schön langsam damit.« Er nahm ihr das Glas aus der Hand. »Vielleicht wollt Ihr einen Augenblick warten, da Ihr noch nie welchen getrunken habt.«
Der Champagner kitzelte herrlich in ihrer Kehle, als sie ihn schluckte, und wärmte sie schön von innen. Mit einem Mal kam ihr das Geschehen im Ballsaal nicht mehr so schrecklich vor, eher amüsant. Sie kicherte. »Habt Ihr gesehen, wie sie alle geschaut haben?«
Er schüttelte den Kopf. »Zwei Schluck und schon ist sie hinüber.« Er schüttete den Rest aus ihrem Glas über die Brüstung. »Miss Milbury, Ihr seid, was wir Gentlemen als ›leichtes Mädchen‹ bezeichnen.«
Sie knickste. »Habt Dank, dass Ihr mir rechtzeitig zu Hilfe kamt, Mr Marbrook. Es hat mich sehr gefreut, Eure Bekanntschaft zu machen, aber ich sollte hier draußen nicht allein mit Euch sein.«
»Ihr wollt doch nicht wieder da reingehen, oder? Lady Tessa sah wirklich zum Fürchten aus.«
Sie zögerte. »Ihr kennt meine Tante?«
Er zog eine Grimasse. »Jeder kennt Lady Tessa. Ich frage mich nur, was Lady Rochester angestellt haben kann, dass sie Lady Tessa heute Abend einladen musste.«
Sie musterte ihn mit hoch gezogener Augenbraue. »Ich sollte meine Tante verteidigen. Sie hat viele Mühen auf sich genommen, um mich in die Gesellschaft einzuführen.«
Er lächelte, wobei sich seine Mundwinkel leicht kräuselten. »Damit ihr dann einer Kanonenkugel gleich Verderben über unschuldige Ballsäle bringt?«
Sie schüttelte den Kopf. Ein reuiges Lächeln durchbrach ihre verschmitzte Pose. »Oh nein, ich fürchte, das habe ich ganz allein zu verantworten.«
»Zum Teil ist es ja meine Schuld. Ich habe Euch erschreckt, wenngleich nicht halb so sehr, wie Eure... Musterung mich erschreckt hat.«
Sie wurde ganz still. Ihre Miene erstarrte.
»Ich weiß ganz gewiss nicht, wovon Ihr da redet«, sagte sie schnippisch.
»Doch, das wisst Ihr sehr wohl. Und es ist nur gerecht, wenn ich mich revanchiere.«
Sie zog leicht die Augenbrauen zusammen. »Ihr seid ein merkwürdiger Mann, Mr Marbrook.«
Er lächelte. »Haltet still.«
Sie gehorchte folgsam, aber er spürte, dass sie hinter ihrem Rücken nervös die Finger verschränkte. Sie war nicht so abgebrüht, wie sie ihn gerne glauben machen wollte.
Sie war hübsch, aber keine ausgesprochene Schönheit. Ihr helles Haar schimmerte im Mondschein, und die vielen unterschiedlichen Schattierungen machten es unmöglich zu sagen, welche Farbe es hatte. War es blond? Oder doch eher brünett? Außerdem war es schrecklich unordentlich, ein Teil hatte sich aus ihrer Frisur gelöst, während der Rest zu einem hohen Knoten geschlungen war, der ihren Nacken und ihre runden Schultern gut zur Geltung brachte. Es war rebellisches Haar und schien sagen zu wollen, dass ihr rebellisches Wesen nicht wirklich in Schach gehalten werden konnte.
Im Ballsaal war er vom Blau ihrer großen, verletzlichen Augen fasziniert gewesen, einem Blau, das ihn an heiße Sommertage hatte denken lassen, aber hier draußen im Mondlicht waren sie so klar und rein wie Diamanten, als sie zu ihm aufschaute.
Er legte ihr einen Finger ans Kinn und nahm die Zartheit ihrer Züge Stück für Stück in sich auf. Ihre Lippen waren süß und geschwungen und entsprachen so gar nicht seinem Ideal der vollen, sinnlichen Lippen, und ihr Kinn tendierte zu einer gewissen Spitze. Er ging jede Wette ein, dass sie ziemlich stur sein konnte.
Sie erinnerte Rafe an eine Porzellanpuppe – nur dass diese normalerweise nicht mit so großzügigen Brüsten ausgestattet waren. Wären sie es, dann hätte er sicher öfter mit ihnen gespielt, als er noch ein neugieriger kleiner Junge gewesen war.
 
»Nun, habe ich bestanden, Sir?«
Küsse sie nicht. Sie hat sicherlich hochrangige Freunde und einen Papa mit einer Pistole.
Küsse sie nicht.
Aber vielleicht konnte er sie dazu bringen, ihn zu küssen.
Er beschloss, sein Glück zu versuchen. Er beugte sich zu ihr hinunter und brachte seine Lippen nah an ihr Ohr. »Wisst Ihr, man sagt, ich wäre recht gut darin, Kanonenkugeln zum Explodieren zu bringen.«
Eine kleine Faust hieb fest gegen seine Weste. Sie warf den Kopf in den Nacken. »So gut seht Ihr auch wieder nicht aus.«
Er trat einen Schritt zurück. Grinsend rieb er sich den Bauch, während seine Achtung vor ihrer Charakterstärke wuchs. Gut. Sie war nicht der Typ für abgestumpftes, gelangweiltes Geplänkel. »Ich nehme an, ich habe das verdient.«
Sie schüttelte ihre schmerzende Hand. »Und ob. Das war unter Eurer Würde. Ich habe ein sehr heroisches Bild von Euch. Macht es nicht kaputt.«
Heroisch? Es gab keinen Grund für die plötzliche Wärme, die sich in seinem Innern ausbreitete. Die Meinung einer dummen Debütantin spielte keine Rolle.
Aber sie sah wirklich gut aus, hier im Licht des Mondes, mit ihrem hohen Busen, den geraden Schultern und der Kampfeslust in ihren Augen. Dieser Hieb in den Magen – das war nicht gespielt. Es war ihr ernst gewesen. Offenbar wussten Landeier aus Thornton sich zu wehren.
Er verneigte sich tief. »Ich bitte um Entschuldigung, Miss Millbury. Ich war viel zu forsch.« Als ihre abwehrende Haltung zu bröckeln begann, bedachte er sie mit seinem charmantesten Lächeln. »Wo liegt dieses Thornton, dass es so kriegerische junge Damen hervorbringt? Es klingt mir nach einem sehr harten Ort – Thorn Town.««
Sie erwiderte sein Lächeln, als könnte sie ihm nicht widerstehen. Sie wäre nicht die Erste.
»Oh, ganz im Gegenteil. Man sagt, es erhielt seinen Namen, als in einem Winter vor langer, langer Zeit ein König mit seinen Rittern durch das Tal zog und es als ›wertlosen Dornenhaufen‹ bezeichnete. Aus Spaß gab er es seinem rangniedrigsten Ritter als Lehen.«
»Autsch.«
Sie lächelte. »Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Als der arme Ritter im Frühling in sein Tal zurückkehrte, war er von der Schönheit und dem Duft von Tausenden wilder Rosen, die dort wuchsen, wie verzaubert. Da er nicht wollte, dass sein launenhafter König ihm das Land wieder abnahm, nannte er das Herrenhaus, das er errichten ließ, Thornhold und das Dorf, in dem er seine Bauern ansiedelte, Thorn Town. Weder König noch Hofstaat kamen je zu Besuch, und so erfuhr der König nie, dass er seinem niedrigsten Ritter einen der schönsten Flecken Englands zum Lehen gegeben hatte.«
Sie war bei ihrer Erzählung wie verwandelt. Ihre Stimme nahm einen träumerischen Klang an, und ihre Augen wurden ganz sanft. Rafe war von ihr hingerissen.
»Eine schöne Geschichte.« Er sprach leise, um den Zauber nicht zu brechen.
Ihr Blick war weiterhin in die Ferne gerichtet. »Und ob. Ich habe mir oft vorgestellt, ich wäre die Herrin von Thornhold. Der schlaue Ritter hätte mich dem Favoriten des Königs ausgespannt und mich im Dunkel einer Sommernacht nach Thornton gebracht. Als ich am nächsten Morgen erwache und aus dem Fenster meines Brautgemachs schaue, fällt mein Blick auf ein Meer aus Rosen, und ich schwöre meinem Liebsten, dass ich sein Geheimnis für immer bewahren werde.«
Er gluckste. »Darüber habt Ihr aber lange nachgedacht, nicht wahr?«
Sie zog eine Schnute, aber er glaubte, den Anflug von Humor zu entdecken.
»Na ja, es gibt noch eine Variante, in der der Favorit des Königs kommt und mich in einer Winternacht entführt und die Rosen von Thornhold nie wieder blühen.«
Er lachte. »Und wenn Ihr jetzt nicht nach Thornton zurückkehrt, wird es dann kein Rosenwasser mehr für die Badenden dort geben?«
Sie stimmte in sein Lachen ein. Ein angenehmes Gefühl wärmte ihn von tief innen. Impulsiv legte er die Hände um ihre Taille und hob sie schwungvoll auf die Bank.
Sie japste nach Luft und zeterte: »Mr Marbrook!«
Als sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, ließ er sie los und verneigte sich tief. »Oh, meine Herrin der Rosen, ich bin nur ein einfacher Ritter, von seinem König verspottet. Aber ich bin in Besitz eines Tales von größter Schönheit, das nur ich kenne. Jenes Tal, das neben dem Glanz Eurer Schönheit verblasst, will ich Euch schenken, wenn Ihr mir nur Eure Liebe gewährt!«
Sie schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an, bis er schon glaubte, er müsste sie falsch eingeschätzt und zutiefst mit dem, was er getan hatte, schockiert haben. Doch dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, bevor sie eine hochmütige Miene aufsetzte. »Wer seid Ihr, mein Herr, dass Ihr nichts als ein Dornengestrüpp bietet und dafür ein Eheweib erwartet?«
»Es ist kein Dornengestrüpp, schöne Dame, sondern der Garten Eden selbst.«
Sie reckte hochmütig das Kinn. »Und was soll ich sein in diesem Tal der Rosen? Eure Gemahlin oder Eure Sklavin? Dürfte ich meine eigene Meinung haben, werter Ritter?« Ihr Blick richtete sich wieder in die Ferne, und er hatte das Gefühl, dass sie für einen Moment ganz woanders war. »Würde ich gezüchtigt, wenn ich ich selbst sein wollte?«, fragte sie sanft. »Muss ich mich hinter einer Maske verstecken, die andere für mich gemacht haben?«
Ihre Worte erweckten einen alten, kaum verheilten Schmerz in seinem Innern. Hinter einer Maske verstecken, die andere für mich gemacht haben. Ja, er wusste, wie sich das anfühlte.
»Nein«, flüsterte er. »Dort ist meine Dame eine Königin. Dort kann sie nichts falsch machen.« Er tat so, als hole er etwas aus der Innentasche seines Gehrocks und überreichte es ihr mit einer Verbeugung. »Nehmt diese einzelne Rose aus meinem Tal, denn eine meiner Rosen ist mehr wert als hundert andere in ihrer ewigen Schönheit.«
Ein träumerischer Ausdruck ersetzte den hochmütigen, als vergesse Miss Phoebe Millbury vollkommen die Rolle, die sie spielte. »In ihrer ewigen Schönheit«, wiederholte sie verträumt. Sie streckte die Hand aus, um die Blume entgegenzunehmen, und in dem Moment, als ihre Fingerspitzen sich berührten, hätte Rafe schwören können, dass tatsächlich etwas zwischen ihnen erblühte.
Unsinn. Er blinzelte, dann machte er einen Schritt zurück und durchbrach den Zauber des Augenblicks mit einem kurzen Lachen.
Durch seine plötzliche Bewegung verlor Phoebe das Gleichgewicht. Die Sohle ihres leichten Tanzschuhs rutschte über die vom Tau glitschige Terrasse, und sie stürzte in seine Arme.

Zweites Kapitel
Der dunkeläugige Ritter – äh, Gentleman – fing sie mit Leichtigkeit auf, er nahm ihr den Atem mit seinen starken Armen. Im einen Moment befand sie sich auf dem Weg zu einem peinlichen Aufprall auf den Steinfliesen der Terrasse, im nächsten legten sich zwei starke Hände um ihre Taille, und ihr gesamtes Gewicht ruhte an einer breiten Brust. Nur mit einem Fuß hielt sie sich noch auf Zehenspitzen, und doch lächelte er in ihr erstauntes Gesicht, als trage er nicht mehr als ein Kissen – dabei wusste sie nur zu gut, dass sie nicht mit Federn gefüllt war.
Dann traf es sie, diese sich ausbreitende Wärme, das Summen ihrer Nerven, dieses wunderbare, traumhafte, gefährliche Gefühl, von dem sie geglaubt hatte, es für immer aus ihrem Bewusstsein verbannt zu haben.
Wieder. Ich will wieder sündigen, noch einmal. Noch einmal.
Sie drückte sich mit den Händen auf seinen starken Schultern ab, um ihren Busen von seinem Brustkorb zu heben.
Ich will keine Kreatur von animalischer Leidenschaft sein. Ich will...
Seine Schultern unter ihren Handflächen waren muskulös und hart. Ohne sein Hemd wäre er sicherlich ein Wunder an Männlichkeit – wie einer der Feldarbeiter, wenn sie glaubten, dass keine Frauen in der Nähe waren.
Hör auf damit!
Sie glitt langsam an seinem langen, starken Körper hinunter, Zentimeter für Zentimeter. Ihr weiches Fleisch schmolz und schmiegte sich an seines, als er sie langsam auf ihre eigenen Füße stellte. Es war ein herrlicher Weg, und er war viel zu schnell vorüber, obschon sie tief im Innern registrierte, dass er den ganzen Prozess äußerst unschicklich hinauszögerte.
Er war sehr ungezogen. Aber sie war noch viel schlimmer, denn sie erlaubte es nicht nur, nein, sie genoss es sogar. Er war groß und gut aussehend, und er mochte sie – sie, Phoebe, die einfache Phoebe.
Nicht die sittsame und sich perfekt benehmende Tochter von Mr Millbury, dem Vikar. Nicht das Mädchen, das während der letzten zehn Jahre immerzu erwartet hatte, dass sein Geheimnis ans Licht der Öffentlichkeit kam und seine Zukunft auf ewig ruinierte. Nicht Tante Tessas gut gekleidete Schöpfung bei ihrem ersten Londoner Ball.
Einfach nur Phoebe.
»Marbrook.« Sie seufzte seinen Namen, genau wie eine Heldin aus einem der anzüglichen Romane, die sie eigentlich nicht lesen durfte.
Rafes Kehle wurde ein wenig trocken, aber er beschwerte sich nicht.
Er stahl sich einen langen, bewundernden Blick in den Ausschnitt ihres Kleides und spürte, wie sein Blick unwillkürlich zu ihrem Gesicht zurückgezogen wurde. Sie sah wirklich aus wie ein Mädchen vom Land, das Milch trank und über einen guten Pudding oder einen guten Witz nicht die Nase rümpfen würde.
Andererseits war sie gut gekleidet und vielmehr noch: Sie besuchte Rochesters Ball, was bedeutete, dass sie weder gewöhnlich noch ohne Verbindungen war.
Es war höchste Zeit, Miss Phoebe zu ihrer Anstandsdame zurückzubringen. Und doch rührte er sich nicht vom Fleck, blieb ein wenig zu nah vor ihr stehen, seine Hände ruhten an ihrer Taille, ein wenig zu weit oben, und er starrte auf sie hinab, während sie zu ihm aufschaute.
Ihre blauen Augen waren wie ein kühler, sauberer Teich, ein Teich von jener Sorte, die es vermochte, einen Mann von jeglicher Sünde reinzuwaschen.
»Seid Ihr ein Lebemann?« Ihre Stimme klang in der Stille heiser, und doch klangen ihm ihre Worte in den Ohren.
Lebemann.
Er lächelte trotz des plötzlichen, beschämten Hämmerns seines Herzens. Ein Lebemann, fürwahr. Schlimmer noch. Ich bin ein Bastard.
Mit einem Mal verspürte er den überwältigenden Wunsch, genau das zu sein, wofür sie ihn hielt – ein ehrbarer Mann mit nichts als den besten Absichten.
In diesem Augenblick wollte er nur, dass dieser Moment mit Miss Millbury aus Thornton niemals aufhörte. Er zog sie näher an sich, bis seine Schenkel ihre berührten und ihr Busen sich mit jedem Atemzug an seine Brust hob.
Phoebe ließ es zu. Schließlich war es nicht viel näher, als sich zwei beim Tanzen kamen. Es machte ihr nichts aus.
Wann wird es dir etwas ausmachen? Wenn er im Garten über dich herfällt?
Sie hörte nicht auf diesen Gedanken, denn er trug eine Spur von der Stimme des Vikars in sich. Außerdem könnte die Möglichkeit, von diesem Mann im Garten überwältigt zu werden, zu interessant sein, als dass sie sie verwerfen wollte.
»Wenngleich es wahrscheinlich am Champagner liegt, dass ich so etwas denke«, sagte sie laut. »Langsam begreife ich, warum junge Damen keinen Alkohol trinken sollten. Er lässt einen auf merkwürdige Gedanken kommen.«
Er zog eine Augenbraue hoch, hörte jedoch nicht auf zu lächeln. »Ich wünschte, ich wäre an Eurer Unterhaltung beteiligt, aber ich fürchte, ich habe nicht die geringste Ahnung, worüber Ihr mit dem Champagner sprecht.«
»Über den Garten«, informierte ihn Phoebe und öffnete die Augen, um wieder zu ihm aufzuschauen. Großer Gott, wie sehr würde es ihr gefallen, wenn dieser Mann ausgestreckt vor ihr am Boden liegen würde, damit sie ihn erkunden konnte. Sie seufzte tief. Er machte keinen Hehl aus seinem Interesse an ihrem Ausschnitt, aber es war eher ein höflicher, bewundernder Blick. Sein Blick wanderte sofort wieder nach oben und traf den ihren.
»Ich verstehe. Ist es ein schöner Garten oder eher ein schäbiger?«
Ihre Augenlider senkten sich, als sie ihren Blick über seine Lippen, die den ihren so nahe waren, wandern ließ. »Ein sehr schöner. Der allerschönste.«
»Gefällt er Euch, dieser Garten, von dem Ihr sprecht?« Seine Stimme wurde tiefer, verriet einen Hauch von... Verletzlichkeit? »Mögt Ihr ihn?«
Ihr Herz schmolz. »Ich mag ihn mehr als alles andere.« Sie sehnte sich danach, ihn zu umarmen, nein, von ihm aufgesogen zu werden wie Wasser von Wüstensand. »Ich wünschte...« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Ich wünschte, er gehörte mir.«
Sein Blick wanderte zu ihren Lippen und verweilte auf ihnen. »Wollt Ihr wirklich, dass dieser Garten Euch gehörte?«
Oh ja, bitte. Ihr Herz raste, war jedoch zugleich vollkommen ruhig. Es war seltsam, zu finden, wonach sie so verzweifelt gesucht hatte, ohne dass es ihr bewusst gewesen wäre, dass sie auf der Suche gewesen war.
Sie schaute zu ihm auf, bewunderte seine gute Kleidung, sein dunkles Haar, seinen köstlichen Mund und den Schatten auf seinem männlichen Kiefer und Kinn. Die Verpackung war nahezu perfekt, einschließlich des Hinterteils, dessen Bild immer noch vor ihrem geistigen Auge schwebte, aber da war noch mehr, das sie zu ihm zog, als hielte er ihre Seele an einem Faden.
Seine Augen. Es war, als schaute sie in einen Spiegel, nur war das, was sie sah, jene Hälfte von ihr, nach der sie ihr ganzes Leben gesucht hatte.
Magie. Alte Magie, wie in jenen Geschichten, die ihre Cousine Sophie immerzu las. »Ich glaube, ich bin verhext«, sagte sie heiser.
Seine Augen wussten es. »Tatsächlich?«, fragte er.
Sie konnte den Blick nicht abwenden. Es war, als erkannte er sie auch, als könnte er direkt in ihr Innerstes schauen und hätte es schon immer getan.
Dieser Erkenntnis folgte der überraschende Gedanke, dass ihm gefiel, was er sah. Aber das war unmöglich.
Oder nicht?
Je länger er ihren Blick erwiderte, je länger sich das Schweigen ausdehnte und sie umhüllte, sie in einem Augenblick außerhalb der Zeit gefangen hielt, umso mehr fing sie an, an das Unmögliche zu glauben.
In seinen Augen sah sie sich, und sie war schön und mehr noch. Sie fühlte sich verstanden, als läge ihr innerstes Wesen offen vor ihm, und er erkannte darin keine Verruchtheit, keinen inneren Mangel, keine dunkle, verkommene Saat der Sinnlichkeit – oder falls er es doch sah, dann kümmerte es ihn nicht im Geringsten.
Sein Gesichtsausdruck verriet äußerste Faszination. Es war, als sei sie die erste Frau, die er jemals erblickt hätte, was natürlich Unsinn war. Nur... es fühlte sich nicht an wie Unsinn. Er schien von ihr im selben Maße überrascht wie sie von ihm.
Wäre es nicht wunderbar, wenn er... wenn er... wenn er der Richtige wäre?
Rafe konnte den Blick nicht von ihr wenden, was keinen Sinn ergab. Sie sah wirklich nicht so gut aus. Dieses feine, aber wenig schmeichelhafte Kleid, das Haar, das in diesem unbeholfenen Knoten zusammengefasst war.
Es war bestimmt lang, reichte ihr wahrscheinlich bis an die Hüfte. Es würde sich um seine Fingerspitzen wickeln, wenn er mit den Händen hindurchfahren würde, um es über ihre Schulter nach vorne zu holen und über ihre bloßen Brüste zu legen...
Das Begehren traf ihn so hart, dass er kaum Luft bekam. Nicht Lust – j jedenfalls nicht pure Lust. Es war Begehren, wie die Notwendigkeit, zu atmen oder zu trinken. Er brauchte sie, brauchte ihre süße Unerschrockenheit, brauchte sie, um weiter leben zu können.
Aber das war Unsinn. Es gab sie nicht, die Eine. Es gab nicht wenige Damen, die sich danach sehnten, seine Geliebte zu sein. Er war umgeben von Frauen, von glitzernden, eleganten Wesen mit einem so perfekt gemeißelten Äußeren, dass es den Anschein hatte, sie selbst seien zu Stein geworden.
Sie war nichts von all dem. Sie war ein Mädchen vom Land mit verletzlichen Augen und einem störrischen Kinn. Sie war so wenig geschliffen, dass seine Finger vor Verlangen zuckten, jede ihrer runden Fasern zu erkunden.
Bevor ihm bewusst wurde, was er vorhatte, bevor er den Impuls, das Verlangen bändigen konnte, neigte er den Kopf und küsste sie.
Es war kein echter Kuss – mehr der Hauch einer Berührung, Mund an Mund, ein süßes, beinahe züchtiges Begegnen von Weichheit und Härte. Es war nicht wirklich ein Kuss – aber dieser Kuss brachte Phoebes Welt für immer ins Wanken.
Seine große Hand legte sich um ihren Hinterkopf, und ihr Nichtkuss dauerte an. Sie standen da, drängten sich aneinander, und ihre einzigen Bewegungen waren das Senken und Heben ihrer Atmung und das Rasen ihrer Herzen.
Er stöhnte laut und erstarrte, als sei er von diesem Geräusch überrascht. Heftig atmend löste er sich von ihr. »Gott!«
Auch Phoebe war ein wenig außer Atem. Sie fror ohne seine Nähe und schlang die Arme um ihren Oberkörper. »Der Vikar würde sagen, dass Gott damit nichts zu tun hat, wobei ich mich immer gefragt habe, ob das wirklich stimmt. Ich meine, wenn Gott uns erschaffen hat und wir...«
Er schaute sie merkwürdig an. »Der Vikar?«
Oh. Vielleicht war es etwas zu früh, den Vikar ins Spiel zu bringen. Aber es war auch ein bisschen früh, auf der Terrasse geküsst zu werden. »Der Vikar ist mein Vater. Mr Millbury, Vikar von Thronhold in Devonshire.«
»Ah.« Er schlang die Arme um sie, zog sie zum Schutz vor der Kälte fest an seine Brust und legte das Kinn tief ausatmend auf ihren Scheitel. »Natürlich. Dein Vater ist der Vikar. Wie... passend.«
Rafe war sehr von sich selbst überrascht. Er war schon immer ein schlimmer Finger gewesen, aber eine Pfarrerstochter im Dunkeln zu verführen? Das war übel, selbst für ihn.
Ganz zu schweigen von der Gefahr, dass jeden Augenblick dieser Dorfvikar aus dem Ballsaal stürmen und eine Verlobung von ihm fordern könnte, um dem Ganzen ein Ende zu machen.
Verlobung. Heirat.
Etwas ziemlich Interessantes spielte sich in seinem Innern ab.
Verheiratet mit der hübschen Miss Phoebe Millbury, dem uneleganten kleinen Nichts frisch aus den Wäldern von Devonshire. Warum schreckt ihn dieser Gedanke nicht ab, sondern hielt ihn so lange in seiner warmen, großzügigen, geschmeidigen Umarmung?
Fast hätte er ihr auf der Stelle einen Antrag gemacht.
Im letzten Augenblick besann er sich. Er konnte Calder förmlich hören, wie der ihm einen Vortrag über die Übel der Impulsivität hielt. Rafe zähmte das merkwürdige Verlangen, sie für sich zu reklamieren, das dieses Mädchen in ihm hervorrief, und hielt es fest. Die Saison hatte gerade erst angefangen. Er hatte noch genügend Zeit, Miss Millbury besser kennenzulernen.
Außerdem gefiel ihm die Idee. Der Gedanke, den Sommer in ihrer Gesellschaft zu verbringen, ihr den Hof zu machen, sie mit kleinen Geschenken zu überraschen – gerade genug, um ihr Freude zu bereiten, ohne ihr dabei den Kopf zu verdrehen -, mit ihr im offenen Wagen durch den Hyde Park zu fahren...
Er würde das hier richtig machen. Er würde für sie den Gentleman geben. Er hatte Zeit genug.
Eine neue Ruhe überkam ihn, glättete die scharfen Kanten seiner früheren Unzufriedenheit mit Calders Willkür. Eine unaufgeregte Werbung um Phoebe Millbury wäre die Heilung seiner derzeitigen ruhelosen Unzufriedenheit.
Wenn seine Investitionen Gewinn brachten und seine Zeit gekommen war, dann würde er ihrem sehr angesehenen Vater mit Gold in den Taschen und dem Hut in der Hand seine Aufwartung machen. Wenn Calder ihn dann noch unterstützte, würde es vielleicht reichen, einen solchen Mann davon zu überzeugen, dass seine Tochter einen Bastard heiraten durfte.
Wenn schließlich die Zeit für ihre alljährliche Rückkehr nach Brookhaven gekommen war, würde er sie mit allem angemessenen Pomp heiraten. Er würde sie einwickeln und in die Tasche stecken, damit sie sein Talisman wäre und ihm gegen die erdrückende Gewissheit half, für immer im Schatten des perfekten Sprosses zu stehen, im Schatten des Marquis von Brookhaven, Calder Marbrook.
Er lächelte seine entzückende Miss Phoebe Millbury an. Sie lächelte zurück, schüchtern zunächst, doch dann mit wachsendem Vertrauen. Oh ja.
Sie war die Richtige.

Drittes Kapitel
Es war leicht für Phoebe, ihren Weg unbemerkt zu genau jenem Punkt zu finden, wo sie Marbrook zum ersten Mal gesehen hatte. Sie kam dort an, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Warum sollte sie auch? Schließlich war sie nur eines von vielen unscheinbaren Mädchen in einem weißen Musselinkleid mit dazu passender sehnsüchtiger Miene. Wenn sie Glück hatte, würde ihr eigener Gesichtsausdruck als schüchtern und überhitzt angesehen, nicht als erregt und nervös.
Was hatte sie da gerade getan?
Sie wurde noch röter, als sie an sein beredtes Schweigen dachte, nachdem sie den Vikar erwähnt hatte, und an die Art und Weise, wie er sie respektvoll in den Ballsaal zurückgeführt hatte, die sich so sehr von seiner vorherigen neckenden Art unterschied.
»Da bist du ja!«
Tessa. Phoebe holte tief Luft, um sich zu wappnen, und drehte sich um, um ihrer Anstandsdame mit einer unschuldigen Miene begegnen zu können. »Ja, Lady Tessa?«
Lady Tessa war die Nichte des derzeitigen Herzogs von Edencourt. In ihrer Jugend war sie eine ausgesprochene Schönheit gewesen – was, wenn man darüber nachdachte, noch gar nicht so lange her war, denn Tessa war erst einunddreißig. Aber ihr umwerfendes Aussehen hatte nicht gereicht, um ihren berüchtigt hinterhältigen Charakter auszugleichen.
Elegant und perfekt und ein rechtes Ekel, wann immer ihr danach war. Phoebe vermutete, dass Tessa so lange allein durch ihr gutes Aussehen vorangekommen war, dass ihr der Gedanke, mit Freundlichkeit und einem guten Charakter durchs Leben zu gehen, absolut fremd war.
Tessa legte Wert darauf, niemals die Stirn zu runzeln oder die Lippen zu schürzen. Wenn es nach ihr ginge, würden sich ihre Gesichtsmuskeln nie bewegen. Wie sie behauptete, konservierte dieses Verhalten ihre Schönheit, aber zugleich verlieh es ihr etwas Unheimliches, als wäre sie von Medusa in Stein verwandelt worden. Reizend, aber so kalt wie Alabaster.
Irgendwann hatte sie dann nicht allzu gut geheiratet und das Geld ihres nicht allzu reichen Gemahls in Rekordzeit verprasst. Ihr sehr viel älterer Ehemann, der zuvor mit Phoebes Tante mütterlicherseits verheiratet gewesen war, hatte sich bei ihr revanchiert, indem er leise und ohne viel Aufhebens zu machen gestorben war, so wie er gelebt hatte. Er hinterließ ihr allerlei hübschen Tand, leere Konten und sein einziges Kind, seine Tochter Deirdre, um deren Erziehung sie sich fortan kümmern musste.
So war also Tessa um sieben Ecken herum so etwas wie Phoebes Tante, und als solche war sie die passende Anstandsdame für ihre Einführung in die Gesellschaft. Wenigstens hatte das Phoebes Vater, der Vikar, erklärt. Phoebe hielt das Ganze für etwas weit hergeholt und meinte, dass es dem Vikar besser zu Gesicht gestanden hätte, wenn er einfach zugegeben hätte, dass er selbst kein Interesse an dieser Aufgabe hatte und sie deshalb leichten Herzens in die Hände der sarkastischen und manchmal beleidigenden Tessa übergeben hatte.
»Du dummes Ding!«
Na schön, man konnte auch sagen »immer beleidigend«. Phoebe dachte daran, unschuldig mit den Wimpern zu klimpern. »Aber Lady Tessa, was habe ich denn getan?«
»Ich habe dich gesehen! Mit wem hast du da getanzt?« Rasch ging Phoebe im Geist die Liste der Männer durch, denen sie in aller Form vorgestellt worden war. »Mit Sir Alton vielleicht?«
»Nein, er hatte dunkles Haar, und er war kein krummer alter Geier wie dieser Depp Alton. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen – aber ich glaube nicht, dass ich ihn dir vorgestellt habe.«
»Aber du hast mich Mr Edgeward vorgestellt.« Der groß, aber nicht zu groß war, dunkelhaarig und ziemlich jung. Sie hatte nicht mit ihm getanzt – aber das behauptete sie ja auch nicht. Es war sehr wichtig, nicht zu lügen. Lügen war eine Sünde. Und davon hatte sie sich an diesem Abend bereits genügend geleistet.
Tessa sank in sich zusammen. »Ach, Edgeward. Na ja, vergeude deine Zeit nicht mit diesem Bauerntölpel. Ihr Mädchen seid hier, um euch einen Herzog zu angeln, keinen Grabenbauer.«
»Aber Mr Edgeward besitzt mehr Land als die meisten Adeligen, und er ist ein sehr intelligenter Mann, er ist nur ein wenig still.« Auch hatte er kein Interesse an Tessas hinterhältigem Klatsch, was ihn in Tessas Augen zu jemandem machte, der nichts Brauchbares zu sagen hatte.
Tessa gab ein Geräusch der Ungeduld von sich. »Wo steckt eigentlich deine Cousine Sophie? Wenn das Mädchen sich wieder in der Bibliothek versteckt...«
»Ich bin hier.«
Sowohl Phoebe als auch Tessa wirbelten überrascht herum und erblickten die Gesuchte kaum einen Meter von sich entfernt.
Anders als viele andere Mädchen auf dem Heiratsmarkt konnte man Miss Sophie Blake nur unschwer übersehen, denn sie war so groß wie die meisten Männer im Saal, vielleicht mit Ausnahme von Mr Edgeward, und so dünn und aufrecht wie ein Bleistift. Sie war erst gestern angekommen und hatte sich zu den konkurrierenden Debütantinnen gesellt.
Allein hatte sie die Reise von ihrer Heimat im Norden angetreten und hatte eine kleine Truhe für ihre Kleidung und eine große voller Bücher dabei.