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Den Garten erleben – ein Blick voraus
Wer ein erstes Mal in einen Garten geht, verhält sich wie eine Biene: Er lässt sich von den Farben anziehen. Der optische Eindruck ist der wichtigste. Doch was macht einen Garten eigentlich besonders, warum fühlen wir uns darin wohl, was gefällt uns daran? Sind es die Proportionen, die Materialien, die Farben, die Texturen, oder liegt es daran, wie die Pflanzen miteinander korrespondieren? Garten ist Sinnlichkeit. Garten bedient unsere Sinne, und er regt sie an. Wenn wir an einem schattigen Bäumchen vorbeigehen, ist es ein inneres Erlebnis, ein buntes Blumenbeet kann uns betören, Gräser bewegen sich im Wind, Vögel zwitschern in einheimischen Gehölzen. Wir spüren, ob wir auf Stein, Kies, Sand oder Erde gehen, und genießen schattige, sonnige und duftende Fleckchen. Wenn wir über drei Treppenstufen in einen anderen Gartenbereich kommen, wartet vielleicht etwas Ungeahntes … So erleben wir den Garten, in der Spannung von expectation and surprise, wie man in England sagt, zwischen Erwartung und Überraschung: Wir sind an einem bezaubernden Ort und fühlen uns von einem anderen Platz innerhalb des Gartens geradezu magisch angezogen, angelockt – wir gehen hin und erleben dort tatsächlich eine Überraschung. Und irgendwann merken wir, dass es immer wieder neue Entdeckungen gibt. So funktioniert Garten, so kann, so sollte er funktionieren. Alle Freiheit ist gegeben. Seine Verspieltheit erlaubt es, dass alles möglich ist, sogar dass wir das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren und das Gefühl haben, an einer anderen Stelle unseres Gartens könnte es vielleicht noch schöner sein als hier, wo wir uns gerade aufhalten. Wir lassen den Gedanken freien Lauf, geben der Neugier nach, spielen mit den Gegebenheiten.
Mein Anliegen ist es, Lust auf Garten zu machen. Meine Vision ist es, Garten erlebbar zu machen: Ich möchte, dass die Menschen den eigenen Garten entdecken, immer wieder Neues ausprobieren, die Freude daran genießen, dass sie in den Garten verführt werden. Das Erlebnis Garten steht jedem frei, jeder kann es für sich wachrufen. Dazu braucht es nur ein paar neue Ideen und Anregungen und ein bisschen Mut, manchmal Geduld und Demut, Hingabe und Zuversicht in die Kräfte der Natur. Und die Bereitschaft, in den Garten Liebe hineinzugeben, wie in eine menschliche Beziehung. Geliebte Gärten geben immer etwas zurück, seien es üppige Pflanzen oder eine besondere Blütenpracht, seien es Glücksgefühle oder eine tiefe Zufriedenheit. Erlebte Gärten machen glücklich, weil etwas Wunderbares entsteht, das uns zu Herzen geht.
Gärten sind etwas Lebendiges, sie reflektieren schnell und dankbar die Liebe, die man ihnen zukommen lässt. Und sie reagieren genauso schnell und unbarmherzig auf Vernachlässigung und Liebesentzug. Wie schön ein Garten wird und wie viel Liebe man ihm schenken möchte, das kann man nur mit sich selbst ausmachen.

Wo Kultur von Kultivieren kommt
Spätestens gegen Ende meines Studiums wusste ich, nach welchem Wissen ich immer gesucht hatte. Auf einen Begriff gebracht, obwohl nur die schlichte Übersetzung des belegten Studienfachs, war es das Wissen der Gartenkultur. Damit war ich in eine völlig neue Dimension vorgedrungen, es war gleichsam der Eintritt in eine neue Welt. Dass Gartenkultur gewiss nicht das ist, was in Versandkatalogen und Baumärkten oft unter dieser Bezeichnung angeboten wird – Sonnenschirme und -liegen, Geflechtsessel und Rosenbogenbänke, Royale-Comfort-Polster und Sturmlaternen, Feuerschalen und Grillmodule, Dosenfackeln und gusseiserne Beetbegrenzungen, skandinavische Vogelhäuschen und Hollywoodschaukeln, Solarlampen und Blumenkübel aus Eichenholz -, das wusste ich schon vor meinem Studium. Üblicherweise denken wir bei »Gartenkultur« an große Gartengestalter oder wundervolle Garten- und Parkanlagen, die meist in vergangene Zeitepochen zurückreichen: an Peter Joseph Lenné und seine Werke wie den Park von Sanssouci in Potsdam, die Pfaueninsel oder den Tiergarten in Berlin, an Fürst Hermann von Pückler-Muskau und seine Gärten in Muskau und Branitz, an Friedrich Ludwig Sckell und den Englischen Garten in München, den Park von Schloss Nymphenburg oder die Insel Mainau. Wir denken an die Anlagen des französischen Gartengestalters André Le Nôtre in Versailles oder an italienische Renaissancegärten als früheste Gartenschöpfungen der Neuzeit in Europa, Insider zählen noch die Gärten von Gertrude Jekyll auf. Vielleicht nehmen wir noch etwas fremdere Gartentraditionen wie die japanischen Zen- und Teegärten hinzu, deren Bilder wir meist eher aus Kalendern, Fernsehsendungen oder Apothekenzeitschriften kennen – und wir liegen damit falsch. Nicht ganz, aber doch ziemlich. Diese durchaus künstlerischen und einzigartigen Varianten gartenkultureller Inszenierungen hatten und haben allesamt eine Basis, auf der sie sich erst entwickeln konnten und weiter können. Sie sind das Resultat der Gartenkultur, nicht ihr Ursprung. Ohne Gartenkultur, wie ich sie definiere, gäbe es diese Gärten nicht. Denn sie müssen gedacht, gezeichnet, gebaut und dann vor allen Dingen gepflegt werden, um zu überleben – ohne das Wissen der Kultivierung ist das nicht möglich.
Erste Voraussetzung für die genannten Gärten war zum einen das Wissen um die Pflanzen und ihre Kultivierung. Gartenkultur setzt dort an, wo der Mensch die Pflanze den Boden berühren lässt. In diesem Moment beginnt die Kultivierung der Pflanze. Ich nehme einen Steckling von einem Baum und stecke ihn in den Boden, eine Zwiebel, einen Rosenreiser oder nur einen winzigen Samen. Das ist Kultur, denn ich kultiviere die Pflanze und überlasse sie nicht mehr allein der Natur. Der Natur wird etwas entnommen – und wieder zurückgegeben. Jedoch nach des Gärtners Vorstellung, nach seinen Wünschen und Ideen wird es kultiviert, dort, wo es hinkommt, wird es tun, was es kann. So wird die Rückgabe an die Natur zugleich zum bewussten Eingriff in die Natur.
Zweite Voraussetzung war die Nachfrage oder eine persönliche Begierde, die Absicht und Zweck für einen Garten bestimmten. Was sollte ein Gärtner, ein Gartengestalter oder ein Landschaftsplaner ohne Auftraggeber tun? Könige, Fürsten, Adlige oder Stadtverantwortliche, eine herrschende Elite oder besonders begüterte Zeitgenossen waren es, die sich die Dienste der Besten unter den Gartenkulturschaffenden sicherten. Und was machte sie zu den Besten? Das waren nicht so sehr ihre genialen Einfälle (kein Zweifel, die hatten sie auch), es war ihr tiefes Wissen um die Gartenkultur im Sinne der Kultivierung der Pflanzen. Dieses Wissen war Voraussetzung für die mitunter atemberaubenden oder stillen, romantischen Anlagen.
Die Gartenkultur ging den später so bewunderten Parks und Gärten voraus – und nicht umgekehrt. Gärten waren das Ergebnis einer ultimativen Steigerung der Kultivierung der Pflanzen, sie waren die Errungenschaft aus dem wohl seit Jahrhunderten beobachteten, angesammelten, niedergeschriebenen und studierten Wissen. So ist Gartenkultur nicht die Summe vieler schöner Entwürfe und Ausführungen von Gärten, Gartenkultur ist vielmehr der schier unendliche und immer wieder erneuerte Wissenskanon über die Pflanzen und ihre Lebensbedingungen, den sich der Mensch zu eigen macht, um im Einklang mit der Natur, aber auch im Widerstreit gegen die Natur seine eigenen Vorstellungen, Wünsche, Bedürfnisse und Emotionen durchzusetzen. So versucht er, die Natur »nach seinem eigenen Bilde« zu toppen.

Und hierzulande?

Doch nun die – vorläufige und vielleicht überraschende – Verlustmeldung: Die Gartenkultur ist in Deutschland, wo sie einst große bedeutende Vertreter hatte, wo sie wahre Blütezeiten feierte, wo Einrichtungen und Institutionen diesen Wissenskanon pflegten, lehrten und kontinuierlich durch neue Forschungen erweiterten, gerade hier ist sie aus meiner Sicht abhanden gekommen. Kaum einer kennt sie noch, kaum einer weiß von ihr. Auch wenn weiterhin Gärten geplant, gebaut und angelegt werden und weiterhin die Tradition hübscher alter Gärten gepflegt wird (oder man das zumindest versucht), so ist Gartenkultur im weitesten Sinne oder besser: in ihrer tiefsten Bedeutung und in ihrem globalen Verständnis hierzulande nur wenig vorhanden.
Hier wird Kultur zu sehr mit alten Gebäuden, alten Bildern, alter Musik in Verbindung gebracht, oder eben mit Gärten der Barockzeit, der Renaissance, des Klassizismus oder der Gründerzeit. Aber Kultur, das kann nicht der bloße Blick zurück sein, das ist nicht nur Vergangenheit. Das ist sie zweifellos auch, aber dieser Blick zurück ist letztlich nur ein exklusiver Ausschnitt, andernfalls verkommt Kultur zum rückwärts gewandten Denken und Handeln, verstaubt und für die Bibliotheken reserviert. Gartenkultur ist etwas sehr Lebendiges und in der Gegenwart Verankertes. Kultur, vor allem wenn es um den Garten geht, sollte sich auf die Gegenwart beziehen.
Ein derart umfassendes Studium, ein studium generale der Gartenkultur, wie ich es im englischen Kew absolvieren durfte, ist heute in Deutschland nicht möglich. Es sollte uns überraschen und nachdenklich machen, dass dies noch vor hundert Jahren, auch noch vor achtzig Jahren allerdings möglich war, und zwar an der Königlichen Gärtnerlehranstalt Dahlem in Berlin-Steglitz. An diesem Weiterbildungsort für Gartenkultur, an den die vom vereidigten Königlichen Garteningenieur, Mitglied der Königlichen Gartenintendantur und Königlichern Gartendirektor in Potsdam Peter Joseph Lenné 1824 in Potsdam-Wildpark gegründete Einrichtung aufgrund der räumlichen Enge 1903 umgezogen war, wurden im Rahmen eines Fächer- und Themenkatalogs, mit dem nur das heutige Kew mithalten kann, echte Gartenkulturmenschen ausgebildet. Vorausgesetzt war in Dahlem – und ist heute noch in Kew -, dass die Studierenden bereits eine abgeschlossene Lehre hinter sich hatten. Arbeiteten viele vor ihrem Studium an der Königlichen Gärtnerlehranstalt nur als einfache Gärtner, so waren sie hinterher Fachleute, die das komplette Spektrum gartenkultureller Prozesse abdeckten. Hofgärtner zählten schon mindestens seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zu den wichtigsten und bestbezahlten Männern an den Höfen, denn der Hofstaat lebte nicht zuletzt von ihnen. Sie grenzten sich klar gegenüber allen anderen Angestellten ab, es war damals übrigens ein reiner Männerberuf. Es entwickelten sich mit der Zeit ganze Dynastien von Hofgärtnern, indem die Söhne die Stellen der Väter übernahmen, nicht ohne deren Wissen weiterzutragen. Bevor solche Ausbildungsstätten wie die von Lenné im neunzehnten Jahrhundert gegründet waren, erwarben die angehenden Hofgärtner ihr Wissen durch Reisen, vornehmlich ins Ausland, sie besuchten dort angesehene Gartenanlagen und brachten dann vor allem Kenntnisse des Obst- und Gemüseanbaus mit. Königshäuser, allen voran das Preußische, holten sich die besten und kreativsten Köpfe als leitende Hofgärtner. Diese privilegierten Herren wohnten dann nahe dem Schloss innerhalb der ihnen obliegenden Anlage in einem eigenen Hofgärtnerhaus, meist mit Dienstpersonal. Der Hofgärtner plante die Anlagen und den Pflanzenanbau, entwarf und verwaltete einen vom König oder Fürsten bewilligten Etat. Die praktischen Arbeiten, das Wühlen in der Erde, das Pflanzen und Pflegen bei Hitze, Kälte und Regen führten hingegen die Gartenarbeiter – Knechte, Gesellen und Obergärtner – aus.
Lennés Motivation für seine Gärtnerlehranstalt waren die vielen großen Höfe und die wenigen ausgebildeten Gärtner. Die Zeit war reif für einen Ort, an dem sie nach einheitlichen Maßstäben und nach dem Wissensstand der Zeit ausgebildet werden sollten. Regelrechte Konkurrenzen, Wettbewerbe zwischen den großen europäischen Höfen waren ausgebrochen, auf Landesebene sicherlich auch unter den kleinen Fürsten. Dabei ging es nicht unbedingt um die größten Kartoffeln, vielmehr war der Antrieb neben dem Bestreben, zu jeder Jahreszeit Gemüse auf dem Tisch zu haben, vor allem ein Luxusanspruch: Wer etwa konnte sich noch im Februar die letzten Weintrauben auf der Zunge zergehen lassen? Eine Herausforderung an den Gärtner: Wie halte ich die Trauben über Weihnachten und die ersten Wintermonate? Eine Erfindung sah vor, dass die Traube von der Rebe mitsamt dem Ast abgeschnitten wurde, diese Rebenäste dann in riesigen Kellergestellen jeweils einzeln in mit Wasser und Holzkohle gefüllte Flaschen gesteckt wurden, sodass nur die Trauben aus den Flaschen ragten. Tausende von Flaschen waren von den Untergärtnern dann zu kontrollieren: Das Wasser, das die Trauben, als ob sie am Rebstock hingen, weiter aufsaugten, war regelmäßig auszutauschen, schrumpelige, gammlige und vor allem von Fäulnis befallene Beeren waren zu entfernen – insgesamt ein unglaublicher Aufwand, nur um mitten im Winter pralle Weintrauben auf dem Tisch zu haben.
Auch hochinteressant und beliebt waren ausgesprochen aufwändige Ananashäuser, denn nichts war im neunzehnten Jahrhundert exotischer, als eine Ananas zu servieren. Solche Experimente blieben meist ein gut bewahrtes Geheimnis vor allem gegenüber anderen Höfen – auch wenn anlässlich gegenseitiger Besuche zu großen Essen und Schlachtplatten sehr viel Wert auf die stolze Demonstration dieser gärtnerischen Erfolge gelegt wurde. Auch Pfirsiche und Aprikosen standen hoch im Kurs, für die in vielen Gärten Englands große hohle Mauern von innen beheizt wurden, um den Frost vom Obst fernzuhalten. Gewiss haben solche Experimente auch etwas mit dekadentem Lebensstil zu tun, aber auch mit Gartenkultur auf dem Stand ihrer Zeit.
In der Königlichen Gärtnerlehranstalt gab es keine Geheimwissenschaft, sondern klar definierte Lehrfächer und Anleitungen, auch für außergewöhnliche Züchtungen und Kultivierungen. So bestand die »Anstalt« aus einer botanischen Abteilung, verbunden mit der pflanzenphysiologischen Versuchsstation, einem Laboratorium für Bodenkunde, einer Obst- und Gemüseverwertungsstation, einem Rosarium, einem Staudengarten und Arboretum, also einer Sammlung lebender Gehölze. Es gab Obstanpflanzungen, eine meteorologische Station, das Champignonhaus zum Lehren der Pilzzucht und das Wurzelhaus für Untersuchungen und Beobachtungen des Wurzelwachstums. Im Mittelpunkt schließlich verschiedene Gewächshäuser, von denen eines als Erdbeerhaus diente, das über ein Dach mit ausgeklügeltem Dachwinkel verfügte, um die Sonneneinstrahlung zu regulieren. Dort wurde unter anderem gelehrt, wie die Pflanze zu zupfen ist, damit sie am besten fruchtet. Zur Glashausanlage gehörten zudem zwei Weintreibhäuser, ein Pfirsichhaus, ein Kalt- und ein Warmhaus.
Man stelle sich das einmal vor: In Strippstrull an der Knatter, in der Sandwüste von Prenzlau oder sonst wo in diesem Preußen mit seinem holprigen Pflaster, in dem einst Effi Briest keinen Ausweg mehr fand, wo eigentlich nur der Wind pfeift und die Natur unter extremsten Bedingungen leidet, da lässt ein Landesfürst oder der König höchstselbst die von seinen Gärtnern gezüchtete Ananas aus dem eigenen Anbau auf den Tisch kommen – das ist wahrlich dekadent. Aber das Wissen dafür konnte man sich hier in Dahlem aneignen: Man nahm den Mist von ein paar hundert Pferden, um im Unterbeet Hitze zu erzeugen, natürliche Hitze also, weil man ja nicht einfach Feuer legen konnte. Man baute Beete, eingerahmt von großen Mauern aus Klinker, und füllte sie mit Pferdedung, darüber Erdschichten und Pferdedung im Wechsel. Da hinein setzte man die Ananaspflanze, die diese aufsteigende Hitze braucht.
Solche Anleitungen zur besonderen Glücksfindung fanden sich in einem Lehrplan, der von einmaliger Ganzheitlichkeit in der Gartenkultur geprägt war. Wollte man sich einen Überblick verschaffen, was in Berlin-Dahlem gelehrt wurde – es würde Seiten füllen. Hier ein Ausschnitt aus dem Studienangebot des Jahres 1913, ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in alphabetischer Folge: Anatomie und Organographie der Pflanze, Architektur, Bakterienkunde, Betriebslehre, Bienenzucht, Blätterkunde, Blumenbinderei und gärtnerische Schmuckkunst, Bodenkunde und Düngerlehre, Chemie, Entomologie (Insektenkunde), Feinobstkultur, Feldmessen und Nivellieren, Freihandzeichnen, Freilandstauden, Gartenkunst und Entwerfen von Plänen, Gärtnerische Pflanzenzüchtung, Gehölzkunde, Gehölzzucht, Gemüseanbau, Geschichte des Gartens und Kunstgeschichte, Gewächshausbau, Handelsstauden, Kolonialpflanzen, Landschaftliche Naturkunde, Landschaftszeichnen, Mathematik, Mikroskopisches Praktikum, Obst- und Gemüseverwertung, Obstbaumpflege, Obstbaumzucht, Obstsortenkunde, Perspektivzeichnen, Pflanzenbau, Pflanzenphysiognomie, Pflanzliche Lebensmittel, Photographie, Physik, Pilzparasitäre Pflanzenkrankheiten, Planzeichnen, Projektionszeichnen, Samenkunde, Volkswirtschaftslehre, Wetterkunde, Zoologie.
Die Institution der Königlichen Gärtnerlehranstalt setzte Maßstäbe in der deutschen Gartenkultur. Hier wurde der sogenannte Deutsche Stil oder die Lenné-Mayersche Schule gegründet. Die an diesem Ort entwickelten Lehren bestimmten in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und im frühen zwanzigsten Jahrhundert die Gartenkultur in Deutschland. Auch bekannte Gartenkapazitäten wie Eugen Karl Lorberg, Karl Foerster und Willy Lange haben hier ihre Ausbildung erhalten.

Zu neuem Leben erweckt

Es hat lange gedauert, bis ich von diesem geradezu heiligen Ort der Gartenkultur erfuhr, den ich nicht kannte, von dem ich zuvor nichts wusste, der mich schließlich fand, um wieder zum Leben erweckt zu werden, drohte ihm doch schon die völlige Zerstörung und Vernichtung. Seine Größe ist heute im Vergleich zu damals zwar stark in der Fläche reduziert, dennoch bietet das Areal genügend Platz für eine neue Gartenakademie. Die noch vorhandene Glashausanlage ist inzwischen weitestgehend renoviert. Für mich wird es ein ganz besonderes Erlebnis, ja Ereignis meines Lebens bleiben, dass ich diesen Ort entdecken durfte, hat er doch über eine sehr lange Zeit für genau das gestanden, was ich im Innersten meines Herzens vertrete, wofür ich mich einsetze und auch weiterhin engagieren möchte und was ich den Menschen vermitteln will: Horticulture, Gartenkultur.
Dieser Ort besitzt eine ganz besondere Aura. Es ist der ideale Platz, um die deutsche Gartenkultur im Herzen von Berlin und zugleich im Herzen des Landes, in der Hauptstadt des vereinten Deutschlands, wieder aufblühen zu lassen. Seit 2008 veranstalten wir auf dem Gelände Kurse zur Gartengestaltung und Gartenkultur im Sinne von Lenné, Foerster und einer modernen gegenwartsbezogenen Gartenauffassung. Aber die Gartenakademie ist mehr als nur ein Ort der Begegnung, des Austauschs, des Einkaufs und der Information. Den genius loci, den Geist des Ortes, spürt jeder, der hierherkommt. Natur und Landschaft im Großen und im Kleinen berauschen uns vor allem durch ihre feinstofflichen, für das menschliche Auge nicht sichtbaren Schwingungen. So gilt es für mich, genau diese Energie zu erspüren und in meiner Gestaltung aufzunehmen, sie quasi hineinzuweben in den sichtbaren Bereich. Die Weymouths-Kiefer, die hier im – wenn auch nicht exakt geometrischen – Mittelpunkt des Geländes steht, ist, gleichsam als Seelenträger des Areals, ein Zeuge jener Zeit, als dieses Gelände erstmals vor über hundert Jahren seine Tore der Gartenkultur öffnete. Die geistige Atmosphäre dieses Ortes ist auch in seinen Bauten, den renovierten Glashäusern und erhaltenen Gemäuern bewahrt.
Gewiss werde ich hier nicht die alten Zustände wiederherstellen, aber ich nutze den Ort, um die Gartenkultur für unser Land wiederzubeleben. Ich schaffe einen Raum, wo die Menschen ein Stück aus ihren Träumen finden können, das sie dann nach Hause in den eigenen Garten tragen können. Das kann eine Pflanze sein, sei es Staude oder Baum, ein Gartenelement oder auch sehr viel mehr: eine Idee, eine Inspiration, wiedergefundenen oder neu entdeckten Mut, Optimismus, Lust und Freude am eigenen Schaffen im Garten, die Hinwendung zum eigenen Schöpfertum, das den Menschen von der ihn umgebenden Natur unterscheidet. Auch und gerade dies ist Gartenkultur!
Wie aber ist es geschehen, dass die Gartenkultur in Deutschland abhanden gekommen ist? Die große Gartentradition unseres Landes stand noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in ihrer Blüte. Nur drei Namen seien stellvertretend genannt: Da war Karl Foerster, Jahrgang 1874, der spätere Staudenpapst, mit eigener Gärtnerei, großen Züchtungserfolgen und einem enormen gartenphilosophischen Werk. Seine ersten Bücher lasen die Menschen in den Krankenhäusern oder die Soldaten in den Schützengräben der beiden Weltkriege und kamen so auf andere Gedanken. Eine Generation jünger, Jahrgang 1900, war die Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher, sie arbeitete mit namhaften Architekten zusammen, darunter Hans Scharoun, der die Harmonie von Gebäude und Landschaft zu seinem Programm gemacht hatte. Und schließlich Hermann Mattern, der ebenfalls mit Scharoun und auch mit dem expressionistischen Architekten und Künstler Hans Poelzig zusammen gewirkt hatte. Matterns Ansicht nach sollten Garten- und Hausgestaltung miteinander in »belebender« Wechselbeziehung stehen. Das heißt: Sie dürfen nicht einfach nur zusammenstehen, sie müssen sich »gegenseitig vollkommen ergänzen«.
Diese drei Großen der Gartenkultur waren an der Gärtnerlehranstalt ausgebildet worden, Foerster noch auf dem ehrwürdigen Lenné-Gelände in Potsdam-Wildpark, die beiden jüngeren in Dahlem. Sie arbeiteten eng zusammen, zunächst im Planungsbüro von Karl Foerster in Bornim, später als Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Gartengestalter und Landschaftsarchitekten von bestem Ruf und hoher Anerkennung, was Bornim den Ehrennamen eines »Worpswede der Gartengestalter« einbrachte, mit dem der Ort noch heute in Verbindung gebracht wird.
Schon Ende der Zwanzigerjahre, mehr noch Mitte der Dreißigerjahre konzentrierte sich das Land zunehmend auf die Landwirtschaft. Die Bedeutung und das Interesse am Gartenbau, an Gartenkultur und Gartenkunst traten deutlich in den Hintergrund, bis sie schließlich im Zweiten Weltkrieg fast völlig verloren gingen. Das Land lag in Trümmern, es standen andere Dinge auf der Tagesordnung als ein Garten und blühende Blumen, auch wenn es das Herz der Menschen sicherlich erfreut hätte. Ob sie die Blumen nicht sehen wollten oder ob es ihnen nicht »erlaubt«, nicht möglich war, weil Aufbauarbeit anstand, sei dahingestellt. Nüchternheit und Sachlichkeit waren angesagt, Ärmel hochkrempeln und – vorausgesetzt, man hatte nach dem grauenhaften Krieg noch beide Beine und Arme – aufräumen, aufbauen. Den Menschen stand der Sinn wohl kaum danach zu bitten: »Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?«
Ich bin überzeugt, dass Menschen nur in der Erde wühlen, also lustvoll gärtnern können, wenn sie spüren, dass aus dem Boden etwas Schönes sprießen kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg schauten sich die Menschen an, versicherten sich gegenseitig, sie hätten von all der Menschenvernichtung nichts gewusst und nichts geahnt, sie wollten nicht daran glauben und trugen dennoch, oder gerade deshalb, eine innere Schuld mit sich herum. Für die Muse des Gartens hatten sie kein Herz und nicht die nötige Liebe. Garten braucht innere Vergebung. Natürlich waren da die Not, der Hunger, sie waren die täglichen Begleiter. So haben die Menschen Kartoffeln angebaut, praktische Notwendigkeit im täglichen Überlebenskampf. Für Blumenkultur war da kein Platz.
Auf ihren Seelen lastete die Vergangenheit, und so sehr sich manch einer in der Nachkriegszeit nach den schönen Dingen früherer Jahre sehnte, so wollten die neuen Generationen frei von allen Relikten des Gewesenen in neue Räume hinaustreten. Manch eine Stadt versuchte man nach ihren ursprünglichen Plänen wiederaufzubauen, wie etwa meine Heimatstadt Hamburg. Aus den bildhaften Erzählungen meiner Großmutter sehe ich immer die Arbeit der Trümmerfrauen vor mir, wie sie jeden Mauerstein gereinigt, gestapelt und zum Wiederaufbau vorbereitet haben. Andere Städte wurden nicht einfach wieder aufgebaut, um so auszusehen wie früher, ihre Restbestände wurden abgetragen, um Hochhäusern, Reihenhäusern, neuen Plätzen und Quartieren, verkehrsgerechten Innenstädten und geschwindigkeitstauglichen Nebenstraßen Platz zu machen. An Gärten dachte man da eher beiläufig. Allerdings entdeckte man die Stadtparks neu – sie wurden das neue und einzige Gartenphänomen der Sechzigerjahre, oft entstanden aus Gartenschauen.
Dann ging es mit der Wirtschaft immer weiter aufwärts. Auch der eigene Häuslebau war wichtiger als der Gartenbau, denn in den Köpfen hatte es sich längst verfestigt: Was gesamtgesellschaftlich gilt, lenkt auch den Privatmenschen und seinen Alltag – mehr und mehr, höher und weiter, der Erfolg sollte keine Grenzen kennen, nach dem Auto das Haus, manchmal auch umgekehrt. Der zunehmende Wohlstand maß sich an den materiellen Dingen, der Garten spielte da eher eine ideelle Rolle. Für ihn waren weder Mittel vorgesehen noch die Zeit vorhanden. Das emotionale Gartenerlebnis hatte keinen Stellenwert. Bestenfalls der Gartenzwerg überlebte in ein paar hilflos angelegten oder kitschüberladenen Vorgärten. Hinter den Häusern ließen sich ein Sack Rasensamen auf die Erde werfen und ein paar Koniferen als Sichtschutz gegen den Nachbarn und dessen stundenlang polierten neuen Opel und die ständig wippende Hollywoodschaukel pflanzen. Dass es auch zu dieser Zeit einige engagierte Gartengestalter und Gärtner gab, die sich um schöne Gärten bemühten und diese kreierten, daran besteht kein Zweifel. Doch gesamtgesellschaftlich und im Gesamtbild der Städte konnten sie nur minimale Spuren hinterlassen.
Garten und Nachkriegszeit – man mag denken, dass lebendiges Grün und die Farben der Blüten hätten Trost spenden und Hoffnung aufkeimen lassen können. Doch fürchte ich, dass dieser Gedanke recht abstrakt ist, ein Wunschdenken, das an der Wirklichkeit vorbeizugehen droht. Es braucht Zeit, in einen Boden, der Angst macht oder den die Menschen ablehnen, der ihnen unangenehm ist oder den sie mit grausamen Erinnerungen verbinden oder gar hassen, einen Baum zu pflanzen oder darin eine Blume gedeihen zu lassen, die Freude bringen soll. Es braucht Zeit, bis eine Pflanze, ein Baum, eine Blume dann aber auch zum Vermittler, zur Versöhnung werden kann. Aber diese Zeit kommt, das ist gewiss.

Der Garten der Kindheit
Das Bild gibt es wirklich: Wie das kleine Mädchen mit Kopftuch und dem selbstbewussten Blick in die Welt, kaum kann es sich auf seinen Beinchen halten, eine Gießkanne hinter sich herzieht. Keine Puppe, kein Spielauto – einer Gießkanne gilt die ganze Zuneigung und Aufmerksamkeit. Auch Schaufel und Eimer können mal dazukommen. Irgendwann stemmt die Kleine mit kindlicher Kraft das Laufgitter hoch, krabbelt in den Falten ziehenden Strumpfhosen den Eltern davon, auf die Wiese hinaus, und die Mutter, italienischstämmig und später Galeristin, weiß nicht, wie sie das Mädchen zurückholen soll, weil es zwischen den Kühen sitzt, vor denen die Mutter sich fürchtet, ganz im Gegensatz zur kleinen Göre, die sich von den Tieren gar abschlecken lässt.
Bald werden aus dem Beet des Vaters die Pflänzchen geklaut, die bei ihm ohnehin nur schwer oder gar nicht angehen, trotz all seines gärtnerischen Einsatzes – in der Sandkiste hingegen wächst und gedeiht alles. Statt einer Puppenstube werden kleine Baumschulen und Gärtnereien eingerichtet, mit Zapfen ausgelegt, auch Häuser en miniature mit Gärten drum herum entstehen. Ganz nach der Art, die dem Vater, Architekt, im wirklichen Leben wichtig ist, ob im Einfamilienreihenhaus in Fuhlsbüttel oder später etwas südlicher in der Nordheide.
Und dann taucht eines Tages der Nachbar Vollrath am Gartenzaun auf, uralte sechsundachtzig Jahre sind ihm ins Gesicht geschrieben, im früheren Leben war er einmal Oberpostmeister. Er wird für die kleine Botanikerin mit der Gießkanne bald Gesprächspartner für Stunden. Mit ihm verbringt sie ihren Tag, jeder auf seiner Seite des Zauns. Seine Leidenschaft ist der Kompost, er erklärt, wie man das macht. Aber auch wie die Johannisbeeren zu beschneiden sind und was mit dem Giersch zu tun ist, diesem lästigen Unkraut, das sich wuchernd ausbreitet und dessen Trieben die unterirdische Jagd gilt – immer nur jäten. Eine Leidenschaft wird entdeckt.
Das alles interessiert im Haus eigentlich niemanden. Doch das Mädchen genießt es, stundenlang unter den Johannisbeeren den Giersch herauszurupfen, und wenn sie am Ende der Beete angekommen ist, kann sie vorne wieder beginnen. Die frische Erde in den kleinen Händen und zwischen den zarten Fingern – das Herumwühlen im Boden artet zu einem wahren Bedürfnis aus, sehr zum Erstaunen der Eltern und zum Unverständnis der Brüder. So nimmt sie auch gern diese bezaubernden Strafarbeiten entgegen: Haben die Kinder etwas ausgefressen, werden sie in den Garten geschickt und sollen jäten. Solcherart Strafen werden zu den schönsten Erinnerungen für das Mädchen; hier kann es sich stundenlang aufhalten, selbstvergessen in der Erde stochern und wühlen, umschichten und ausreißen, harken und glätten – und nur die Amsel erinnert sie mit ihrem Zwitschern daran, dass es bald dunkel wird. Da weiß das Mädchen, dass es gleich hineingerufen wird, nachdem die Mutter es offenbar längst vergessen hat und die Brüder lange schon ihre Strafstunde abgearbeitet haben – und es hat doch noch längst keine Lust, ins Haus zu gehen, weil vielleicht gerade verzauberte Luftschlösser geträumt oder geheimnisvolle Spuren unter der Erde verfolgt werden wollten.