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Inhaltsverzeichnis
 
Vertriebene als Opfer? – Die Geschichte eines politischen Drahtseilakts
 
»Aus dem Osten« – Die Herkunftsgebiete der deutschen Vertriebenen
 
Der Exodus der Deutschen aus dem Osten – Flucht, Vertreibung, Zwangsausweisung
 
»Die Polacken kommen« – Deutsche Vertriebene nach 1945
Traumatisierung und Schmerz
Elend, Hunger und Nissenhütten
Deutscher Rassismus gegen deutsche Vertriebene
 
»Deutschlands Problem Nr. 1« – Eingliederungsbemühungen und Lastenausgleich
Zwischen Rückkehrhoffnung und Neuanfang
Das Lastenausgleichsverfahren
Die Flüchtlingssiedlungen
Mißverständnisse und Vorurteile
 
»Verzicht ist Verrat« – Interessenvertretung und Politisierung der Vertriebenenfrage
Die Entstehung der Vertriebenenverbände
Die Parteien und die Vertriebenen
Die Radikalisierung der Vertriebenenverbände
Realer Sozialismus, die Linke und der »Revanchismus der Ewiggestrigen«
 
»Verschwiegene vier Millionen« – Vertriebene in der SBZ und in der DDR
Radikale Zwangsassimilation
Vom Verschwinden der »Umsiedler«
 
»Mit den Vertriebenen kam Kirche« – Kirchen und Frömmigkeit
Traditionstransfer aus dem Osten
Evangelische Vertriebene
Katholische Vertriebene
 
Ein deutsches Thema – Flucht, Vertreibung und Vertriebene in Literatur und Medien
»Nacht fiel über Gotenhafen«
Vertreibung und Vertriebene in der (west-)deutschen Belletristik
Vertriebene in der Literatur der DDR
 
Mehr als Trachten und Heimattümelei – Das kulturelle Erbe der Vertriebenen
Das Vermächtnis der verlorenen Landschaften
Von Knoblauch, Königsberger Klopsen und Mohnkuchen
 
Unbewältigter Schmerz
»Eine Flucht, die niemals endet«
Gesamtdeutsche Verpflichtung zu Dokumentation und Erinnerung
 
Kalte Heimat – Vertriebene als Opfer
 
ANHANG
Anmerkungen
Ausgewählte Literatur
Personenregister
Copyright

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Vertriebene als Opfer?
Die Geschichte eines politischen Drahtseilakts
Am 29. Mai 1999 bekannte Bundesinnenminister Otto Schily auf einer Veranstaltung des Bundes der Vertriebenen (BdV): »Die politische Linke hat in der Vergangenheit, das läßt sich leider nicht bestreiten, zeitweise über die Vertreibungsverbrechen, über das millionenfache Leid, das den Vertriebenen zugefügt wurde, hinweggesehen, sei es aus Desinteresse, sei es aus Ängstlichkeit vor dem Vorwurf, als Revanchist gescholten zu werden, oder sei es in dem Irrglauben, durch Verschweigen und Verdrängen eher den Weg zu einem Ausgleich mit unseren Nachbarn im Osten zu erreichen. Dieses Verhalten war Ausdruck von Mutlosigkeit und Zaghaftigkeit.«1
Das war eine späte Einsicht. Viele der 14 Millionen Deutschen, die nach dem Krieg ihre Heimat verloren, hat sie nicht mehr erreicht. Damals kamen 2 Millionen Menschen bei Flucht und Vertreibung um, Deutschland verlor ein Viertel seines Territoriums. Abgesehen von der Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden hat nichts, was auf die NS-Wahnherrschaft zurückzuführen ist, der deutschen Gesellschaft so schwere Wunden geschlagen und das Land so versehrt. Doch die meisten Deutschen wollten das nicht sehen, nicht hören, nicht wissen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Krieges hat Günter Grass in der Novelle Im Krebsgang betroffen bekannt: »Niemals, sagt er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos.«2 Daß mit dem Osten nicht nur die Vertriebenen, sondern alle Deutschen viel verloren hatten, dieses Bewußtsein schwand bald nach dem Krieg.
Schon der materielle Wert der deutschen Ostgebiete läßt sich kaum bemessen. Schlimmer jedoch wiegt der kulturelle Verlust. Es ist schwer, das Geschehen in angemessene Worte zu fassen und Pseudologiken, Abstraktionen sowie eine Rhetorik der Zwangsläufigkeit zu vermeiden.3 Die Geschichtsschreibung zur Vertreibung ist aus vielerlei Gründen besonders anfällig für Rechthaberei, oberlehrerhaftes Moralisieren und politische Instrumentalisierung, denn alle sind Betroffene, jeder hat seine eigene Wahrheit. Obwohl äußerlich kein Unterschied mehr feststellbar ist, so Karl Schlögel, besteht die mentale Kluft zwischen den Deutschen, die ihre Heimat verloren, und denen, die dieses Schicksal nicht erlitten haben, nach wie vor.4
In Millionen deutschen Wohnzimmern wurde nach dem Krieg geweint um den Verlust der Heimat. Man muß diese Trauer und diesen Schmerz benennen, das gehört zur geistigen Hygiene, sagt Rüdiger Safranski: »Es gibt eine deutsche Neurose. Alles, was deutsches Schicksal ist, steht unter Verdacht, das sitzt tief. Deutsche Vergangenheit hat die Vergangenheit des deutschen Großverbrechens zu sein, basta.«5
14 Millionen Deutsche waren nach 1945 ohne Heimat. Im allgemeinen Chaos des Zusammenbruchs trafen sie in den Besatzungszonen ein, und die Behörden wußten nicht, wie und wo sie diese Massen unterbringen und verwaltungsmäßig einordnen sollten. Vor 1953 findet man für die Heimatlosen Bezeichnungen von größter Beliebigkeit. Man sprach von Aussiedlern und Vertriebenen, von Flüchtlingen, Ostvertriebenen, Heimatvertriebenen, Ausgewiesenen und Heimatverwiesenen. 1947 setzte sich dann allmählich »Vertriebene« – expellees – durch, auch weil die amerikanische Besatzungsmacht das anordnete. Der Begriff sollte zum Ausdruck bringen, daß die Vertreibung endgültig war und keine Hoffnung auf Rückkehr bestand. Nach Gründung der Bundesrepublik wurde »Vertriebener« aus semantischen Gründen dem Begriff »Flüchtling« vorgezogen.
Flüchtling oder Vertriebener? Unterschiedliche Wahrnehmungen lassen erkennen, daß es eine gemeinsame Geschichte aller Vertriebenen nicht gibt; zu verschieden sind deren Schicksale und Erfahrungen. Hier sollen dennoch alle der Einfachheit halber als »Vertriebene« bezeichnet werden. Im Bundesvertriebenengesetz (BVFG) ist das Wort »Flüchtling« für diejenigen reserviert, die aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) geflohen sind.
Die Sowjetische Besatzungszone war bis 1949 Aufnahme- und Transitland für schier endlose Ströme von Flüchtlingen und Vertriebenen. Insgesamt nahm sie 4,3 Millionen Menschen auf; in Mecklenburg stellten Vertriebene die Hälfte der Bevölkerung. Trotzdem war das Thema Flucht und Vertreibung in der SBZ und späteren DDR tabu. Mit Rücksicht auf die Sowjetunion und die anderen »sozialistischen Bruderländer« durfte über Ausweisung und Vertreibung, gewaltsame Übergriffe der »Freunde« auf die deutsche Bevölkerung sowie Deportation und Zwangsarbeit nicht gesprochen werden. Das schlug sich im Sprachgebrauch nieder: Flüchtlinge und Vertriebene wurden als »Umsiedler« bezeichnet, bis auch dieser Begriff spätestens 1950 durch den »Neubürger« ersetzt wurde. Die Vertriebenen wurden zwangsassimiliert, doch nach der Wiedervereinigung offenbarte sich, daß trotz der Unterdrückung durch das SED-Regime kulturelle Inseln und einzigartige Milieus erhalten geblieben waren.
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Egerländertreffen in Schwäbisch Hall, 26. August 1950
Die Wahl des Mottos »Wir bleiben der Heimat treu« erfolgte unter dem Eindruck der Vertreibung, noch herrschte der Rückkehrwunsch vor. Doch die vielen Millionen Vertriebenen aus dem Osten sollten für immer bleiben und für alle eine schwere Herausforderung darstellen. »Aus ihrem Land waren sie vertrieben worden, und in unserem wurden sie nicht heimisch. Sie hatten sich bei uns niedergelassen, sie hatten in unserer Stadt ihr Quartier aufgeschlagen, aber eigentlich bewohnten sie ihre verschwundene Heimat. Fortwährend sprachen sie darüber, was sie alles verloren hatten, und davon wollte keiner in der Stadt etwas hören«, schreibt Christoph Hein in dem Roman Landnahme.
Während in der DDR das totalitäre Regime das Thema Flucht und Vertreibung unterdrückte, wurde es in der alten Bundesrepublik beinahe von selbst gemieden. Die Westdeutschen sahen sich in der unsicheren und chaotischen Lage der ersten Nachkriegszeit überrollt vom Strom der vertriebenen Deutschen aus dem Osten, denen es ganz ohne Zweifel noch elender ging als ihnen selbst. Und für viele Vertriebene, die auf Solidarität oder einfach nur auf Mitgefühl gehofft hatten, war der Empfang im Westen ein Schock. Auf die Vertreibung folgte nun die bittere Erfahrung von Ausgrenzung und Ablehnung als unerwünschte Fremde. Mitleid müsse man mit ihnen nicht haben, denn sie seien allesamt Nazis, war eine weitverbreitete Ansicht. Walter Dirks und Eugen Kogon warnten deshalb schon 1947: »Die Nation gilt als eine Einheit im Guten, im Stolz, im Gewinn, im Sieg – sie wird auch im Bösen beim Wort genommen, als eine Einheit behandelt auch in der Niederlage und in der Schande. Die armen Opfer in Schlesien und Ostpreußen leiden stellvertretend für die wahren Schuldigen, und es ist ein Zufall, daß nicht wir es sind, du und ich, die stellvertretend leiden und sterben müssen.«6
Im Zusammenbruch von 1945 zerfielen die Deutschen in »zwei Schicksalsgemeinschaften« – in die der Einheimischen und die der Vertriebenen -, und diese beiden Lager traten zueinander in »Opferkonkurrenz«. 7 Dieser Konkurrenzkampf trug »deutliche Züge eines Nationalitätenkampfes und eines Klassengegensatzes«.8 Daß aus dem Osten vertriebene Deutsche im Westen als »Polacken« oder »dahergelaufenes Gesindel« beschimpft und gemieden wurden, zeigt, wie schnell jeder ein Fremder werden und von Diskriminierung bedroht sein kann.
Die erlittenen Traumata während der Vertreibung, soziale Isolation und Deklassierung sowie das Ringen um eine Identität zwischen Hier und Dort machte das Heimischwerden in der fremden Umgebung oft geradezu unmöglich. Die Betroffenen schwiegen oder öffneten sich allenfalls spät und nur zögernd ihren nächsten Angehörigen.
Seit den 1960er Jahren spielte das Schicksal der Vertriebenen in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit kaum noch eine Rolle, und auch die Erinnerung an das historische Ostdeutschland schwand zusehends, bewahrt nur noch in den landsmannschaftlichen Biotopen. Man tolerierte es jetzt sogar, wenn die ostmitteleuropäischen Staaten die Inkorporation Ostdeutschlands als die Rückkehr »urpolnischer Gebiete« feierten und verschwiegen, daß hier einmal Deutsche gelebt hatten. Vertriebene galten pauschal als Revanchisten, weshalb es unter Intellektuellen verpönt war, sich mit Flucht und Vertreibung der Deutschen zu beschäftigen.
In den 1980er Jahren gelang es allmählich, wenn auch stockend, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und die Geschichte von der Ankunft der 14 Millionen Deutschen aus dem Osten zu erzählen. Einen Auftakt stellte die erste kritische wissenschaftliche Bilanz dar, die 1987 auf einer Tagung unter Leitung von Helga Grebing zum Thema Vertriebene und Flüchtlinge gezogen wurde.9 Bis dahin lieferten Autoren zur Ankunft der Vertriebenen nach 1945 für gewöhnlich eine allgemein akzeptierte Erfolgsgeschichte und sprachen von einer gelungenen Integration. Anpassung und Eingliederung waren demnach das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengung von Einheimischen und Vertriebenen. Die enormen Anpassungsschwierigkeiten der ersten Jahre, die diskriminierende und rassistische Ausgrenzung der Ortsfremden durch Dorf- und Kleinstadtbewohner wurden nicht erwähnt. Man betrachtete das Geschehene vorzugsweise aus dem Blickwinkel der Westdeutschen, während die Perspektive der Vertriebenen, die auch deren persönliche Vorgeschichte bis zu Flucht, Vertreibung, Ankunft und Eingliederung im Westen umfaßt, kaum zur Geltung kam. Daran haben auch die vielen landesgeschichtlichen und methodisch innovativen Forschungsarbeiten, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, kaum etwas zu ändern vermocht, da sie wegen ihres räumlich begrenzten Schwerpunkts meist nur wenig Beachtung finden.
Integration soll mehr sein als die Summe der vereinigten Teile. Die Deutschen der Nachkriegszeit verstanden unter Integration aber rein bürokratisch-zweckrationales Handeln. Es überwog eine ausgeprägt materialistische Vorstellung, während persönliche Betroffenheit, Trauer, Traumatisierung und Schmerz nicht wahrgenommen wurden,10 obwohl viele Anzeichen dafür sprechen, daß Millionen Deutsche schwer traumatisiert waren. Gustav Seibt sieht in der bundesrepublikanischen Landschaft Hinweise dafür: »Man hat noch nicht über die Anthropologie der deutschen Nachkriegsgesellschaft nachgedacht. Aber wer sie zu schreiben versuchte, der müsste von der massenhaften Elementarerfahrung von Obdachlosigkeit und Flucht ausgehen. Ist sie nicht einbetoniert in der sichtbaren Oberfläche dieser Gesellschaft? In den Hunderttausenden Eigenheimen, in ihrer peniblen Reinlichkeit, ihrer heimatlosen, frostig anmutenden Gleichförmigkeit und ihren überheizten Wohnzimmern? In den Fußgängerzonen und Einkaufszentren, in der geschrubbten Ordentlichkeit, Befestigtkeit und Solidität der Lebensumstände? (…) Das Gefühl für die Heimat stand, jedenfalls in den Dichtungen der Menschheit, immer neben der Erinnerung an Flucht und Entwurzelung. Warum sollte das ausgerechnet heute anders sein?«11
Der Schmerz über den Verlust der Heimat saß tief und konnte durch den Lastenausgleich allenfalls gemildert werden. Das war ein Tropfen auf den heißen Stein, eine Hilfe für den Neuanfang in der Fremde, in der man sich auf Dauer würde einrichten müssen. Aber eine Entschädigung, das konnte und sollte er nicht sein, obwohl man es in der nach Westen ausgerichteten Republik gerne so gesehen hätte.
Die oft gepriesene materielle Integration der Heimatlosen im Wirtschaftswunderland gelang letztlich, weil die Vertriebenen nicht in der Rolle der Betroffenen verharrten, sondern selbst Hand anlegten und durch ihre Leistungs- und Anpassungsbereitschaft, ihre Arbeits- und bald auch ihre Kaufkraft das Wirtschaftswunder ganz entscheidend mittrugen. Überliefert ist aber die Geschichte der Einheimischen, die, überschwemmt vom Flüchtlingsstrom, angeblich ganz allein durch gewaltige Leistungen die Heimatlosen integrierten. Für die Historikerin Helga Grebing gehört die Ignoranz gegenüber den Landsleuten aus dem Osten zu den deutschen Verdrängungsleistungen nach 1945, war gleichfalls eine »Unfähigkeit zu trauern«.12
Die Aufnahme und Ansiedlung der Entwurzelten war ein langer, bis heute nicht abgeschlossener Prozeß voller Spannungen und Rückschläge und keineswegs eine ungebrochene Erfolgsgeschichte. Er forderte Anpassung und Veränderung von der zwangsweise zugezogenen Bevölkerung wie von den Einheimischen. Die Fremden brachen ein in die bis dahin weitgehend homogenen Gesellschaften auf dem Land. Ihre Andersartigkeit führte dazu, daß überkommene Abgrenzungen sich auflösten und Gegensätze aufeinandertrafen. Mit der Ankunft der ost- und südostdeutschen Vertriebenen veränderte sich das Antlitz West- und Mitteldeutschlands in einem bis dahin ungekannten Ausmaß. Sie leisteten einen substantiellen Beitrag zu Entprovinzialisierung, Säkularisierung und Urbanisierung Deutschlands und stellten damit einen gewichtigen Modernisierungsfaktor dar.13
Es ist an der Zeit, die Vertriebenen selbst in den Mittelpunkt der Untersuchungen zu stellen, wie es die vom Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland initiierte Ausstellung »Flucht – Vertreibung – Integration« 2005 getan hat. Unter großer medialer Beachtung wurde hier erstmals mit den Augen der Opfer auf die Ankunftsgeschichte geschaut.
Es ist an der Zeit, ideologische Gräben zuzuschütten und sich der Zäsur zu widmen, die die Ankunft der Vertriebenen für Deutschland darstellt und es so nachhaltig prägte wie kaum ein Ereignis zuvor.
Es ist an der Zeit, deutsche Vertriebene endlich als Opfer zu begreifen, die nicht nur unter Flucht und Vertreibung gelitten haben, sondern auch unter der Hartherzigkeit ihrer eigenen Landsleute.
Das maßgeblich vom Bund der Vertriebenen (BdV) propagierte »Zentrum gegen Vertreibungen« erhitzte längere Zeit nicht nur in Deutschland die Gemüter. Sechzig Jahre nach Kriegsende trat plötzlich vehement die Erinnerung daran zutage, daß auch Deutsche im Zweiten Weltkrieg und danach Opfer von Grausamkeiten geworden sind, Opfer des Bombenkrieges oder von Flucht und Vertreibung. Das ließ bei vielen Besorgnis aufkommen.14 Dieser Wendepunkt im öffentlichen Bewußtsein wurde – so Michael Schwartz – von ihnen nicht als Chance, sondern als Bedrohung empfunden. Es steht nicht die kollektive Verantwortungsgemeinschaft zur Disposition, sondern es geht um die Aufnahme der deutschen Opfer von Krieg und Nachkrieg in die allgemeine Erinnerung. Der Kampf um Anerkennung der Vertriebenen als Opfer richtet sich weniger gegen die ostmitteleuropäischen Nachbarvölker als vielmehr auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft.
Auf gesellschaftlicher Ebene sind es gerade Vertriebene und Aussiedler mit ihren Nachkommen, die Interesse an unseren östlichen Nachbarn zeigen und persönliche Beziehungen zu ihnen unterhalten; auf der politischen Ebene sollen sie jedoch nichts zu melden haben.15 Gesellschaft und Politik müssen zusammengeführt werden, ebenso Erinnerung und Geschichte, aber das kann nur geschehen, so Karl-Peter Schwarz, »wenn die Erinnerung gesellschaftlich akzeptiert und ernst genommen wird. Geschichte, die ganzen Opfergruppen das Recht auf Erinnerung abspricht und ihnen den Zutritt zum öffentlichen Raum verwehren will, ist einer offenen Gesellschaft nicht zuträglich. Sie verhindert, daß ein frischer Wind auch jene Nischen erfassen kann, in denen sich ideologischer Mief festgesetzt hat. Sie ist auch nicht hilfreich in den Beziehungen zu den Nachbarländern, wo sich mutige Historiker und Intellektuelle den nationalistischen und postkommunistischen Geschichtsklitterungen widersetzten und die Vertreibung der Deutschen als das bezeichneten, was sie war, nämlich ein Unrecht und ein Verbrechen.«16
Die aktuelle Debatte bietet allen Deutschen die Chance, sich der eigenen Vergangenheit zu öffnen. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, wirbt dafür, der Geschichte der Vertriebenen endlich mehr Raum zu geben: »Das Thema gehört nicht Verbänden, Interessengruppen oder Ideologen (…), das Leid von Flucht und Vertreibung geht uns alle an.«17
Als sich die Westfälische Landessynode im November 1948 mit der »Aufgabe der Westkirchen an den Ostvertriebenen« befaßte, zeichnete einer der Referenten ein erschütterndes, aber durchaus realistisches Bild: »Die seelische Verfassung der Flüchtlingsmassen kann man in diesem Moment vielleicht am besten dadurch charakterisieren, daß sie irre geworden sind am guten Willen der Besatzungsmächte, der Behörden, der Parteien, auch der Kirche, ihnen zu helfen.« Das Flüchtlingspotential sei »voller revolutionärer Antriebe«, hieß es, »Millionen Menschen im deutschen Volk verwandeln sich in asoziale Typen. Sie gehören nirgendwohin.«18
Daß die Aufnahme der 14 Millionen nicht zur politischen Dauermalaise wurde und die befürchtete Radikalisierung ausblieb, dafür zahlten die Vertriebenen mit Verleugnung ihres Schmerzes und kultureller Selbstaufgabe. Schlesier, Ostpreußen, Pommern, Deutschböhmen und Banater Schwaben, die über Jahrhunderte beigetragen haben zur Vielfalt der deutschen Identität, hatten fern der Heimat nichts mehr zu melden. Sie mußten sich anpassen im Westen ihres Vaterlandes, das ihnen zur kalten Heimat werden sollte.

»Aus dem Osten«
Die Herkunftsgebiete der deutschen Vertriebenen
Berlin lag bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs mitten in Deutschland; Görlitz und Frankfurt an der Oder waren keine hoch subventionierten Gemeinden in Grenzregionen, sondern prachtvolle Städte inmitten des Reiches. Noch heute erinnern in Berlin die historischen Kopfbahnhöfe an die Verbindungen in die einstmals deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße. Vom Stettiner Bahnhof, den man zu DDR-Zeiten zum Nordbahnhof machte, und vom Schlesischen Bahnhof, der in der späten DDR Hauptbahnhof hieß und nach der Wende zum Ostbahnhof wurde, fuhren die Züge nach Breslau, Stettin, Danzig und Königsberg ab. Noch gibt es Spuren, die daran erinnern, daß Deutschland jahrhundertelang über Oder und Neiße hinausreichte. Wer auf dem Berliner S-Bahnhof Friedrichstraße die Stahlkonstruktion sorgsam betrachtet, wird anhand der Firmenstempel feststellen, daß die Produzenten der Träger in »Grünberg/Schlesien« oder »Stettin« beheimatet waren.
Deutschlands einstiger Osten – Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie die brandenburgische Neumark – machten mehr als ein Viertel des Reichsterritoriums aus. Breslau, Königsberg, Danzig und Stettin waren wichtige Metropolen Deutschlands. Rudolf von Thadden fragt sich verwundert, wie die Erinnerung an sie innerhalb einer Generation aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen verschwinden konnte: »Versteht man unter deutschem Osten einfach die DDR, oder evoziert der Begriff noch die Vorstellungen, die man früher einmal mit ihm verband, nämlich Gedanken an deutsche Lebenswelten östlich von Oder und Neiße? Noch vor anderthalb Generationen lagen Leipzig und Dresden in Mitteldeutschland, nicht in Deutschlands Osten.«1
Mit dem Erinnern an Flucht und Vertreibung kehren die Herkunftsgebiete der Vertriebenen, alte deutsche und deutsch geprägte Regionen, ins allgemeine Bewußtsein zurück. Beinahe vergessen scheint, daß ganze Landstriche jenseits der heutigen deutschen Ost-und Südostgrenzen einst deutsch oder maßgeblich von Deutschen geprägt waren. Dort lagen die Wurzeln der 14 Millionen vertriebenen Deutschen.
Der Kalte Krieg ist vorbei, die ideologischen Angriffe, der Revanchismusverdacht, dem man sich aussetzte, wenn man Schlesien nur erwähnte, gehören der Vergangenheit an. Aber nun stellt sich die Frage: Wie weit ist den Deutschen der historische deutsche Osten bereits entrückt? Viele Dokumentationen sorgen für mediale Präsenz und vermitteln den Eindruck großer emotionaler Nähe. Bei näherem Hinsehen offenbart sich aber, daß den meisten Deutschen das historische Ostdeutschland und die deutschen Siedlungsgebiete in Ost- und Südosteuropa gleichgültig sind. Deutsche Reiseunternehmen bieten ganz unbeanstandet Fahrten »in die Masuren« an, während sie sich niemals erlauben könnten, für einen Urlaub »in Toscana« zu werben. Die einstigen deutschen Kulturlandschaften im Osten sind dem innerdeutschen Wahrnehmungshorizont entrückt.
Es scheint, als sei dieser Verlust, die »halbseitige Reduktion der deutschen Existenz«, wie Karl Schlögel es bezeichnet, ohne Folgen für das innere Gleichgewicht der Deutschen geblieben.2 Seit sechzig Jahren gehören Schlesien, Ost- und Westpreußen, Pommern und die brandenburgische Neumark nicht mehr zu Deutschland. Seit sechzig Jahren leben die Deutschen nicht mehr in Prag, Brünn und Karlsbad, im Böhmerwald, in Eger und Gablonz. Dessenungeachtet hat Hannah Arendt viele Jahre nach dem Ende des Krieges bekannt: »In meiner Art zu denken und zu urteilen komme ich immer noch aus Königsberg.«3 Das Erbe des deutschen Ostens bleibt ein Teil deutscher und europäischer Geistesgeschichte. Joseph von Eichendorff, Simon Dach, Johann Gottfried Herder, E.T.A. Hoffmann, Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Hannah Arendt, Erich Mendelsohn, Johannes Bobrowski, Siegfried Lenz, Alfred Döblin, Andreas Schlüter, Andreas Gryphius, Arthur Schopenhauer, Kurt Schumacher, Gerhart Hauptmann, Horst Bienek, Günter Grass, Christa Wolf, Rudolf Virchow, Adalbert Stifter, Janosch, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka – sie alle sind Teil des Kulturerbes, das der historische deutsche Osten hervorgebracht hat.
Deutschland reichte einst bis an die Memel und darüber hinaus bis nach »Nimmersatt, wo das Reich sein Ende hat«. Dieser heute in Litauen gelegene Ort war der nördlichste des Reiches im fernen Ostpreußen. Mit der Provinz Ostpreußen und ihrer Hauptstadt Königsberg verband man nicht nur Königsberger Klopse, Trakehner Pferde und Bernstein, sondern auch die Weltbäder Rauschen, Cranz, Nidden und Neukuhren, wo Thomas Mann Urlaub machte. Die ehrwürdige Hansestadt Danzig mit der Marienkirche und dem weltbekannten Krantor gehören zum alten Westpreußen, ebenso die in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommene Marienburg an der Nogat, die größte Burganlage der Welt und einst Sitz des Deutschen Ordens.
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U-Bahnhof Weberwiese in Berlin, vormals Memeler Straße
Am 21. Dezember 1930 wurde der nach der ostpreußischen Stadt Memel benannte Bahnhof in Betrieb genommen. Mit der einseitigen Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als »Friedensgrenze« durch die DDR-Machthaber 1950 erhielt er dann den Namen des Mitbegründers der Polnischen Sozialistischen Partei Julian Marchlewski. Mitte der 1990er Jahre fielen die zu Ost-Berliner Zeiten angebrachten Wandkacheln allmählich von den Wänden, und der ursprüngliche Name wurde wieder sichtbar. Bei der Sanierung im Jahre 2003 wurden die unerwünschten Spuren der Erinnerung restlos getilgt. In ähnlicher Weise verfuhr man in Berlin mit dem Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) und dem Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof).
Westlich schließt die seit 1945 geteilte Provinz Pommern an mit der Hauptstadt Stettin am unteren Lauf der Oder. Zu Hinterpommern gehören die Ostseebäder Misdroy, Leba und Kolberg. Heute ist fast vergessen, daß der östliche Teil Brandenburgs, immerhin ein Drittel seiner Fläche, zur Neumark östlich von Frankfurt an der Oder gehört.
Das kulturell reichste Land des alten deutschen Ostens ist Schlesien mit der Hauptstadt Breslau. Schlesien, das sind barocke Kulturlandschaften, das Hirschberger Tal, das Riesengebirge, das Glatzer sowie das Waldenburger Bergland, das sind die Friedenskirchen von Jauer und Schweidnitz sowie die reichen Städte entlang der Oder bis nach Oberschlesien, dem großen Industrierevier mit Oppeln, Beuthen, Königshütte, Ratibor und Gleiwitz.
Aus dem engeren Staatsverband des Deutschen Reiches und der Habsburgermonarchie schieden neben der Provinz Posen und Teilen Westpreußens nach den Pariser Vorortverträgen die deutschen Gebiete in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien aus. Damit gerieten das Egerland, die Kulturlandschaften entlang der Elbe und im Riesen- und Isergebirge, Prag und Mährisch Schlesien, die jahrhundertelang deutsch geprägt waren, in den Strudel des Nationalitätenkampfes.
Im Zuge des Landesausbaus und der Kolonisation haben sich deutsche Siedlungen und Siedlungsgebiete auch außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachraums im südöstlichen Europa herausgebildet. 4 Die Landnahme erfolgte auf friedlichem Weg, denn die jeweiligen Landesherren selbst haben die Siedler gerufen und durch Zusicherung besonderer Rechte dazu gebracht, in öden und menschenarmen Gebieten Land unter den Pflug zu nehmen. Diese Gebiete zogen sich vom äußersten Nordosten, dem Baltikum, wo seit dem Mittelalter eine deutschbaltische Führungsschicht in Reval, Riga und Dorpat Kultur und Landesausbau nachhaltig prägte, bis in das historische Polen, wo deutsche Siedler im mittelpolnischen Lodzer Industrierevier sowie in Wolhynien und Galizien ansässig waren. Im Zarenreich traf man in den Städten Rußlands, an der Wolga, am Schwarzen Meer und auf der Halbinsel Krim auf bedeutende deutsche Minderheiten. Am Mittel- und Unterlauf der Donau und ihrer Nebenflüsse bis zum Schwarzen Meer, in den Hochländern am Fuße der Tatra und der Karpaten sowie in der Krain haben sich seit dem Mittelalter deutsche Siedler niedergelassen.
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Caspar David Friedrich, Böhmische Landschaft mit dem Milleschauer,1808
Caspar David Friedrich wurde 1774 im vorpommerschen Greifswald geboren. Seine Familie hatte das katholische Schlesien zu Beginn des 18. Jahrhunderts wegen ihres protestantischen Glaubens verlassen müssen. Wenn man die stimmungsvollen böhmischen Landschaften des Malers betrachtet, meint man darin noch die Sehnsucht seiner Vorfahren nach der alten Heimat zu entdecken. Ein Vierteljahrtausend später verschlug es wiederum viele böhmische Vertriebene an die Ostseeküste, die dort niemals heimisch wurden, denn – so beschrieben Sudetendeutsche ihre Eindrücke von der Landschaft – »der Wind hat gestört«, »die Berge fehlten«, und »Strohdächer kannten wir nicht«.
Deutsche Bevölkerung in den deutschen Ostgebieten sowie in den deutschen Siedlungs gebieten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 5
Länder, Landesteile, Provinzen (nach dem Gebietsstand vom 31. Dezember 1937)Deutsche Bevölkerung (im September 1939)
Deutsche Ostgebiete gesamt9 955 000
Ostpreußen2 473 000
Pommern1 884 000
Ostbrandenburg642 000
Schlesien4 576 000
Freie Stadt Danzig380 000
Baltische Staaten gesamt250 000
Estland17 000
Lettland63 000
Litauen*118 000
Litauen (übriges Staatsgebiet)52 000
Polen gesamt1 200 000
Posen-Westpreußen335 000
Ost-Oberschlesien330 000
Östliches Teschener Schlesien40 000
Mittelpolen360 000
Wolhynien65 000
Galizien70 000
Tschechoslowakei gesamt3 544 000
Sudetendeutsche Gebiete3 012 000
übriges Böhmen und Mähren259 000
westliches Teschener Schlesien67 000
Hultschiner Ländchen52 000
Slowakei130 000
Karpato-Ukraine24 000
Ungarn gesamt600 000
Westungarn70 000
Ungarisches Mittelgebirge220 000
Budapest30 000
Schwäbische Türkei220 000
Batschka und Banat40 000
übrige Gebiete20 000
* mit dem 1923 annektierten ostpreußischen Memelgebiet
Länder, Landesteile, Provinzen (nach dem Gebietsstand vom 31. Dezember 1937)Deutsche Bevölkerung (im September 1939)
Übertrag15 549 000
Rumänien gesamt782 000
Siebenbürgen gesamt253 000
Banat274 000
Sathmar/Bibor/Maramures34 000
Buchenland (Bukowina)81 000
Dobrudscha15 000
Bessarabien93 000
Alt-Rumänien32 000
Jugoslawien gesamt536 000
Banat126 000
Batschka und Baranja191 000
Syrmien72 000
Slawonien69 000
Bosnien, Serbien, Herzegowina30 000
Kroatien14 000
Untersteiermark und Übermurgebiet13 000
Krain6 000
Gottschee15 000
Sowjetunion gesamt1 400 000
Wolgagebiet420 000
Wolhynien (Ost)60 000
übrige Ukraine360 000
Krim60 000
Nordkaukasus100 000
Südkaukasus30 000
übrige europäische Gebiete160 000
asiatische Gebiete210 000
gesamt18 267 000
Im Mittelalter war es der König von Ungarn, der seine Grenzgebiete im Norden und Osten durch deutsche Wehrbauern, Handwerker, Bergleute und Kaufleute erschließen und verteidigen ließ. Auf diese Initiative geht das Siedlungswerk der Zipser Sachsen in der heutigen Slowakei mit den Städten Käsmark und Leutschau zurück. Es folgten die Siebenbürger Sachsen im heutigen Rumänien. Ihre prächtigen Kirchenburgen um Klausenburg und Hermannstadt prägen seit mehr als achthundert Jahren die fruchtbaren Landstriche Transsylvaniens. Krain, die Gottschee, die Untersteiermark um Marburg an der Drau und Laibach waren ebenfalls seit dem Mittelalter mit deutschen Siedlungen durchsetzt.
In der Neuzeit ließ das Habsburgerreich jene Gebiete besiedeln, die man den Osmanen abgerungen hatte: Die Donauschwaben kamen im 18. Jahrhundert nach Ungarn, in die »Schwäbische Türkei« südlich des Plattensees um Fünfkirchen herum, in das Ofener Bergland zwischen Raab, Donauknie und Plattensee mit dem Zentrum Budapest, in die Batschka zwischen Donau und Theiß mit dem Zentrum Neusatz in der heute serbischen Vojvodina, sowie in das Banat, die Grenzregion zwischen Serbien und Rumänien mit dem Zentrum Temeswar. Nach dem Ende der Habsburgermonarchie fanden sich rund 1,5 Millionen Donauschwaben in den drei Nachfolgestaaten Ungarn, Rumänien und Jugoslawien wieder. Deutsche zogen in das Buchenland mit der Hauptstadt Czernowitz, also in die heutige Bukowina, die zwischen Rumänien und der Ukraine aufgeteilt ist, nach Sathmar in der nordöstlichen Großen Ungarischen Tiefebene sowie in Teile des späteren Jugoslawien zwischen Save und Donau mit der Stadt Esseg (Slawonien, Bosnien, Syrmien) sowie in die Dobrudscha im heutigen Bulgarien. Die russischen Zaren riefen im 19. Jahrhundert die Bessarabiendeutschen in Gebiete, die heute zu Moldawien und zur Ukraine gehören. Ein Nachfahre dieser bessarabiendeutschen Siedler ist Bundespräsident Horst Köhler.
Die friedliche Landnahme hat das Zusammenleben mit den alten Bewohnern dieser Landstriche gefördert. Der wechselseitige Einfluß hat sich in der Wirtschaftsweise, im kulturellen Leben, in den Sitten und Gebräuchen niedergeschlagen. Konflikte blieben nicht aus, aber das Neben- und Miteinander trat stärker in Erscheinung als das Gegeneinander. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam dann mit dem Nationalismus Zwietracht auf im habsburgischen Vielvölkerstaat: Die bis dahin privilegierten Deutschen wollten sich mit ihrem Minderheitenstatus nicht abfinden, und die Staatsvölker strebten nach ethnisch homogenen Nationalstaaten.
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Marktplatz in Kulm
Von Kulm ging der Missionsfeldzug des Deutschen Ordens in Preußen aus. Im Jahre 1233 stellte er hier die sogenannte Kulmer Handfeste für die Städte Thorn und Kulm aus. Sie wurde zum Vorbild für die Stadtrechte in Preußen, und auch die Rechte von Bauern und anderen Landbesitzern lehnten sich an das in der Handfeste formulierte Recht an. Auf diese Weise wurde die Kulmer Urkunde zu einer Art preußischem Grundgesetz. In der Kulmer Altstadt, die beherrscht wird von dem 1567 bis 1572 erbauten Renaissancerathaus, wurde 1895 Kurt Schumacher geboren, der erste Nachkriegsvorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Oft wird spekuliert, wie sich die SPD und die Bundesrepublik entwickelt hätten, wenn dieser Vorsitzende nicht so früh verstorben wäre. Sehr wahrscheinlich hätte der Lastenausgleich für die Vertriebenen ganz anders ausgesehen.
Die Unterdrückung ethnischer, nationaler und religiöser Minderheiten gehörte seit den ersten fragilen friedenspolitischen Gehversuchen in Versailles und Saint Germain zur Tagesordnung, so daß Präsident Wilsons Friedensordnung zu einer Farce wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg galten die Deutschen in Ost- und Südosteuropa als Angehörige des Staatsvolkes, das den Krieg verloren hatte. Trotz des allseits proklamierten Selbstbestimmungsrechts der Völker nahm man in Versailles bei der Festlegung der neuen Staatsgrenzen wenig Rücksicht auf sie. Ihre Siedlungsgemeinschaften wurden zum Teil willkürlich auseinandergerissen. Als Minderheit mußten sie ihre Eigenständigkeit gegen die nationalstaatlichen Ambitionen der jeweiligen Staatsvölker verteidigen. Da die Agrar- und Schulgesetze nach 1918 fast überall gegen die deutsche Minderheit gerichtet waren, bargen sie nicht nur sozialen, sondern auch nationalen Sprengstoff. Kleinliche Schikanen der Behörden waren an der Tagesordnung. Die Deutschen wehrten sich dagegen durch Zusammenschluß ihrer Siedlungsgemeinschaften innerhalb der jeweiligen Staaten und durch gemeinsame Aktionen der europäischen Minderheiten im Rahmen des Völkerbundes, doch es gelang ihnen nicht, wesentliche Verbesserungen durchzusetzen.
Die wachsende Unzufriedenheit mit den bestehenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen hatte zur Folge, daß unter den bis dahin weitgehend liberal-konservativen oder apolitischen Deutschen außerhalb der Reichsgrenzen radikal-nationalistische Bewegungen Fuß faßten. Diese gerieten nach 1933 zunehmend in den Sog der nationalsozialistischen »Volkstums- und Grenzlandpolitik« – mit verheerenden Konsequenzen: Infolge des von Deutschland ausgehenden Zweiten Weltkriegs und des nationalistischen Wahns wurden die Deutschen – sofern sie nicht bereits geflohen waren – aus den Ostgebieten sowie aus den alten Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa vertrieben. 14 Millionen Menschen verloren ihre Heimat.

Der Exodus der Deutschen aus dem Osten
Flucht, Vertreibung, Zwangsausweisung
Der vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg hat rund 60 Millionen Menschen – Soldaten und Zivilisten – das Leben gekostet. Unter den Toten waren über 25 Millionen Sowjetbürger sowie 6 Millionen Juden, die Opfer des industriellen Massenmords in den deutschen Vernichtungslagern oder der Mordaktionen von Polizeibataillonen des SD und der SS in Osteuropa wurden. Auch Polen hat unter der NS-Besatzungs- und Germanisierungspolitik schwer gelitten. Diese Politik der Gewalt, die in den totalen Vernichtungskrieg mündete, kehrte sich schließlich gegen die Deutschen selbst. Es setzte die Vertreibung ein: der Deutschen aus dem östlichen Europa, der Finnen aus Karelien, der Polen aus den ostpolnischen Gebieten, der Ungarn aus der Slowakei und der Italiener aus Istrien. Begonnen hatte das verbrecherische Treiben schon während des Krieges mit den Zwangsdeportationen von Krimtataren, Tschetschenen, Wolgadeutschen und Einwohnern der baltischen Staaten innerhalb der Sowjetunion, den Zwangsumsiedlungen von Polen aus dem seit 1939 besetzten Westpolen in das Generalgouvernement und der Vertreibung, Deportation und Vernichtung der europäischen Juden.1
Der sich über mehrere Jahre hinziehende Prozeß von Flucht und Vertreibung der Deutschen kann in drei Phasen unterteilt werden. Er nahm je nach Gebiet, aus dem sie vertrieben wurden, verschiedene Formen an. Hier zu unterscheiden ist wichtig, denn nicht nur der Zeitpunkt von Flucht und Vertreibung, auch das Herkunftsgebiet – etwa in exponierter Lage weit im Osten – wirkte sich auf das Schicksal der Vertriebenen aus.
Der Exodus begann mit der Flucht vor der Sowjetarmee, es folgten sogenannte wilde Vertreibungen durch polnische und tschechoslowakische Machthaber, die vor Beginn der Grenzverhandlungen Fakten schaffen wollten; am Ende stand die vertraglich festgelegte Vertreibung nach dem Potsdamer Abkommen.
Im Juli 1944 wurden die Bewohner des Memellandes hinter die Memel evakuiert, im Oktober zogen die ersten sowjetischen Truppen in Ostpreußen ein. Trotz des ausdrücklichen Verbots von Gauleiter Erich Koch machten die Zivilisten sich nun auf den Weg nach Westen, vor allem als die Schreckensmeldungen von Nemmersdorf, das am 21. Oktober 1944 nach sowjetischer Besetzung noch einmal von der deutschen Wehrmacht zurückerobert werden konnte, die Runde machten. Die von der NS-Propaganda veröffentlichten Bilder des Grauens lösten eine Massenpanik unter der ostpreußischen Zivilbevölkerung aus. Mit der daraufhin einsetzenden Fluchtwelle aus Ostpreußen begann der große Exodus.
Noch weit mehr Menschen setzten sich in Bewegung, als die Sowjetarmee Mitte Januar 1945 in einer Großoffensive über die Weichsel nach Westen vorstieß. Rund 4 bis 5 Millionen flüchteten aus Danzig, Ost- und Westpreußen, Ober- und Niederschlesien, Hinterpommern und Ostbrandenburg. Hunderttausende starben an Entkräftung und Kälte, ertranken in der Ostsee, verbluteten nach sowjetischen und anglo-amerikanischen Bombenangriffen oder wurden von der Front überrollt und von sowjetischen Soldaten vergewaltigt.
Ein wichtiger Chronist der Ereignisse ist Lew Kopelew, der 1945 als Offizier am Einmarsch der Sowjets in Ostpreußen beteiligt war und später wegen humaner Behandlung des Feindes nach Sibirien verbannt wurde. Der zeitlebens für Frieden und Menschlichkeit streitende russische Schriftsteller und Bürgerrechtler hat sich damals gefragt: »Warum müssen Polen und wir uns Ostpreußen, Pommern, Schlesien nehmen? Lenin hatte seinerzeit schon den Versailler Vertrag abgelehnt, aber dies war schlimmer als Versailles. In den Zeitungen, im Radio riefen wir auf zur heiligen Rache. Aber was für Rächer waren das, und an wem haben sie sich gerächt?«2
Im Frühjahr 1945 dachte kaum einer der Flüchtenden, daß er die Heimat nie wiedersehen würde. Vor allem viele Reichsdeutsche aus Schlesien, Ost- und Westpreußen, Ostbrandenburg und Pommern warteten nur auf das Ende der Kampfhandlungen und machten sich dann unverzüglich auf den Heimweg. Allein nach Breslau kehrten Zehntausende zurück, insgesamt waren es über eine Million Flüchtlinge. Auch wenn die Heimkehr mit vielen Gefahren verbunden war, zogen sie dieses Risiko der Flucht ins Ungewisse vor.
Nach der Kapitulation strömten auch aus der Sowjetischen Besatzungszone und den deutschböhmischen Gebieten Flüchtlinge zurück in ihre Heimat, weil niemand wußte, wohin mit ihnen. Sowjetische Ortskommandanten in der SBZ, die infolge Nachschubmangels nicht einmal ihre Truppen versorgen konnten, wiesen die Flüchtlinge häufig ab. Man entledigte sich ihrer, indem man sie auf eine Irrfahrt ins Ungewisse schickte. Das lief aber den polnischen Anstrengungen zuwider, die Deutschen in den »wiedergewonnenen Gebieten« loszuwerden, und so sperrten polnische Kommandos Ende Mai 1945 die Oder- und Neißebrücken zunächst vorübergehend und von Juli an endgültig. Schon nach kurzer Zeit stauten sich auf dem Westufer der Flüsse die Massen, die in den Osten zurückkehren wollten, während auf dem Ostufer jene ausharrten, die von dort abgeschoben wurden.
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Deutsche Juden waren die ersten, die aus Deutschland vertrieben wurden, und zwar nicht durch die Sieger, sondern durch ihre Landsleute.Breslauer, die sich nach Israel retten konnten, haben dort den Verband ehemaliger Breslauer gegründet und erinnern in einer deutschsprachigen Publikation bis heute an die Heimat, die sie unter den Nationalsozialisten verloren haben. In Breslau befand sich eine der wichtigsten jüdischen Gemeinden Deutschlands. Während man in der Bundesrepublik gern von »Wrocław« spricht, erinnert man in Israel ganz selbstverständlich an die reiche deutsch-jüdische Vergangenheit der Hauptstadt Schlesiens. Unter den 1938 aus Breslau verjagten Juden war auch der Historiker Fritz Stern, der 1995 in einem Vortrag bekannte: »In einem Interview gefragt: ›Was fällt Ihnen bei dem Wort Heimat ein?‹, gab ich die mich völlig überraschende sofortige Antwort: ›Heimatlos‹.«
Bis es zu diesem Stau kam, waren schon etwa 400 000 Flüchtlinge aus der SBZ in ihre Heimat zurückgekehrt, die Hälfte davon nach Schlesien. Weitere 800 000 Schlesier kamen bis Ende Juni aus dem Sudetenland zurück. Das bedeutete, daß von knapp 10 Millionen Einwohnern aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße rund 7,5 Millionen bis in den Mai 1945 hinein vor der Sowjetarmee flohen, danach aber machten sich 1,5 Millionen auf den Rückweg. Von der Entvölkerung besonders betroffen war Ostpreußen, dessen Population von 2,65 Millionen auf 800 000 sank, während die anderen Gebiete immerhin die Hälfte der Bewohner behielten, Schlesien zum Beispiel 2,5 von knapp 5 Millionen Ende 1944.
 

In den Ländern Ostmitteleuropas und bei den alliierten Siegermächten war bereits sehr früh die Entscheidung gefallen, die Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße zu vertreiben. Während der ersten Kriegskonferenz Ende November 1943 in Teheran verständigten sich Roosevelt, Churchill und Stalin darauf, daß die sowjetisch-polnische Nachkriegsgrenze längs der Curzon-Linie verlaufen solle, wo sie bereits nach dem Ersten Weltkrieg gezogen worden war, bevor Polen sie 1921 nach dem Polnisch-Sowjetischen Krieg weit nach Osten verschoben hatte.
Spätestens seit der Konferenz von Teheran war Churchill und Roosevelt klar, daß Stalin die polnischen Ostgebiete bis hin zur Curzon-Linie, die Hitler ihm im Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 zugesprochen hatte, zu behalten gedachte. Daß Polen für die Verluste im Osten entschädigt werden sollte, indem es entsprechend nach Westen verschoben wurde, war damit im Prinzip beschlossene Sache.
Bei ihrer Zusammenkunft in Jalta im Februar 1945 bestätigten die drei Regierungschefs die Curzon-Linie als polnische Ostgrenze und faßten als Westgrenze die Oder-Neiße-Linie ins Auge. Polen wurde im Osten eine Fläche von 180 000 Quadratkilometern mit einer ethnisch mehrheitlich nichtpolnischen, national gemischten Bevölkerung – allerdings inklusive der großen polnischen Kulturmetropolen Lemberg und Wilna – zugunsten der Sowjetunion genommen; dafür wurden dem Land im Westen 103 000 Quadratkilometer mit fast rein deutscher Bevölkerung – inklusive der bedeutenden Städte Stettin, Breslau und Danzig – zu Lasten Deutschlands zugesprochen.
Während der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 einigten sich die Siegermächte sowohl auf die vorläufigen Grenzziehungen bis zum Abschluß eines Friedensvertrages als auch auf die Massenausweisung der Deutschen aus dem sowjetischen Vorfeld in Polen, in der Tschechoslowakei und in Ungarn. Im Artikel XIII des Potsdamer Protokolls legten sie fest: »Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll.«3
Als Vorbild für die zwangsweise Massenaussiedlung diente den Westmächten der im Vertrag von Lausanne 1923 sanktionierte griechisch-türkische »Bevölkerungsaustausch«, der trotz der Härten für die Betroffenen als Erfolg galt. Der Entscheidung lag die Hoffnung zugrunde, daß durch die »Entmischung« historisch gewachsener Gemeinschaften in Ostmittel- und Südosteuropa und die Schaffung ethnisch homogener Staaten schwelende Minderheitenkonflikte beseitigt und damit der Frieden in diesen Regionen gesichert werden könne. Eine Rolle spielte auch, daß die Nationalsozialisten selbst 1939/40 großangelegte Aus- und Umsiedlungsaktionen in Osteuropa durchgeführt hatten. Churchill machte keinen Hehl daraus, daß »reiner Tisch« mit den Deutschen gemacht werden müsse. Aus seiner Sicht war die Massenvertreibung eine unschöne, aber unvermeidliche Begleiterscheinung der Neuordnung Europas nach 1945.
Im Artikel XIII verständigten sich die Alliierten zudem darauf, daß der gemeinsame Kontrollrat als höchste Regierungsinstanz in Deutschland die »gerechte Verteilung dieser Deutschen auf die einzelnen Besatzungszonen« zu prüfen habe, darüber hinaus sollte er über den Umfang bereits erfolgter »Überführungen« berichten und eine Schätzung zu Zeitplan und Ausmaß weiterer Transporte vorlegen. Die polnische und die tschechoslowakische Regierung sowie der Alliierte Kontrollrat in Ungarn wurden ersucht, »inzwischen weitere Ausweisungen der deutschen Bevölkerung einzustellen, bis die betroffenen Regierungen die Berichte ihrer Vertreter an den Kontrollausschuß geprüft haben«.4 Die USA und Großbritannien erklärten sich damit einverstanden, daß die deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße unter polnische und das nördliche Ostpreußen unter sowjetische Verwaltung gestellt wurden. Die endgültige Regelung der Grenzfrage sollte einer Friedenskonferenz vorbehalten sein.
Die Nationalsozialisten hatten Rassismus und Nationalismus gesät, jetzt traf Deutschland die Rache der Opfer. Alle einst vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten mittel- und osteuropäischen Staaten haben in der Vertreibung der Deutschen eine Vergeltung für das Unrecht des NS-Regimes gesehen, doch die Vertreibung und die Errichtung einer polnischen Administration in den deutschen Ostgebieten gingen, so bemerkte schon Martin Broszat, »über die Liquidierung der Herrschaft des Dritten Reiches weit hinaus«.5 Man wollte unumkehrbare Fakten schaffen, bevor die (west-)alliierte Bereitschaft zur Vertreibung nachließ. Bereits vor der Potsdamer Konferenz wurden 450 000 Deutsche aus der Tschechoslowakei und ebensoviele aus dem polnischen Machtbereich vertrieben. Das war die erste Phase der Vertreibung.
 

Die »wilden« Vertreibungen durch Polen setzten am 20. Juni 1945 ein und dauerten ungefähr einen Monat. Die nicht unvorbereitete Armee veranstaltete Razzien und ließ die Menschen, die ihr dabei ins Netz gingen, den Weg bis zur Oder zu Fuß zurücklegen; selbst für Kranke gab es keine Transportmittel. Aufgrund des Einspruchs sowjetischer Militärs und polnischer Behörden, welche die Deutschen als Arbeitskräfte benötigten, wurden die Aktionen jedoch Mitte Juli gestoppt.
Am 21. November 1945 beschloß der Alliierte Kontrollrat, die im nördlichen Ostpreußen, in den polnisch besetzten Gebieten, in der Tschechoslowakei und in Ungarn verbliebenen Deutschen auszuweisen und nach Deutschland abzuschieben. Von den 6,65 Millionen Menschen sollten 2,75 Millionen in der sowjetischen, weitere 2,25 Millionen in der amerikanischen, 1,5 Millionen in der britischen und 150 000 in der französischen Zone aufgenommen werden. Nach Berechnungen der Alliierten mußten in den vier Besatzungszonen knapp 15 Millionen Neubürger versorgt und integriert werden, und zwar vor allem in ländlichen Gebieten. Die Bevölkerung Schleswig-Holsteins stieg damals um 73,1, die Niedersachsens um 51,9 und die Bayerns um 32,7 Prozent.
Die Alliierten hatten zwar vertraglich vereinbart, daß die »Überführung« der Deutschen »in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen« solle, doch davon konnte unter den herrschenden Verhältnissen keine Rede sein. Nach einer Anweisung des polnischen Ministeriums für öffentliche Verwaltung vom Juni 1945 war die »freiwillige Ausreise« zu fördern, und zwar indem man die Deutschen so lange drangsalierte, bis auch die »hartnäckigsten Feinde des Polentums den Mut verlieren«, in Polen zu bleiben. Probate Mittel waren Enteignung, unzureichende Versorgung, Verweigerung von ärztlicher Behandlung, Ausschluß der Kinder vom Schulbesuch, die Beseitigung der »Spuren des Deutschtums« und die Duldung von Diebstählen und Vergewaltigungen, wenn die Opfer Deutsche waren. Unter diesen Umständen verließen annähernd 550 000 Deutsche Polen bis Ende 1945 »freiwillig«. Noch in den Zügen wurden sie ausgeraubt.
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