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Wopila waste win

 

(Widmung des Autors in der Sprache der Lakota)

 

 

 

 

Hunde verstehen mit dem
Rudelkonzept

 

 

von Uli Köppel

 

 

 

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Impressum

Copyright © 2007/2010 by Cadmos Verlag, Schwarzenbek

Gestaltung und Satz der Originalausgabe: Ravenstein + Partner, Verden

Titelfoto: Köppel

Fotos: Uli Köppel, Thomas Brodmann, Christiane Krieger

Lektorat: Dorothee Dahl

E-Book: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

Deutsche Nationalbibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

 

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

 

Printed in Germany

ISBN 978-3-86127-796-5

 

eISBN 978-3-84046-010-4

 

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PROLOG

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(Foto: Köppel)

PROLOG

Der Mensch und sein Hund - Inbegriff von Freundschaft, Treue und Vertrauen? Oder: Der Mensch und sein Hund - Inbegriff von Brutalität, Martyrium und Unterdrückung?

Kein anderes Tier lebt seit Jahrtausenden so eng und innig mit dem Menschen zusammen. Kein anderes Tier wird so vergöttert und geliebt, so gehasst und oft gestiefelt wie der Hund. Vielleicht, weil er uns so nahe ist und weil man vom Hund auch immer Rückschlüsse auf seinen Menschen ziehen kann? Vielleicht ist aber auch seine Herkunft daran schuld, sein Stammvater, der Wolf, um den sich ja seit jeher zahllose Mythen und Märchen ranken - von Gut bis Böse, vom Kinderfresser bis hin zum heiligen Tier.

Um diese spezielle Beziehung zu verstehen, sollten wir einmal unsere Einstellung zur gesamten Natur betrachten. In früheren Zeiten gab es mehr Menschen, die sich als einen Teil der Natur sahen und mit ihr lebten. Sie brachten ihr den nötigen Respekt entgegen, da sie wussten, dass sie ohne die Natur nicht überlebensfähig waren. Dies galt für alle Bereiche, ob Boden, Wasser oder das gesamte Tierreich. Man holte sich sogar Rat aus der Natur, vor allem von den Tieren. Viele Völker sehen bis zum heutigen Tag gewisse Tiere als heilig an.

Doch je mehr der technische Fortschritt und die Urbanisierung zunahmen, desto weniger orientierten sich die Menschen an der Natur. Und je mehr die intellektuelle „Aufklärung“ um sich griff, nach der man nur glaubte, was man „sehen“, messen und wiegen kann, desto mehr ging das spirituelle und naive (im Sinne von ehrlicher Einfachheit) Erbe und damit auch das intuitive Wissen über die Tiere verloren. Früher wusste man, dass man es beim Hund mit einem Raubtier, einem Beutegreifer zu tun hat, den man auch als solchen behandeln muss. Heutzutage muss er oftmals vom Sport- und Gebrauchsgegenstand bis hin zum Kind- und Partnerersatz alle möglichen Defizite abdecken.

Wir müssen wieder zurück zu den Wurzeln, müssen unsere Hunde als Hunde ansehen und als nichts anderes. Sie sehen, wie sie sind: emotional, sozial und intellektuell hoch entwickelt, aber auf ihre Art bezogen. Und wir müssen aufhören, sie per Instrumentalisierung „auszubilden“ und sie damit zu verdummen! Beziehungstraining ist viel mehr als eine Ansammlung von Methoden und Techniken, um einen Hund zu dressieren. Es ist eine innere Haltung, die Bereitschaft, mit einem hoch sozialen Tier eine neue kommunikative Ebene zu betreten. Der Hund muss erkennen können, dass wir seine Sprache und seine Bedürfnisse als Rudeltier verstehen, und dass er in diesem gemischten Rudel bei uns zweibeinigen Nicht-Artgenossen gut aufgehoben ist. Dann erhält der erste Satz dieses Prologs ein Ausrufezeichen statt eines Fragezeichens!

 

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Schon im Welpenalter sollte man damit beginnen, Hunde wie Hunde zu behandeln und zu ihnen eine artgerechte Beziehung aufzubauen. (Foto: Köppel)

Der Mensch in der Verantwortung

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(Foto: Köppel)

Der Mensch in der Verantwortung

Sieht man sich die „Hundeszene“ unserer Tage an, fällt auf, dass sie immer unüberschaubarer und verwirrender wird. Fast jeden Tag erscheint ein neues Hundebuch - selbstverständlich mit einer revolutionären Methode, die ausschließlich auf „fundierten Lerntheorien“ basiert. Auch wenn die meisten dieser „neuen Methoden“ alte Hüte sind, wen interessiert es? Peppig aufgemacht und von „Hundetrainern“ propagiert, die mit Sicherheit vor allem gute Eigenvermarkter sind, wurde schon so manches dieser Bücher zum Bestseller gemacht. Aber schon beim ersten kritischen Nachfragen stellt man fest, dass sich die jeweiligen Hundeerziehungsstile untereinander komplett widersprechen. In diesem Wirrwarr soll man sich nun als Hundebesitzer, der nur das Beste für sich und seinen Hund will, zurechtfinden!

Nun vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine Schlagzeile über eine Beißattacke oder ein anderes negatives Ereignis bezüglich einer Mensch-Hund-Beziehung in der Presse steht. Ganz zu schweigen von den Hunden, die „nur spielen“ wollen und Sie als Jogger, Radfahrer oder Wanderer anspringen, unsicher ankläffen oder sogar ein Schnäppchen in Ihrem Allerwertesten sehen.

Als Erstes gilt: Ein Hund, egal ob groß oder klein, darf niemals zu einer Gefahr für den Menschen werden. Da geht es nicht nur um Beißattacken. Gefährlich wird es schon, wenn Ihr Hund Sie nicht in vollem Umfang als Rudelchef anerkennt, er also nicht jederzeit kontrollierbar ist. Ein solcher Hund bestimmt ausschließlich selbst, was er im nächsten Moment tun will. Da genügt es, wenn er „nur“ zu seinem Hundefreund läuft und dabei eine Straße überqueren muss - schon besteht höchste Unfallgefahr. Das ist nur ein Beispiel unter vielen... Dabei sollte der Hund doch unser Freund und Partner sein, der uns auf allen unseren Wegen begleiten soll! Das kann er aber nur, wenn aus seiner Sicht in seinem Rudel alles in Ordnung ist.

Innerartliche Erziehung im Rudel

Die Ursache, warum es so viele unerzogene Hunde gibt, obwohl zugleich immer mehr Hundeschulen aus dem Boden sprießen, liegt ganz einfach darin, dass man gern vergisst, dass am anderen Ende der Leine ein Raubtier hängt. Und dass man mit diesem Beutegreifer der Gattung Canidae, wie der Hund wissenschaftlich heißt, eben auch so umgehen muss, wie dies innerartlich bei der Erziehung geschieht. Die Methoden, die das Rudel dabei anwendet, heißen:

• erzieherisches Spiel

• artgerechte Disziplinierung

• Tabuisierung

• wohlwollende Konsequenz

 

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Hunde leben in einem hoch sozialen Familien- und Erziehungssystem. Tun wir es dem Hundepapa gleich, damit ein harmonisches Miteinander von Hund und Mensch entstehen kann! (Foto: Köppel)

 

Bei der artgerechten Hundeerziehung brauchen wir also keine Ausbildung über Instrumentalisierungen, sondern eine emotionale Beziehung, die auf diesen vier Grundelementen basiert. Egal, ob Sie einen Welpen erziehen oder bereits einen älteren Hund haben -nur wenn Sie die Verantwortung übernehmen, wie ein Hund zu denken und zu handeln, werden Sie eine artgerechte Beziehung aufbauen können, die auf den Grundlagen fußt, die der Hund von uns verlangt und somit auch versteht. Und deshalb sollte sich jeder Hundehalter, und jeder, der es werden will, seiner Verantwortung bewusst sein.

Warum will ich eigentlich einen Hund?

Zugegeben, eine selbstkritische Frage: Warum will ich eigentlich einen Hund? Oder, anders gefragt, wer ist überhaupt geeignet für diese verantwortungsvolle Aufgabe? Nur derjenige, der sicher ist, dass er weder ein Designerstück zur Komplettierung seines schicken Heimes und seiner Vorzeigefamilie anschaffen möchte (unter Umständen sogar ein teures Modell der angesagten Modehunderasse, ganz egal, ob sie dafür geeignet ist) noch ein „Tüttelobjekt“ braucht, das ungeachtet seiner Bedürfnisse mit neurotischer „Fürsorge“ überfüttert und verzogen wird. Stellen Sie sich also diese Frage genauso ernsthaft wie die, welcher Hund in welcher Größe und Form wirklich zu Ihnen, Ihrer Familie, Ihrer Wohnung und Ihrer Erfahrung passt.

Der richtige Zeitpunkt, einen Welpen bei sich aufzunehmen

Weiter geht es mit der Überlegung, wann der beste Zeitpunkt ist, den Welpen vom Züchter abzuholen. Es gibt immer mehr Züchter, vor allem größerer Rassen, die ihre Welpen generell erst mit der zwölften Woche abgeben. Das Argument ist, dass die Jungen noch die Sozialisierungsphase in der achten bis zwölften Lebenswoche bei der Mutter und in der vertrauten Umgebung verbringen sollen. So könnten sie den jetzt erwachenden Spiel- und Bewegungsdrang in der Geschwisterhorde ausleben und kämen dann reifer in ihr neues Zuhause.

 

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Holen Sie bitte Ihren Welpen mit acht Wochen vom Züchter ab, um die so wichtige Sozialisierungsphase für Ihre Erziehung optimal nutzen zu können. (Foto: Köppel)

 

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In der Sozialisierungsphase lernt der Hund, dass es besser ist, mit anderen Lebewesen zu interagieren als egoistisch zu handeln. (Foto: Köppel)

 

Betrachtet man dies allerdings aus verhaltensbiologischer Sicht, kommt man zu einem anderen Schluss. Im Rudel gibt die Mutterhündin um die achte Woche klipp und klar die Welpen an den Vater ab. Die Welpen akzeptieren diese Umstellung schnell und gut, was man deutlich daran erkennen kann, dass sie nunmehr freudig dem Vater und nicht mehr der Mutter hinterherlaufen, obwohl diese doch weiterhin ihre primäre Nahrungsquelle ist. Da die meisten Züchter keinen Rüden oder gar den Vaterrüden bei sich halten, entfällt dieser natürliche Vorgang, und die Mutter muss die Rolle des Vaters übernehmen, was sie kann, wenn sie denn muss. Die Welpen binden sich also in diesem neuen Entwicklungsabschnitt erneut an die Mutterhündin, obwohl sie von der Biologie her darauf ausgerichtet sind, ihn mit einer neuen Bezugsperson zu erleben. Nun kommt die zwölfte Woche, und sie werden in die Hände des neuen Besitzers gegeben. Dass dieser Vorgang einen tiefen Einschnitt in die Hundeseele darstellt, kann man sich gut vorstellen, wenn man an die natürlichen Abläufe denkt.

Fazit: Von Natur aus sind die Hunde auf eine Trennung in der achten Lebenswoche vorbereitet, und auch ihr Nervensystem hält in dieser Zeit sinnvollerweise den meisten Stress aus. Dieser Zeitpunkt ist daher deutlich besser für den Wechsel ins neue Heim!

Das zweite wichtige Argument dafür ist, dass zwischen der achten und zwölften Lebenswoche die sogenannte Sozialisierungsphase stattfindet. Hier möchte ich auch gleich noch mit einem weit verbreiteten Missverständnis aufräumen: „Sozialisierungsphase“ heißt nicht, dass man die Welpen jetzt immer mit neuen und unbekannten Eindrücken und Sinnesreizen konfrontieren muss, wie es in vielen Welpenschulen heißt. Nein, primär dient sie im Rudel dazu, den Welpen den Übergang in ein soziales Leben zu vermitteln. Und dabei spielt der Vaterrüde die zentrale Rolle. Er zeigt seinen Zöglingen durch artgerechtes Spiel, dass Miteinander und soziale Zusammenarbeit Spaß und Lustgewinn bieten und zu einem gemeinsamen Erfolgserlebnis führen. Das ist die elementare Basis dafür, dass das Rudel erfolgreich in der rauen Natur bestehen kann. Bei einem Besitzerwechsel zu diesem Zeitpunkt tritt nun also der Mensch als wichtigste Persönlichkeit anstelle des Vaterrüden in das Leben des Welpen. Wenn wir von Anfang an alles richtig machen wollen, nehmen wir diese Stelle mit Haut und Haaren an und erweisen uns als hundertprozentig zuverlässiger „Hundevater"! Der Welpe gibt uns jetzt sein Vertrauen, das wir auf keinen Fall dadurch enttäuschen sollten, dass wir nicht auf seine Bedürfnisse eingehen. Wir bieten ihm also das, was er vom Altrüden auch erwarten würde: das erzieherische Spiel! Wie das genau abläuft, werden wir später noch behandeln. Zunächst betrachten wir erst noch einmal, wie ein Hund eigentlich denkt.