Über die Autoren

Michael Fuchs-Gamböck, Jahrgang 1965, arbeitet als freier Musikjournalist für Playboy, Cosmopolitan, Musik Express, Marie Claire, Hammer und Focus. Er hat viele Musikbiografien veröffentlicht und ist für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden.

Thorsten Schatz, Jahrgang 1968, ist freier Musikjournalist und Autor und schreibt für verschiedene Musikmagazine und Tageszeitungen wie German Times, das Jazzpodium oder tonart. Er hat erfolgreich zahlreiche Musikbiografien veröffentlicht.

Michael Fuchs-Gamböck / Thorsten Schatz

Unheilig

Der Graf und seine Welt

BASTEI ENTERTAINMENT

Inhalt

Über die Autoren

Einleitung
Ein unheiliger Graf: Deutschlands wahrer Superstar

  1. Einfach stark: »Bei jedem Konzert 200 %«
  2. Ich gehöre mir: Die Anfänge des Grafen
  3. Vorhang auf: Der Schritt zum Musiker
  4. Sage ja: Ankunft in der Schwarzen Szene
  5. Auf Kurs: Der Graf etabliert Unheilig als Solo-Projekt
  6. Lampenfieber: Der Durchbruch mit Puppenspiel
  7. Wie Phönix aus der Asche: Absturz und Neuanfang
  8. Gib mir mehr: Auf dem Sprung zum großen Erfolg
  9. Große Freiheit: Öffnung für den Mainstream und die darauf folgende Kritik
  10. Goldene Zeiten: Der Graf als Megastar
  11. An deiner Seite: Das Phänomen Unheilig
  12. Für immer: Die Bedeutung der Unheilig-Texte
  13. Geboren, um zu leben: Die Hilfsorganisation »Die Grafschaft«
  14. Neuland: Die Zukunft

Anhang

Danksagung

Einleitung
Ein unheiliger Graf: Deutschlands wahrer Superstar

Unheilig«. »Der Graf«. Mysteriöse Namen für eine Band und ihren Frontmann, zumindest für den durchschnittlichen Pop-Konsumenten. Und doch sind diese geheimnisvollen Namen seit dem Frühjahr 2010 nicht mehr wegzudenken aus der deutschsprachigen Musikszene.

Am 19. Februar 2010 kam das siebte Unheilig-Studioalbum namens Große Freiheit in den Handel, das neue Werk einer Formation, die zum damaligen Zeitpunkt bereits zehn Jahre existierte, bis dato aber beinahe ausschließlich in der Gothic-Szene ein Begriff war.

Eben jener schillernden Subkultur entstammt Unheilig, ihr fühlt sich die Band auch nach wie vor eng verbunden, wie der Graf in zahlreichen Interviews der jüngeren Zeit immer wieder betont hat. Noch zu Beginn des Jahres 2010 war der Sänger dank seines markanten Äußeren mit kahl geschorenem Kopf, üppigem Backenbart sowie Gehrock, schwarzer Krawatte und blütenweißem Hemd einer der bekanntesten Protagonisten der Gothic-Szene. Und mit einem Mal dann dieser gewaltige Erfolg in der breiten Öffentlichkeit! Beinahe über Nacht war aus dem Grafen und Unheilig nach Veröffentlichung von »Große Freiheit« ein Massenphänomen geworden. Ihre Songs wurden in Dauerrotation im Radio gespielt, ihre Plattenverkäufe knackten die Millionen-Marke.

Und mehr noch: Die erfolgreichste Band des Jahres 2010 in Deutschland hieß natürlich Unheilig; Große Freiheit wiederum schrieb nationale Charts-Geschichte, als sich die Platte insgesamt 23 (!) Wochen auf dem Spitzenplatz der offiziellen Hitparade hielt. Ein einmaliger Rekord, denn damit entthronte Unheilig Deutschrock-Ikone Herbert Grönemeyer, der sich bis dahin dank seines 1988 veröffentlichten Albums Ö mit 14 Wochen am längsten auf der Nummer 1 gehalten hatte. Mehr als 1,5 Millionen CDs wurden von Große Freiheit bis zum Sommer 2011 unters Volk gebracht. Und ein Ende der Unheilig-Euphorie ist nicht in Sicht.

Der Grund dieser Begeisterung für den Grafen und seine Band liegt vor allem in der aufwühlenden Emotionalität der Unheilig-Lieder. Mit ihnen sprechen sie Themen und Gefühle an, welche die Menschen in existenzieller Weise beschäftigen, da sie um Themen wie Tod, Liebe, Freundschaft, die Suche nach dem eigenen Weg, Hoffnung und Hilfsbereitschaft kreisen. Sie zu ergründen, ist für jeden, der sich mit dem Grafen und seiner Band beschäftigt, unverzichtbar und mehr als lohnend, wenn man das Phänomen Unheilig verstehen möchte.

Darüber hinaus gelingt es dem Grafen mit seinen Songs wie keinem anderen, dem Einzelnen Mut zu machen und ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln, etwas, das dem Sänger sehr wichtig ist: »Letztlich versuche ich immer, das Positive zu sehen. Entsprechend findet sich in jedem meiner Lieder etwas Positives, damit die Menschen sich etwas daraus ziehen können – sei es ein Lächeln oder ein kleiner Hoffnungsschimmer. Ich denke, dafür gibt es in der heutigen Zeit eine Menge Bedarf.«

Doch wer verbirgt sich eigentlich hinter diesem außergewöhnlichen Magier der Sprache und der Musik? Wer ist der Mann, der die Menschen dermaßen fasziniert und verzaubert und der inzwischen ganz oben im Pop-Olymp angekommen ist?

Diese Biografie versucht darauf Antworten zu geben und wagt den Schritt in die geheimnisvolle Welt des Grafen – ein Schritt, der hilft, ihn, seine Lieder und Botschaften, letztlich das Phänomen Unheilig besser zu verstehen.

Wir begleiten den Grafen auf seinem Lebensweg, der in seiner Heimatstadt Aachen beginnt, wo ihm als Kind ein rätselhaftes, nie aufgeklärtes schreckliches Erlebnis widerfuhr, das ihn dazu bewegte, die Musik für sich zu entdecken. Denn er wollte nach diesem Ereignis nicht mehr sprechen, bis er herausfand, dass er seine Gefühle mit Liedern ausdrücken konnte, dass Musik seine Sprache war.

Während er heranwuchs, waren die Faszination für die Welt der Töne und sein Bedürfnis, zu komponieren und Texte zu schreiben, so stark, dass er vielen Widerständen und Zweifeln an sich und der Welt trotzte: Nicht zuletzt kämpfte er innerlich mit der Frage, ob er sich für die Musik entscheiden oder nicht doch lieber einen zukunftssichernden »bürgerlichen« Beruf ergreifen und kein professioneller Musiker werden sollte. Das Desinteresse der Musikindustrie an seinen frühen Werken vergrößerte seine Unsicherheit noch.

Dann aber gründete der Graf Unheilig. Er zog mit seinen Songs hinaus in die Pop-Welt und wurde zunächst von der Gothic-Szene begeistert aufgenommen. Der Graf fühlte – und fühlt – sich dort zu Hause und suchte die Nähe der Menschen in dieser bemerkenswerten Underground-Kultur.

Damals wie heute sind sie ihm als seine Fans wichtig, weil er ihnen eine musikalische Heimat zu verdanken hat – und einen überwältigenden Zuspruch auch nach dem Erfolg, der einsetzte, als nach unermüdlichem Touren und nach etlichen erstklassigen Veröffentlichungen auch viele Musikfans außerhalb der Gothic-Szene Unheilig für sich entdeckten.

Ausgerechnet einige seiner alten Anhänger wandten sich jedoch auch genau wegen dieser Öffnung hin zum Mainstream von ihm ab. Sie meinten, der Graf – ihr einstiges Idol – verrate die Ideale der Szene und verkaufe sich.

Davon ließ sich der Aachener jedoch nicht beirren und machte weiter seine Musik: für Gothic-Rock-Fans wie für alle anderen Unheilig-Anhänger. Und von denen gab es bald dermaßen viele, dass der Graf den Sprung zum Star fast schon geschafft hatte, als ihn eine schwere Krankheit und zeitgleich der Tod eines nahen Freundes aus der Bahn warfen und fast zum Aufgeben zwangen.

Aber nur beinahe, denn seine Fans bedachten ihn mit so viel Zuspruch und aufmunternden Worten, dass sich der Graf wie Phönix aus der Asche erhob, wieder musikalisch aktiv wurde – und es dann bis zum Superstar des deutschen Pop brachte.

Allerdings wird man dem Grafen nicht gerecht, wenn man seinen Werdegang ausschließlich als Erfolgsstory sieht. Schließlich hat er neben seiner Musikkarriere ebenso bescheiden wie entschlossen seine Hilfsorganisation »Die Grafschaft« gegründet, die sich um notleidende Menschen kümmert. Darin zeigt sich einmal mehr, dass der Graf Botschaften vermitteln will, im realen Leben wie durch seine Songs.

Diese Biografie nähert sich behutsam einem außergewöhnlichen Musiker an, der mehr ist als ein extrem erfolgreicher Sänger, Komponist und Texter. Der Graf bewegt die Herzen, die Seelen der Menschen wie kein anderer deutscher Popstar der Gegenwart. Er ist einzigartig.

In den folgenden Kapiteln wird versucht, die Schleier um das Erfolgsrezept des Musikers und Menschen vorsichtig zu lüften und seine geheimnisvolle, zwischen Pathos und Authentizität oszillierende Persönlichkeit besser zu verstehen.

In diesem Sinne: Vorhang auf!

1

Einfach stark: »Bei jedem Konzert 200 %«

Die Tore der Augsburger Schwabenhalle werden für den Unheilig-Konzertabend am 20. Januar 2011 bereits um 17.30 Uhr geöffnet. Ungewöhnlich früh für ein Rockkonzert. Das liegt zum einen daran, dass auch die vielen Unheilig-Anhänger, die unter 14 Jahre alt sind, die Chance haben sollen, sich deren Auftritt anzusehen. Zum anderen hat das Charts-Wunder Unheilig zwei Vorgruppen ins Programm genommen, damit die Fans für die moderaten Eintrittspreise satte fünf Stunden Musik geboten bekommen: The Beauty Of Gemina und Apoptygma Berzerk, beide felsenfest in der Schwarzen Szene verankert.

Zu dieser Underground-Kultur hat man bis vor nicht allzu langer Zeit auch die damals vor allem Gothic-Rock spielende Band Unheilig um ihren charismatischen Frontmann, genannt der Graf, gezählt. Seit die Band jedoch im Februar 2010 mit ihrem Album Große Freiheit in den Charts den ganz großen Durchbruch schaffte, haben sich der Graf und seine Mitstreiter weit über die Schwarze Szene hinaus einen beeindruckenden Ruf erspielt.

Entsprechend ihrer großen Anziehungskraft auf die unterschiedlichsten Menschen ist die Zuhörerschaft an diesem Abend bunt gemischt: Da fällt das Auge auf zahlreiche in typisch dunkel-aristokratischer Art gekleidete Anhänger der Schwarzen Szene, daneben 40-, 50-jährige Fans gleichsam aus der »Mitte der Gesellschaft« und dazwischen wieder johlende Kids, die später jede Zeile des Textes mitsingen werden.

Als kurz vor halb neun der vierköpfige Hauptact ins Scheinwerferlicht tritt, sind überall auf der Bühne riesige flackernde Kerzen aufgestellt. Das Konzertgeschehen und gelegentliche Videoeinspielungen werden auf zwei überdimensionalen Leinwänden gezeigt. Ansonsten rückt eine eher spartanische Lightshow die nationalen Superstars des Jahres 2010 ins rechte Licht. Doch dieses Konzert lebt nur am Rande von solchen Äußerlichkeiten, denn im Mittelpunkt steht ganz klar eine Person: der Graf höchstselbst.

Der enigmatische Sänger, gewandet in einen eleganten dunklen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, wirkt auf der Bühne genauso sympathisch wie leidenschaftlich. Er fordert die Fans mit großer Geste zum Mitsingen auf. Die Mitglieder seiner Band sind großartig aufeinander eingespielt und sowohl bei den sensiblen Balladen wie bei Heavy-Rock-Stücken in großer Form. Derweilen breitet der Graf geradezu messianisch, völlig in seine Musik versunken, die Arme weit, weit aus. Er lebt in den Liedern, den Melodien, den Texten. An seiner Mimik ist jedes Gefühl abzulesen, sei es Schmerz, Leidenschaft, Zuversicht, Trauer. Auf der Bühne gibt sich der Graf als ebenso exaltierte wie bodenständige Persönlichkeit. Er trifft mit Liedern wie »Geboren, um zu leben«, »Große Freiheit«, »Astronaut« oder »An deiner Seite« textlich wie musikalisch das Lebensgefühl der unterschiedlichsten Alters- und Zielgruppen. Und trotz gelegentlich heftiger Gitarren-Einsätze auf die Hörerschaft ist der musikalische Eindruck niemals auch nur im Ansatz destruktiv. Bei aller Grübelei und allem Tiefsinn verströmen die Unheilig-Texte durchweg Optimismus. Während bei Rammstein, die in den härteren Songs immer wieder zitiert werden, Zynismus und Fatalismus vorherrschen, und sich bei Xavier Naidoo, an den man sich bei den Balladen erinnert fühlt, ein gewisser Hang zur Weltverbesserung zeigt, werden hier Hoffnung und Trost vermittelt.

In den Zwischenansagen dagegen kommt ein ganz anderer Graf zum Vorschein: Bevorzugt geht er selbstironisch mit seiner »dunklen« musikalischen Vergangenheit und auch mit seinem aktuellen Stellenwert als deutscher Megastar um. Er nimmt sich nicht zu ernst, ist aber allemal ein souveräner Live-Entertainer.

Jedenfalls haben sich der Graf und die Band, die noch ein Jahr vor dem Auftritt in Augsburg kaum über die Grenzen der Gothic-Szene hinaus ein Begriff waren, sowohl musikalisch als auch hinsichtlich ihres Images auf das neuerdings breite Spektrum ihres Publikums eingestellt.

Nach rund 90 Minuten geht der Auftritt zu Ende. Und tatsächlich, bei so viel geballter Emotion fließen nun bei etlichen Fans im Publikum mehr oder weniger verstohlen Tränen der Rührung. Und danach herrschen pure Begeisterung und Euphorie ob des mitreißenden Auftritts des Grafen und seiner Band, es gibt minutenlang donnernden Applaus, lautstarke Forderungen nach Zugaben, immer wieder Zwischenrufe. Wie schrieb doch ein Fan nach dem Besuch eines Konzertes im Kölner Palladium am 17. April 2010 über den Grafen so treffend im Internet: »Er gibt bei jedem Konzert 200 %.«

Der Gig in Augsburg war einer der letzten im Rahmen der Jubiläumstournee, die unter dem Titel »Große Freiheit II« stand und einem wahrhaftigen Triumphzug glich. Das Jubiläum war der Tatsache zu verdanken, dass Unheilig ihr zehnjähriges Bestehen feiern konnten.

Nur ein halbes Jahr zuvor, zwischen März und Mai 2010, hatten der Graf und Unheilig mit der ersten »Große Freiheit«-Tour selbst größere Hallen, die zwischen 5 000 und 7 000 Besucher fassten, im Sturm erobert. Rund 80 000 Kilometer Fahrtstrecke hatten er und seine Mitstreiter dabei zurückgelegt, und in jeder Stadt wurde die Band enthusiastisch empfangen. Hunderttausende alter wie neuer Fans huldigten dem neuen nationalen Superstar.

Nach Ende dieser beiden Tourneen war endgültig klar: Die immense Popularität von Unheilig hat ihre Ursache vor allem darin, dass diese Formation samt ihrem charismatischen Frontmann besonders live zu überzeugen weiß.

Die Fans brachten Unheilig bei jedem einzelnen der Konzerte eine gewaltige Welle an Sympathie entgegen. Und das mit gutem Grund, denn die Besucher wussten: Der Graf würde ihnen für zwei Stunden mit seinen Liedern aus der Seele sprechen und sie mit seiner Show exzellent unterhalten.

Dabei wurden diese höchst erfolgreichen Tourneen im Vorfeld speziell von des Grafen eigentlicher Fan-Klientel, der Schwarzen Szene, eher misstrauisch beäugt. Bei vielen Anhängern schlug dieses Misstrauen allerdings in Wohlwollen um, nachdem sie einen Gig besucht hatten. So auch bei Peter Eskriba, Autor des Szene-Magazins Zillo: »Was wurde im Vorfeld nicht alles geschrieben? Ausverkauf, Kommerz, Schlager – wer den Erfolg hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Doch was zählt, ist auf der Bühne – und da zählen Unheilig zum Besten, was die Musikszene derzeit zu bieten hat«, schwärmte dieser gleich zu Beginn seines Live-Berichts von den Stärken des Grafen und seiner Mitstreiter auf der Bühne.

Und im Stern berichtete Autor Tobias Schmitz im Herbst 2010 beinahe erstaunt: »Längst erinnern Unheilig-Konzerte an Andachten bei Kerzenschein: vorn eine Art Erlöserfigur, die nicht davor zurückschreckt, auf der Bühne vor Ergriffenheit hemmungslos zu weinen, hinten die Gläubigen, die sich von diesem Menschenfischer nur allzu gern einfangen lassen, lachend, weinend, mitsingend, einander umarmend. Sie lieben diesen Mann, weil er ihnen hilft, an sich selbst zu glauben, und ihrer eigenen Hemmung, Gefühle auszudrücken, eine Stimme gibt.«

Wie aber verwandelte sich ein gestandener Mann, der noch als Teenager extrem schüchtern war, in eine von Hunderttausenden verehrte Erlöserfigur?