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Band 38

Vortex

 

von Michael J. Parrish & Christian Montillon

 

© Zaubermond Verlag 2013

© "Torn – Wanderer der Zeit" by Michael J. Parrish

 

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der Autoren-

und Verlagsagentur Peter Molden, Köln.

 

Titelbild: Günther Nawrath

eBook-Erstellung: story2go | Die eBook-Manufaktur

 

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

Inhalt

 

Vortex

 

Was bisher geschah

 

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Epilog

 

Vorschau

Glossar

 

Story: Wandererhass

 

 

 

Was bisher geschah

 

Mein Name ist Torn.

Ich war der letzte der Wanderer.

Dies ist meine Geschichte ...

Der Elitesoldat Isaac Torn nimmt an einem Zeitreiseexperiment teil und stößt damit unwissentlich das Tor zum Subdaemonium auf, wodurch das Heer der dämonischen Grah'tak entfesselt wird und über die Welten der Sterblichen herfällt. Von den Lu'cen, den mächtigen Richtern der Zeit, kann der Untergang in letzter Sekunde abgewendet werden.

Als Wiedergutmachung wird Torn in ihre Dienste gestellt: Als Nachfolger der legendären Wanderer reist er durch Raum und Zeit, um gegen die verbliebenen Grah'tak zu kämpfen.

Ausgestattet mit einer Plasmarüstung, die ihre Gestalt wandeln kann und seinem Lux, dem Schwert des Lichts, ist es seine Mission, die Sterblichen zu beschützen – die Festung am Rande der Zeit wird dabei seine neue Heimat.

Doch Torn leidet unter der Einsamkeit, die ihm auferlegt wurde. Als er seiner Vergangenheit, die die Lu'cen aus seinem Gedächtnis löschten, näher kommt, bricht er das Gesetz der Wanderer: Er schont das Leben von Mathrigo, dem Herrscher der Grah'tak, um die Sterbliche Callista zu retten. Daraufhin verbannen ihn die Lu'cen aus der Festung, und eine gefährliche Odyssee durch Raum und Zeit beginnt ...

Die erste Station seines Exils führte Torn ins alte Rom, wo er sich auf die Suche nach dem alles vernichtenden Pal'rath begab. Seine nächste Mission führte Torn ins sagenumwobene Atlantis. Die Grah'tak versuchten, die letzte Kolonie der Wanderer zu vernichten. Mit Hilfe neuer Freunde und Verbündeter gelang es Torn jedoch, ihren Angriff zu stoppen. Nach dieser Mission trug das Vortex Torn ins alte Japan, wo er auf der Suche nach Darkon dem Schwertmeister den Weg des Kriegers beschritt und dabei seinen schlimmsten Gegner fand – sich selbst. Das Gute in Torn behielt jedoch Oberhand, und durch eine List der Lu'cen gelang es, die Grah'tak glauben zu machen, Torn sei tot.

Dadurch ermutigt, versuchte Mathrigo, der Herrscher der Dämonen, mit Hilfe eines Weltenvernichters die Erde zu zerstören. In letzter Sekunde gelang es Torn, Mathrigos Pläne zu vereiteln und den Ragh'na'rakh zu zerstören. Auf Rache sinnend, musste Mathrigo erkennen, dass ihm aus den eigenen Reihen Feinde erwachsen waren. Im Rat der Dämonen von seinem Rivalen Kerok Ghul herausgefordert, setzte der Herrscher der Grah'tak alles auf eine Karte und rief das »Killerkorps« ins Leben. Mit Hilfe der verräterischen Menschenfrau Carnia und des Wanderers Nroth gelang es ihm, sich seiner Gegner in den eigenen Reihen zu entledigen und einen erfolgreichen Angriff auf die Festung am Rande der Zeit durchzuführen, während sein Erzfeind Torn im 20. Jahrhundert der Menschheitsgeschichte in eine tödliche Falle gelockt wurde. Unter Freisetzung von Kräften, von denen er bislang nichts wusste, überlebte Torn das tödliche Inferno. Im Kampf um New York, das von einer gigantischen Kreatur aus dem Subdaemonium überfallen wurde, traf Torn auf Ceval von Atlantis, seinen Verbündeten und Freund aus alter Zeit. Unterdessen organisierten die Lu'cen Custos und Callista auf der Festung am Rande der Zeit den Widerstand gegen die Grah'tak. Mit Unterstützung der Geister der Wanderer, die vor Urzeiten im Kampf um die Festung ihr Leben gelassen hatten, gelang es schließlich, Mathrigo und sein Heer in einer verlustreichen Schlacht zu vertreiben.

Nur drei Kämpfer des Lichts – Torn, Callista und Ceval bleiben am Ende übrig. Sie gründen das neue Korps der Wanderer, zu dem sich mit dem intelligenten Menschenaffen Krellrim von Mrook und dem mit geheimnisvollen Tätowierungen versehenen Tattoo zwei neue Mitstreiter gesellen ...

 

 

»Intropos signa tempoi – inikro kor peragor.« –

»Wir haben die Zeichen der Zeit gedeutet.

Sie stehen ungünstig für das Wandererkorps.«

Prophezeiung des Lu'cen Sapienos

 

Mein Name ist Torn.

Einst war ich der letzte der Wanderer, einsam und ausgestoßen, zerrissen zwischen den Dimensionen – aber das ist nun vorbei.

Denn im Lauf meines Kampfes gegen die Dämonen, die die Welten der Sterblichen zu überrennen drohen, habe ich Verbündete gefunden, Freunde und Waffenbrüder, die mich im Kampf gegen die Grah'tak unterstützen. Seite an Seite fechten wir in dem Krieg, der durch die Zeiten und Welten tobt.

Das Korps der Wanderer wurde neu gegründet, und wie vor Äonen ist es seine Aufgabe, die Welten der Sterblichen vor den Mächten des Chaos zu beschützen. Der Kampf ist hart und entbehrungsreich und fordert immer neue Verluste. Aber wir geben nicht auf, denn wir sind Wanderer und haben den Eid des Lichts geleistet.

 

Prolog

 

Cho'gra

Mathrigos Thronsaal

Mathrigo war zufrieden.

Der Anführer der Grah'tak triumphierte. Endlich ...

Das Kha'tex weitete sich unaufhaltsam aus. Der Bruch des Siegels, das das Subdaemonium vom Immansium trennte und die Heere der Finsternis seit Äonen zurückhielt, stand dicht bevor. Niemand konnte ihn noch verhindern, auch Torn nicht, der Wanderer, den Mathrigo einst nicht nur als Feind, sondern auch als Hoffnung angesehen hatte. Doch diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt – zumindest nicht in Torn. Wohl aber in dessen Sohn, Nroth, dem Dunklen Wanderer, den Mathrigo zu seinem Werkzeug geformt hatte. Ein Werkzeug, das Mathrigo sehr dienlich war und zum endgültigen Triumph über seine Feinde führen würde.

»Die Invasion des amerikanischen Kontinents ist abgeschlossen, Herr«, dröhnte die Stimme General Nagors durch den Thronsaal im Cho'gra, der Hölle auf Erden. Stinkende Schwaden zogen durch das riesige Gewölbe, von der Decke hingen gewaltige Tropfsteine. Glutendes Licht drang aus Rissen im Boden. »Alles verläuft zu Eurer Zufriedenheit!«

»Gab es daran je den geringsten Zweifel?«, donnerte Mathrigo, eine Spur lauter als sein untergebener Kriegsherr. Er starrte Nagor an. Der General war ein Perr'agkar, ein Todeswandler. Mathrigo selbst hatte dieser Unterrasse der Grah'tak den Namen gegeben, als auf seinen Auftrag hin vor Jahrhunderttausenden die ersten Perr'agkar erschaffen worden waren. Ihre Bezeichnung gab in mehr als nur einer Hinsicht Sinn. Todeswandler ... noch heute war Mathrigo auf diese Wortschöpfung stolz. Die Perr'agkar vereinten viele Qualitäten in sich ...

»Natürlich nicht, Herr!« Der General nickte und stieß ein selbstgefälliges Lachen aus. »Ich habe ...«

»Du hast?«, unterbrach Mathrigo schneidend.

Nagor bemerkte den lauernden Tonfall in der Stimme seines Meisters. »Ich habe alles genau nach Eurem Auftrag erledigt.«

Mathrigo genoss das Spiel der Macht. General Nagor, Oberbefehlshaber der Truppen, die den wichtigsten Sieg seit Ende des Großen Krieges errungen hatten, wand sich wie ein jämmerlicher Sterblicher vor ihm. Die Unsicherheit war seiner Stimme deutlich anzuhören. Der Perr'agkar hatte keinen Fehler begangen, doch es gefiel Mathrigo nicht, wie Nagor sich selbst in den Vordergrund gerückt hatte, obwohl er nichts weiter als ein Erfüllungsgehilfe war – ein Werkzeug wie auf anderer Ebene Nroth.

»Sehr richtig«, drang Mathrigos Stimme durch die Schädelmaske, die sein Antlitz verhüllte. »Es war mein Plan, der den Sieg ermöglichte, und nicht deine Rolle als Truppenführer.«

»Nie würde ich etwas anderes behaupten, Herr!«

Mathrigo ließ seinen Blick über die Gestalt Nagors wandern. Quer durch das abgrundtief hässliche Gesicht, vom rechten knorpeligen Gehörorgan über den Riechwulst, lief die Narbe, die von den Operationen stammte, die die Dokaten einst durchgeführt hatten, um der ersten Gruppe der Perr'agkar ihre frevlerische Existenz zu geben. Die ursprünglichen Todeswandler waren aus Leichenfetzen der verschiedensten Grah'tak-Rassen zusammengesetzt worden; Eruptionen aus dem Malum selbst hatten die widernatürlichen und falschen Körper mit Leben erfüllt. Das war lange her – Nagor war einer der letzten dieser ersten Generation von Perr'agkar, deren Existenz noch immer andauerte.

Schon vor Jahrzehntausenden war es ihnen gelungen, sich fortzupflanzen. Wie sie das vollbracht hatten, war sogar Mathrigo ein Rätsel. Die Perr'agkar hatten sich in einem Winkel des Cho'gra verschanzt und waren jahrhundertelang nicht wieder zum Vorschein gekommen; doch schließlich war ihre Zahl größer gewesen als ursprünglich. Diese künstliche Dämonenrasse hatte Kinder gezeugt ... oder Nachkommen erschaffen? Auch die Dokaten konnten sich diesen Vorgang nicht erklären. Optisch waren die neuen Perr'agkar nicht von den älteren zu unterscheiden. Sie wirkten ebenfalls wie per Dokatenhand zusammengesetzt und wiesen am ganzen Leib Operationsnarben auf; allerdings war zweifelsfrei erwiesen, dass sie nicht aus Leichenteilen zusammengesetzt worden waren, sondern tatsächlich von den ersten Perr'agkar abstammten. Wie diese waren sie eine grausame Mischung vieler Rassen, die nicht nur deren Äußeres, sondern auch deren Fähigkeiten in sich vereinigten.

Das Schweigen währte nun schon etliche Augenblicke, und der General verzog seine Fratze. »Euer Triumph ist vollkommen, Mathrigo«, ließ er sich zu einer weiteren Schmeichelei herab. Seine durch die Operationen gespaltenen Lippen bebten, und mächtige Reißzähne kamen zum Vorschein. Zwischen den vorderen Schneidezähnen hing ein winziger Fetzen rohen Fleisches. »Eure Feinde, insbesondere Torn, werden ihn nicht rückgängig machen können!«

»In der Tat«, antwortete Mathrigo. »Und dich, General, lasse ich an meinem Sieg teilhaben!«

»Ihr seid zu gütig, Herr.«

»Berichte Genaueres«, forderte Mathrigo herablassend und gab sich den Anschein, als wüsste er längst über alles Wichtige Bescheid.

»Die Invasion des amerikanischen Kontinents ist abgeschlossen«, wiederholte Nagor. »Dank Eurer Genialität erschuf das entfesselte Kha'tex eine Überlappung der Zeitebenen, die es uns ermöglichte, zu einer Zeit zuzuschlagen, die noch vor derjenigen liegt, in der die ersten Siedler über die Landbrücke nach Nordamerika kamen. Die Geschichte der Menschheit ist damit endgültig verändert worden – unabänderlich. Die Veränderung, die aus unserem Eingreifen resultiert, ist zu gewaltig, als dass sie keine dauerhafte Störung des Zeitkontinuums bewirken würde ...«

Der Perr'agkar starrte unentwegt die Schädelmaske seines Herren an und bemerkte nicht, wie dieser sich darüber amüsierte, was er zu hören bekam. Mathrigo war das Paradoxon in den Worten seines Heerführers nicht entgangen, das der Redner selbst nicht bemerkt hatte. Eine unabänderliche Veränderung von etwas Unabänderlichem wie dem Zeitablauf, der festgeschrieben war ... konnte es das tatsächlich geben? Wie fest musste sich eine solch gewaltige Manipulation wie die beschriebene in das Gedächtnis der Zeit einschreiben, ehe sie tatsächlich Realität im Gedächtnis des Zeitflusses wurde?

»Wir verfügen damit über einen Brückenkopf auf der Erde«, fuhr der Perr'agkar fort. »Eine Bastion, die niemals gesprengt werden kann!«

Mathrigo erhob sich von seinem Knochenthron. »Das Chaos im Fluss der Zeit ist um eine weitere Dimension verstärkt worden.« Er hob seine Arme, streckte sie weit nach oben. »Und zwar um den entscheidenden Faktor! Das neue Wandererkorps wird das Chaos nicht rückgängig machen können!«

»Das Siegel zum Subdaemonium wird brechen«, ergänzte General Nagor. Seine Stimme vibrierte vor dunkler Begeisterung, und er bleckte die Zähne.

Diesmal nahm Mathrigo das ihm gelieferte Stichwort auf, ohne sein Machtspiel fortzuführen – er hatte den General eindeutig auf den ihm zustehenden Platz verwiesen, mehr war nicht vonnöten. »Und die Heere der Grah'tak werden das Immansium überrollen. Mein Sieg wird perfekt sein, und meine Feinde werden zerschmettert werden!«

Er dachte dabei nicht nur an Torn und die neuen Wanderer. Auch andere Gesichter zogen vor ihm auf, deren Schicksal und Rolle im Spiel um die Macht noch nicht festgelegt waren.

Vor allem zwei Namen bestimmten diesbezüglich Mathrigos Denken – Gestalten, die er mit Intrigen umsponnen hatte, deren Entwicklung er genau beobachte; Wesen, die ihrerseits selbst nach der Macht griffen, sich belauerten und gegenseitig beobachteten.

Doch er, Mathrigo, stand über allem. Er würde auch diese beiden weiterhin unterjochen – und sie zerquetschen, sollte es irgendwann notwendig werden.

Carnia und Nroth ...

 

 

1.

 

Im Hof der Burg von Camboniac, Frankreich

September 1356

Callista war nicht überrascht, als Guy de Teague nach weiteren Zeugen fragte. Der hagere Inquisitor mit dem schütteren schwarzen Haar, das in langen Strähnen sein hohlwangiges Gesicht umrahmte, lächelte dünn, als er die Worte aussprach, die das Schicksal der Angeklagten – Callistas Schicksal – endgültig besiegeln sollten.

Nicht dass jemals ein Zweifel am Ausgang dieses Schauprozesses bestanden hätte. Von der ersten Sekunde an war das Ende festgelegt gewesen: der Tod auf dem Scheiterhaufen für die der Hexerei angeklagten Callista!

Es war längst beschlossene Sache, und in den eisgrauen Augen des Inquisitors lag eine grausame Härte, als könne er es kaum abwarten, endlich die Flammen lodern zu sehen. De Teagues Zunge fuhr über die Oberlippe, und er wischte sich ein schmales Speichelrinnsal aus dem Mundwinkel. »Niemand mehr, der sprechen möchte?«, wiederholte er die Frage und ließ seinen Blick suchend über die Zuhörenden gleiten.

»Doch!«, ertönte eine kalte Stimme. »Ich werde meiner innigsten Pflicht nachkommen und vor Euren Ohren berichten, was ich gesehen habe! Jeder der hier Versammelten soll es hören und die lästerliche Wahrheit erfahren! Dieses Weib ist mit dem Satan im Bunde!« Ein Ritter, komplett in schwarzer Rüstung, betrat den öffentlichen Schauplatz. Ein Raunen lief durch die Menge, und immer wieder zeigten einzelne Hände auf den Neuankömmling. Der Schwarze Prinz, drang es an Callistas Ohren. Er selbst ist gekommen ...

»Verzeiht, edler Edward«, sagte der Inquisitor. Callista zweifelte keine Sekunde daran, dass die Mischung aus Unterwerfung und Stolz sorgsam einstudiert war. De Teagues hagere Gesichtszüge legten sich in Falten, als sein Lächeln breiter wurde. Dieses Mal erreichte es sogar seine Augen; es war, als lodere ein Feuer darin. Der Inquisitor schien unendliche Freude an dieser Farce zu empfinden.

»Sosehr es mich auch ehrt, Edward von Woodstock, den Sohn des Königs, persönlich anhören zu können, so muss ich Euch dennoch widersprechen. Die Entscheidung zu fällen, ob dieses Weib«, – sein ausgestreckter Zeigefinger wies auf Callista wie ein Dolch, der nur darauf wartete, sich in ihr Herz zu bohren – »mit dem Teufel im Bunde ist, obliegt am Ende dieses Prozesses mir, dem Gesandten der Inquisition! Wir wollen sie nicht vorverurteilen. Es wird sich zeigen, ob sie mit dem Bösen buhlt!«

Callistas Herz verkrampfte sich. Sie war gezwungen, diese Heuchelei mit anzuhören. Der Schwarze Prinz Edward von Woodstock schwieg einen Augenblick und ließ dann ein zustimmendes »Ihr habt Recht, Inquisitor« hören. »Verzeiht meinen Übereifer.«

De Teague nickte gönnerhaft. »Er resultiert aus verständlicher Empörung. Ihr eifert ganz im Sinne der Heiligen Sache.«

Alles in Callista weigerte sich, die Realität anzuerkennen, doch es gab keinen Raum mehr für Illusionen. Die Wirklichkeit war bitter ...

Nroth, ihr eigener Sohn, den sie in ihrer Inkarnation als die Sterbliche Rebecca von dem Menschen Isaac Torn empfangen hatte, wollte ihren Tod. Als Embryo war Nroth dem schützenden Mutterleib entrissen worden, und Mathrigo hatte ihn im Cho'gra auf grausame, widernatürliche Weise altern lassen.

Inzwischen war Nroth, von dem weder Callista noch Torn all die Jahre über etwas gewusst hatten, zu einem Dunklen Wanderer geworden, dessen Herz und Seele sich dem Bösen zugeneigt hatten und der voll lodernden Hasses auf seine wirklichen Eltern war. Hier und heute hatte er die Gestalt Edward von Woodstocks angenommen und dafür gesorgt, dass ihr, Callista, der Prozess gemacht wurde. Die Anklage lautete Hexerei – zu dieser Zeit, im Mittelalter, in den Fängen der Inquisition nahezu gleichbedeutend mit einem schrecklichen Todesurteil.

Wer einmal angeklagt und vor einen Inquisitor gezerrt wurde, der entkam nicht lebend. Die Frage war nur noch, wie man starb. Unter grausamer Folter, mit zerbrochenen Knochen, zerrissenen Gliedern und wahnsinnig vor Schmerzen? Im lodernden Feuer eines Scheiterhaufens, während das Letzte, das die erblindenden, schmelzenden Augen sahen, der eigene brennende Körper war? Oder wurde man, festgenagelt auf ein Brett, in einen Fluss geworfen, bis man jämmerlich ertrank, nachdem Panik und Atemnot den Verstand hinweggerissen hatten?

»Also sprecht«, forderte Guy de Teague gönnerhaft.

Die Menge der Zuschauer hatte atemloses Schweigen erfasst. Soldaten, Bürger, ja sogar Bauerntölpel und Knechte hatten den Weg hierher gefunden, um den Prozess zu begaffen. Die Tore waren für jeden geöffnet worden, denn – so die Worte des Inquisitors – »die Verhandlung wider den Teufel und bösen Höllenherrscher ging jeden Christenmenschen etwas an«. Dutzende waren gekommen, um die Angeklagte sterben zu sehen.

Callista war nicht aufgrund der Aussicht ihres eigenen nahen Todes verzweifelt; in ihr fraß vielmehr die Enttäuschung darüber, dass Nroth durch den Mord an ihr, seiner Mutter, endgültig dem Bösen verfallen würde. Seine Seele würde auf immer an Mathrigo gefesselt bleiben, ein bloßes Werkzeug des Herrschers aller Grah'tak. Mathrigo hatte seinem Knecht nicht umsonst diesen Namen gegeben – Nroth war nicht nur die Umkehrung des Namens »Torn«, sondern bedeutete in der Sprache der Grah'tak auch »Werkzeug«.

Nroth hatte ursprünglich seinen Vater hierher locken wollen, aber das neu gegründete Wandererkorps hatte gemeinsam beschlossen, dass Torn auf Ascalot dringender gebraucht wurde als hier; deshalb war sie, Callista, in diese Zeit gewechselt und hatte schließlich ihrem Sohn gegenübergestanden. Nroth war zunächst enttäuscht gewesen, denn er hatte in ihr nicht seine Mutter erkannt. Schließlich war ein Kampf zwischen ihnen entbrannt, den der Dunkle Wanderer durch ein hinterhältiges Täuschungsmanöver für sich gewonnen hatte – und nun wollte er Callista vor allem deswegen auf solch spektakuläre Weise töten, um doch noch zu seinem Ziel zu gelangen ... um doch noch Torn hierher zu locken ... um doch noch seinen verhassten Vater ermorden zu können.

In Callistas Augen war Nroth durch all die Jahre unter den Einflüsterungen und dem verderblichen Einfluss Mathrigos verdorben und mit Blindheit geschlagen. Im Grunde genommen war das, was Nroth heute bestimmte, nichts weiter als das Ergebnis der Intrigen und Manipulationen des Herrschers der Grah'tak.

Die Anklagerede ihres Sohnes in der Gestalt des Schwarzen Prinzen Edward von Woodstock riss Callista aus ihren Grübeleien.

»Ich sah mit eigenen Augen, wie dieses Weib durch teuflische Kraft seine Gestalt wandelte! Wie es eben noch das Aussehen Sir Geoffreys von Kent nachahmte, um im nächsten Augenblick eine Frau zu sein – eine widerliche Verkehrung der ewigen Geschlechterordnung! Ihr habt außerdem die Wächter gehört, die davon berichteten, wie sie glaubten, Sir Geoffrey stehe ihnen gegenüber, und wie dann ein anderes Antlitz durch die Haut des Gesichtes schimmerte. Die armen Männer wichen vor Angst wimmernd zurück, und wer will ihnen einen Vorwurf daraus machen? Sie mussten Teufelswerk sehen und fürchteten um ihr ewiges Seelenheil!«

Die Menge schrie und stimmte dem Prinzen zu. Rufe wurden laut, die den Tod der Hexe forderten. Etwas flog auf Callista zu, die an einen Pfahl gefesselt halb nackt allen Blicken ausgesetzt war. Eine überreife Frucht zerplatzte dicht neben ihrem Gesicht, kleine feuchte und schleimige Brocken spritzten ihr über die Wangen. Schmierige Flüssigkeit rann zäh über ihren Nacken. Eine weitere Frucht traf sie an der Schulter, und etwas schmetterte schmerzhaft in ihre Magengrube.

»Still!«, schrie der Inquisitor. »Haltet ein, oder ich werde durch dieses Dorf ziehen und jedem Haus eine Untersuchung angedeihen lassen!«

Entsetztes Schweigen breitete sich aus. Jeder wusste, was diese Androhung zu bedeuten hatte. Wenn man mit seinem Nachbar im Streit lag, brauchte man nur einige Andeutungen fallen zu lassen, und es war um den anderen geschehen, ob er nun tatsächlich mit dem Teufel buhlte oder nicht ... und ebenso leicht konnte einem der Neid und die Missgunst eines Feindes selbst zum Verhängnis werden.

Der Schwarze Prinz fuhr mit seiner Anklage fort, und Callista erkannte im Gesicht Guy de Teagues deutliche Zufriedenheit. Der Inquisitor würde den Zuschauern zweifellos ein Schauspiel bieten, das die Furcht vor der Heiligen Inquisition für immer in ihre Herzen brennen würde.

 

Callista war nicht das einzige Mitglied des neuen Wandererkorps, das in diese Zeit und hierher auf Burg Camboniac gekommen war. In der Menge der Zuschauenden befand sich Ceval, der Atlanter. Er beobachtete das Geschehen in der Tarnung eines englischen Fußsoldaten.

Der Schauprozess widerte Ceval an.

Rechts und links von ihm standen dicht gedrängt irgendwelche Bauern. Auch von hinten versetzte ihm jemand hin und wieder einen Schlag gegen die breiten Schultern und pöbelte ihn an, er solle sich ducken, da er die Sicht versperren würde.

Der hagere Inquisitor und Nroth – Ceval wusste selbstverständlich, um wen es sich handelte – warfen sich gegenseitig geschickt die Worte zu. Ihre raffinierte Darstellung und Anklage heizten die Zuschauer an. Immer stärker wurde die Unruhe, immer lauter der Ruf nach Blut.

Ceval fühlte die aufgepeitschten Emotionen der Menge. Die Menschen waren wie Schafe, die sich von dem Bösen in die Irre führen ließen. Für sie war es nicht wichtig, ob die Angeklagte tatsächlich mit dem Teufel im Bund stand. In Wirklichkeit war gerade das Gegenteil der Fall – Callista bekämpfte wie die anderen Wanderer das Böse in allen Zeiten und Welten.

Doch die Menge wollte nichts als ein Schauspiel, als Ablenkung von ihrem eigenen Elend. Vielleicht begehrten einige von ihnen tatsächlich das gute Gefühl, dass das Böse bestraft wurde; allerdings fragte sich Ceval, wie viele von ihnen überhaupt an die personifizierte Macht des Bösen glaubten.

Schließlich trat der Schwarze Prinz ab und blieb kurz vor seiner gefesselten Mutter stehen. Er hob die in einem dicken, eisenbeschlagenen Handschuh steckende Rechte, legte sie an Callistas Wange und zwang sie, ihm direkt ins Gesicht zu sehen. Er beugte sich herab und flüsterte wohl einige Worte – Ceval konnte sie aus der Entfernung und inmitten der raunenden Menge nicht verstehen. Dann zog sich Nroth mit würdevollen Schritten zurück.

Neben Ceval stand eine Frau, das Gesicht vor Abscheu verzerrt. Sie bückte sich, hob einen Stein auf, schloss die Faust darum und holte aus, um ihn gegen die Angeklagte zu schleudern. Der Atlanter umfasste mit einer raschen Bewegung ihr Handgelenk. »Lass es«, zischte er ihr zu.

Die Frau blickte ihn an. Ihr Gesicht war schmal, die Haare braun und ungepflegt. Die rechte Stirnseite verunzierte eine hässliche Narbe.

»Was mischsdu dich ein?«, fragte sie. Ihre Worte waren undeutlich, und beim Sprechen entblößte sie faulige Zähne. Ein trüber Schleier lag über ihren blauen Augen. Sie stank erbärmlich, hatte wahrscheinlich seit Wochen kein Wasser mehr zur Körperpflege benutzt.

»Noch ist sie nicht überführt«, sagte Ceval eindringlich, worauf die Frau die Faust öffnete und meckernd lachte. Der Stein fiel zu Boden, und Ceval ließ die Frau los, wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Inquisitor zu.

»Es ergibt sich ein eindeutiges Bild!«, rief de Teague in diesem Moment. »Dieses Weib ...«, – er drehte sich theatralisch langsam um und wies auf die gefesselte Callista – »buhlt mit Luzifer! Sag uns, Hexe, bist du in körperlicher, verderblicher Lust zu dem Teufel entbrannt? Hat er dich geritten?«

Alles in Ceval zog sich zusammen. Callista schwieg verbissen.

»Wir werden es prüfen, ob du das Mal des Teufels zwischen deinen Hurenbeinen trägst!«

Die Frau neben Ceval schrie voller Abscheu auf und schüttelte sich, doch sie leckte sich die Lippen und ein seltsamer Glanz zog in ihre Augen ein.

»Wenn ja, werden die Folterknechte es dir ausbrennen! Liegt seine Höllenfrucht bereits in dir, werden wir sie mit glühendem Eisen durchbohren und zerreißen, ehe du brennen wirst.«

Beifall brandete auf.

Die Menge tobte.

»Ja, du wirst brennen, Hexe! Morgen schon! Doch vorher sollst du die Chance erhalten, dem Teufel zu entsagen und deine Seele für die Ewigkeit zu retten, wenn schon dein sterblicher Leib verloren ist! Verloren seit dem Moment, als du dich dem Teufel verschriebst!«

Die Zuschauer waren kaum noch davon abzuhalten, die Bühne zu stürmen und das Urteil selbst zu vollziehen.

»Gestehe!«, forderte der Inquisitor. »Gestehe und entsage!«

Callista schwieg.

Bullig aussehende Männer packten sie daraufhin samt dem Pfahl, an den sie gebunden war, und schleppten sie weg, ins Innere der Burg.

Ceval starrte grimmig hinterher.

Es blieb nur ein Tag, Callista zu befreien, doch dem Kämpfer des Lichts stand nicht nur Nroth, der Dunkle Wanderer, entgegen – sondern auch die Macht der Kirche, personifiziert in dem irregeleiteten Inquisitor Guy de Teague, der jeden Blick für die Realität verloren hatte. Er genoss die Macht, die seine Stellung ihm verschaffte; im Grunde, dachte Ceval, war Guy de Teague von denselben verderblichen Trieben bestimmt wie Nroth, der seinerseits den Inquisitor wie eine Schachfigur benutzte.

 

Geothermisches Kraftwerk, Ascalot

Zentrale

Stille kehrte ein.

Die Donnerschläge, die seit Minuten durch den Zentralraum dröhnten, hatten ausgesetzt.

Endlich, dachte Torn. Er hatte versucht, den Lärm, der von dem Ansturm der Ock'mar zeugte, zu ignorieren und sich auf die weitreichenden Probleme, vor denen er stand, zu konzentrieren. Aber es war ihm nicht gelungen. Immer wieder hatten die hünenhaften grünhäutigen Grah'tak ihre Äxte aus Brak'tar gegen das Metall des Eingangs geschwungen – das jahrmillionenalte Schott jedoch hatte bislang allen Angriffen standgehalten.

Jetzt schienen die Ock'mar aufgegeben zu haben; zumindest versuchten sie nicht mehr, mit roher Gewalt einzudringen. Torn wusste jedoch genau, dass sie zu Hunderten oder gar Tausenden in der großen Halle des Kraftwerks auf ihre Chance lauerten, ebenso wie die Morg'reth.

Doch die Grah'tak-Horden sind nicht meine größte Sorge, ging es dem Wanderer durch den Kopf. Solange das Schott hält, sind wir hier vor ihnen sicher – und im Moment ist unklar, ob es auch nur den geringsten Sinn machen würde, einen Fluchtversuch zu unternehmen.

Das Schott dieses Kraftwerks der Alten Allianz war seit Äonen mit dem Zeitcode der Alten Allianz gesichert; nur Wanderer, gleich, aus welcher Zeit sie auch stammen mochten, konnten es passieren. Als Torn hierher vorgedrungen war, hatte sich das Schott für ihn geöffnet, als er sich zu erkennen gab und den Code nannte. Doch zu seiner Überraschung war die dahinter liegende Zentrale nicht leer gewesen. Carnia hatte dort gewartet.

Carnia, meine alte Erzfeindin, die mich bitter täuschte und mich zu töten versuchte. Die Tochter des Folterers Torcator, einst ein kleines Mädchen, das von Mathrigo ebenso einem unnatürlichen Reifungsprozess unterzogen wurde wie mein Sohn Nroth.

Da war er wieder – der Gedanke an seinen Sohn. Bitterkeit und Verzweiflung wollten in Torn aufsteigen und jede Konzentration unterbinden.

Nroth ...

Wegen ihm hatte Torn in das irdische Mittelalter reisen wollen, wo sein Sohn offensichtlich sein Unwesen trieb, doch der Rat der Wanderer – und insbesondere die Argumentation Callistas – hatte ihn diesen Plan verwerfen lassen. Inzwischen war Callista in das Jahr 1356 nach Frankreich gewechselt, um dort dem Dunklen Wanderer entgegenzutreten. Nroth ist nicht nur dein Sohn, hatte sie gesagt, sondern auch meiner. Zähneknirschend hatte Torn zustimmen müssen; dieser Begründung konnte er sich nicht verschließen. So war er zusammen mit Tattoo nach Ascalot aufgebrochen, um einen verzweifelten Versuch zu unternehmen, den Plan Mathrigos zu vereiteln, der offenbar bereits Früchte trug. Bang fragte sich Torn, ob der Herrscher des Cho'gra nicht schon längst gewonnen hatte.

Es gibt keinen Zweifel mehr ... Carnias Worte haben unseren schrecklichen Verdacht bestätigt. Das Kha'tex ist entfesselt. Der Strom der Zeiten verläuft in engen Windungen, und wo diese sich nahe kommen, da überlappen sie sich, in Aufruhr gebracht durch die dunklen chronaktiven Energien des entfesselten Kha'tex. Das Gleichgewicht zwischen Vortex und Kha'tex ist gestört – und die negativen Energien des Kha'tex verursachen immer wieder einen Austausch zwischen verschiedenen Zeitebenen.

Textäre Zeitreisen ... Menschen und ganze Kriegsheere gelangen in die falschen Zeiten ... der fest gefügte Ablauf der Geschichte ändert sich ... das Textat, die Gesamtheit aller möglichen temporalen Interferenzen im Fluss der Zeit, gerät in tausendfach stärkerem Maß als gewöhnlich in Unordnung ... temporales Chaos bricht aus ... die Grah'tak triumphieren ... und der Bruch des Siegels zum Subdaemonium steht kurz bevor ...

Torn fühlte wieder neues Entsetzen in sich aufsteigen, als er sich die Konsequenzen der letzten Geschehnisse klar machte. Mathrigo schien endlich am Ziel zu sein. Das ständig fortschreitende Chaos im Fluss der Zeit zerstörte jedes Gleichgewicht der Kräfte; und wenn tatsächlich das Siegel zum Subdaemonium brach, würden unendliche Heere der Grah'tak ins Immansium, in die Dimension der Sterblichen vordringen.

Einst waren die Grah'tak ins Subdaemonium zurückgedrängt worden, am Ende des Großen Krieges, als bereits alles verloren schien und die Mächte der Ewigkeit eingriffen. Nur wenige der Grah'tak waren im Immansium verblieben, und Mathrigo, der verräterische Wanderer, der das Ende des damaligen Wandererkorps verursacht hatte, hatte sich zu deren Herrscher aufgeschwungen. Seitdem lauerte er darauf, das Siegel zum Subdaemonium zu brechen – doch was er auch plante, es war ihm in all den Jahrmillionen nicht gelungen.

Erst als der Soldat Isaac Torn auftauchte und Mathrigo in ihm den prophezeiten Mesh'rul, den mythischen Vernichter der Sterblichen, zu erkennen glaubte, hatte Mathrigo wieder eine Chance gewittert. Und Torn hatte das Ende der Menschheit gesehen. Er hatte in ein Universum geschaut, das von den Grah'tak beherrscht wurde, und er selbst hatte die Apokalypse durch ein Zeitreiseexperiment verursacht. Doch schließlich war alles anders gekommen. Torn war der erste der neuen Wanderer geworden, und der Zeitablauf war korrigiert worden ...

Damals begann mein Kampf, gefolgt von meiner Odyssee, die letztendlich in der Gründung des neuen Wandererkorps gipfelte. Noch immer weiß ich nicht, welche Kräfte in mir schlummern, seit mein Gardian mit mir verschmolz und meine neue Rüstung entstand. Doch eines weiß ich – ich bin nicht mehr allein.

Ich bin wieder mit meinem Symellon vereint, jener Seele, die mich erst vollständig macht: Callista, meine Geliebte. Ich habe außer ihr noch weitere Kampfgefährten gefunden, Krellrim, Tattoo, Ceval ... ich bin nicht mehr allein.

Doch war dieser hoffnungsvolle Aufbruch, diese Neugründung des Wandererkorps nach all den Jahrmillionen, die seit dem Großen Krieg vergangen waren, nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt?

Es war nicht nur so, dass Torn als der Erste der Wanderer von Zweifeln zerrissen war – darüber hinaus fraßen Fragen an seinem Ich: Was ist mit Nroth? Ist mein Sohn endgültig dem Bösen verfallen?, und schlimmer noch, stimmte es, was sich immer wieder angedeutet hatte: Ist Mathrigo mein Vater?

Nur eine Antwort, nur einen einzigen Ausweg gab es, der das Chaos bekämpfen und die Katastrophe verhindern konnte: Die Kräfte des Vortex mussten ebenfalls entfesselt und das Gleichgewicht zwischen Kha'tex und Vortex wiederhergestellt werden. Der Subraum der Grah'tak und das Gegenstück, das die Wanderer benutzten, um sich durch Raum und Zeit zu bewegen, mussten wieder ausgeglichen werden.

Es scheint nur eine einzige Möglichkeit zu geben, diesen Vorgang, der mein Begreifen übersteigt, in Gang zu bringen. Dem Vortex müssen unendliche Mengen zeitaktiver Energie zugefügt werden. Energiemengen, wie sie nur ein Kraftwerk der Alten Allianz erzeugen könnte, genauer gesagt dieses Kraftwerk auf Ascalot, in dessen Zentrale wir vorgedrungen sind. Es ist die größte Anlage zur Produktion von chronaktivem Plasma. Doch die gewaltigen Maschinen stehen seit Äonen still, und es ist mir nicht gelungen, sie wieder in Betrieb zu nehmen. Unser Plan – der nach meinem Wissen und dem der alten Wanderer der einzig mögliche ist – ist gescheitert.

Doch selbst wenn er gelungen wäre, hätte Torn keine Vorstellung davon gehabt, wie es weitergehen sollte, wie diese ausbrechenden Energien dem Vortex hätten zugefügt werden können ...

Jeder Gedanke war müßig.

Torn und Tattoo saßen hier fest, belagert von Ock'mar und Morg'reth. Als Torn vor Stunden in der Zentrale angekommen war, hatte Carnia auf ihn gewartet; sie hatte sich mit Nroth verbündet und ihnen war klar gewesen, dass sich die Wanderer um die Zentrale kümmern würden. Carnia hatte eigentlich Callista erwartet, genau wie es ursprünglich Torns Plan gewesen war. Carnia und Nroth hatten jeden Schritt der Wanderer vorauszuplanen versucht – einen entscheidenden Faktor allerdings hatten sie übersehen ...

Und das bedeutet wiederum, dass auch das Geschehen im irdischen Mittelalter nichts anderes als eine Falle war. Dort wartet Nroth wie eine Spinne im Netz, und er wollte mich dorthin locken. Statt meiner ist nun Callista dort, und sie schwebt in tödlicher Gefahr!

Die Sorge um sein Symellon fraß zusätzlich zu allem anderen an Torn. Er spürte, dass sich Callista in einer schrecklichen Lage befand. Nein, diese ersten Tage nach der Neugründung des Wandererkorps waren alles andere als sorglos und von Triumph geprägt ...

»Was ist mit dir, Torn?«, fragte Tattoo.

Torn wandte sich dem Waffenbruder zu, dessen Körper über und über mit Tätowierungen bedeckt war, die ihm seinen Namen gegeben hatten.

»Meine Gedanken«, erwiderte er, »wandern immer wieder zu Callista.« Er wies mit einer umfassenden Bewegung um sich, deutete auf die Schaltanlage, die nicht in der Lage war, das Kraftwerk wieder zum Laufen zu bringen. »Als ob es nicht genügend andere Probleme gäbe. Mein Versuch, dieses Kraftwerk wieder in Gang zu setzen, ist gescheitert. Und dennoch ...«

»Dennoch denkst du an dein Symellon.« Tattoo nickte. »Wer könnte es dir verdenken? Callista ist mehr als nur ein Waffenbruder für dich.«

»Nur ein Waffenbruder? Ein solches Nur gibt es nicht, Tattoo! Du, Ceval und Krellrim – ihr seid unendlich wichtig für mich!«

»Und doch ist es mit Callista etwas anderes.«

Torn widersprach nicht. »Ich fühle, dass sie in Gefahr ist.«

»Ceval ist bei ihr«, versuchte Tattoo ihn zu trösten.

»Das ist beruhigend, aber ich weiß nicht, ob es genügen wird. Carnia« – Torn deutete auf die am Boden liegende, gefesselte und immer noch ohnmächtige Gestalt – »sagte, dass das Kraftwerk nur eine Falle war, in der sich eigentlich Callista hätte fangen sollen. Also ...«

»... wird Nroth im Jahre 1356 darauf lauern, dich zu töten«, setzte Tattoo Torns Gedanken fort. »Statt deiner ist jedoch Callista dort aufgetaucht, und du befürchtest, dass sie Nroth unterlegen sein könnte.«

»Sie wird den Dunklen Wanderer nicht überraschen können, weil er auf sie wartet! Er rechnet damit, dass ihm ein Wanderer entgegentritt, und er wird die Falle sorgsam vorbereitet haben!«

»Der Dunkle Wanderer?«, wiederholte Tattoo. »Wieso bezeichnest du ihn so? Kannst du ihn nicht bei seinem Namen nennen? Es ist Nroth, dein Sohn! Und Callista ist seine Mutter. Er wird sie nicht töten.«

»Wen versuchst du mit deinen Worten zu überzeugen? Dich selbst? Oder mich? Nroth ist zerfressen von Hass und von den Lügen, die Mathrigo ihm einimpfte. Er wird sie töten, wenn er die Gelegenheit dazu hat! Er schreckt vor nichts zurück.« Einige Sekunden breitete sich Schweigen aus, und Torn wiederholte: »Vor nichts.«

»Callista wird sich zu wehren wissen!«

»So wie ich?«, fragte Torn bitter. »Ich bin Carnia in die Falle gegangen, und ich wäre gestorben, wenn du mich nicht in letzter Sekunde gerettet hättest.«

»Dazu sind Waffenbrüder schließlich da.« Tattoo grinste. »Deine Zeiten als Einzelkämpfer sind vorbei, mein Freund.«

»Verstehst du denn nicht, was ich sagen will? Nroth wird auf alles vorbereitet sein! Er wird Callista besiegen können.«

»Ceval ist bei ihr, so wie ich bei dir bin. Ich schützte dich vor Carnia, er wird Callista vor Nroth schützen.«

Torn schwieg, während er die Szene vor sich sah, als er beinahe Carnia zum Opfer gefallen wäre. Sie hatte die Hand bereits zum tödlichen Schlag erhoben, dem Torn niemals hätte ausweichen können – als völlig unvermutet Tattoo aufgetaucht war und mit einem Hieb seines Lux Carnias Waffenhand abtrennte.

Nachdenklich starrte Torn auf den verbrannten Stumpf, in dem Carnias rechter Arm nun endete. Die Tochter des Folterers lebte, doch sie war für alle Zeiten verstümmelt. Wäre es nach Tattoo gegangen, wäre Carnia nicht mehr am Leben gewesen; Torn jedoch hatte ihm Einhalt geboten. Carnia war eine Glu'takh, eine ehemals Sterbliche, kein wirklicher Grah'tak, auch wenn sie denen nahe stand – vielleicht näher als irgendjemand sonst.

Mit Ausnahme meines Sohnes, dachte er erbittert. Callista, mein Symellon ... stehst du ihm jetzt gegenüber, unserem Sohn, dem Verräter ...?

Ein weiterer hässlicher Gedanke bemächtigte sich Torns. Wenn es stimmt, dass ich Mathrigos Sohn bin, dann führt Nroth nur das Familienerbe fort ... einst, als Mathrigo noch ein Wanderer war, war es sein Verrat, der den Untergang der Alten Allianz herbeiführte und Leid über Milliarden von Individuen brachte.