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Band 42

Hort der Finsternis

 

von Michael J. Parrish & Christian Montillon

 

© Zaubermond Verlag 2013

© "Torn – Wanderer der Zeit" by Michael J. Parrish

 

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der Autoren-

und Verlagsagentur Peter Molden, Köln.

 

Titelbild: Günther Nawrath

eBook-Erstellung: story2go | Die eBook-Manufaktur

 

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

Inhalt

 

Hort der Finsternis

 

Was bisher geschah

 

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Epilog

 

Vorschau

Glossar

 

 

 

Was bisher geschah

 

Mein Name ist Torn.

Ich war der letzte der Wanderer.

Dies ist meine Geschichte ...

Der Elitesoldat Isaac Torn nimmt an einem Zeitreiseexperiment teil und stößt damit unwissentlich das Tor zum Subdaemonium auf, wodurch das Heer der dämonischen Grah'tak entfesselt wird und über die Welten der Sterblichen herfällt. Von den Lu'cen, den mächtigen Richtern der Zeit, kann der Untergang in letzter Sekunde abgewendet werden.

Als Wiedergutmachung wird Torn in ihre Dienste gestellt: Als Nachfolger der legendären Wanderer reist er durch Raum und Zeit, um gegen die verbliebenen Grah'tak zu kämpfen. Ausgestattet mit einer Plasmarüstung, die ihre Gestalt wandeln kann und seinem Lux, dem Schwert des Lichts, ist es seine Mission, die Sterblichen zu beschützen – die Festung am Rande der Zeit wird dabei seine neue Heimat.

Doch Torn leidet unter der Einsamkeit, die ihm auferlegt wurde. Als er seiner Vergangenheit, die die Lu'cen aus seinem Gedächtnis löschten, näher kommt, bricht er das Gesetz der Wanderer: Er schont das Leben von Mathrigo, dem Herrscher der Grah'tak, um die Sterbliche Callista zu retten. Daraufhin verbannen ihn die Lu'cen aus der Festung, und eine gefährliche Odyssee durch Raum und Zeit beginnt …

Zahlreiche Abenteuer führen schließlich zur Neugründung des Wandererordens – Torn führt seinen verzweifelten Kampf nicht mehr alleine. Nach und nach gesellen sich Mitstreiter auf die Festung am Rande der Zeit.

Die Mitstreiter im neuen Korps:

Callista – Torns Geliebte, sein Symellon, die vorübergehend eine Lu'cen war und wieder zur Sterblichen wurde.

Ceval – Nur für kurze Zeit war der »andere Wanderer«, der lange Zeit auf eigene Faust die Erde behütete, Mitglied im neuen Wandererkorps, denn er ließ sein Leben im Kampf gegen die Grah'tak.

Krellrim – der intelligente Menschenaffe ist der letzte seines Volkes, das auf dem Planeten Mrook ein schreckliches Ende fand. Zuletzt wurde er von Carnia schwer verletzt.

Tattoo – ein junger Mann, der mit geheimnisvollen Tätowierungen übersät ist, die angeblich seine Zukunft voraussagen.

Max Hartmann und Nara Yannick – die beiden Menschen sind die neusten Mitglieder im Wandererkorps. Max stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und traf schon früher einmal auf Torn, wartete ungeduldig auf seine Rückkehr. Nara hingegen lebte im 23. Jahrhundert der Menschheitsgeschichte, ehe sie in das Geschehen um Mathrigo und Torn gezogen wurde.

Auch Nroth, Torns und Callistas Sohn, gesellte sich zum Wandererkorps. Er kehrte dem Bösen den Rücken zu, zu dem Mathrigo ihn erzog, nachdem er den Embryo mit brutaler Gewalt aus dem Mutterleib riss und das Kind im Cho'gra aufzog. Nroth verliebte sich in Nara, was den Ausschlag gab, die Seiten zu wechseln und sich von den Grah'tak abzuwenden.

Mathrigo, der Herrscher aller Cho'gra im Immansium, wird von Torn in einem dramatischen Duell besiegt … zumindest glaubte der Erste Wanderer dies. Dass er sich täuschte, muss er schmerzlich eingestehen, als er seinem Erzfeind schließlich wieder gegenübersteht. Torn erfährt eine entsetzliche Geschichte und lüftet das Geheimnis seiner Herkunft.

Torn ist ein Klon Mathrigos, den dieser schuf, um den perfekten Krieger zu kreieren – den Mesh'rul, der als sagenhafter Vernichter der Sterblichen gilt. Mathrigo verfügt über eine ganze Armee solcher Klone, die in riesigen Behältern ruhen. Torn löste eine Kettenreaktion aus, die alle Behälter vernichtet; Mathrigo und seine Dienerin Carnia bleiben schwerverletzt zurück.

Auf der Festung am Rande der Zeit lecken die Wanderer ihre Wunden, und Torn grübelt über seine Erkenntnisse und Entscheidungen nach. Hat er zu schnell gehandelt, als er Nara und Max in den Wandererorden aufnahm? Sind die beiden dazu überhaupt bereit?

 

 

»Alque intra gortatrun, numa retra.«

»Mancher, der den Hort der Finsternis betritt,

kehrt nie zurück.«

Weisheit der Wanderer

 

Mein Name ist Torn.

Einst war ich der letzte der Wanderer, einsam und ausgestoßen, zerrissen zwischen den Dimensionen – aber das ist nun vorbei. Denn im Laufe meines Kampfes gegen die Dämonen, die die Welten der Sterblichen zu überrennen drohen, habe ich Verbündete gefunden, Freunde und Waffenbrüder, die mich im Kampf gegen die Grah'tak unterstützen. Seite an Seite fechten wir in dem Krieg, der durch die Zeiten und Welten tobt.

Das Korps der Wanderer wurde neu gegründet, und wie vor Äonen ist es seine Aufgabe, die Welten der Sterblichen vor den Mächten des Chaos zu beschützen. Der Kampf ist hart und entbehrungsreich und fordert immer neue Verluste. Aber wir geben nicht auf, denn wir sind Wanderer und haben den Eid des Lichts geleistet.

Dies ist unsere Geschichte ...

 

Prolog

 

Im Vortex

Seltsam.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, obwohl doch erst Sekunden vergangen waren. Oder?

»Sekunden«, knurrte er, »oder Stunden.« Was zählte das schon in einem anders dimensionierten Medium, das eine Reise durch Raum und Zeit ermöglichte?

Dennoch wurde ihm unbehaglich zumute. Es war nun einmal der erste Flug durch das Vortex seit einiger Zeit, seit der Odyssee der Wanderer durch das Cho'gra, an deren scheußliche Einzelheiten sich Tattoo gar nicht erst erinnern wollte. Noch im Nachhinein liefen ihm ein Schauer des Ekels über den Rücken, wenn er an jene Darmschlingen dachte, die ...

»Keine Varianzen«, meldete eine mechanische Stimme und riss den Wanderer mit diesen erleichternden Worten aus den Gedanken. Er hatte automatisch eine Routineabfrage veranlasst, ohne es bewusst wahrzunehmen. Die Systeme des T-Flüglers schienen also in Ordnung zu sein. Was wohl nichts anderes bedeutete, als dass sein Unbehagen völlig grundlos war. Dies war nichts als eine Reise durch das Vortex, wie so viele andere, die reibungslos verlaufen waren. Kein Grund zur Sorge.

Und weil ihm dieser Gedanke Sicherheit bot, flüsterte er ihn: »Kein Grund zur Sorge.« Es fiel Tattoo nicht schwer, sich die Blöße eines Selbstgesprächs zu geben – schließlich gab es niemanden im Cockpit des Triebflüglers, der die Worte hätte hören können. Er war allein.

Verdammt allein.

Wahrscheinlich kam ihm die Reise durch das Vortex nur deswegen so zeitraubend und unheimlich vor, weil er kein Gegenüber hatte. Direkt vor ihm befanden sich die Anzeigen und Instrumente, und auch über seinem Kopf war kaum Platz.

Seltsam. Früher hatte er nie bemerkt, wie beengt dieser Pilotenraum war. Neben seinem Sitz fand sich schließlich Platz für einen Co-Piloten-Sitz. Und genau diesen Co-Piloten wünschte er sich in diesen Momenten herbei. »Aber wenn ich nicht allein wäre, könnte ich nicht vor mich hin plappern.« Tattoo lachte gekünstelt. »Zumindest nicht, ohne dass die anderen mich für verrückt hielten. Alles hat eben auch seine Vorteile.«

Verflixt, was war nur los mit ihm? Der Raum schien enger und enger zu werden. Das Hartplastik der Cockpitkanzel schien auf ihn zuzukommen, die Wände zu schrumpfen ... und waren da nicht sogar krachende Explosionen, mit denen Haltestreben brachen?

Der T-Flügler schrumpfte.

Das Atmen fiel Tattoo schwer. Schweiß trat auf seine von Tätowierungen bedeckte Stirn. Der Mund trocknete aus, die Zunge war kaum in der Lage, die ausgedörrten Lippen zu befeuchten. Die Brust wurde ihm eng, er spürte das Pochen des Herzens überdeutlich.

»Ich bin mitten im Vortex. Das kann doch kein Angriff der Grah'tak sein, keine Strahlung, die ...« Er unterbrach sich selbst, als ihm klar wurde, was gerade geschah.

Platzangst.

Das war nichts anderes als ein akuter Anfall von Platzangst. Tattoo konnte sich nicht daran erinnern, jemals darunter gelitten zu haben. Er stand doch mit beiden Beinen auf dem Boden – er war schließlich ein Wanderer! Eines der wenigen Mitglieder des neuen Wandererkorps, das unermüdlich gegen die Übergriffe des Bösen kämpfte ... auch wenn er sich nicht so vorkam, war er doch ein Held.

Und Helden waren nun einmal keine Psychokrüppel.

So schätzte er die Lage wenigstens ein. Zumindest, wenn er öffentlich hätte Stellung beziehen müssen. In Wirklichkeit wusste er nur allzu genau, dass die Wanderer alles andere als strahlende Helden waren.

Sie waren Individuen, hin- und hergerissen und gezwungen, traumatische Erlebnisse zu durchleiden. Sie machten Fehler. Sie standen ständig in Gefahr, den Verlockungen des Bösen zu verfallen. Sogar Torn, ihr Anführer, der Erste der neuen Wanderer. Er hatte Andeutungen gemacht, dass er im Psychoduell mit Mathrigo beinahe unterlegen wäre.

Mathrigo ... sie hatten geglaubt, er sei tot, für immer aus dem Raum-Zeit-Kontinuum entfernt. Und doch war er zurückgekehrt, auf bisher unbekannte Weise. Die Informationen, die ihnen vorlagen, waren spärlich – Torn hatte klargestellt, dass selbst er nicht alles durchschaute, aber mehr wusste, als er zu diesem Zeitpunkt zu erklären bereit war. Zuerst hatte Tattoo Fragen stellen wollen, dann aber geschwiegen; er vertraute Torn, und er musste nicht alle Entscheidungen ihres Anführers verstehen. Das war Torns Vorrecht als Erster der Wanderer.

Nur eine kleine Stimme, die aus einem verborgenen Winkel seines Verstandes drang, stellte die Frage, ob das tatsächlich Torns Vorrecht war.

Tattoos Atem ging ruhiger als noch vor Sekunden. Er hatte das Problem erkannt und war bereit, dagegen anzugehen. Platzangst. Das war doch lächerlich. Hier in seinem T-Flügler war er vollkommen sicher, und solange er durch das Vortex reiste, bestand keinerlei Gefahr.

Wirklich?

Während seiner letzten Vortex-Reise war es zu einem mysteriösen Vorfall gekommen. Er war mit Callista vor den Grah'tak aus dem Orbit der Erde geflohen und die Raum-Zeit-Verbindung hatte sich nur instabil aufgebaut. Das Vortex war aus den Fugen geraten und hatte ihn und seine Begleiterin schließlich über einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs ausgespuckt, wo eine schicksalhafte Odyssee begann, die ins Cho'gra geführt und erst nach Torns unverhofftem Auftauchen zu einem guten Ende gekommen war. Dabei hatten sie Max Hartmann, einen jungen Soldaten aus der Erde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, aufgelesen. Max war schon früher mit Torn in Berührung gekommen, was stark darauf hindeutete, dass ihm eine wichtige Rolle im Fluss der Zeit zukam. Inzwischen hatte Torn entschieden, ihn zum Wanderer zu rekrutieren.

All das lag erst wenige Tage zurück; und nun war Tattoo zum ersten Mal wieder aufgebrochen, um einen Patrouillenflug durchzuführen. Und das mit gutem Grund. Die Mechar hatten in der Zentrale der Festung am Rande der Zeit mithilfe der Beobachtungsinstrumente eine ungewöhnliche Ballung negativer Energie in einem unbekannten Raumsektor festgestellt.

Aus der Ferne konnte niemand beurteilen, was dort vor sich ging, und so hatte sich Tattoo freiwillig zu einem Beobachtungsflug gemeldet. Torn hatte ihn begleiten wollen, doch der Tätowierte hatte abgelehnt – zunächst ging es nur darum zu beobachten und wieder zu verschwinden, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. »Dabei brauche ich keine Hilfe«, hatte Tattoo lässig gesagt. Und noch ehe er sein Ziel erreichte, musste er nun feststellen, dass er sehr wohl Hilfe hätte gebrauchen können.

»Verflixt noch eins, mach dich nicht lächerlich, Alter«, murmelte er. Und fragte sich, wann er endlich aus dem Vortex wieder austreten würde. Der Flug dauerte nun schon lange genug. Dabei wusste er genau, dass sich Sekunden subjektiv zu Ewigkeiten dehnen konnten, und dass momentan genau dies geschah. Es war ein psychisches Phänomen ... nichts weiter als psychisch.

Die schrecklichen Ereignisse waren eben auch an Tattoo nicht spurlos vorübergegangen. Max Hartmann und Krellrim waren körperlich verkrüppelt zur Festung zurückgekehrt – und Tattoo hatte es offenbar nicht ohne seelischen Schaden überstanden.

Immer wieder dachte er an jene entsetzlichen Stunden, die Callista, Max und er am Rande des Malum-Pfuhls zugebracht hatten. Wie sie sich Zentimeter für Zentimeter vorangekämpft hatten ... wie sie Re'thruk'ul abgeschlachtet hatten, die vor kurzem noch lebende Menschen aus Fleisch und Blut gewesen waren ... wie um sie herum Dutzende von Soldaten gestorben waren, ohne dass sie ihnen hätten beistehen können ... wie Max Hartmanns Fuß von einem glühenden Lavatentakel abgetrennt worden war ... wie sie im Thronsaal –

Tattoo fluchte, um sich von den kreisenden Gedanken abzulenken, die in einen düsteren Strudel führten. So kannte er sich gar nicht. Er war doch der Coole, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte. So gab er sich nicht nur, so war er auch. Wie oft hatte er kopfschüttelnd Torns Grübeleien beobachtet und dafür gedankt, dass er anders war.

Unkomplizierter.

Doch scheinbar kam für jeden die Zeit, in der es innezuhalten und nachzudenken galt. Gerade Wanderer, die schreckliche Dinge mitanzusehen gezwungen waren, benötigten wohl ein Ventil für ihren Geist, sonst sammelte sich zu viel an. Vielleicht hätte Tattoo die Konzentrationsübungen und Ruhezeiten in seinem Gort nicht vernachlässigen dürfen.

Die Instrumente vor ihm erzeugten jene signifikante Tonfolge, die ankündigte, dass der Austritt aus dem Vortex unmittelbar bevorstand.

»Endlich.«

Das allgegenwärtige blaue Leuchten intensivierte sich vor seinem Fluggerät, und ein in sich kreisender Strudel baute sich auf. Der Triebflügler stürzte in die normale Raumzeit des Omniversums zurück.

Nun würde der Wanderer sehen, was sich in diesem Sektor abspielte, knapp tausend Lichtjahre von Ascalot in Richtung eines extrem sternenarmen Sektors des Weltalls entfernt.

Laut den Sternenkarten des alten Wandererordens gab es im Umkreis von fünfhundert Lichtjahren keine einzige bewohnte Welt; das nächste besiedelte System gehörte zum Sternenreich der Adiloraner. Oder hatte diesem amphibischen Volk gehört – vor Jahrmillionen. Was seitdem geschehen war, war niemandem in der Festung am Rande der Zeit bekannt.

Aktuelle Daten über das Omniversum lagen nur in verschwindend geringem Maß vor, und das neue Wandererkorps stand vor einer titanischen Aufgabe, wenn es allein darum ging, uralte und längst überkommene Informationen zu aktualisieren.

»Da ist nichts«, sagte Tattoo erleichtert. Er aktivierte die Sprachaufnahme. »Bin am Zielort aus dem Vortex ausgetreten. Es ist nichts Auffälliges festzustellen. Vor mir liegt leerer Weltraum, wenn man das so sagen kann. Der Weltraum ist ja ohnehin leer, also ...«

Er brach ab und deaktivierte die Aufnahmefunktion. Er liebte es, seine Berichte mit etwas Plauderei zu würzen, wie er es nannte, was die Protokoll-Mechar zwar akzeptierten, aber stets löschten, ehe sie es einspeicherten und der Datenbank hinzufügten.

Tattoo wollte gerade seinen Bericht fortsetzen, als er sofort wieder inne hielt. Er spürte etwas. Etwas Gewaltiges.

Böses.

Die Beobachtungssensoren hatten sich nicht getäuscht. Irgendetwas befand sich ganz in der Nähe. Tattoo zog den T-Flügler in eine enge Rechtskurve und kippte ihn kopfüber, so dass er den Bereich, der sich subjektiv unter ihm befand, optisch einsehen konnte.

Da war es.

Der Anblick schnürte ihm die Kehle zu.

Seine Finger tasteten über das Instrumentenpult, doch wo er sich sonst im Schlaf zurechtfand, fand er die richtigen Stellen nicht. Etwas legte sich mit erdrückender Gewalt über seinen Geist.

Er stöhnte.

»Not... Notsignal absetzen«, ächzte er und sah noch die kleine Kontrollleuchte, die die Ausführung des akustischen Befehls signalisierte.

Dann ertönte ein scharfes Knistern, Funken tanzten über den Instrumenten und eine Explosion gellte. Eine grellgelbe Flammenzunge schoss auf ihn zu, erlosch jedoch, ehe sie ihn erreichte.

Der Wanderer versuchte, die Kontrolle über die Steuerung zu erlangen, aber er war müde ... so müde ...

Eine zweite Explosion.

Eine dritte.

Durch halb geschlossene Lider sah er, wie sich die Funken an einem Ort sammelten und zu einem Strahl bündelten. Eine Entladung schmetterte in seine Brust.

Jeder Muskel in seinem Leib zuckte. Die Augen weiteten sich. Die Hände krampften sich zusammen. Etwas rann über sein Kinn. Er würgte.

Dunkelheit.

 

 

1.

 

Die Festung am Rande der Zeit

Trainingsraum 1

Die metallene Pyramide reichte Nara Yannick gerade bis zur Hüfte, und ihre Spitze war genau das: spitz. Verdammt spitz.

Und es tat ebenso verdammt weh, als Nara vornüber darauf stürzte. Nur weil sie die Knie anzog und es ihr gelang, sich mit beiden Händen an den Seitenteilen der Pyramide abzustoßen, riss sie sich nicht die Bauchdecke auf. Ihr wurde schwindlig, als sie sich vorstellte, wie sich das kühle Metall durch ihr Fleisch bohrte und aus der riesigen Wunde ihre Gedärme ins Freie quollen.

Nara rollte sich ab und blieb schwer atmend auf dem Boden liegen. Den Blick richtete sie stur nach oben, als gäbe es an der kahlen Decke des Trainingsraums etwas Bemerkenswertes zu sehen. Das tat sie nur aus einem Grund: weil sie wusste, dass es ihren Trainer Krellrim maßlos ärgerte. Doch das hatte der Gorilla nicht besser verdient.

Sie schalt sich selbst für diesen Gedanken. Ihn Gorilla zu nennen war unfair. Zwar entsprach es den Tatsachen, aber Krellrim war alles andere als ein gewöhnlicher Menschenaffe. Er war der letzte der intelligenten Affen von Mrook, das Überbleibsel eines Forschungsexperiments, das letzten Endes von den Grah'tak initiiert worden war. Und außerdem gehörte er dem neuen Wandererkorps an, welches auch Nara vor wenigen Tagen aufgenommen hatte.

»Steh auf!«, grollte Krellrim.

Nara schluckte ihren Ärger und gehorchte. Doch kaum stand sie, krümmte sie sich und presste beide Hände gegen ihren Bauch.

»Wenn das ein echter Kampf wäre, wärst du längst tot!«, fuhr Krellrim sie an.

»Ist es aber nicht!« Sie starrte ihn aggressiv an und zwang sich dazu, aufrecht zu stehen. Ihre Körpermitte schien ein einziges Zentrum aus glühender Lava zu sein, die sich langsam aber unaufhaltsam bis zu ihrem Gehirn vorfraß.

Der Gorilla hob das Schwert, das er ihr entwunden hatte, ehe er sie zu Fall gebracht hatte. Mit einem Aufschrei schleuderte er es quer durch die Halle; es überschlug sich sirrend. Die Spitze bohrte sich in die Wand und es blieb zitternd stecken. »Genug für heute.«

»Das beste, was ich seit langem gehört habe.«

»Eben nicht!«, brauste Krellrim auf. »Das Beste, was du seit langem gehört hast, ist die Lektion, die ich dir heute erteilt habe. Eine Lektion, die so primitiv ist, dass ich kaum glaube, dass ich sie dich lehren musste. Versagen und Unaufmerksamkeit im Kampf bedeuten Schmerzen und Tod.«

»Das weiß ich.«

»Das weißt du eben nicht! Sonst würdest du begreifen, dass es sich lohnt, in jede einzelne Trainingsstunde mit vollem Einsatz zu gehen.«

Nara schob sich eine Strähne ihres blonden Haars aus der Stirn. Seit sie in den verhängnisvollen Strudel aus Ereignissen gezogen worden war, der sie von ihrem Platz als Sicherheitschefin auf dem Jupitermond Io zuerst auf die Erde, dann ins Cho'gra und schließlich in die Festung am Rande der Zeit geführt hatte, fand sie für nichts mehr Zeit, das früher selbstverständlich gewesen war. Das Haar hing ihr bis über die Augen, und ...

Sie lachte.

Krellrim funkelte sie ärgerlich an. »Was ist so lustig daran? Willst du etwa behaupten, dass das, was du leistest, sei dein Äußerstes? In dir steckt mehr, Nara Yannick, viel mehr! Sonst hätte Torn dich nicht zur Wanderin erhoben, und ich wage mir gar nicht erst auszumalen, dass er dabei eine Fehlentscheidung getroffen haben könnte.«

Nara hob beschwichtigend die Hand. »Darum geht es nicht.«

»Sondern?«

»Ich habe wieder einmal gemerkt, dass ich absolut nicht begreife, was mit mir und meinem Leben geschehen ist. Ich mache mir über die lächerlichsten Dinge Gedanken. Vor kurzem ging ich noch meiner täglichen Arbeitsroutine nach und das Außergewöhnlichste, das ich mir vorstellen konnte, war die Existenz von außerirdischen Rassen. Und jetzt ... jetzt das.« Sie machte eine allumfassende Handbewegung. »Ich bin auf einer Festung, die in einem Bereich außerhalb der Raumzeit liegt.«

»Im Numquam«, sagte Krellrim kühl. »Nenn es beim Namen.«

»Im Numquam«, wiederholte Nara. »Ich bin einem Orden beigetreten, dessen Aufgabe in der Bekämpfung der dämonenhaften Grah'tak und in der Überwachung des Flusses der Zeit liegt. Hör sich das doch einer an. Das ist verrückt! Ganz einfach verrückt.« Sie lachte wieder.

»Du solltest dich daran gewöhnen.«

»Ganz zu schweigen davon, dass ich in einen Mann verliebt bin, der als Embryo aus dem Leib seiner Mutter gerissen wurde und in einer Dämonenmaschine aufwuchs. Es ist verrückt. Ganz einfach verrückt. Sagte ich das schon?«

Krellrim verzog die Gorillaschnauze auf eine Weise, die Nara nicht deuten konnte. »Unsere heutige Trainingsstunde ist vorüber. Wir treffen uns morgen wieder. Aber nicht hier, sondern in Raum 3.«

»Warum dort?«, zeigte sich Nara verwundert. Daran, dass sie der Einfachheit halber von heute und morgen sprachen, obwohl das Numquam außerhalb der Zeit lag und damit solche Einteilungen ad absurdum führte, hatte sie sich längst gewöhnt. Als sterbliche Wesen hatten sie sich ihre eigenen Zeitrotationen geschaffen. Ohne solche Hilfskonstrukte kamen sie nicht zurecht.

Der Menschenaffe antwortete nicht. »Ich würde nun gerne mein eigenes Training absolvieren, ehe ich die Trainingsstunde mit Max durchführe. Wenn es dir nichts ausmacht, lass mich alleine.«

»Soll ich das als Rausschmiss werten?«

»Als Bitte«, stellte Krellrim klar. »Alles andere wäre seltsam an diesem Ort.«

»Im Trainingsraum?«

»In der Festung am Rande der Zeit. Warum sollten wir einander befehlen? Wir gehören zusammen, Nara. Eine Einheit. Waffenbrüder und -schwestern.«

Sie wandte sich ab. »Verstehe«, murmelte sie und schämte sich. Wieso nur hatte sie sich hinreißen lassen, Krellrim derart feindlich zu beurteilen? Ihn nicht als Lehrer, sondern als Gegner anzusehen?

Sie näherte sich dem Ausgang. »Ich wünsche dir ein gutes Training. Und ich wünsche dir, dass Max ein besserer Schüler ist als ich.«

»Die Frage, Nara«, meinte Krellrim, »ist nicht, wie gut ein Schüler jetzt ist, sondern wie gut er am Ende ist.«

Nara überlegte, was sie darauf antworten sollte. Schließlich verabschiedete sie sich und verließ die Trainingshalle.

Auf den schier endlosen Korridoren der Festung begegnete sie niemandem; nicht einmal einem Mechar. Der Weg zu ihrem Privatraum – ihrem Gort, verbesserte sie sich in Gedanken, denn sie musste sich an den Sprachgebrauch noch gewöhnen – kam ihr vor wie eine Ewigkeit.

Ihre Schritte hallten von den Wänden wider. Ihr gefiel die Schmucklosigkeit der Gänge nicht. Alles wirkte unpersönlich, und genau das war es auch.

Die Festung war für Jahrmillionen unbewohnt gewesen. Zumindest, wenn man in der Zeitlosigkeit des Numquam von Jahrmillionen sprechen konnte. Einst hatten hier viele Menschen ... viele Intelligenzwesen gelebt. Der Orden der Alten Wanderer, der einst durch Verrat ausgelöscht wurde. Es war Torn zu verdanken, dass es inzwischen einen neuen Wandererorden gab, doch der stand noch ganz am Anfang.

Es gab nur wenige Mitglieder.

Torn selbst als der Erste; dann Callista, seine Geliebte, sein Symellon. Außerdem Krellrim und Tattoo. Daneben Nroth, der Torns Sohn war und auf ganz andere Art zum Wanderer geworden, nämlich durch die Weihe Mathrigos, der ihn zum Dunklen Wanderer erhoben hatte. Erst vor kurzem hatte Nroth die Seiten gewechselt. Dank ihr, Nara Yannick, das wusste sie genau. Weil er mehr für sie empfand als nur jene Loyalität, von der Krellrim zuvor gesprochen hatte.

Und jüngst waren sie selbst und der Soldat Max Hartmann von Torn in die Gemeinschaft der Wanderer aufgenommen worden. Was genau das bedeutete, und welche Konsequenzen es nach sich zog, konnte sie noch nicht beurteilen. Die Ausbildung lief, und es gab Momente, da fragte sie sich, ob überhaupt irgendjemand wusste, wie ein Wanderer auszubilden war. Welche Schulung hatten Krellrim und Tattoo schon durchlaufen? Was qualifizierte sie dazu, neue Wandererschüler auszubilden?

Für Nara Yannick gab es mehr Fragen als Antworten in ihrem neuen Leben ...

 

Torns Gort

»Es gibt mehr Fragen als Antworten, Callista.« Torn fühlte sich bei diesem Geständnis gar nicht wohl, aber es wurde höchste Zeit, dass er seine Bedenken aussprach. Und wenn er sie nicht seinem Symellon offenbarte, wem dann?

Sie lächelte, und es tat gut, ein ehrliches Lächeln zu sehen. Allzu oft dachte Torn an seine Begegnung mit Mathrigo zurück, der nun einen Klonkörper des ehemaligen Soldaten Isaac Torn besaß ... oder war es umgekehrt? Ihn schwindelte, wenn er sich jene entsetzlichen Stunden der Offenbarung in dem weiten unterirdischen Gewölbe in Erinnerung rief. Jedenfalls hatte auch Mathrigo gelächelt – aber auf falsche, niederträchtige Weise.

»Die Fragen sind es, die uns vorantreiben«, erwiderte Callista. »Nicht die Antworten. Und gab es in letzter Zeit nicht mehr als genug Antworten?«

Es gab Antworten, da hat sie Recht. Ich kenne nun das Geheimnis meiner Herkunft, weiß um meine Verbindung zu Mathrigo, bin mir darüber im Klaren, woher meine Kräfte kommen. Und? Was bedeuten diese Erkenntnisse? Wie verändern sie mein Leben, meines und das des neuen Wandererordens? Diese Fragen kann ich nicht beantworten. Und ich habe nicht einmal eine Idee, in welcher Richtung die Lösung liegt. Vielleicht muss ich einfach abwarten. Abwarten, wie die Dinge sich entwickeln, abwarten, was der Fluss der Zeit bringen wird.

»Ich meinte etwas anderes«, sagte er. »Ich stelle mir Fragen, was die Ausbildung unserer neuen Schüler angeht.«

»Nara Yannick und Max Hartmann.«

Torn hatte bislang gegen die Wand gelehnt gesessen; nun legte er sich auf den Boden, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen, der nur mit wenigen persönlichen Gegenständen geschmückt war, mit Erinnerungsgegenständen an einige seiner Missionen. Sein Blick fing sich an einer Schusswaffe aus dem Ersten Weltkrieg. Er hatte sie irgendwann mitgenommen, um an Max Hartmann erinnert zu werden, von dem er nicht geglaubt hatte, ihn je wiederzusehen. Bis vor kurzem hatte er angenommen, es sei das Schicksal des jungen Soldaten, im Krieg zu sterben ... im nächsten Weltkrieg, den die Gewalttätigkeit der Menschen hatte entbrennen lassen. Offenbar hatte er sich getäuscht.

»Wir haben sie aufgenommen, ebenso wie damals Krellrim und Tattoo.«

»Und mich«, sagte Callista und lächelte erneut.

»Bei dir ist es etwas anderes. Du warst eine Lu'cen, ehe du erneut eine körperliche Gestalt erhalten hast.«

»Und das qualifiziert mich zur Wanderin? Wieso, mein Geliebter?«

»Genau das ist die Frage. Was qualifiziert überhaupt irgendjemanden zum Wanderer? Warum kann ich mich so nennen? Weil die Lu'cen es so bestimmt haben?«

Callista setzte sich neben ihn. »Viele Fragen. Du hast Recht.«

»Wir wissen, dass es zu Zeiten der Alten Wanderer sogenannte Wanderermeister gab. Namentlich kennen wir Meister Machiel, der den jungen Schüler Ferrotor ausbildete, der später alle verriet und zu Mathrigo wurde. Doch was hat der Status Wanderermeister bedeutet? Hieß es, dass es ein besonders erfahrener Kämpfer des Lichts war, der die Schüler ausbildete? Oder etwas ganz anderes? Wodurch wurde er zum Meister?«

»Vielleicht hat es seinen Sinn, dass wir so wenig darüber wissen. Warum sollten wir die alte Struktur kopieren? Vielleicht ist es besser, etwas Neues zu schaffen. Neue Gesetze, die aus den aktuellen Bedingungen heraus entstehen.«

»Und wer stellt diese Gesetze auf?«

Callista rückte näher an Torn heran. »Du«, sagte sie ebenso sanft wie bestimmt. »Denn du bist der Erste Wanderer.«

»Und falls ich Fehler begehe?«

Was heißt hier überhaupt falls? Natürlich begehe ich Fehler. Es kann gar nicht anders sein. Kein Wesen kann Gesetze aufstellen, die ohne Fehler sind und die immer und in jeder Lage greifen. Aber in meinem Fall haben solche Bestimmungen sofort und ohne Umschweife Auswirkungen auf das Schicksal von Menschen. Ist es nicht Hybris, über Max Hartmanns oder Nara Yannicks Schicksal bestimmen zu wollen?

»Du wirst Fehler begehen und auch dafür bezahlen«, erwiderte Callista nüchtern. »Das ist eine Bürde, um die ich dich nicht beneide. Aber ich bin gerne bereit, dir zur Seite zu stehen und dich zu beraten.«

»Das schlimme ist, dass nicht nur ich für diese Fehler bezahlen werde. Nicht einmal in erster Linie ich. Max und Nara werden die ersten Leidtragenden sein, und Krellrim und Tattoo genauso. Sogar du. Und danach all die anderen, die wir für das neue Wandererkorps rekrutieren werden.«

Callista schwieg einige Sekunden. »Das ist unvermeidbar«, stimmte sie dann zu, leise und zaghaft. »Aber irgendjemand steht immer in Verantwortung. Irgendjemand muss all die Entscheidungen treffen, die über das Leben anderer bestimmen. So ist das im Krieg – und es kann wohl keinen Zweifel daran geben, dass wir uns im Krieg befinden. Immer noch.«

»Ein Krieg, der wohl nie ein Ende finden wird«, meinte Torn niedergeschlagen. »Zumindest glaube ich das manchmal. Als ich Mathrigo besiegt habe, dachte ich, alles werde einfacher und leichter. Nun ist er zurück, und in Wirklichkeit ist alles nur noch schwerer geworden. Die Last der Erkenntnis über mein wahres Sein wiegt schwer, Callista.«

Sie gab keine Antwort, und er war ihr dankbar dafür. Hohle Worte und irgendwelche Floskeln hätten ihm nicht geholfen. Das Mitleid in ihren Augen jedoch und die Gewissheit, dass sie ihm zur Seite stehen würde ... das half ihm sehr.

Ich bin Mathrigos Klon ... unterscheide mich von ihm nur durch die Beimengung menschlicher DNA. Und durch mein Wesen – meine Entscheidungen, meinen Willen. Aber es gibt keinen Zweifel daran, dass er mich gezielt erschaffen hat, als Erfüllung der Prophezeiung des Mesh'rul; einer Voraussage, die er selbst gestreut hat, in dem einzigen Ziel, sie in mir zu erfüllen. In mir, und damit in sich selbst.

Ich bin nur einer von vielen hundert Klonkörpern, derjenige, der zufällig ausgewählt wurde. Die anderen sind in jener geheimnisvollen Gewölbehalle zurückgeblieben und wurden erst vor kurzem zerstört.

Wie seltsam es klingt: Sie wurden zerstört. Ich selbst habe sie zerstört, indem ich einen der Cloning-Behälter in die Luft jagte und damit eine Kettenreaktion auslöste. Mathrigo blieb in der Hölle der Explosionen zurück, womöglich erschlagen durch den einen Behälter, den ich auf ihn stürzte. Aber wie ich ihn kenne, hat er irgendwie überlebt und sinnt bereits auf Rache. Er lebt nun in einem Klonkörper der Isaac-Torn-Serie, besitzt exakt denselben Körper, den ich besaß, ehe ich zu einem Wanderer wurde und nur noch durch das Plasma der Rüstung in der Lage bin, einen Körper auszubilden.

Er erhob sich. »Also ist ein Wanderer ab dem Moment ein Wanderer, in dem wir ... in dem ich entscheide, dass er ein Wanderer ist.«

»Ich glaube, genauso sieht es aus.«

»Dann werde ich mich jetzt aufmachen, um von Krellrim zu erfahren, wie das Kampftraining läuft. Bei unserer improvisierten Zeremonie an Krellrims Krankenbett habe ich Max und Nara in unserer Mitte als Wanderer willkommen geheißen. Ich glaube, das war ein wenig voreilig. Nennen wir sie doch Wandererschüler. Der Begriff hat lange Tradition.«

»Willst du ihnen das mitteilen?«, fragte Callista.

Torn schüttelte den Kopf. »Warum sollte ich das? Du und ich, Callista ... wir beide nennen sie Schüler. Jetzt noch. Ehe sie auf ihren ersten Einsatz gehen, wird ohnehin eine Entscheidung fallen müssen.«

»Dann hast du Max also bewusst nicht mit Tattoo aufbrechen lassen, als er darum bat?«

»Es war Zufall, aber es kommt mir zupass. Ich wollte Tattoo persönlich begleiten, um dieser ungewöhnlichen Ballung von negativer Energie auf den Grund zu gehen. Aber er meinte, er wolle lieber allein gehen, es drehe sich schließlich nur um eine Beobachtungsmission. Ich ließ ihm seinen Willen. Wahrscheinlich wollte er allein sein, um über alles nachzudenken.«

»Das kann er in seinem Gort genauso tun.«

Der Erste Wanderer blieb vor seiner Geliebten stehen und sah ihr in die Augen. »Eben nicht, Callista. Du und ich, wir können es ... aber er nicht. Es fällt ihm unendlich schwer, in einem Raum zu sitzen und nachzudenken. Er braucht Ablenkung, Bewegung, muss Dinge sehen, Reisen unternehmen. Wenn er zu lange in der Festung festsitzt, geht er ein.«

»Dann geht er ein? So eine saloppe Formulierung aus deinem Mund?«

»So hat er es in anderem Zusammenhang einmal genannt.«

Die beiden lachten, als Torn das Schott öffnete, das aus seinem Gort führte. Sie wollten sich auf den Weg zum Trainingsraum 1 machen, doch kaum traten sie auf den Korridor, trafen sie auf Nara Yannick.

Die neue Wanderin war offensichtlich tief in Gedanken versunken. Ihre Gesichtszüge wirkten verkniffen, sie war alles andere als entspannt.

Callista warf Torn einen schnellen Blick zu, um ihm zu signalisieren, dass sie die ersten Worte zu Nara sprechen wollte. Torn verstand sofort, worauf sie abzielte. Ein Gespräch von Frau zu Frau, dachte er. Mir soll's recht sein.

»Du siehst nicht gerade zufrieden aus«, sagte Callista.

Nara lachte, was Torn verwunderte – seiner Meinung nach waren Callistas Worte nicht besonders dezent oder einfühlsam gewesen. Und lustig schon gar nicht.

»Ich hatte einen kleinen Zusammenstoß mit Krellrim. Nichts Ernstes. Er ...« Nara führte die rechte Hand zum Mund und kaute kurz auf dem Nagel des Daumens. »Seine Lehrmethoden sind etwas grob. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich ihm Recht geben. Sein Kampftraining ist lehrreich. Ja, so könnte man es nennen. Lehrreich.«

Callista legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Das klingt gut. Ich will dir nicht verheimlichen, dass Krellrim nach deiner letzten Stunde mit uns gesprochen hatte.«

Die neue Wanderin verschränkte die Arme vor der Brust. »Du meinst, er hat sich beschwert.«

Torn lag eine Erwiderung auf der Zunge, doch er beherrschte sich, um Callista weiterhin das Gespräch zu überlassen. Diese hatte die Situation offensichtlich gut im Griff. »Dazu lag kein Grund vor. Er wollte uns lediglich darauf hinweisen, dass in dir etwas verborgen liegt. Er konnte es nicht genau benennen. Er vermutete extremen Zorn, oder eine tiefe Verletzung an deiner Seele, die dich aggressiv und unbeherrscht reagieren lässt.«

Nara atmete tief durch. Ihre Mundwinkel zuckten. »Na prima. Er beschwert sich nicht, aber er beleidigt mich. Vielleicht hab ich ihn doch falsch eingeschätzt. Vielleicht ist seine Handlungsweise doch nicht lehrreich, sondern schlicht und einfach barbarisch.«

»Wie kommst du darauf, dass er dich beleidigt hätte? Das hat damit nicht das Geringste zu tun.« Callistas Tonfall wurde ernst. »Er hat uns nichts gesagt, das wir nicht längst bemerkt hätten. Du vergisst, dass Torn und ich dich ebenfalls lehren.«

»Meditation«, erwiderte Nara verächtlich. Mit einem Mal ging ein Ruck durch ihre Gestalt. »Entschuldige. Ich wollte nicht ...«

»Ich weiß«, meinte Callista. »Und das ist genau das, worauf wir hinauswollen.«

Nara schwieg mit zusammengepressten Lippen. Ihr Blick fraß sich an Callistas Hand fest, die noch immer auf ihrer Schulter lag. »Wenn ihr so gut über mich Bescheid wisst, frage ich mich, warum ihr mich überhaupt auszubilden versucht.« Sie drehte sich abrupt um und ging davon.

Callistas Hand rutschte von ihrer Schulter.

Die beiden blickten ihr nach, wie sie um eine Korridorbiegung verschwand.

Erst als auch ihre Schritte nicht mehr zu hören waren, gingen sie los. Der Weg zum Trainingsraum war weit, und sie legten ihn schweigend zurück. Jeder hing seinen Gedanken nach.

Als sie schließlich eintraten, hielt Krellrim mitten in einem eleganten Bewegungsablauf inne. Er hatte offensichtlich eine Abwehrparade geübt. »Ich dachte, es wäre Max.«

Torn zog sein Lux und aktivierte die Klinge es. »Da muss ich dich leider enttäuschen.«

Der Gorilla ging hinter derselben Metallpyramide in Deckung, aus die vor wenigen Minuten Nara Yannick gestürzt war. Er hielt seine eigene Plasmaklinge angriffsbereit. »Ein guter Kampf mit dir würde mich für die Enttäuschung entschädigen.«

Übergangslos hastete Torn los. Sein Lux durchschnitt pfeifend die Luft und zog eine blau leuchtende Spur. Ehe Krellrim zu irgendeiner Abwehrbewegung fähig war, sprang der Erste Wanderer. Beide Füße schmetterten gegen die Pyramide und trieben sie nach hinten.

Direkt gegen Krellrim, der durch den Aufprall von den Füßen gerissen wurde. Er schlug hart auf, rollte sich jedoch über die Schulter ab und kam blitzschnell wieder auf die Füße.

Zumindest fast.

Er knickte an seiner Beinprothese ein, stolperte zur Seite – und ein harter Schlag mit Torns Lux riss ihm die eigene Waffe aus der Hand.

Krellrim fluchte.

Torn deaktivierte seine Plasmaklinge und fühlte sich schuldig, weil er den Ablauf der Dinge genauso vorausberechnet hatte; er hatte Krellrims aktuellen Schwachpunkt eiskalt ausgenutzt. Die Beinverletzung, die er auf Carnias Foltertisch davongetragen hatte, war so schwerwiegend gewesen, dass die Medo-Mechar keine andere Möglichkeit gesehen hatten, als Krellrims Bein zu amputieren und durch eine Prothese zu ersetzen. Die Wunde verheilte sehr gut, und Krellrim konnte das Bein schon fast zu hundert Prozent wie das eigene einsetzen – aber eben nur fast. Erst in einigen Wochen würde er keinen Unterschied mehr bemerken. Oder nur noch den einen Unterschied, dass nach den Worten der Mechar das Kunstglied besser funktionieren würde als das ursprüngliche Bein. Keine Funktionsausfälle mehr, keine Schmerzempfindlichkeit ...

»Das war wohl alles andere als ein guter Kampf«, knurrte Krellrim. »Ich habe jämmerlich versagt.«

Torn schüttelte den Kopf. »Du konntest nichts dafür. Kein Grah'tak hätte so gut über deinen derzeitigen Zustand Bescheid gewusst wie ich.«

»Da magst du Recht haben.« Der intelligente Menschenaffe fletschte die Zähne; eine Furcht erregende Geste, die jedem menschlichen Gegner einen Schauer über den Rücken gejagt hätte. »Aber eine Glu'takh