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Gerhard Priewe | Jürgen Bummert [Fotos]

STRANDGUT

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HINSTORFF

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INHALT

Einleitung

Strandgut und Strandrecht im Wandel der Zeiten

Strandgut sammeln und erleben

Wissenswertes über Rechte und Pflichten

Literaturtipps

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Fischerkugeln gehören zu den selteneren Strandfunden.

EINLEITUNG

Im ursprünglichen und engsten Sinne des Wortes umfasst »Strandgut« die von Schiffen aus ans Ufer getriebenen Güter. Den Umgang mit ihnen, alle Fragen der Bergung und des Besitzes von Strandgut, regelte das »Strandrecht«. Beide Begriffe erfuhren im Laufe der Jahrhunderte hinsichtlich ihres Inhalts bedeutende Veränderungen.

Die Zeiten, in denen man an Land falsche Feuer setzte, um Schiffe auf einem gefährlichen Kurs zum Stranden zu bringen, um anschließend die Schiffbrüchigen zu berauben oder gar umzubringen, sind lange vorbei. Ebenso die Zeiten, als Könige, Herzöge und Küstenbewohner mit Hilfe sich ständig ändernder Bestimmungen darum stritten, wie Strandgut aufzuteilen sei. Im landläufigen Sinne versteht man heute unter Strandgut im Grunde genommen alles, was man am Strand findet.

Neben dem noch selten anzutreffenden Treibgut gestrandeter Schiffe sind das vor allem die Schätze des Meeres, die sich bei den Strandbesuchern entsprechend ihren individuellen Wünschen besonderer Beliebtheit erfreuen. Fossilien aller Art, besonders schön geformte Steine, Hühnergötter, Bernstein, Muscheln, Gräser und vieles andere der Flora und Fauna des Meeres gehören dazu.

Selbst eindrückliche Naturerlebnisse, wie sie nur am Strand möglich sind, werden heutzutage als Strandgut verstanden.

Die Zahl der Menschen, die weltweit die Strände bevölkern, um in diesem Sinne nach Strandgütern zu suchen, wächst von Jahr zu Jahr. Der eine will sich entspannen und erholen, sucht nach einer Idylle für Sport und Spiel, der andere ist glücklich über das Gefühl der Weite und der Freiheit, das er dort erlebt. Wieder andere sind auf der Suche nach besonderen Fundstücken, nach Räumen für Inspiration, nach Refugien für das ungestörte Ausleben von Fantasien oder nach Motiven für ihre künstlerischen Arbeiten.

Dieses Buch beleuchtet nicht allein historische und rechtliche Probleme des Strandgutes und des Strandrechts, sondern geht auch der Frage nach, was der Strand in heutiger Zeit für den Menschen bedeutet und was er an gegenständlichen und ideellen »Strandgütern« bereithält. Die Beschäftigung mit der Faszination des Strandes führt auch zu Reflexionen des Themas in der Literatur. Und nicht zuletzt steht das Wort Strandgut in seiner vielfältigen, facettenreichen Bedeutung schon lange auch für besondere Erlebnisse, für Situationen, in die man unerwartet und überraschend im Spülsaum des Lebens gerät, wo sich die Wogen unserer Sehnsüchte an den Barrieren der Wirklichkeit brechen und dabei immer Prägendes und Bleibendes hinterlassen.

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STRANDGUT und Strandrecht im Wandel der Zeiten

Unüberschaubar groß ist die Zahl der Schiffe, die im Laufe der Zeit an den Küsten der Nord- und Ostsee gestrandet sind. Unzählige Seeleute verloren dabei ihr Leben, Millionenwerte versanken für immer in den Tiefen des Meeres.

Gefährliche Stürme, begrenzte technische Möglichkeiten der Navigation, Untiefen und nicht zuletzt den Häfen und Wasserstraßen vorgelagerte Sandbänke führten immer wieder zu Schiffsunglücken, bei denen wertvolle Ladung verloren ging bzw. als Strandgut ans Ufer gespült wurde.

Unter Strandrecht verstand man über Jahrhunderte hinweg stets die Befugnis, sich bei Schiffbruch oder Strandung Teile eines gescheiterten Schiffes und seiner an Land getriebenen Ladung (Seeauswurf, Strandtrift, Wrackgut) anzueignen.

Dieses Strandrecht, das jeweils von den Landesherrn verliehen wurde und aus heutiger Sicht Unrecht war, wurde mit der Zeit europaweit durch zusätzliche Verordnungen mehr und mehr eingeschränkt, im 19. Jahrhundert durch Strandordnungen ersetzt und später gänzlich aufgehoben.

Die konkreten Bestimmungen für das Strandrecht wechselten mit den politischen Verhältnissen und waren nicht nur von Staat zu Staat, sondern auch regional äußerst unterschiedlich.

Georg Quedens, dessen Familie auf der Nordseeinsel Amrum über sechs Generationen die Strandvögte stellte, schildert in mehreren Büchern anschaulich und authentisch, wie an den Küsten von Amrum und Sylt, den strandungsträchtigsten Regionen Norddeutschlands, das Strandrecht in seinen historisch bedingten unterschiedlichen Versionen ausgeübt wurde.

Das relativ humane »Jyske Lov« des dänischen Königs Waldemar II. aus dem Jahre 1241 beispielsweise stellte die Wahrung der Rechte von Schiffbrüchigen an ihrem Eigentum in den Mittelpunkt der Regularien. Es galt für die Küsten Dänemarks und der in Nordfriesland gelegenen reichsdänischen Enklaven List, Amrum und Westerlandföhr, teilweise auch für Schleswig. An den benachbarten Küsten in Schleswig und Holstein erfolgte dagegen die sogenannte Dreiteilung des Strandgutes, nämlich zu gleichen Teilen an den Berger, den Landesherrn und den Eigner des Schiffes, womit sich die Landesherrschaft praktisch zum »Strandräuber« machte.

Seit dem 13. Jahrhundert lässt sich an den Inselstränden und Festlandsküsten der Nordsee die Tätigkeit von Strandvögten nachweisen. Diese hatten über ein halbes Jahrtausend die Bergung gestrandeter Schiffe, ihrer Ladung und Mannschaften zu organisieren und wurden dabei durch den Bergelohn zu reichen und angesehenen Bürgern. Als Paradebeispiel gilt diesbezüglich der Amrumer Strandvogt und Kapitän Volkert Martin Quedens, der durch die von ihm an den Küsten Amrums und Sylts mit großem Fleiß und viel Geschick durchgeführten Bergungen ein reicher Mann wurde und mit einem Teil seines Vermögens das Seebad Wittdün (1890) gründete.

Auch die Kirche profitierte vom Elend Schiffbrüchiger. Das sogenannte Amrumer Strand-Legat etwa ist in engem Zusammenhang mit dem einst in den Kirchen gesprochenen unchristlichen Gebet »Gott segne unseren Strand« zu sehen – gemeint war die Segnung mit verunglückten Schiffen. Das Legat sicherte der St. Clemens-Gemeinde von Amrum zwischen 1820 und 1899 fünf Prozent des Bergelohns. Das Legatsvermögen floss in der Regel in die Kirchen- und Schulkasse sowie zu einem geringen Teil in die Armenkasse.

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Das Meer hat viele Gesichter. Es verbindet und trennt, es ernährt und fordert Leben, es spült fort und gibt an anderer Stelle zurück.