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Als Ravensburger E-Book erschienen 2013

Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH

© 2010 Ravensburger Verlag GmbH

Umschlag und Innenillustrationen: Betina Gotzen-Beek
Lektorat: Jo Anne Brügmann

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch

Ravensburger Verlag GmbH

ISBN 978-3-473-47461-5

www.meerprinzessin.de

www.ravensburger.de

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Wie die Geschichte begann …

An ihrem zehnten Geburtstag erfährt Pimpinella Ozeana Filomena Petersilie Seestern ein bisher streng gehütetes Familiengeheimnis: Ihre Mutter ist eine Meerjungfrau! Ganz schön schockierend für ein von Kopf bis Fuß normales Mädchen, das mit seinen Großeltern in einem winzigen Fischerdorf fernab von jedem Trubel lebt!

Leider kann Nella, wie ihre Freunde sie nennen, ihre Mutter nicht selbst mit den tausend Fragen löchern, die ihr auf der Zunge brennen, denn sie ist vor Jahren auf seltsame Weise verschwunden.

Dafür bekommt Nella Geburtstagsbesuch aus der Welt ihrer Mutter:

Herkules, ein Seepferdchen in Ponygröße, hilft ihr, ihren besten Freund Max zu retten, als er ins Wasser fällt. Und am selben Nachmittag schwingt sich das Meermädchen Dafne zu Nella auf den Anlegesteg des Leuchtturms, von dem aus ihr Großvater die Fischkutter um die Klippen lotst.

Dafne überredet Nella zu einem heimlichen Ausflug. Auf dem Rücken von Herkules reitet Nella in die verborgene Unterwasserwelt und stellt begeistert fest, dass sie in den Tiefen des Meeres problemlos atmen und sprechen kann und ihre Beine durch eine in wunderschönen Farben schillernde Schwanzflosse ersetzt werden.

Das Muschelinternat, in dem Dafne wohnt, entpuppt sich als prachtvolles Schloss. Spontan beschließt Nella, eine Weile mit den anderen Meermädchen die Schulbank zu drücken und alles zu lernen, was man als waschechte Meerjungfrau unbedingt wissen muss.

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1

Eine geheimnisvolle Flaschenpost

Nella lümmelte faul in einer Hängematte aus geflochtenem Seegras herum und war allerbester Laune. Seit einiger Zeit passierte im Muschelschloss gar nichts Aufregendes mehr. Für jedes normale Mädchen an Land wäre das ein Grund gewesen, schlechte Laune zu bekommen. Schließlich war totale Langeweile kein Anlass zum Jubeln!

Aber nachdem Nellas Seepferdchen Herkules und ihr Fechtlehrer Señor Nigri beinahe vergiftet worden wären, freute sich Nella über jeden öden Tag so sehr wie ein munterer Wasserfloh auf Weltreise.

Hinzu kam, dass die Schulleiterin Frau Pataria sich neuerdings bemühte, freundlich zu sein, und manchmal sogar vergaß, den Meermädchen Hausaufgaben aufzugeben.

Deshalb hing Nella heute den ganzen Tag auf dem Schulhof herum und spielte höchstens einmal eine Runde Tischtennis mit ihren Freundinnen oder mampfte eine extragroße Muschelschale quietschsüßen Wasserrosenpudding mit Fischeier-Crisps, sehr lecker übrigens.

Bestimmt hatte die Schulleiterin immer noch ein schlechtes Gewissen, weil sie auf die grausame Spionin des Grauen Königs, Lola Lixe, hereingefallen war. Nella war diese aufgetakelte Meerjungfrau mit ihren knallroten Lippen und der gespaltenen Zungenspitze bereits von der ersten Sekunde an merkwürdig vorgekommen. Und der sonst so zutrauliche Herkules hatte sich vor Angst aufgebäumt, als die angebliche Tiertrainerin ihre Hand nach ihm ausgestreckt hatte.

Der Vampirtintenfisch Thomas hatte beim Mittagessen ausgeplaudert, dass der alte Riesenkrake Samu Frau Pataria ziemlich den Kopf gewaschen hatte, weil sie Lola Lixe komplett auf den Schneckenleim gegangen war.

Nella wackelte kichernd mit ihrer Schwanzflosse und stellte sich genüsslich vor, wie der Riesenkrake Frau Pataria mit seinen vielen Tentakeln geduscht hatte. Recht geschah ihr! Denn normalerweise quälte die Schulleiterin ihre Schülerinnen, wann immer sie eine Gelegenheit dazu fand. Außerdem pflegte sie ein schreckliches Hobby: Sie liebte es, Tiere gefangen zu nehmen und in ihrem Haarturm einzukerkern.

Nella war es bisher nur ein einziges Mal gelungen, eines ihrer Opfer zu befreien. Die kleine Wasserschildkröte Olivia lebte schon seit Längerem vergnügt in dem Zimmer, das sich Nella mit Dafne und zwei zahmen Wasserschlangen teilte. Die knallblau gestreiften Schlangen und Olivia hatten schnell Freundschaft geschlossen und schliefen zu dritt in einem gemütlichen Seegraskörbchen. Außerdem passten die Schlangen auf, dass die neugierige Olivia nicht zufällig Frau Pataria vor die Flosse schwamm und doch noch im Suppentopf des Chefkochs landete.

„Nella, komm schnell! Mari hat schon wieder einen Brief von Floris gekriegt und wir wollen ihn ihr abjagen!“ Ihre Freundin Effi hoppelte wie ein Seehase herbei und kicherte unentwegt. Unter ihrer bunten Fischschuppenkappe quollen lustige hellorange Haarstoppeln hervor.

„Keine Lust“, murmelte Nella träge. Effi war ihre zweitbeste Freundin im Muschelschloss. Wenn Dafne allerdings herumzickte, was leider ziemlich häufig vorkam, auch schon einmal ihre beste.

Und wenn beide nervten, stieg Mari auf Platz eins auf. Obwohl Mari zwei Jahre jünger war als Nella, war sie bereits in Floris verliebt. Floris besuchte mit Nick und einer Menge anderer netter Wasserjungen das Felseninternat. Wenn Floris und Nick nicht gerade auf ihren klugen Delfinen Puk und Peng durch die Gegend sausten, setzten sie alles daran, ihren Schuldirektor, Professor Patros, in regelmäßigen Abständen zur Weißglut zu bringen.

„Was meinst du mit keine Lust?“, fragte Effi verständnislos. „Du musst aber mitmachen, Mari ist schon ganz wütend. Das ist echt witzig.“

Nella betrachtete gedankenverloren einen Himmelsgucker, der träge an ihr vorbeitrudelte und sich in den Sand einbuddelte. Diese Fische gehörten zur Schlosswache, waren aber eigentlich stinkfaul und verschliefen den halben Tag. Allmählich konnte Nella verstehen, warum.

„Eben. Ist mir viel zu anstrengend und gemein ist es auch“, erwiderte Nella. „Ich muss mich entspannen, das hat Doktor Achilles angeordnet.“ Sie gähnte ausgiebig. „Weil ich so einen furchtbaren Schrecken gekriegt habe, als Herkules von dem giftigen Fisch gestochen wurde.“

„Spielverderberin!“, rief Effi. „Das ist mittlerweile schon eine halbe Ewigkeit her. Höchste Zeit, dass du wieder normal wirst.“ Enttäuscht paddelte sie davon.

Nella war nicht beleidigt. Effi war zum Glück nie lange eingeschnappt. Außerdem hatte Nella nicht die geringste Lust, Mari zu ärgern. Schließlich machte sich schon das halbe Schloss über sie lustig. Nett war das nicht. Was war denn dabei, dass Mari den Wasserjungen Floris mochte?

Nella hatte einen besten Freund an Land, Max. Aber von diesem hatte sie schon ewig nichts mehr gehört. Vielleicht war er gar nicht mehr ihr bester Freund. Aber wie sollte sie das hier unten im Muschelschloss herausfinden? Sie seufzte. Landausflüge waren nämlich streng verboten, seit Lola Lixe sich in das Muschelschloss eingeschmuggelt hatte. Angeblich, so munkelte man unter den Fischen, befürchtete Samu einen neuen Überfall auf die Meermädchen.

„Oh weh, meine Flosse. Meine arme Rückenflosse. Aua, aua, aua.“

Nella schaute sich suchend um. Diese Stimme kannte sie doch.

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„Hallo, Herr Kubus!“, rief sie erfreut.

Der Kofferfisch war schon ziemlich alt. Trotzdem arbeitete er unermüdlich als Postbote und brachte die Nachrichten der Fische in die entferntesten Winkel der sieben Meere. Kein anderer Postfisch hatte so viele Reisekilometer auf seinen Schuppen wie Herr Kubus. Weil er vom vielen Herumschwimmen Flossen-Rheumatismus bekommen hatte, hatte er für einige Zeit auf Kur gehen müssen. Seitdem war die Post der Muschelschlossbewohner nur sehr unregelmäßig zugestellt worden oder manchmal sogar überhaupt nicht. Sich auf dem Meeresboden zurechtzufinden, war nämlich gar nicht so einfach, selbst für einen Fisch. Dafür brauchte man jede Menge Übung.

„Wie geht es Ihnen denn? War Ihre Kur erfolgreich?“, fragte Nella höflich.

Oma Ida hatte ihr beigebracht, sich älteren Menschen gegenüber freundlich zu benehmen. Das galt bestimmt auch für alte Fische.

Sie versuchte zu erkennen, welchen Gegenstand Herr Kubus da an seine Rückenflosse gebunden hinter sich herzog. Das seltsame Ding, das beinahe wie eine Wasserflasche aussah, erweckte ihre Neugier.

„Ach, frag mich lieber nicht, Nella!“ Herr Kubus stöhnte. „Eine einzige Tour von oben – und ich brauche schon wieder Urlaub. Aber die Menschen müssen auch immer Extrawünsche haben. Ein paar Grüße in eine kleine, leichte Muschel geritzt, reichen ihnen scheinbar nicht. Es muss gleich eine ganze Flaschenpost sein.“

Er schüttelte seine Schuppen einmal komplett durch und begann sogleich wieder zu stöhnen. „Oh weh, oh weh. Ich hoffe, mein Freund Achilles hat immer noch diese wunderbare Flossensalbe in seinem Zauberschränkchen.“

Nella richtete sich kerzengerade auf. „Eine Flaschenpost?“, rief sie. „Von oben? Für wen ist die denn?“ Sie ließ sich aus der Hängematte plumpsen, um einen Blick auf den möglichen Absender zu erhaschen.

„Für wen wohl?“, antwortete Herr Kubus mit einer gereizten Gegenfrage. „Außer dir hat meines Wissens niemand Freunde an Land. Los, hilf mir, die Flasche endlich loszubinden.“