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Nr. 3

 

Die Kristallzwillinge

 

Brüder werden zu Feinden – Perry Rhodan wagt einen riskanten Plan

 

Ben Calvin Hary

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

Im Sommer 1402 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Während die Lage in der Milchstraße eigentlich friedlich erscheint, entwickelt sich im Kugelsternhaufen Thantur-Lok – den die Terraner als M 13 bezeichnen – ein unerklärlicher Konflikt. »Dunkle Befehle« erschüttern das mächtige Kristallimperium der Arkoniden, sie lösen einen Amoklauf unter den Bewohnern aus. Raumschiffe attackieren sich gegenseitig, Planeten werden angegriffen. Wenn sich die Kämpfe ausweiten, ist der Friede in der gesamten Galaxis bedroht.

Mit dem kleinen Raumschiff MANCHESTER ist Perry Rhodan zwischen den Sternen des Kugelsternhaufens auf der Flucht. In seiner Begleitung sind der Mausbiber Gucky sowie Sahira, eine geheimnisvolle junge Frau, über deren Herkunft der Terraner nach wie vor wenig weiß.

Mit ihrem beschädigten Raumschiff sind sie ohnmächtig gegenüber den Auseinandersetzungen. Aber Rhodan wird gezwungen, Partei zu ergreifen. Im Kampf gegeneinander stehen dabei DIE KRISTALLZWILLINGE ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Perry Rhodan – Der Terraner geht zum Angriff über.

Kassian da Orbanaschol – Der arkonidische Kommandant meutert gegen die eigene Mannschaft.

Kerlon da Orbanaschol – Rhodans Gefährte meutert gegen seinen Bruder.

Marv Minkmester – Der Chefpositroniker der ATLANTIS leistet seinen Beitrag in der virtuellen Welt.

1.

ATLANTIS

10. Juni 1402 NGZ

 

Sonnenheiße Energiefinger fraßen sich durchs All und verfolgten die winzige Raumlinse. Die Flucht durch die Leere war halsbrecherisch. Thermostrahl um Thermostrahl wich der Pilot aus, ohne eine Chance, dem Verfolger je zu entkommen: eine einhundert Meter durchmessende, goldene Kugel aus Metall, die sich mit hoher Geschwindigkeit näherte. Die ATLANTIS. Ein Kreuzer des Galaktikums, unter dem Kommando des Arkoniden Kassian da Orbanaschol.

Der Pilot der Linse gab nicht auf. Ein letztes Aufbäumen der Triebwerke, ein letzter, überraschender Kurswechsel – dann ein Volltreffer. Der Thermostrahl durchbohrte die Raumlinse. Sie blähte sich auf und verging in einem Feuerball. Die ATLANTIS flog mitten durch die Explosionswolke. Der Schutzschirm des Kreuzers fegte die Trümmer beiseite.

Fahlblaue Überladungsblitze warfen einen unwirklichen Schimmer auf Eleas M'Barkins dunkelhäutiges, jugendliches Gesicht.

»Wiedergabe anhalten!«, erklang eine keifende Stimme, und die stilisierte Darstellung der Raumschlacht gefror zu einem Stillleben. Es wurde hell. Der Servo regulierte die Beleuchtung automatisch auf normales Niveau.

Eleas blinzelte irritiert, als er sich, umgeben von Bergen schmutziger Wäsche und dreckigem Geschirr, in Marv Minkmesters Quartier wiederfand.

Marv, ein korpulenter Winzling von quadratischer Erscheinung, sah Beifall heischend zu seinem besten Freund und Untergebenen hinüber. »Und?«

Fragend blickte Eleas von dem pausierenden Holo auf und starrte in die wabernden Energiefelder, die dicht vor Marvs Augen schwebten. Sie stammten vom Optitrav – einer altertümlichen Sehhilfe, die an seinem linken Ohr klemmte und die mit energetischer Lichtbrechung arbeitete. Die Pupillen wirkten aufgequollen und wässrig hinter den Feldern, als lägen sie auf dem Boden zweier mit Flüssigkeit gefüllter Gläser.

Eleas wurde schwindelig von dem Anblick. Warum sein Vorgesetzter dieses seltsame Gerät einer Augenoperation vorzog, blieb dessen Geheimnis. Angeblich half es ihm »bei der Arbeit«, was auch immer das hieß.

»Du willst sagen, der Kommandant hat Kerlon ermorden lassen?« Verunsichert fasste Eleas ins Holo, drehte es um mehrere Grad im Uhrzeigersinn und vergrößerte eines der Trümmerteile. War das Metall? Kunststoff? Oder ein menschlicher Körper? Er schluckte. Die Phantasie spielte ihm einen Streich. Marvs Paranoia war ansteckend.

Marv wackelte mit dem runden Kopf und machte einen Pistolenfinger. »Bumm, weg war er. Unser Bordschütze hat die Raumlinse geradewegs in den Hyperraum geblasen, mitsamt dem Ersten Offizier darin.«

Widerwillig interessiert beugte sich Eleas vor und betrachtete das holografische Trümmerstück, glaubte, ein abgerissenes Bein zu erkennen. Ihm wurde übel. Er erinnerte sich an den Kampflärm. Das Betriebsgeräusch der multivariablen Hochenergiegeschütze. Jähes Aufheulen stark beanspruchter Antriebsaggregate.

Mehr hatte er abseits der Kommandozentrale nicht mitbekommen. Wenn man, wie er und Marv, seinen Dienst als terranischer Austauschoffizier in der Positronikabteilung eines Raumschiffes verrichtete, erfuhr man nicht immer alles aus erster Hand. Das meiste war dem Flurfunk und der Vorstellungskraft überlassen. Marvs Vorstellungskraft jedenfalls ging gerade mit ihm durch – wieder einmal.

»Welchen Grund sollte Kassian III da Orbanaschol haben, seinen eigenen Bruder von Bord zu jagen und zu töten? Bist du bekloppt?« Eleas rollte mit den Augen, stand vom Holotisch auf, und ging zu dem roten Sofa, das neben der Kochnische und vor einem Regal voll alter Trividsticks stand. Er wischte einen Stapel übel riechender Holoshirts mit Motiven obskurer Deep-Prog-Musikgruppen von der Rückenlehne und setzte sich. Die Füße verschränkte er auf dem niedrigen Tisch davor.

Marv stellte sich vor Eleas, sodass ihre Augen fast auf gleicher Höhe waren. Mit seinen breiten Schultern wirkte der kleine Mann wie der Bastard einer epsalischen Mutter und eines siganesischen Vaters.

»Statistisch betrachtet«, referierte er scheinbar zusammenhanglos, »gelingt die Aktivierung des Extrasinns nur bei zwei von drei Arkoniden. Wusstest du das?«

Eleas stöhnte. »Komm zur Sache!«, platzte es aus ihm heraus. Wie er es hasste, dieses völlig irrelevante Fachwissen aus irgendwelchen Magazinartikeln! Er fühlte sich nicht ernst genommen, wie so oft, wenn sie sich unterhielten. »Erst faselst du von Mord, dann von Extrasinnen. Wie kommst du schon wieder auf so einen Unsinn? Das ist ein schwerer Vorwurf.«

Marv ließ Eleas' Einwand unbeeindruckt an sich abprallen. In aller Seelenruhe nahm er eine halb volle Kaffeetasse vom Couchtisch, die vermutlich schon seit Tagen dort stand, und leerte sie in einem einzigen, gierigen Schluck. Angewidert sah Eleas ihm dabei zu.

»Kennst du den Witz an der Sache?«, fragte Marv endlich.

»Schon wieder?« In Gedanken führte Eleas seit Jahren eine Strichliste, wie oft Marv in Gesprächen schon den »Witz an der Sache« enthüllt hatte. Eine seiner vielen Schrullen. Hätte Eleas ihm jedes Mal geglaubt, er wäre aus dem Lachen gar nicht mehr herausgekommen. Er setzte einen weiteren imaginären Strich auf die Liste.

»Kerlon hatte auch keinen Extrasinn. Ein Handicap für adlige Arkoniden wie ihn. Ohne Kassians Hilfe hätte er es in der Flotte nie weit gebracht. Er wollte mehr und hat versucht, das Kommando an sich zu reißen. Und darum hat Kassian ihn aus dem Weg geschafft.«

»So, jetzt reicht's!« Eleas fuhr von der Couch empor und blickte drohend auf Marv hinab. »Ich sagte Beweise, kein Geschwätz. Kassian ist kein Mörder. Hast du keinen Sinn für Anstand?« Er winkte ihm zum Abschied knapp zu, ging zur Tür und öffnete sie.

Als er schon halb auf dem Gang war, rief Marv ihm hinterher: »Du willst Beweise? Na gut.« Geheimnisvoll tippte er sich gegen den Optitrav. Die Optikfelder flimmerten kurz.

Mitten in der Bewegung hielt Eleas inne. Was für eine Spinnerei kam jetzt wieder?

 

*

 

Die leere Tasse noch immer in der Hand, berührte Marv die Holotischkontrollen und verkleinerte die Wiedergabe der Schlacht. Das Trümmerstück und die Explosion schrumpften zu einem Piktogramm zusammen, welches sich am unteren Bildrand in eine Reihe anderer Symbole einsortierte. Dahinter kam eine tabellarische Auflistung von Dateien aus den positronischen Speicherbänken zum Vorschein.

Die Dateibenennungen entsprachen den Namen von Besatzungsmitgliedern der ATLANTIS: Brends, Sato (Funker), las Eleas. Myler, Lyra (Medikerin). Histerhach, Zhenn (Chefingenieur). Minkmester, Marv (Chefpositroniker). Und so weiter. Die Liste war länger als der dargestellte Bildausschnitt.

Marv tippte den Eintrag neben seinem Namen an. Eine Datensammlung öffnete sich, er blätterte sie durch. Fotos, Lebenslauf, detaillierte Bewegungsprotokolle und Aberhunderte von Textseiten huschten durchs Bild.

Eleas runzelte die Stirn. »Was sehe ich mir da an?«

»Alles, nur keine normale Personalakte. Das hier sind Dutzende versteckter Dossiers, eines für jedes Mitglied der Kommandobesatzung. Kassian da Orbanaschol hat jeden heimlich überprüft. Uns beide eingeschlossen.«

Eleas schloss die Kabinentür wieder und blieb verunsichert im Raum stehen. Er fragte gar nicht erst, wie Marv diese Dateien gefunden hatte. Für Derartiges hatte sein Freund ein fast übersinnliches Talent. Darum war Marv Minkmester auch der leitende Positronikoffizier der ATLANTIS im Rang eines Majors. Keine Speicherbank blieb lange vor ihm verschlossen. Oft spürte er in Sekunden Datensätze auf, die andere erst nach minutenlanger Suche fanden.

Aber war es nicht auch das Recht des Kommandanten, sich Notizen über seine Besatzung anzufertigen? Eleas konnte daran nichts Verdächtiges finden.

»Überprüft? Auf was?«

»Das weiß ich noch nicht.« Marv verschob den Text händisch, bis er zu einer Anhäufung scheinbar wild zusammengewürfelter Zeichen gelangte. Ganze Seiten waren damit gefüllt. »Diese Verschlüsselung hier ist schwer zu knacken, selbst für einen Spezialisten wie mich.«

»Du bist das Letzte.« Eleas rieb sich die Schläfen. Was war nur los mit seinem Freund? Hatte der den Verstand verloren? Die Gesetze der LFT und des Galaktikums regelten den Umgang mit kodierten Militärdatensätzen genau. Sie zu entschlüsseln war kein Kavaliersdelikt. »Warum tust du mir das an? Warum erzählst du mir das? Du weißt, dass ich das dem Kommandanten melden werde.«

Marvs Optitrav-Blick blieb undurchsichtig. Er wischte sich sein Haar aus der Stirn und fasste es im Nacken zusammen, als wollte er sich einen Pferdeschwanz binden. Seine Frisur war, wie so oft, vom Zufall bestimmt. Am liebsten hätte Eleas ihm diese traurige Ansammlung spröder Strähnen eigenhändig abgeschnitten.

»Tu das nicht«, bat er halb laut. »Ich hatte Gründe. Es gibt noch andere Verdachtsmomente gegen Kassian.« Marv zählte an den Fingern ab: »Überraschende Versetzungen. Sinnfreie Manöverübungen im Leerraum. Tadel und Belobigungen ohne erkennbaren Anlass. Einer der Beibootkommandanten hat grundlos eine Raumstation der Springer angegriffen. Verschwand danach spurlos. Wenn du mich fragst, stinkt das zum Himmel.«

Eleas schwirrte der Kopf. Jetzt redeten sie schon von Verdachtsmomenten. War er zwischenzeitlich eingenickt, oder wann hatte das Gespräch diese Wendung genommen? »Was soll das hier werden, Marv Minkmester? Eine Meuterei?«

Sekundenlang blieb Marv unbewegt. Dann atmete er tief durch und wandte sich ab, um seine Tasse zur Kochnische zu tragen. Eigentlich hätte er das Abräumen dem Servo überlassen können, aber auch das war eine seiner Macken. Er nahm Maschinen gerne die Arbeit ab.

Marv spülte die Tasse aus. Irgendwie schaffte er es, dabei mehr Wasser auf seine Kleidung zu befördern als ins Becken. »Mach dich nicht lächerlich«, sagte er. »Ich will bloß wissen, ob der Kommandant seinen Bruder auf dem Gewissen hat. Und, ob es für mich gefährlich wird.«

Marv zog sich das triefende Hemd über den Kopf, knüllte es zusammen und warf es hinter sich. Es landete einen halben Meter neben dem überfüllten Wäschekorb. Dann trat er ans Sofa und nahm eines der benutzten Holoshirts vom Boden. Heptamer hieß die finster dreinschauende Gruppe, deren dreidimensionales Konterfei kurze Zeit später seine tonnenförmige Brust zierte. Noch so eine gänzlich unbekannte Deep-Prog-Kapelle. Ihre Geschmäcker gingen klar auseinander.

»Setz dich und hör zu!«, befahl Marv und kehrte an den Tisch zurück, um mit seiner Vermutung über einen der beiden Kristallzwillinge fortzufahren. »Du bist Kassians Liebling. Frag ihn doch einmal unauffällig, wie es ihm gelang, die Katsugos zum Angriff auf Kerlon, seinen Zwillingsbruder, zu bewegen. Es widerspricht ihrer Programmierung, gegen Besatzungsmitglieder vorzugehen.«

»Ich kenne die Programmierung der Katsugos«, entgegnete Eleas frostig.

Die Kampfroboter fielen in seinen Zuständigkeitsbereich, er war für ihre Wartung und ihren Einsatz verantwortlich. Dass er für Kassian kürzlich undokumentierte Anpassungen im Programmkode vorgenommen hatte, behielt er für sich. Das war vertraulich, und wer war er schon, den Kommandanten infrage zu stellen?

Und überhaupt – Kassians Liebling? Nur, weil er seine Arbeit machte, anstatt seine Nase in Dinge zu stecken, die ihn nichts angingen?

»Ich lasse mir von dir nicht sagen, wie ich meine Arbeit zu machen habe«, verteidigte er sich, ohne zu wissen, warum.

»Der Witz an der Sache ist, das muss ich sogar. Ich bin der leitende Positronikoffizier, du der mir unterstellte Unteroffizier. Und Kassian ist ein Mörder. Du bist bloß zu naiv, das zu sehen.«

Eleas schnappte nach Luft. Es reichte. Er war es satt, nicht ernst genommen zu werden. Seit dem gemeinsamen Studium ging das nun schon so, und es war Zeit, Marv Minkmester eine Lektion zu erteilen.

»Ich sage dir, was der ›Witz an der Sache‹ ist. Ich werde Kassian von den Gerüchten erzählen, die du über ihn in die Welt setzt.« Er deutete auf das Tabellenholo. »Und dass du seine persönlichen Daten stiehlst. Sieh zu, dass dir bis dahin eine gute Ausrede einfällt.« Entschlossen drückte Eleas auf den Türöffner und trat auf den Gang hinaus.

»Eleas! Warte!« Marv rannte seinem Untergebenen hinterher, die Optikfelder eilten ihm wie schimmernde Galionsfiguren voraus.

Eleas reagierte nicht. Das Schott schloss sich hinter ihm, und ohne sich noch einmal umzudrehen, ließ er Marv mit seinen »Wahnvorstellungen« zurück.

2.

MANCHESTER

10. Juni 1402 NGZ

 

Im flackernden Licht lag der Wartungsschacht wie eine unterirdische Gebirgslandschaft vor ihnen. Perry Rhodan kroch auf allen vieren über eine abgelöste Wandverkleidung hinweg, hielt sich an einem bloßgelegten Leitungsstrang fest und schrammte an geschwärzten Wänden vorbei. Der Ruß blieb in seinen dunkelblonden Haaren und am Schulterteil seiner Bordkombination kleben.

Er hustete. Die Luft roch beißend, nach Ozon und verbranntem Kunststoff.

Kerlon da Orbanaschol kroch dicht vor ihm. Wie ein Besessener räumte der Arkonide Trümmer beiseite, arbeitete sich Meter um Meter den Schacht hinab.

Vor einem herabgestürzten Metallträger machte Kerlon halt. Er umfasste das Teil mit beiden Armen und versuchte, es anzuheben. Seine Oberarmmuskeln spannten sich sichtbar unter der schlichten Kleidung, doch der Träger bewegte sich kein Stück. Er ließ los und versetzte dem Träger einen Faustschlag, bevor er sich keuchend auf den Rücken drehte.

Durch die gespreizten Knie blickte er Rhodan an. Seine Stirn und seine Wangen waren von Rußteilen, Schweiß und Tränen verschmiert.

»Gibt es noch einen anderen Weg zum Schutzschirmgenerator? Ich fürchte, dieser hier ist eine Sackgasse.« Kerlon musste schreien, um den Lärm der Maschinenanlagen zu übertönen. Der Daellian-Meiler, welcher die MANCHESTER mit Energie versorgte, befand sich direkt unter ihnen, nur durch einige Zentimeter Metall von ihnen getrennt.

Rhodan schloss zu dem Arkoniden auf. Er stützte sich auf die Ellenbogen und gönnte sich eine Atempause. Die gebückte Körperhaltung war ungewohnt und auf die Dauer anstrengend. Dieser Schacht war nicht für Menschen konzipiert, diente eigentlich den Wartungsrobotern als Zugang. Doch die Roboter waren ausgefallen und damit auch die Autoreparatur. Sie würden selbst Hand anlegen müssen.

»Die MANCHESTER hat das Gefecht, aus dem wir dich gerettet haben, eher schlecht überstanden«, verkündete Rhodan. »Wie du weißt, sieht es überall im Schiffsrumpf ähnlich aus. Und dies ist der günstigste Zugang zum Schutzschirmgenerator.«

Für einen Moment überlegte Rhodan, Gucky zu Hilfe zu rufen. Der Mausbiber hätte sie mit einer Teleportation sofort ans Ziel bringen können. Doch die telepathische Sondierung Sahiras, wegen der er in der Zentrale zurückgeblieben war, hatte ebenso Priorität wie die Instandsetzung des Schiffes.

Der Terraner schob Kerlons Knie aus dem Weg und zwängte sich neben ihn. Dicht an dicht lagen sie nebeneinander, die Schachtwandung presste sich kalt gegen Rhodans Rücken. Ihre Oberkörper berührten einander. Kerlons fingerlanges Haar war in Unordnung, stand in alle Richtungen und stach Rhodan ins Gesicht. Aus der Nähe sah der Terraner platinblonden Flaum, der Kerlons breites Kinn umspielte.

»Zu zweit.« Rhodan umklammerte den Träger.

Nach drei vergeblichen Versuchen gelang es ihnen, ihn so weit anzuheben, dass Rhodan einen Teil der Wandverkleidung lösen und als Stütze darunter schieben konnte. Vorsichtig ließen die beiden Männer los. Die Terkonitplatte knirschte beunruhigend, doch sie hielt.

Rhodan legte sich auf den Bauch und schob sich unter dem Träger hindurch. Dann drehte er sich um und streckte Kerlon die Hand entgegen. Nach kurzem Zögern griff dieser zu und ließ sich von Rhodan auf die andere Seite helfen.

Vor ihnen lag der Schacht nun frei von Hindernissen. Nach wenigen Metern mündete er auf Bodenhöhe in einen Saal. Auch hier flackerte die Beleuchtung und warf harte Schlaglichter auf eine Reihe von Aggregatblöcken, die nebeneinander aufgereiht standen.

Rhodan kam auf die Beine und machte einen Schritt über einen defekten Reparaturrobot hinweg, der bewegungslos am Boden lag. Zielstrebig hielt er auf ein kesselförmiges Aggregat zu, das an armdicken Verstrebungen an der Saaldecke verankert war. In Augenhöhe prangten verschlungene Lettern auf der Oberfläche – das Firmenemblem der Riebsam-Werft auf Luna, in welcher die Raumjacht erbaut worden war.

Rhodan schlug mit der flachen Hand dagegen, lauschte dem hohlen Echo und winkte Kerlon zu sich, der soeben aus dem Schacht gekrochen kam. »Hier! Der Generator.«

Kerlon kniete sich vor das Gerät. Er untersuchte ein Datendisplay auf der Vorderseite, darauf befanden sich Dutzende Anzeigen und Leistungskurven. Der Arkonide studierte jede einzelne von ihnen, indem er sie mit dem Finger entlangwanderte, als würde er ein Buch lesen.

Nach einer Weile blickte er zufrieden auf. »Es sieht gut aus«, sagte er. »Setzen wir das Ding in Gang, bevor die ATLANTIS in dieses Sonnensystem zurückkehrt und erneut Jagd auf uns macht.«

Rhodan kauerte sich neben ihn. Zwar konnte er mit den Angaben auf dem Display durchaus etwas anfangen, aber das hieß nicht, dass er den Generator auch reparieren konnte. HÜ-Schirme basierten auf fünfdimensionaler Technologie, und selbst seine rund dreitausend Jahre Lebenserfahrung machten ihn nicht zu einem Fachmann dafür. Auch ein biologisch Unsterblicher wie er musste Expertenwissen oft einfach den Experten überlassen.

Er tippte gegen ein rotes Warnlicht am oberen Displayrand. »Ohne die Autoreparatur-Routinen? Ich wüsste nicht, wie. Zudem weist dieses Aggregat eine stark herstellerspezifische Bauweise auf, mit der ich nicht vertraut bin.«

»Die Grundlagen sind trotzdem dieselben«, widersprach Kerlon und zog an einem Handgriff links des Displays.