Darf's sonst noch was sein?

Doris Knecht

DARF’S SONST NOCH WAS SEIN?

Mehr Geschichten vom Leben
unter Kindern

Federschwert

Doris Knecht

DARF’S SONST NOCH
WAS SEIN?

Mehr Geschichten vom Leben
unter Kindern

Czernin Verlag, Wien

Knecht, Doris: Darf’s sonst noch was sein? – Mehr Geschichten
vom Leben unter Kindern / Doris Knecht
Wien: Czernin Verlag 2010
ISBN: 978-3-7076-0341-5

© 2008 Czernin Verlags GmbH, Wien
Umschlagfoto: Ingo Pertramer
Produktion: NAKADAKE (www.nakadake.at)
ISBN E-Book: 978-3-7076-0341-5
ISBN PDF: 978-3-7076-0365-1
ISBN Print: 978-3-7076-0329-3

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe
in Print- oder elektronischen Medien

Irgendjemand muss sich darum kümmern

Wieder Stadt. Und fängt ja gut an, denn die Pfeifen aus dem dritten Stock haben inzwischen den Aufzug ruiniert, fanden es aber unnedig, wegen so einer Kleinigkeit die Hausverwaltung zu informieren. Sechs mal sechs Stockwerke mit Gepäck: sehr gesund – vor allem nach einem Monat Bier, Brot, Speck, über offenem Feuer verbrannten Käsekrainern im Dutzend und seriellem Nudelessen. Das Landleben ist punktuell gesund: spitzenmäßiger Frischluftfaktor, aber ernährungsmedizinisch eher im bedenklichen Bereich. Das muss jetzt anders werden. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, über die ich nicht sprechen möchte, plus sind die Mimis ab sofort Schulmimis.

Das Wochenende verbrachten wir damit, in der Stadt die letzten zwei verstaubten Schultüten aus einem Schaufenster heraus zu erobern, weil Schulantritt ohne Schultüte ist heutzutage undenkbar, und mit einer selber gebastelten Schultüte zu erscheinen gilt unter Schulbeginnern, wie mir die Mimis erklärten, während sich in ihren Augen Tränen der Enttäuschung zu Glühbirnengröße aufbliesen, eine Schmach, die in ihrer zarten Kinderseele bis minimum Matura untilgbare Flecken hinterließe. Die Mimiseelenunversehrtheit kostet mich Euro 25,80, die Füllung der Monsterstanitzeln nicht eingerechnet, aber mit mir kann man’s ja machen. Danach pickten wir stundenlang winzige Etiketten mit den Namen der Mimis auf jeden einzelnen Blei-, Bunt-, Wachsmal- und Filzstift, das muss man heute, die Lehrerinnen haben’s in ihren teilweise mehrseitigen Manuals, was für die erste Klasse zu besorgen sei, ausdrücklich befohlen.

Und, apropos Ernährung, wir testeten, wie das in gesunden Familien zu Schulbeginn gang und gäbe ist, gesunde Jausen, mit dem Ergebnis, dass die Mimis nun montags, mittwochs und freitags Salamivollkornbrote mit Gurkerl und dienstags und donnerstags Salamivollkornbrote mit Gurkerl schuljausnen werden. Mehr Diversifizierung ins Gesunde ist nicht drin, die anderen acht Probebeläge waren nämlich, so die Mimis, einem Schulkind absolut nicht zumutbar. Eventuell noch eine Traube und ein winziges Streiferl Karotte dazu, okay. Nein, den Thunfischaufstrich probier ich nicht, ich bin ja nicht lebensmüde. Nein, Avocado auch nicht. Käse?! Topfen mit frischen Kräutern?!? Spinnst du? Nein, koste ich sicher nicht. Nein, auch nicht, wenn ich dafür Schokolade bekomme. Nein, ich geh jetzt in mein Zimmer und heule dort so lange laut und elendiglich, bis mein guter Vater sich erbarmt, und mir die Schokolade auch ohne vorangehende Makrobiotikfolter verabreicht. Aber immerhin: Sie hätten auch das Gurkerl ablehnen können. Läuft doch super.

Hier drängen sich ein paar Fragen auf

Es fielen in der ersten Schulwoche Entscheidungen. Erstens wählte ein Mimi für den ersten Schultag ein blumengemustertes Frottee-Kleid, das die Hofingerin, 42, im Alter von fünf Jahren sehr, sehr oft getragen hat, weshalb es ihre Mutter sehr, sehr oft gewaschen hat. Auch das andere Mimi bediente sich in den frühen Neunzehnsiebzigern und entschied sich zum Schulantritt für ein schwarzes Leiberl mit dem Bildnis eines weltberühmten Drogentoten, von uns gegangen 1971 mit einer Überdosis Heroin. Die Horwathin hat ein bisschen geschaut. Zweitens entschied sich das eine Mimi dafür, am Religionsunterricht teilzunehmen, während das andere Mimi – Gott gibt’s ja gar nicht, ist doch alles nur ein Märchen – zum Religiösen ein kritisches Verhältnis pflegt. Vor ein paar Wochen fand zu diesem Thema im Waldviertel zwischen dem Horwath und mir ein kleiner Disput statt, die Breußin beliebte, es einen „kolossalen Streit“ zu nennen, aber Horwath und ich sehen das gelassener. Weil der Horwath sagt, bei einem korrekten Streit ginge ja die eine Seite auf die Argumente der anderen Seite ein, und ich sagte, ja, wenn es ein Argument ist, aber das war kein Argument, das du da vorgetragen hast, das war geistesgestört. Siehst du, sagt der Horwath. Es wäre jetzt zu kompliziert, die Sache zu erklären, aber der Horwath wählte ein außerordentlich drastisches Bild, um klarzumachen, wie er, der sonst mit dem kleinen Horwath einen derart liberalen Umgang pflegt, dass er selbst das Wort „Erziehung“ engagiert ablehnt, nicht einmal im Traum daran denkt, sein Kind selbst entscheiden zu lassen, ob es in Religion will oder nicht. Religion und alles Religiöse lehnt der Horwath umfassend ab. Religion kommt für den Horwath und somit auch für den kleinen Horwath nicht in Frage, und das, obwohl sich der kleine Horwath in erheblichem Maß für Religion interessiert. Was freilich wiederum damit zu tun haben könnte, dass der Horwath das Badezimmer seines Landhauses mit dutzenden alten Bildern von nicht durchwegs glücklich dreinschauenden Heiligen quasi zutapeziert hat. Und während ein Kind am Klo sitzt und auf diese Heiligen blickt und die Heiligen auf es, drängen sich dem Kind natürlich ein paar Fragen auf. Die der Horwath aber auf keinen Fall von einer Religionslehrerin beantwortet wissen will.

Drittens entschied sich das eine Mimi dann doch gegen die Religion; und zwar ganz ohne mein Zutun. Aber das ist mir, marantjosef, eher sehr recht.

Es gibt jetzt auch Kurze

Wie uns der Fink am Land besuchte und doch kein Haus kaufte, trug er ein pakistanisches Nationalgewand: weiße Pluderhose, knielanges weißes Hemd, dazu Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler und eine Siebzigerjahre-Pilotenbrille. Er klapperte einmal quer durchs Dorf und wieder zurück, und jetzt großes Aha. Aha, die gehören also zu einer Sekte! Die ganze Partie, die Horwaths, der Polz und seine Freundin, und die neuen da, alle Sektenheinis! Haben wir gleich gedacht, dass mit denen etwas nicht hui ist.

Dabei sind wir bestenfalls eine Art WG auf ein paar Tausend statt 200 Quadratmetern wie früher; und jetzt halt eine WG mit den Mitteln einer Wochenendagrargemeinschaft: Früher haben wir mit illegalen Lustigmachern experimentiert, jetzt experimentieren wir mit Honigschleudern und Saftpressen. Plus, es gibt jetzt auch Kurze, die gab es früher auch nicht, weil früher hätte keine Mutter mit einem Alzerl Verantwortungsbewusstsein einen Minderjährigen in unsere Nähe gelassen und wir keinen Minderjährigen in die Nähe unserer Gitarren-, Platten-, Highheels-, Wasserpfeifen- und Tätowiernadelsammlungen. Wenn du das angreifst, Kleiner, bist du erledigt. Wie Leute wie wir an eine Erziehungsberechtigung kommen, kann ich mir bis heute nicht genau erklären, aber am Wochenende saßen 13 Kinder unter der Laube vom Horwath, aßen Nudeln mit Bambisoße und ließen sich von uns belügen. Das war ein irre altes Reh, eine Rehgreisenurli! Die hatte ein urlustiges Leben mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln und ist dann von selber im Wald tot umgefallen! Das glaubt dir normal nicht einmal ein Zweijähriger, aber je hungriger das Kind, desto empfänglicher ist es für Lügen, selbst wenn sie so miserabel sind wie die. Und ich bin der Meinung, dass manche Wahrheiten noch warten können – beziehungsweise: Sie wissen’s in Wirklichkeit eh. Und sie finden es selber entlastend, dass sie noch so tun dürfen, als wüssten sie es nicht. Wie beim Christkind; wenngleich meine Idee, ihnen heuer in aller Umsicht die Wahrheit zu sagen, von der Realität bösartig hintertrieben wurde. Denn vorgestern in der Früh wurde uns auf nüchternen Magen mitgeteilt, man wisse übrigens, wer das Christkind sei: IHR! Öh, aso, naja, hm, stimmt; seid ihr jetzt traumatisiert? Waren sie aber nicht. Scheint ihr Weltbild nicht zu ruinieren. Hätte man wohl schon früher machen können, wollte man auch, aber andere Eltern baten einen händeringend, derlei zu unterlassen, weil was eins weiß, wissen alle. Also, wenn es jetzt dann alle wissen: Ich kann nichts dafür, von mir haben sie es nicht. Ich schwör’s.

Was jetzt auch alle wissen, also im Dorf: dass diese Wiener, die das Dings-Haus gekauft haben, die von der Sekte, an Sonntagen noch zu Mittag vollzählig in fleckigen Pyjamas anzutreffen sind (Bitte, die Pumpe hat nicht funktioniert! Wir hatten kein Wasser!), vor Bergen von dreckigem Geschirr: Der örtliche ÖVP-Mann, der mit einem pröllvollen Papiersackerl unvermittelt in unserer Küche stand, wird schon berichtet haben. Na, ich sag’s euch, mit denen ist etwas nicht hui.

Verbieten bringt doch nichts

Zwei Wochen lang fanden die Kinder die Schule supsi: neu, spannend, interessant, uraufregend. In der dritten wurde ihnen klar, dass das jetzt immer so sein wird. Immer so früh aufstehen, immer rechtzeitig da sein, immer vier oder fünf Stunden Unterricht und danach immer Hausaufgaben. Das ist jetzt ein Schock für sie. Macht sie muffig, patzig, aggressiv und wenn man einmal die Stimme auch nur ein halben Millimeter erhebt, fangen sie hysterisch an zu heulen, aber so hysterisch. Dabei sind sie Lautstärke gewohnt, bei uns sind alle laut, aber jetzt muss man als Erziehungsberechtigte ganz leise sein. Ganz sanft. Meine Mutter sagt, das schadet nichts, das senkt euren Gebrüllpegel endlich ein bisschen. Dass ich vom Hinunterschlucken von dringlich veräußerungswürdigem Hochdruckgekeppel wahrscheinlich ein Magengeschwür kriege, ist ihr wurscht. Und die Mimis geben mir zu Gekeppel vielerlei Anlass: Ess ich nicht, trink ich nicht, mach ich nicht, will ich nicht, zieh ich nicht an, räum ich nicht auf. Nein, nein, nein, nein – wenn man überhaupt eine Antwort kriegt. Eine der Mimis hieß mich gestern dumme Kuh, das hätte sie früher nie gemacht, ich bin bitte ihr Idol, und ich habe sie, wie ich es von einer TV-Debatte habe, hypnotisch angeflüstert: Wenn ich das noch einmal höre, gibt’s kein kein kein ... kein irgendwas, du wirst es jedenfalls bitterlich bereuen, ja. Die Schule macht uns fertig. Führt dazu, dass ich mir Sanktionen ausdenken muss. Aber wie sanktionierst du Kinder, die sowieso nicht computerspielen dürfen.

Computer, by the way, Abt. Gameboy: Es gibt im Hort einmal im Monat einen Gameboytag, da dürfen alle, die einen haben, ihren Gameboy mitbringen, und alle, die keinen haben, wollen am Abend auch einen. Ich habe beim Elternabend gesagt, wenn ich einmal etwas sagen darf, ich bin unheimlich dagegen. Alle anderen schauten nicht mal hoch, nächster Punkt. Ich sagte noch einmal, ich bin übrigens strikt gegen den Gameboytag, und da erbarmte man sich meiner und erklärte mir in mitleidigem Ton, wie wichtig es sei, die Kinder einen vernünftigen Umgang mit modernen Massenmedien zu lehren. Gehöre nun mal zum Alltag; verbieten bringe nichts. Verbieten bringt wohl was, ich verbiete seit Jahren mit großem und anhaltendem Erfolg und beabsichtige nicht, mein Konzept zu ändern, was durch den Gameboytag allerdings massiv verkompliziert wird. Im Gegenzug werde ich beim nächsten Elternabend vorschlagen, auch einen monatlichen Drogenprobiertag einzuführen, an dem die Kinder ihre Zigaretten und Alkopops mit in den Hort bringen dürfen, was ich circa gleich schädlich finde wie Computerspielen. Und sie kommen ja eh früher oder später in Kontakt damit, besser man lehrt sie rechtzeitig einen vernünftigen Umgang mit dem Zeug. Verbieten bringt doch nichts.

Und Sie brauchen jetzt gar nicht zu sagen, dass die Kinder ihren Hang zum Hysterischen schon irgendwo herhaben ... Ich habe schon eine Mutter, die mir revanchistische Referate hält, herzlichen Dank.

Andere wären einfach mit dem Schaufelbagger rein

Dafür finde ich es im Gegensatz zu praktisch allen anderen Eltern fantastisch, dass die Schule schon um acht anfängt. Es bedeutet, dass der Lange, der in der Früh dafür zuständig ist, Kaffee und Kakao ans Bett zu liefern, sich zu duschen, sich anzuziehen und drei Mal wöchentlich die Kinder zur Schule zu bringen (ich mache den winzigen Rest) jetzt nicht mehr bis um neun in Unterhosen durch die Wohnung hoppelt: da in einem Buch blättert, hier eine Zeitschrift aufschlägt und dort einen Song herunterlädt, während die Kinder angezogen und schwitzend an der Wohnungstür warten und schlechte Laune kriegen. Jetzt nicht mehr. Jetzt sind sie um halb acht aus dem Haus, und Mutter widmet sich in aller Ruhe der Ruhe.

Wie ich letztes Mal bis drei Uhr früh im rhiz aufgelegt habe und die Young Gods waren da, durfte ich ausschlafen. Die Kinder gingen ohne Frühstück, ohne Regenjacke und ohne Frisur in die Schule, und ich erbaute mich später sehr an des Langen Gestöhn, wie wahnsinnig anstrengend das denn alles sei, was da in der Früh zu erledigen anstünde. Ach wirklich. Dieses Erledigen bringt mich nämlich täglich an den Rand meiner Möglichkeiten, und wenn die Kinder abends um acht im Bett sind, will ich auch ins Bett. Nein, eigentlich will ich schon um halb zwölf wieder ins Bett.

Halb zwölf ist ungefähr die Zeit, zu der Haemmerli an normalen Tagen in Zürich aufsteht, und wenn ich abends bereits mit meinen Augendeckeln kämpfe, ist er gerade schön warmgelaufen und würde jetzt gerne telefonieren. Haemmerli und ich leben in verschiedenen Zeitzonen, dabei müssen gerade jetzt akut Sachen besprochen werden. Essen verabredet. Adressen ausgetauscht. Denn Haemmerlis Dokumentar-Film über seine Messie-Mutter hat Wien-Premiere. Der Film heißt „Sieben Mulden und eine Leiche“, die Schweizer kennen ihn schon, die Deutschen kennen ihn auch schon, denn Haemmerli war bei Kerner, eine offenbar semilässige Erfahrung, weil Kerner wollte wohl immer nur über die grausigste Stelle in dem Film reden. Dabei ist der Film, in dem Haemmerli zeigt, wie er mit seinem Bruder die Wohnung der verstorbenen Messie-Mutter aufräumt, die darin durch einen Treppensturz zu Tode gekommen und dann leider ein paar Tage lang auf der Bodenheizung lag, eigentlich überraschend heiter. Und wirklich gut, ich habe ihn schon bei der Zürcher Premiere gesehen. Haemmerli sagte, das Kerner-Publikum habe ihn für herzlos gehalten, aber herzlos ist Haemmerli nicht: Die Akribie, mit der er die Lebensgeschichte seiner Mutter aus dem Material zusammenpuzzelt, das er in dieser unfassbaren Müllhalde fand, in der sie lebte, zeigt eine Zuneigung, die man einer Mutter, die einen mit zehn ins Internat steckte, nicht zwingend entgegenbringen müsste. Andere wären einfach mit dem Schaufelbagger rein, man hätts verstanden. Haemmerli hat einen Film gemacht, der ist extrem sehenswert. Gut, ein bisschen grausig auch, stimmt.

Schön sprechen, Kleiner

Permanent muss man aufpassen, dass die Kinder nicht mit irgendwelchen völlig degenerierenden Medien und Medienprodukten in Kontakt kommen: Es ist total nervig. Am Samstag am Land schaffen wir es endlich, einen Tisch in einem der Handvoll akzeptablen Gasthäuser im Waldviertel zu bekommen; gemeinsam mit den Polzes und den Horwaths und den Hofingers, die auf Besuch sind, und wir müssen nicht einmal die Kinder mitnehmen, weil der Nachbarsvierzehnjährige hat sich zum Babysitten überreden lassen. Vierzehnjährige brauchen ja immer Geld. Leider beginnt der Abend suboptimal; denn der kleine Horwath ist ein liebes, nettes Kind, solange er seinen Willen bekommt. Wenn nicht, nicht. Zum Beispiel ist es nicht der Wille des kleinen Horwath, dass während der Eltern-Abwesenheit „Bullerbü“ geschaut wird, weil er der Ansicht ist, „Bullerbü“ sei etwas für Babys und kleine Mädchen; der kleine Horwath ist härteren Stoff gewohnt. Und der kleine Horwath ist gewohnt, dass geschieht, was er bestimmt, bloß steht es diesmal drei zu eins für „Bullerbü“. Der kleine Horwath hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz: Ich muss erst einmal in die Knie gehen und ihm mit großer Eindringlichkeit klarmachen, dass er zu mir sicher nicht „Blödmann“ sagt. (Früher, als der kleine Horwath drei oder vier war, bebrüllte er den jeweiligen Diskursgegner als Seistwodl: Schön sprechen, Kleiner, das heißt Scheißtrottel, und das sagst du auch nicht zu mir.) Es ist aber unwahrscheinlich, dass er mich hört, weil er gerade sehr viel Blut im Kopf hat, das rauscht in den Ohren, und die Mimis fangen auch noch an zu weinen, weil das Gederwische und Gekreisch des kleinen Horwath sie erschreckt.

Deshalb auch „Bullerbü“; die Mimis haben eine sehr niedrige Gewaltaffirmationstoleranz, medial und real, und als sie im Sommer einmal, eh gegen meine Überzeugung, „Harry Potter“ geschaut haben, weil die Mosers gesagt haben, das wäre ein total harmloser Babyfilm, den auch ihre dreijährige Tochter schon schaut, brachen sie danach spontan in Tränen aus und hatten nächtelang Albträume. Und ich verstehe das überhaupt nicht und werde das nie verstehen, warum aufgeklärte Eltern ihre kleinen Kinder bewusst solchen Bildern voller Bedrohung und Gewalt und Angst aussetzen. Ich bin ein großer Fan der netten Harmlosigkeiten von „Bullerbü“, und beabsichtige, es zu bleiben.

Ein paar Drohungen der Horwathin später ist auch der kleine Horwath „Bullerbü“-Fan, der Nachbarsbub hat die DVD und vier Telefonnummern schon in der Hand und ist über Allfälligkeiten instruiert. Wie wir drei Stunden später heimkommen, sitzen alle Kinder um des Nachbarsbuben Laptop (der vorher noch nicht da war), und als ich das Zimmer betrete, sagt der kleine Horwath gerade zum Nachbarsbub: „Kannst du den noch schnell töten?“ Nein, kann er nicht. Weil jetzt ist erst einmal er dran.

So war das nicht ausgemacht

Sedlacek macht mich in seinen Mails zur Sau, es ist kein Spaß mehr. Nicht, dass Spaß eine Kategorie wäre. Spaß ist etwas für Anfänger, für Großraumdiskobesucher. Wir Postspaßgesellschafter haben schon lange keinen Spaß im Sinne von Spaß mehr, wir packen höchstens den Moment, wir spüren uns höchstens, wir lassen uns höchstens einmal so richtig gehen; mit großer Ernsthaftigkeit und Hingabe und Respekt für den Kater danach. Großer Exzess, großer Kater, großer Schmerz. Ehrliche katholische Büßerei; dem ein nahezu ritueller Zwang zu neuerlichem Exzess, Kater, Schmerz immanent ist. Entsagung aus Vernunft, abwaschbarer Spaß ist etwas für Protestanten und andere Schweizer. Ich: Ich spaße nicht. Also, nicht, dass ich allzu häufig nicht spaßte; eine Selbstmörderin bin ich auch wieder nicht. Außerdem, zugegeben, das Problem von so einem ausgewachsenen Kater ist, dass er vielleicht ganz gut im Kreise derer kommt, mit denen man ihn großgezogen hat, und die sind für gewöhnlich andernfrühs um 06.15 Uhr nicht anwesend; plus man muss zwischen neun und elf zum Buchstabentag in eine der Mimi-Klassen, um dort mit Erstklässlern zu lesen und als Buchstabenimpersonator kläglich zu versagen. Verdammt, das hatte ich vergessen. Mehr Kaffee. Und wo verdammich sind die scharfen Kaugummi.

Er ist wütend auf mich, Sedlacek, er hat mir ein langes, betrunkenes Mail aus Moskau geschickt, das war so ernsthaft und ehrlich und berührend und tiefsinnig, dass ich darauf nichts zu erwidern wusste. Es ist leicht, mit Sedlacek zu kommunzieren, solange er an der Oberfläche bleibt, wo er sich normalerweise so aufgehoben und sicher fühlt, dass er sie nach Möglichkeit nie verlässt: das ist seine Matrix, seine natürliche Umgebung. Da ist er leicht zu parieren und seine Angriffe prallen an mir ab wie meine Angriffe an ihm abprallen: wie Tischtennisbälle, es ist ein leichtes Spiel, für uns beide. Das Moskau-Mail passte nicht dazu, plötzlich war ich die Oberflächliche, die Geistlose, die, die nicht fähig und willens war, sich auf einen komplexeren Gedankengang einzulassen, und das ist nicht, wie sich Sedlacek und ich uns die Welt aufgeteilt haben. Das war so nicht ausgemacht. Ich habe nicht darauf geantwortet, zehn Tage nicht, und dann habe ich geantwortet, und zwar auf dieses Mail und damit das falsche, weil Sedlacek war längst wieder da und wieder woanders und längst nicht mehr in dieser Stimmung, und jetzt prügelt er mich durch Sonne und Mond, beschimpft mich, bestraft mich: erstens für meine Ignoranz, zweitens natürlich dafür, dass ich ihn beim Tiefgang ertappt und den Beweis für seine Zurechnungsfähigkeit immer noch in meiner Mailbox habe. Weil wenn das jemand erfährt, dass Sedlacek einen Charakter hat. Nicht auszudenken.

Und Fionn Regan soll mich Hase heißen