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Eine Geschichte

von Liebe

und Feuer

ROMAN

Aus dem Englischen
von Angelika Felenda

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Die Originalausgabe erschien
2011 unter dem Titel
The Thread bei Headline Review,
an imprint of Headline Publishing Group, London

Copyright © 2011 by Victoria Hislop

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012
by Diana Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion | Angelika Lieke

Umschlaggestaltung | t.mutzenbach design, München
nach einer Originalgestaltung von © cabinlondon.co.uk

Umschlagmotiv | © Corbis/Alinari Archives und shutterstock

Satz | Leingärtner, Nabburg

ISBN: 978-3-641-08952-8
V002

www.diana-verlag.de

Für Thomas Vogiatzis,
meinen Freund und daskalos

Diese Geschichte handelt von Thessaloniki, Griechenlands zweitgrößter Stadt. Im Jahr 1917 bestand die Bevölkerung zu ungefähr gleichen Anteilen aus Christen, Muslimen und Juden. Nach drei Jahrzehnten waren nur noch Christen übrig.

Es ist auch die Geschichte zweier Menschen, die während der turbulentesten Phase in Thessaloniki lebten, als die Stadt nach einer Reihe politischer und menschlicher Katastrophen fast völlig zerstört wurde.

Die Figuren und viele der Straßen und Plätze sind fiktiv, aber die historischen Ereignisse haben sich genau so zugetragen. Griechenland trägt bis heute an diesem Erbe.

Griechenland & Kleinasien

1. Thessaloniki 8. Ioannina

2. Athen 9. Berg Grammos

3. Piräus 10. Insel Lesbos

4. Volos 11. Insel Makronisos

5. Trikala 12. Insel Giaros

6. Larissa 13. Konstantinopel (Istanbul)

7. Veria 14. Smyrna (Izmir)

Thessaloniki

1. Irinistraße 5. Synagoge

2. Filipposstraße 6. Komninos’ Wohnhaus

3. Sokratesstraße 7. Komninos’ Lagerhaus

4. Komninos’ Geschäft

Meine Liebe, ich möchte, dass du dir vorstellst, du wärst wieder ein Kind. Das fällt dir hoffentlich nicht schwer, aber du musst den kindlichen Stil auch richtig hinbekommen. Ich möchte, dass du ein Bild stickst, auf dem in großen Buchstaben Kalimera steht – du kennst doch diese Bilder mit einer aufgehenden Sonne, einem Vogel oder einem Schmetterling darauf. Und dann ein zweites mit Kalispera.«

»Mit Mond und Sternen?«

»Ja, genau. Aber sie sollen nicht aussehen, als hätte sie ein ungeschicktes Kind gemacht«, sagte sie lächelnd. »Ich muss schließlich damit leben, wenn sie bei mir an der Wand hängen!«

Katerina hatte vor vielen Jahren unter Anleitung ihrer Mutter ganz ähnliche Bilder gestickt, und die Erinnerung daran kehrte schlagartig zurück.

Ihr Kalimera war mit großen, schwungvollen Stichen und einem leuchtend gelben und ihr Kalispera mit einem mitternachtsblauen Faden gearbeitet. Sie genoss die Einfachheit der Aufgabe und lächelte über das Resultat. Niemand würde verdächtig finden, was in jedem griechischen Haushalt an der Wand hing. Selbst wenn man das Bild aus dem Rahmen nähme, blieben die kostbaren Seiten, die sie verstecken mussten, von der Rückwand aus brauner Pappe verborgen. Es war allgemein üblich, die unordentliche Rückseite einer Stickerei zu verdecken.

Obwohl sich ein Dutzend Leute in dem kleinen Haus befanden, herrschte eine unheimliche Stille. Sie arbeiteten konzentriert und unter höchstem Zeitdruck. Sie retteten die Schätze aus ihrer Vergangenheit.

Prolog

Mai 2007

Es war halb acht Uhr morgens. Nie war es ruhiger in der Stadt als um diese Stunde. Über der Bucht hing ein silbriger Dunst, und das trübe Wasser plätscherte leise gegen die Kaimauern. Der Himmel war fahl und die Luft mit Salz erfüllt. Für manch einen ging eine durchzechte Nacht zu Ende, für andere begann ein neuer Arbeitstag. Ungepflegt wirkende Studenten tranken den letzten Kaffee und rauchten Zigaretten neben ordentlich gekleideten älteren Paaren, die ihren Morgenspaziergang unternahmen.

Als sich der Dunst langsam lichtete, kam in der Ferne über dem Thermaischen Golf der Olymp zum Vorschein, und Meer und Himmel warfen ihre bleiche Hülle ab. Wie Riesenhaie, die sich dunkel vor dem Blau abzeichneten, lagen Tanker vor der Küste, und weiter draußen fuhren ein paar kleinere Schiffe über den Horizont.

Über die marmorgepflasterte Promenade entlang der großen Bucht bewegte sich ein konstanter Menschenstrom: Damen mit ihren Hündchen, Jugendliche, Jogger, Rollerblader, Fahrradfahrer und Mütter mit Kinderwagen. Zwischen der Promenade und den Reihen von Cafés schoben sich Autos im Kriechtempo in die Innenstadt, deren Fahrer, halb hinter Sonnenblenden verborgen, stumm die Lippen zu den neuesten Hits aus dem Radio bewegten.

Mit gemächlichen Schritten nach einer durchtanzten, feuchtfröhlichen Nacht ging ein schlanker, junger Mann in teuren, ausgefransten Jeans am Uferweg entlang. Bartstoppeln standen in seinem gebräunten Gesicht, doch seine schokoladenbraunen Augen wirkten frisch und hellwach, und er summte im Gehen leise vor sich hin. Sein entspannter Gang zeugte von einem Menschen, der mit sich und der Welt zufrieden war.

Auf der anderen Straßenseite, in dem schmalen Bereich zwischen Bistrotischen und Bordsteinkante, ging ein älteres Ehepaar zu seinem Stammcafé. Der Mann gab mit vorsichtigen Schritten das Tempo vor und stützte sich dabei schwer auf seinen Stock. Beide waren vielleicht um die neunzig, nicht größer als eins fünfundsechzig und sorgfältig gekleidet. Er in einem frisch gebügelten, kurzärmeligen Hemd und hellen Hosen, sie in einem einfachen geblümten Baumwollkleid mit Gürtel um die Taille, die Art von Kleid, die sie wahrscheinlich schon seit fünfzig Jahren trug.

Alle Kaffeehausstühle entlang der Promenade waren zum Meer hin ausgerichtet, damit die Gäste das quirlige Treiben von Menschen und Fahrzeugen und auch die Schiffe beobachten konnten, die geräuschlos in den Hafen hinein- und wieder hinausglitten.

Dimitri und Katerina Komninos wurden vom Besitzer des Assos-Cafés begrüßt und wechselten ein paar Worte über den Generalstreik mit ihm. Da ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung an diesem Tag freihatte, würde das Café mehr Umsatz machen, also gab es keinen Grund zur Klage für den Wirt. Arbeitskämpfe waren in dieser Stadt ohnehin nichts Besonderes.

Sie mussten nicht ausdrücklich bestellen, denn sie tranken ihren Kaffee immer auf dieselbe Weise – stark und süß – und teilten sich dazu ein kadayif, ein köstliches Gebäck, das wegen der dünnen Teigfäden auch Engelshaar genannt wurde.

Der alte Mann hatte sich gerade in die Lektüre der neuesten Nachrichten vertieft, als seine Frau aufgeregt seinen Arm tätschelte.

»Schau – schau, agapi mou! Da ist Dimitri!«

»Wo denn, meine Süße?«

»Mitsos! Mitsos!«, rief sie und benutzte die Verkleinerungsform des Namens, den ihr Mann und ihr Enkel trugen, aber der junge Mann konnte nichts hören im Lärm der hupenden Autos, die gerade mit aufheulendem Motor an der Ampel lospreschten.

Als Mitsos aus seiner Tagträumerei aufblickte, entdeckte er seine heftig winkende Großmutter und schlängelte sich lässig durch den Verkehr.

»Yiayia!«, sagte er und schloss sie in die Arme, dann ergriff er die ausgestreckte Hand seines Großvaters und küsste ihn auf die Stirn. »Wie geht’s euch? Was für eine schöne Überraschung … ich wollte euch heute besuchen.«

Seine Großmutter strahlte übers ganze Gesicht. Sie und ihr Mann vergötterten ihren Enkel, und der genoss ihre Zuneigung.

»Komm, wir bestellen was für dich!«, sagte seine Großmutter aufgeregt.

»Nein danke. Wirklich nicht. Ich möchte nichts.«

»Aber irgendwas möchtest du doch sicher – einen Kaffee, Eiscreme …«

»Katerina, ich bin sicher, er möchte keine Eiscreme!«

Der Kellner tauchte wieder auf.

»Ich möchte bloß ein Glas Wasser bitte.«

»Ist das alles? Bist du sicher?«, fragte seine Großmutter. »Wie wär’s mit Frühstück?«

Der Kellner war schon wieder fort. Der alte Mann beugte sich vor und berührte den Arm seines Enkels.

»Also wieder keine Vorlesungen heute?«, fragte er.

»Nein, leider«, antwortete Mitsos. »Inzwischen bin ich daran gewöhnt.«

Der junge Mann besuchte einen Master-Lehrgang an der Universität von Thessaloniki, aber da sich auch die Dozenten gemeinsam mit allen Beamten des Landes im Streik befanden, hatte er frei. Nach einer langen Nacht in den Bars auf der Proxenou Koromila war er jetzt auf dem Heimweg, um sich schlafen zu legen.

Er war in London aufgewachsen, hatte aber jeden Sommer bei seinen Großeltern in Griechenland verbracht und von seinem fünften Lebensjahr an jeden Samstag eine griechische Schule besucht. Sein Jahr an der Universität war nun fast vorbei, und wegen der Streiks waren oft Vorlesungen ausgefallen, aber die Landessprache beherrschte er inzwischen absolut fließend.

Obwohl ihn seine Großeltern bedrängt hatten, bei ihnen zu wohnen, lebte Mitsos im Studentenheim, aber er besuchte sie regelmäßig an den Wochenenden, und sie erdrückten ihn fast mit ihrer Liebe, wie es bei griechischen Großeltern üblich ist.

»Dieses Jahr hat es so viele Streiks gegeben wie noch nie«, sagte sein Großvater. »Aber wir müssen uns damit abfinden, Mitsos. Und hoffen, dass es besser wird.«

Neben den Lehrern und Ärzten befanden sich auch die Müllmänner im Streik, dazu fuhren wie gewöhnlich auch keine öffentlichen Transportmittel. Und für die Schlaglöcher in den Straßen und die rissigen Gehsteige fühlte sich auch niemand zuständig. Selbst in den besten Zeiten war das Leben hier schwer für die zwei alten Leute, und Mitsos wurde sich plötzlich ihrer Gebrechlichkeit bewusst, als er einen Blick auf den von Narben entstellten Arm seiner Großmutter und die arthritischen Finger seines Großvaters warf.

Im gleichen Moment bemerkte er einen Mann, der über den Gehsteig auf sie zukam und mit einem weißen Stock den Weg vor sich abtastete. Er hatte einen wahren Hindernisparcours zu bewältigen: rücksichtslos abgestellte Autos, die das halbe Trottoir versperrten, dazu verschiedene Straßenpoller und Kaffeehaustische, denen er ausweichen musste. Mitsos sprang auf, als er den Mann zögern und schließlich verwirrt vor einem mitten auf dem Gehsteig platzierten Reklameschild anhalten sah.

»Darf ich Ihnen helfen?«, fragte er. »Wohin möchten Sie denn?«

Er blickte in ein Gesicht, das jünger war als sein eigenes, und in milchige, blinde Augen. Die Haut war auffallend blass, und über einem Augenlid verlief eine gezackte, schlecht genähte Narbe.

Der blinde Mann lächelte in Mitsos’ Richtung.

»Danke, aber ich komme schon zurecht«, antwortete er. »Ich gehe diesen Weg jeden Tag. Allerdings gibt es immer wieder unliebsame Überraschungen …«

Autos donnerten auf der kurzen Strecke bis zur nächsten Ampel vorbei, und in dem Lärm gingen Mitsos’ Worte fast unter.

»Darf ich Ihnen wenigstens auf die andere Seite helfen?«

Er nahm den Arm des jungen Mannes, und sie überquerten gemeinsam die Straße, obwohl Mitsos das Selbstvertrauen und die Entschlossenheit des Blinden spürte und es ihn deshalb fast ein wenig verlegen machte, ihm behilflich zu sein.

Als sie auf den gegenüberliegenden Gehsteig traten, lockerte er seinen Griff am Arm des Mannes. Ihre Blicke schienen sich zu treffen.

»Vielen Dank.«

Mitsos erkannte, dass nun eine neue Gefahr für den Blinden drohte. Ganz in der Nähe befand sich eine Böschung, die steil zum Meer abfiel.

»Sie wissen, dass Sie ganz dicht am Wasser sind?«

»Natürlich weiß ich das. Wie gesagt, ich gehe diesen Weg jeden Tag.«

Die anderen Spaziergänger, die nur mit sich selbst beschäftigt waren oder ausschließlich die hämmernde Musik ihrer MP3-Player wahrnahmen, bemerkten nichts von der Verletzlichkeit des Mannes. Seinen weißen Stock registrierten sie erst, wenn es schon fast zum Zusammenstoß gekommen war.

»Wäre es nicht sicherer, einen weniger überfüllten Weg zu nehmen?«, fragte Mitsos.

»Ja, schon, aber dann würde ich das alles hier verpassen …«

Er zeigte mit einer ausladenden Geste auf die Bucht, die sich in weitem Halbrund vor ihnen erstreckte, und deutete dann geradeaus auf die schneebedeckten Berge, die sich in etwa hundert Kilometern Entfernung jenseits des Meeres erhoben.

»Der Olymp. Die ständig sich verändernde See. Die Tanker. Die Fischerboote. Ich weiß, Sie denken, ich kann das alles nicht sehen, aber früher einmal konnte ich es. Ich weiß, dass sie da sind, ich sehe sie vor meinem inneren Auge, und das wird immer so sein. Außerdem sehe ich nicht das Gleiche wie Sie. Schließen Sie doch mal die Augen.«

Der junge Mann nahm Mitsos’ Hand und hielt sie fest. Mitsos war überrascht von der marmornen Kühle seiner Finger und dankbar für den körperlichen Kontakt. Plötzlich spürte er, wie es wäre, als einsamer, verletzlicher Mensch auf der geschäftigen Esplanade zu stehen.

Und in dem Moment, als er nichts mehr sah, schärften sich seine Sinne. Laute Geräusche verstärkten sich zu ohrenbetäubendem Dröhnen, und die stechende Sonne auf seinem Kopf machte ihn schwindelig.

»Bleiben Sie so«, bat ihn der blinde Mann, als er Mitsos’ Hand kurz losließ. »Bloß ein paar Minuten.«

»Ja, aber es ist beängstigend, wie intensiv alles ist. Ich versuche, mich daran zu gewöhnen. Aber ich fühle mich plötzlich wie ausgesetzt auf dieser belebten Straße.«

Ohne die Augen zu öffnen, konnte Mitsos allein aus dem Tonfall seines Gegenübers schließen, dass er lächelte.

»Nur noch einen Moment. Dann werden Sie noch viel mehr spüren …«

Er hatte recht.

Der Geruch des Meeres, die Feuchtigkeit der Luft auf seiner Haut, der rhythmische Schlag der Wellen gegen die Ufermauer, alles wirkte mit einem Mal viel intensiver.

»Und dann stellen Sie fest, dass es jeden Tag anders ist. Wirklich jeden Tag. Im Sommer ist die Luft so still und das Wasser so glatt wie Öl. Und ich weiß, dass die Berge im Dunst verschwinden. Die Hitze wird von den Steinen reflektiert, und ich spüre sie durch die Sohlen meiner Schuhe.«

Beide Männer standen da, die Gesichter zum Meer gerichtet. »Ich spüre Menschen um mich«, fuhr der Blinde fort. »Nicht bloß Leute wie Sie, die hier und jetzt leben, sondern auch solche aus vergangenen Zeiten. Dieser Ort ist angefüllt mit seiner Geschichte, er wimmelt von Menschen – und die sind genauso real wie Sie. Ich sehe gleichzeitig die Vergangenheit und die Gegenwart. Verstehen Sie das? Ergibt das einen Sinn?«

»Ja, das tut es, sicher.«

Mitsos wollte sich nicht einfach abwenden und weggehen, obwohl der junge Mann es vielleicht gar nicht mitbekommen hätte. In diesen wenigen Minuten waren seine Sinne wachgerüttelt worden. Im Philosophieunterricht hatte er gelernt, dass nicht nur die sichtbaren Dinge eine Realität haben, aber dies war eine ganz neue Erfahrung zu dem Thema.

»Ich heiße Pavlos«, sagte der blinde Mann.

»Und ich Dimitri – oder Mitsos.«

»Ich liebe diesen Ort«, sagte Pavlos. Man hörte seiner Stimme an, dass die Worte von Herzen kamen. »Vermutlich gibt es Plätze, an denen das Leben für einen Blinden leichter wäre, aber ich möchte nirgendwo anders sein.«

»Ja, das kann ich gut verstehen. Es ist wirklich eine wunderschöne Stadt«, stimmte Mitsos ihm zu. »Hören Sie … ich muss jetzt wieder zu meinen Großeltern zurück. Aber es war schön, Sie kennengelernt zu haben.«

»Ich freue mich auch, dass wir uns begegnet sind. Und danke, dass Sie mir geholfen haben.«

Pavlos wandte sich ab und klopfte beim Gehen wieder mit seinem dünnen weißen Stock aufs Pflaster. Mitsos sah ihm eine Weile nach. Er war sicher, dass der blinde Mann die Wärme seines Blicks im Rücken spürte. Das hoffte er zumindest und unterdrückte den spontanen Wunsch, ihm nachzueilen, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten und sich noch ein wenig mit ihm zu unterhalten. Vielleicht ein anderes Mal …

Ich liebe diesen Ort – diese Worte hallten in ihm nach.

Sichtlich bewegt von der Begegnung, kehrte Mitsos zu dem Kaffeehaustisch zurück.

»Es war nett von dir, dem jungen Mann zu helfen«, sagte sein Großvater. »Wir sehen ihn oft, wenn wir draußen sind, und schon ein paarmal wäre ihm beinahe etwas passiert auf dieser Straße. Die Leute sind einfach furchtbar rücksichtslos.«

»Alles in Ordnung, Mitsos?«, fragte seine Großmutter. »Du wirkst ein bisschen still.«

»Mir geht’s gut. Ich denke bloß über etwas nach, was er gesagt hat …«, antwortete er. »Er liebt diese Stadt so sehr, obwohl es doch ziemlich schwer hier für ihn sein muss.«

»Das können wir nachfühlen, nicht wahr, Katerina?«, erwiderte sein Großvater. »Diese verrotteten Gehsteige sind schwierig für uns, und keiner unternimmt was dagegen, trotz der Wahlversprechen.«

»Warum bleibt ihr dann?«, fragte Mitsos. »Ihr wisst doch, wie sehr Mum und Dad sich wünschen, dass ihr nach London kommt und bei uns lebt. Das Leben dort wäre so viel leichter für euch.«

Das alte Ehepaar hatte sowohl Einladungen vom Sohn, der im grünen Highgate wohnte, als auch von der Tochter, die in den Staaten in einem reichen Bostoner Vorort lebte, aber irgendetwas hielt die beiden ab, sich für ein bequemeres Leben zu entscheiden. Mitsos hatte seine Eltern oft darüber sprechen hören.

Katerina warf einen kurzen Blick auf ihren Mann.

»Selbst wenn man uns so viele Diamanten schenkte, wie Tropfen in diesem Meer sind, gibt es nichts, was uns dazu brächte, von hier wegzugehen!«, sagte sie und ergriff die Hand ihres Enkels. »Wir werden in Thessaloniki bleiben, bis wir sterben.«

Der junge Mann fühlte sich völlig überrumpelt von der Wucht dieser Worte. Katerinas Augen blitzten kurz auf, dann füllten sie sich mit Tränen. Eine Weile saßen sie schweigend da, und Mitsos sah seine Großmutter verwundert an. Nie hätte er einen solchen Ausbruch bei ihr für möglich gehalten, nie hatte er etwas anderes in ihr gesehen als eine freundliche alte Frau von sanfter Wesensart, die wie die meisten griechischen Frauen ihres Alters ihrem Ehemann das Wort überließ.

Schließlich brach sein Großvater das Schweigen.

»Wir haben unsere Kinder ermutigt, für ihre Ausbildung ins Ausland zu gehen«, sagte er. »Damals war das die richtige Entscheidung, aber wir hofften natürlich, sie würden irgendwann zurückkommen. Stattdessen sind sie für immer fortgeblieben.«

»Ich wusste nicht …«, sagte Mitsos und drückte die Hand seiner Großmutter. »Ich wusste nicht, wie es für euch gewesen ist. Dad hat einmal erwähnt, weshalb ihr ihn und Tante Olga weggeschickt habt, aber ich kenne die ganze Geschichte nicht. Hatte es mit dem Bürgerkrieg zu tun?«

»Ja, zum Teil«, sagte sein Großvater. »Vielleicht ist es an der Zeit, dir mehr zu erzählen. Das heißt, wenn es dich überhaupt interessiert …?«

»Natürlich interessiert es mich!«, erwiderte Mitsos. »Ich weiß doch so gut wie nichts über den Hintergrund meines Vaters, und wann immer ich nachfrage, bekomme ich nur ausweichende Antworten. Dabei bin ich jetzt doch wohl alt genug für die Wahrheit, oder?«

Seine Großeltern sahen sich an.

»Was meinst du, Katerina?«, fragte der alte Mann.

»Ich finde, er sollte uns helfen, das Gemüse heimzutragen, damit ich ihm seine geliebten gemista zum Mittagessen zubereiten kann«, sagte Katerina fröhlich. »Wie wär’s damit, Mitsos?«

Sie gingen durch eine Gasse, die vom Meer wegführte, und nahmen dann eine Abkürzung durch die Altstadt zum Kapani-Markt.

»Vorsicht, yiayia«, sagte Mitsos, als sie an die Stände traten, wo verfaulte Obstreste und Gemüseabfälle am Boden lagen.

Sie kauften glänzend rote Paprika, Tomaten, rund wie Tennisbälle, feste weiße Zwiebeln und dunkelviolette Auberginen. Oben auf die Einkaufstüte legte der Händler einen Bund Koriander, dessen Duft die ganze Straße zu erfüllen schien. All diese Zutaten sahen so verlockend aus, dass man sie auf der Stelle hätte roh verspeisen können, aber seine Großmutter würde daraus das wohlschmeckende Gericht zubereiten, das er so sehr liebte. Sein Magen begann zu knurren.

An den Ständen, wo Fleisch verkauft wurde, war der Boden glitschig vom Blut, das von den Hackblöcken tropfte. Sie wurden von ihrem Metzger wie Familienangehörige begrüßt, und Katerina bekam einen der Schafsköpfe, die sie aus einer Wanne anstarrten.

»Warum kaufst du den, yiayia

»Für die Brühe«, antwortete sie. »Und ein Kilo Kutteln, bitte.«

Später würde sie patsas machen, eine kräftige Suppe. Für ein paar Euro konnte sie alle tagelang satt bekommen. Bei ihr wurde nichts vergeudet.

»Das ist ein sicheres Mittel gegen den Kater, Mitsos!«, sagte Dimitri und zwinkerte seinem Enkel zu. »Deine Großmutter hat nur dein Bestes im Sinn!«

Nach einem zehnminütigen Weg durch die heruntergekommenen Straßen des alten Thessaloniki kamen sie zum Haus der Großeltern. An der Ecke, kurz vor dem Eingang, machten sie am Kiosk halt, um Dimitris besten Freund zu begrüßen. Die beiden Männer kannten sich seit mehr als siebzig Jahren, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht hitzig über die neuesten Nachrichten diskutierten. Da er von morgens bis abends in seinem Kiosk saß, wusste Lefteris über die Politik in der Stadt besser Bescheid als die allermeisten Bewohner Thessalonikis.

Das Wohnhaus war ein hässlicher, vierstöckiger Block aus den Fünfzigerjahren. Der gelb gestrichene Eingangsbereich wirkte zwar einigermaßen freundlich, aber der helle, wie ein Hühnerei gesprenkelte Steinboden war gerade mit einem stark riechenden Desinfektionsmittel gereinigt worden, sodass Mitsos den Atem anhielt, als sie langsam die Treppen zur Tür seiner Großeltern hinaufstiegen.

Im Treppenhaus war es geradezu blendend hell, verglichen mit dem Innern der Wohnung. Wann immer die beiden ausgingen, wurden die Fensterläden fest geschlossen und erst nach ihrer Rückkehr wieder von Katerina geöffnet, um frische Luft einzulassen. Doch die Stores vor den Fenstern ließen kaum mehr Licht herein. Es war immer dämmrig hier drinnen, aber Katerina und Dimitri mochten es so. Mitsos stellte die Einkaufstüte auf den Küchentisch, die seine Großmutter schnell auspackte, bevor sie mit dem Schnippeln und Schneiden begann. Ihr Enkel beobachtete sie dabei und war fasziniert, wie ordentlich und gleichmäßig die kleinen Zwiebel- und Auberginenstücke geschnitten waren. Da Katerina diese Arbeit wohl schon einige Tausend Mal gemacht hatte, arbeitete sie so akkurat wie eine Maschine. Nicht das kleinste Zwiebelstückchen fiel dabei vom Brett auf das geblümte Plastiktischtuch, und so landete alles schließlich ohne den geringsten Verlust in der Bratpfanne, aus der duftender Rauch aufstieg, als das Öl hinzugegeben wurde. Beim Kochen verfügte Katerina über die Geschicklichkeit einer jungen Frau und bewegte sich leichtfüßig wie eine Tänzerin durch die Küche. Rastlos eilte sie zwischen dem alten, ratternden Kühlschrank und ihrem Elektroherd hin und her, dessen klemmende Backofentür kräftig zugeschlagen werden musste.

Mitsos war einen Moment lang ganz in seine Beobachtung versunken, und als er aufblickte, stand sein Großvater in der Tür.

»Bist du bald fertig, meine Süße?«

»Noch fünf Minuten, dann ist alles im Ofen«, antwortete Katerina. »Der Junge braucht jetzt was im Magen!«

»Natürlich braucht er das. Komm, Mitsos, lass deine Großmutter einen Moment allein.«

Der junge Mann folgte seinem Großvater in das abgedunkelte Wohnzimmer und setzte sich in einen Polstersessel. Über jedem Sessel lag ein bestickter Schonbezug, und weiße Häkeldeckchen zierten Tisch und Kommode. Vor dem elektrischen Kamin stand ein kleiner Wandschirm mit einer aufgestickten Blumenvase. Schon so oft hatte Mitsos seiner Großmutter beim Handarbeiten zugesehen, und er wusste, dass jedes Stück von ihr selbst angefertigt worden war. Es war still im Zimmer, das einzige Geräusch kam vom leisen, rhythmischen Ticken der Uhr.

Auf dem Regal hinter seinem Großvater standen Fotografien aufgereiht. Die meisten zeigten ihn selbst oder seine Cousins in Amerika, aber es gab auch Hochzeitsfotos – von seinen Eltern und Verwandten. Und ein weiteres gerahmtes Foto, ein sehr formelles Porträt seiner Großeltern. Es ließ sich schwer schätzen, wie alt sie waren, als es aufgenommen wurde.

»Wir müssen auf deine Großmutter warten, bevor wir anfangen«, sagte Dimitri.

»Ja, sicher. Schließlich würde yiayia lieber auf einen Sack Diamanten verzichten, als diese Stadt hier zu verlassen. Der Gedanke, jemals von hier wegzugehen, hat sie ja geradezu wütend gemacht. Dabei wollte ich ihr gar nicht zu nahetreten.«

»Das bist du auch nicht«, antwortete sein Großvater. »Ihre Gefühle sind bloß sehr stark, das ist alles.«

Bald darauf kam Katerina, vom Duft des köchelnden Gemüses umgeben, in den Raum. Sie nahm ihre Schürze ab, setzte sich aufs Sofa und lächelte ihre beiden Dimitris an.

»Ihr habt auf mich gewartet, nicht?«

»Natürlich«, antwortete ihr Ehemann liebevoll. »Es ist genauso deine wie meine Geschichte.«

Und im dämmrigen Licht der Wohnung, das sie sanft einzuhüllen schien, fingen sie an zu erzählen.

1

Mai 1917

Durch einen blassen, zarten Dunst schimmerte das Meer Auf dem Festland ging die lebendigste und weltoffenste Stadt Griechenlands ihren Geschäften nach. Thessaloniki war ein Ort von eindrucksvoller kultureller Vielfalt, in dem Christen, Muslime und Juden friedlich zusammenlebten und sich gegenseitig ergänzten wie ineinander verwobene Fäden eines orientalischen Teppichs. Seit fünf Jahren gehörte Thessaloniki nicht mehr zum Osmanischen Reich, sondern war ein Teil Griechenlands geworden, aber es blieb eine Stadt der Vielgestaltigkeit und Toleranz.

Die Farben und Kontraste dieses Völkergemischs spiegelten sich in der breiten Palette der Kleidungsformen. Man sah Männer mit Fez, Filzhut und Turban, jüdische Frauen in traditionellen pelzgefütterten Jacken und muslimische Männer in langen Gewändern. Es gab wohlhabende griechische Damen in Schneiderkostümen mit einem Anflug von Pariser Chic, die sich stark von den Bäuerinnen in bestickten Schürzen und Kopftüchern aus der ländlichen Umgebung abhoben. Die obere Stadt wurde eher von Muslimen bewohnt, die am Meer gelegenen Viertel von Juden und der Stadtrand von Griechen, aber es gab keine scharfen Trennlinien, und in jedem Viertel mischten sich Angehörige aller drei Kulturen.

Thessaloniki erhob sich über einer großen halbkreisförmigen Bucht und wirkte wie ein riesiges Amphitheater. Hoch oben auf dem Hügel, an dem Punkt, der am weitesten vom Meer entfernt lag, markierte ein antiker Wall die Grenze der Stadt. Blickte man von dort hinab, stachen die religiösen Landmarken ins Auge: Dutzende von Minaretten reckten sich in den Himmel, und die farbigen Kuppeln von Kirchen und Synagogen sprenkelten das Häusermeer, das sich in weitem Rund zum Golf hinab erstreckte. Zwischen all den Bauten der drei Religionsgemeinschaften gab es Überreste aus römischer Zeit: Triumphbögen, Teile antiker Mauern und gelegentlich freie Stellen, an denen wie Wächter antike Säulen aufragten.

Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte war die Stadt modernisiert worden, und breite Boulevards bildeten nun einen starken Gegensatz zu den alten verwinkelten Gassen, die sich wie die Schlangen auf dem Haupt der Medusa in die Oberstadt hinaufschlängelten. Ein paar große Kaufhäuser hatten eröffnet, aber der Hauptteil des Handels lag noch immer in Händen Tausender kleiner, von Familien geführten Läden, die, in engen Gassen eingezwängt, miteinander um Kundschaft wetteiferten. Neben Hunderten von Kafenions gab es Cafés im europäischen Stil, wo Wiener Bier ausgeschenkt wurde, und Klubs, in denen man über Literatur und Philosophie diskutierte.

Da sich die Bevölkerung auf begrenztem Raum zusammendrängte, herrschte ein ständiger Lärm. Die Rufe von Eis-, Milch-, Obst- und Joghurtverkäufern hallten durch die Gassen, jeder anders und typisch für sein Gewerbe, aber gemeinsam ergaben sie einen wohlklingenden Akkord.

Tag und Nacht gab es kein Innehalten in dieser immerwährenden Musik. Viele Sprachen konnte man hören in den Straßen, nicht nur Griechisch, Türkisch und Ladino, die Sprache der sephardischen Juden, sondern genauso oft Französisch, Armenisch und Bulgarisch. Dazu das Rattern der von Pferden gezogenen Straßenbahn, die durchdringenden Rufe der Muezzins, das Rasseln der Ankerketten, wenn ein Schiff im Hafen anlegte, und die rauen Stimmen der Schauermänner, die neben Waren für den täglichen Bedarf auch Luxusgüter entluden – all dies vereinte sich zur endlosen Melodie der Stadt.

Die Gerüche der Stadt waren zuweilen nicht ganz so süß wie ihre Klänge. Ein stechender Ammoniakgestank stieg von den Färbereien auf, und aus den ärmeren Gegenden flossen immer noch Abwässer und verfaulter Unrat in den Hafen hinab. Und wenn die Frauen den Fang der vergangenen Nacht ausnahmen, überließen sie die dampfenden, stinkenden Innereien den Katzen zum Fraß.

Im Zentrum befand sich der Blumenmarkt, und zarter Blütenduft erfüllte selbst dann noch die Luft, wenn die Händler längst eingepackt hatten und nach Hause gegangen waren. Und in den langen Alleen spendeten blühende Orangenbäume nicht nur Schatten, sondern verströmten ihren betörenden Wohlgeruch. Bei vielen Häusern rankte sich Jasmin um die Türen, und seine Blütenblätter bedeckten die Straßen wie Schnee. Zu allen Tageszeiten erfüllten Küchendüfte die Luft und vermengten sich mit dem Aroma von geröstetem Kaffee, der in den Gassen auf kleinen Öfen zubereitet wurde. Auf den Märkten wurden, zu Pyramiden gehäuft, leuchtend bunte Gewürzpulver feilgeboten, und über den Wasserpfeifen, die Gäste vor den Cafés rauchten, kräuselten sich aromatische Wölkchen.

Thessaloniki war im Moment der Sitz einer provisorischen Regierung unter Leitung des früheren Premierministers Eleftherios Venizelos. Doch eine tiefe Kluft zwischen den Anhängern des pro-deutschen Monarchen Konstantin und den Unterstützern des Liberalen Venizelos spaltete das Land. Da Letzterer den Norden Griechenlands kontrollierte, lagen alliierte Truppen vor der Stadt, um gegen Bulgarien vorzugehen, falls es nötig erscheinen sollte. Doch trotz dieses entfernten Donnergrollens blieb das Leben der meisten Einwohner vom Weltkrieg unberührt. Für einige bot er sogar die Chance, weiteren Reichtum anzuhäufen.

Zu dieser Gruppe gehörte Konstantinos Komninos, der an diesem wundervollen Morgen in seiner üblich hoheitsvollen Art durch die Hafenanlagen schritt. Er war hergekommen, um sich nach der Ankunft einer Tuchladung zu erkundigen, und Träger, Bettler und Jungen mit Handkarren wichen zur Seite, als er direkt auf den Ausgang zusteuerte. Er war nicht gerade bekannt für seine Duldsamkeit gegenüber Leuten, die ihm im Weg standen.

Seine Schuhe waren staubig, zudem klebte ein Klumpen frischer Mauleseldung an seinem Absatz, und als Komninos bei seinem üblichen Schuhputzer vor dem Zollgebäude haltmachte, hatte der Mann mindestens zehn Minuten zu tun.

Er war gut über siebzig, seine Haut so dunkel und ledern wie das Schuhwerk, das er putzte, und kümmerte sich schon seit dreißig Jahren um Konstantinos Komninos’ Schuhe. Sie nickten sich gegenseitig zu, aber keiner sagte ein Wort. Das war typisch für Komninos. Alltägliche Verrichtungen wurden bei ihm wortlos erledigt. Der alte Mann reinigte das Leder, trug Creme auf, arbeitete sie ein und bürstete die teuren Halbschuhe schließlich mit weit ausholenden Bewegungen beider Arme, als dirigierte er ein Orchester.

Noch bevor die Arbeit beendet war, hörte er das Klimpern einer Münze in seiner Schale. Es war immer derselbe Betrag, nie mehr und nie weniger.

Wie jeden Tag trug Konstantinos Komninos einen dunklen Anzug und legte trotz der zunehmenden Hitze das Jackett nicht ab. Solche Gewohnheiten waren Ausdruck seines sozialen Standes. In Hemdsärmeln seinen Geschäften nachzugehen war genauso undenkbar wie vor einer Schlacht die Rüstung abzulegen. Was korrekte Kleidung anging, kannte er sich aus, denn dieses Wissen hatte ihn reich gemacht. Anzüge verliehen einem Mann Status und Würde, und gut geschnittene Kleider im europäischen Stil einer Frau Eleganz und Chic.

Flüchtig erhaschte der Tuchhändler einen Blick auf sein Spiegelbild im Schaufenster eines der neuen Kaufhäuser, und der schattenhafte Eindruck genügte, um ihn daran zu erinnern, dass ein Friseurbesuch anstand. Er machte einen Umweg in eine der Seitenstraßen und saß bald darauf bequem in einem Stuhl, wo er erst eingeschäumt und anschließend jeder Zentimeter seines Gesichts, außer dem Schnurrbart, glatt rasiert wurde. Dann wurde sein Haar aufs Sorgfältigste geschnitten, sodass die Lücke zwischen Kragenrand und Haaren exakt zwei Millimeter betrug. Mit einigem Unmut bemerkte Komninos, dass sich in den kleinen Büscheln, die der Friseur von seiner Schere blies, ein paar silbrige Fäden befanden.

Bevor er sich schließlich auf den Weg zu seinem Verkaufsraum machte, setzte er sich eine Weile an einen kleinen Kaffeehaustisch, wo ihm ein Kellner Kaffee und seine bevorzugte Zeitung, die rechtsgerichtete Makedonia, brachte. Schnell ging er die Nachrichten durch und informierte sich über die neuesten politischen Entwicklungen in Griechenland, bevor er die Schlagzeilen über den militärischen Verlauf in Frankreich überflog. Schließlich fuhr er mit dem Finger die Spalten mit den Aktienkursen entlang.

Der Krieg war gut für Komninos. Er hatte in der Nähe des Hafens ein großes Lagerhaus eröffnet, um bei dem neuen Geschäft mitzumischen – dem Nachschub an Uniformtuch. Da Zehntausende zum Kriegsdienst einberufen wurden, bedeutete dies einen gewaltigen Umsatz. Er konnte gar nicht genug Leute einstellen, um mit den Bestellungen nachzukommen. Die Nachfrage stieg mit jedem Tag.

Komninos leerte seine Tasse mit einem einzigen Schluck und stand auf. Jeden Tag aufs Neue verspürte er ein zutiefst befriedigendes Gefühl, schon vor sieben Uhr morgens auf den Beinen und bei der Arbeit zu sein. Heute genoss er die Vorstellung, dass noch acht Stunden in seinem Büro vor ihm lagen, bevor er nach Konstantinopel fahren würde. Vor seiner Abfahrt gab es noch wichtige Schreibarbeit zu erledigen.

Seine Frau, Olga Komninou, blickte an diesem Nachmittag von ihrer Villa an der Nikistraße zum Olymp hinüber, der gerade im Dunst auftauchte. Die Hitze hatte noch weiter zugenommen, und sie öffnete eines der hohen Fenster, um etwas Luft einzulassen. Da sich kein Windhauch regte, drangen die Geräusche noch deutlicher zu ihr herauf: die Gebetsrufe der Muezzins, die sich mit Hufeklappern und dem Knirschen von Wagenrädern vermischten, und das Signal einer Sirene, mit dem ein Schiff seine Ankunft ankündigte.

Olga setzte sich wieder und legte die Füße auf eine Chaiselongue, die näher ans Fenster gerückt worden war, damit sie vielleicht ein wenig Zugluft erhaschen konnte. Ihr Seidenkleid und die mattgrüne Farbe der Polsterung schienen miteinander zu verschmelzen, und das Blauschwarz ihrer geflochtenen Haare hob die vornehme Blässe ihrer Haut hervor. Es gelang ihr einfach nicht, sich bei der Schwüle wohlzufühlen, und sie leerte Glas um Glas gekühlter Limonade, das von ihrer ergebenen Haushälterin regelmäßig nachgefüllt wurde.

»Kann ich Ihnen noch etwas bringen, Kyria Olga? Vielleicht etwas zu essen? Sie haben den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen«, sagte sie besorgt.

»Danke, Pavlina, aber mir ist nicht nach Essen. Ich weiß, ich sollte … aber heute kann ich einfach nicht.«

»Sind Sie sicher, dass ich nicht doch den Arzt holen soll?«

»Es ist bloß die Hitze, glaube ich.«

Olga sank in die Kissen zurück, auf ihren Schläfen standen Schweißperlen. In ihrem Kopf hatte ein Hämmern eingesetzt, und sie drückte das eiskalte Glas an die Stirn, um den Schmerz zu lindern.

»Aber wenn Sie später immer noch nichts gegessen haben, muss ich Kyrios Konstantinos Bescheid sagen.«

»Das ist nicht nötig, Pavlina. Außerdem fährt er ohnehin heute Abend weg. Ich möchte nicht, dass er sich unnötig Sorgen macht.«

»Man sagt, dass heute Abend das Wetter umschlägt. Es wird ein wenig kühler. Das sollte Ihnen ein bisschen Erleichterung verschaffen.«

»Ich hoffe, du hast recht«, antwortete Olga. »Es sieht aus, als käme ein Gewitter.«

Beide hörten etwas, das wie ein Donnerschlag klang, stellten dann jedoch fest, dass es die Haustür war. Darauf folgte das rhythmische Geräusch fester Schritte die breite Holztreppe herauf. Olga erkannte den geschäftsmäßigen Gang ihres Ehemanns und zählte wie üblich bis zwanzig, bevor die Tür aufschwang.

»Hallo, Liebste. Wie geht es dir heute?«, fragte er munter, trat auf sie zu und redete wie ein Arzt mit ihr, der sich an eine etwas beschränkte Patientin wendet. »Du findest es doch nicht zu heiß, oder?«

Komninos zog sein Jackett aus und hängte es sorgfältig über eine Stuhllehne. Sein Hemd war schweißdurchtränkt.

»Ich bin nur schnell zurückgekommen, um zu packen. Dann gehe ich noch ein paar Stunden ins Büro, bevor das Schiff ausläuft. Der Arzt kommt, wenn du ihn brauchst. Kümmert sich Pavlina um dich? Hast du seit gestern Abend etwas gegessen?« Ohne Pause gingen Komninos’ Feststellungen und Fragen ineinander über.

»Achte gut auf sie, während ich fort bin«, sagte er abschließend zu der Haushälterin.

Er lächelte seine Frau an, aber die hatte sich bereits abgewendet. Ihre Augen richteten sich auf die blitzende See vor dem offenen Fenster. Himmel und Meer waren inzwischen dunkler geworden, und einer der Fensterflügel schlug gegen den Rahmen. Der Wind hatte aufgefrischt, und sie seufzte erleichtert, als eine Brise ihr Gesicht streichelte.

Sie stellte das Glas auf den Beistelltisch und legte die Hände auf ihren angeschwollenen Leib. Das Kleid war eigens geschneidert worden, um ihre Schwangerschaft zu verbergen, aber in den letzten paar Monaten hatte sie so zugenommen, dass die Nähte bis zum Zerreißen gespannt waren.

»Ich bin in vierzehn Tagen wieder zurück«, sagte Komninos und küsste sie leicht auf den Kopf. »Und du passt auf dich auf, ja? Und auf das Baby.«

Beide sahen in die gleiche Richtung aus dem Fenster hinaus, wo der Regen inzwischen gegen den Vorhang schlug. Ein Blitzstrahl durchzuckte den Himmel.

»Schick mir ein Telegramm, falls du mich dringend brauchst. Aber ich bin sicher, das wird nicht nötig sein.«

Weder erwiderte sie etwas, noch stand sie auf.

»Ich bringe dir ein paar hübsche Sachen mit«, fügte er hinzu, als spräche er mit einem Kind.

Neben einem Schiff mit einer Ladung Seide plante er, mit Schmuck für seine Frau zurückzukehren, mit etwas sogar noch Wertvollerem als dem Smaragdhalsband und den dazu passenden Ohrringen, die er ihr das letzte Mal mitgebracht hatte. Wegen ihres pechschwarzen Haars sah er besonders gern Rot an ihr und würde wohl Rubine kaufen. Ebenso wie maßgeschneiderte Kleider waren auch Juwelen eine Möglichkeit, seinen Wohlstand zu demonstrieren, und seine Frau hatte ihm stets als perfektes Aushängeschild gedient.

Soweit es ihn betraf, war das Leben noch nie so gut gewesen. Mit federndem Schritt verließ er den Raum.

Olga starrte in den Regen hinaus. Endlich hatte die drückende Schwüle einem Gewitter Platz gemacht. Am dunklen Himmel zuckten Blitze, und Schaumkronen brachen sich in der schiefergrauen See. Es dauerte nicht lange, und die Straße unterhalb des Hauses war überschwemmt, weil alle paar Minuten hohe Brecher über die Ufermauern stürzten. Es war ein besonders heftiges Gewitter, und der Anblick der Boote, die in der Bucht auf den Wogen tanzten, genügte, um erneut eine Welle der Übelkeit auszulösen, die sie bereits seit einigen Monaten plagte.

Sie stand auf, um das Fenster zu schließen, doch als sie den seltsamen, aber angenehmen Geruch der nassen Pflastersteine roch, entschied sie, es offen zu lassen. Die Luft war erfrischend nach der erstickenden Hitze des Nachmittags, und sie legte sich wieder hin, schloss die Augen und genoss den salzigen Hauch, der ihre Wangen fächelte. Im nächsten Moment war sie eingeschlafen.

Jetzt war sie eine einsame Seglerin in einem Fischerboot, die mit der Wut der Wellen kämpfte. Der Sturm bauschte ihr Kleid auf, das offene Haar klebte an ihren Wangen, das salzige Wasser brannte in ihren Augen, und der düstere Himmel und leere Horizont lieferten keinerlei Hinweis, in welche Richtung sie fuhr. Die Segel wurden von einem mächtigen Südostwind gebläht, der das Boot mit beängstigender Geschwindigkeit vorantrieb, und beim Kampf durch die Wellen wurde Wasser über die Seitenwände gespült. Als der Wind plötzlich nachließ, hingen die Segel schlaff herab.

Olga klammerte sich fest, eine Hand am glatten Dollbord des Boots, die andere an der Ruderpinne, und versuchte verzweifelt, den Kopf von dem wild hin und her schwingenden Mastbaum fernzuhalten. Sie wusste nicht, ob sie inner- oder außerhalb des Boots sicherer wäre, weil sie noch nie in einem gesessen hatte. Das Wasser hatte bereits ihr Kleid durchweicht, und die salzige Gischt auf Gesicht und Hals löste einen Würgereiz bei ihr aus. Immer noch schwappte Wasser ins Boot, und als der Wind wieder zunahm und das Großsegel blähte, brachte ein heftiger Brecher das Boot zum Kentern.

Vielleicht ist der Tod durch Ertrinken schmerzlos, dachte sie und ließ sich vom Gewicht ihrer Kleider nach unten ziehen. Während sie und das Boot stetig tiefer sanken, sah sie die blasse Gestalt eines Babys auf sich zuschwimmen und griff danach.

Dann folgte ein furchtbares Krachen, als wäre das Boot gegen einen Felsen geschlagen. Das Kind war verschwunden, und statt nach Luft zu schnappen, begann Olga zu schluchzen.

»Kyria Olga! Kyria Olga!«

Wie von weit her hörte Olga eine atemlose, besorgte Stimme.

»Geht es Ihnen gut? Alles in Ordnung?«

Olga kannte die Stimme. Vielleicht nahte Hilfe?

»Ich dachte, Sie wären ohnmächtig geworden!«, rief Pavlina. »Ich dachte, Sie wären gestürzt! Panagia mou! Ich dachte, Sie wären gefallen! So laut hat es gepoltert.«

Vollkommen verwirrt und noch nicht ganz wieder bei sich öffnete Olga die Augen und sah ins Gesicht ihrer Haushälterin. Pavlina kniete neben ihr und schaute sie besorgt an. Hinter ihr blähte sich der bodenlange Vorhang wie ein großes Segel, bis eine heftige Bö ihn schließlich anhob und waagerecht in den Raum blies. Ein Zipfel davon reichte bis zu einem kleinen runden Tisch und fegte über die leere Platte.

Orientierungslos und schwindlig begann Olga zu begreifen, was der Grund für das Gepolter war, das sie aufgeweckt hatte. Sie strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und setzte sich mühsam auf.

Sie sah die Scherben von zwei Porzellanfiguren im Raum verstreut, abgeschlagene Köpfe und Hände, Kunstobjekte, Tausende von Drachmen wert. Das Gewicht des Damastvorhangs und die Macht des Sturms hatten sie gnadenlos zu Boden gefegt.

Mit dem Handrücken wischte sie sich über das feuchte Gesicht und fühlte, dass ihr immer noch Tränen über die Wangen liefen. »Pavlina, wo ist das Baby?«, stieß sie ängstlich hervor.

Pavlina betastete den Bauch ihrer Herrin und dann ihre Stirn.

»Es ist noch da! So viel steht fest!«, sagte sie fröhlich. »Aber Sie sind ein bisschen heiß … und auch ziemlich verschwitzt!«

»Ich glaube, ich hatte einen schlechten Traum …«, flüsterte Olga. »Er hat sich so wirklich angefühlt.«

»Vielleicht soll ich nach dem Arzt schicken …?«

»Das ist nicht nötig. Ich bin sicher, dass alles in Ordnung ist.«

Pavlina beugte sich nieder, um die Scherben aufzusammeln. Eine einzelne Figur zu reparieren wäre eine Herausforderung für einen Experten gewesen, aber die durcheinandergewürfelten Teile von zweien wieder zusammenzusetzen war ein Ding der Unmöglichkeit.

»Es ist doch nur Porzellan«, versuchte Olga sie zu beruhigen, als sie sah, wie erschrocken Pavlina war.

Aber Pavlina lebte schon viel länger im Haushalt der Komninos als Olga und wusste, welch großer Wert auf solche Sammlerstücke gelegt wurde. Sie hastete zu den Fenstertüren hinüber und machte sie zu. Der Regen hatte einen Flecken auf dem Teppich hinterlassen, und sie sah, dass auch der Saum von Olgas feinem Seidenkleid durchnässt war.

»Du meine Güte«, jammerte sie, »ich hätte früher raufkommen sollen. Hier herrscht ja ein schreckliches Durcheinander.«

»Mach sie bitte nicht zu«, flehte Olga, die jetzt neben ihr stand und den Sprühregen auf dem Gesicht genoss. »Es kühlt so schön. Der Teppich trocknet wieder, sobald es aufgehört hat. Es ist ja immer noch warm.«

Pavlina war an Olgas gelegentlich überspanntes Verhalten gewöhnt, das ihr allerdings weitaus lieber war als die Strenge, mit der Olgas Schwiegermutter, die verstorbene Kyria Komninou, das Haus regiert hatte.

»Also gut, solange Sie nicht zu nass werden«, antwortete sie mit einem nachsichtigen Lächeln. »Sie wollen sich doch keine Erkältung holen in Ihrem Zustand.«

Olga ließ sich etwas weiter von der Fenstern entfernt in einem anderen Sessel nieder und beobachtete Pavlina, die sorgfältig die Porzellanscherben einsammelte. Selbst wenn sie in der Lage gewesen wäre, sich zu bücken, hätte Pavlina ihr nicht erlaubt zu helfen.

Hinter der ausladenden Gestalt ihrer knienden Haushälterin konnte Olga das aufgewühlte Meer sehen. Ein paar vereinzelte Schiffe waren draußen, kaum sichtbar in dem Gewitter, und nur gelegentlich durch einen Blitzstrahl beleuchtet.

Die reich verzierte Uhr auf dem Kaminsims schlug sieben. Konstantinos war jetzt schon seit mehr als einer Stunde auf See. Größere Schiffe wurden von solchen Unwettern selten aufgehalten.

»Wenn der Wind aus der richtigen Richtung kommt, dann könnte er Kyrios Konstantinos’ Fahrt sogar beschleunigen«, meinte Pavlina.

»Wahrscheinlich«, antwortete Olga abwesend, die im Moment nur das Strampeln in ihrem Bauch wahrnahm. Sie liebte ihr ungeborenes Kind über alles und stellte sich vor, wie es mühelos in der klaren Flüssigkeit ihres Leibes herumschwamm. Tränen, die sich mit versprühter Gischt vermengt hatten, rannen ihr übers Gesicht.