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Hartmut Schmied

Geister, Götter,
Teufelssteine

Sagen- & Legenden-Führer
Mecklenburg-Vorpommern

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Inhalt

Vorwort

A

B

D

F

G

H

I

J

K

L

M

N

P

R

S

T

U

V

W

Z

Literaturverzeichnis

Ortsverzeichnis

Über den Autor

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© Hinstorff Verlag GmbH, Rostock 2005

Lagerstraße 7, 18055 Rostock

Tel. 0381/ 4969-0

Internet: http://www.hinstorff.de

Alle Rechte vorbehalten. Reproduktionen, Speicherungen in Datenverarbeitungsanlagen, Wiedergabe auf fotomechanischen, elektronischen oder ähnlichen Wegen, Vortrag und Funk – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlages.

1. Auflage 2014

Herstellung: Hinstorff Verlag GmbH

Titelbild: Gespensterwald Nienhagen; Foto: Hartmut Schmied

Foto Seite 222: Annika Schulze, cinemanus

ISBN 978-3-356-01787-8

Vorwort

Verborgenes entdecken in Mecklenburg-Vorpommern können Sie mit diesem Sagen- und Legenden-Führer. Gern lade ich Sie ein, die geheimnisvollen und geistreichen Seiten des Landes an der Ostsee zu entdecken.

Hinter den geheimnisvollen Geschichten um Riesen, Zwerge, Hexen, Teufel, Geister, Drachen, Ungeheuer, Raubritter, Seeräuber, Kirchen, slawische Heiligtümer, Burgen, Schlösser, Seen und Blocksberge stecken mehr Wahrheiten, als oftmals angenommen wird. Es sind alte Erklärungsversuche für vermeintlich übernatürliche Phänomene oder historische Ereignisse längst vergangener Zeiten, die an hier beschriebene Schauplätze führen.

Nach dem Vorbild der Jäger und Angler gibt es erst recht ein Erzähler-Latein. Beim Geschichtenerzählen wurden Ungeheuer größer, Feinde mächtiger und die Liebe stärker. Dazu kam die Welt der Religion, des Aberglaubens und eigener Lebenserfahrungen. Beim kulturgeschichtlichen Beurteilen der Sagen und Legenden helfen in diesem Band neben der stark reduzierten Erzählung die vorangestellten Informationen über den Ort, die Zeitumstände, Museen mit »legendären« Exponaten, eingeflochtene wissenschaftliche Zusammenhänge sowie die historischen Abbildungen. Ein realer, auffindbarer Ort ist Voraussetzung für die Aufnahme in diese Sammlung.

Die Liebe zu bestimmten Plätzen, Dörfern oder Städten wächst mit der Kenntnis um Zusammenhänge. Sie kann dazu beitragen, sich als Einheimischer im Lande wohl zu fühlen oder als Tourist wieder zurückzukehren. Für den Archäologen Heinrich Schliemann waren die Sagen aus seinem mecklenburgischen Heimatdorf Ankershagen (siehe dort) sowohl ständige Erinnerung an Mecklenburg als auch Motivation für die Suche auf größeren Schauplätzen der Geschichte. Er suchte und fand, angeregt durch mecklenburgische Sagen der Kindheit, später sein sagenhaftes Troja.

Dieses Buch möchte die Lust am Entdecken dieses reizvollen Landes mit ländlicher Struktur, mit seinen über tausend Seen und der Ostsee beleben.

Das Buch »Geister, Götter, Teufelssteine« erschien erstmalig im Jahre 2005 beim HINSTORFF Verlag als Neuauflage des Bandes »Die Schwarzen Führer Mecklenburg-Vorpommern«, Eulen Verlag, Freiburg im Breisgau 2001. Diese vorliegende zweite Auflage wurde unter Beibehaltung der Struktur aktualisiert.

In Anlehnung an die UNESCO-Einteilung in Weltkultur- und Weltnaturerbestätten wurden die Symbole auf Seite 8 in die Rubriken Kulturerbe (128 Stätten in diesem Buch) und Naturerbe (33 Stätten) gegliedert. Damit wird eine Anregung zur Beurteilung unserer regionalen Sagenwelt (hier mit einer Auswahl von insgesamt 161 Stätten) und ihres Umfeldes nach dem UNESCO-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes (mündliche Überlieferungen wie Sagen, Mythen und Legenden) aus dem Jahre 2003 gegeben.

Alle Sagen wurden alphabetisch nach Orten gegliedert. Seit der Kreisgebietsreform 1994 gibt es zwölf Landkreise sowie die sechs kreisfreien Städte Schwerin, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald und Neubrandenburg. An dieser Gliederung wird auch in der aktuellen Auflage festgehalten, da noch viele Jahre die stadt- und landkreiszugehörigen Autokennzeichen gefahren werden. An ihnen erkennt man sehr schnell, wo man sich befindet. Die Neugliederung ab 2011 in sechs große Landkreise ist in der Karte (Stand: 2010) am Ende des Buches mit verzeichnet. Der (ab 2011 alte) Landkreis in Klammern hinter dem Ort soll bei der Suche des Dorfes oder der Stadt helfen. Ein Ortsverzeichnis erleichtert den direkten Zugriff. Die Auswahl an Literatur am Ende des Buches bietet die Möglichkeit zu mehr historischer Tiefe.

Wenn möglich, wurde auf die jeweils älteste Überlieferung im Originaltext zurückgegriffen. Umfangreichere mecklenburgische Sagenbände sind die von Friedrich Studemund (1823; siehe Literaturverzeichnis), Albert Niederhöffer (1857/62), Karl Bartsch (1879/80), Richard Wossidlo (1939) sowie Siegfried Neumann (1991). Für Pommern sind dieses die Bücher von Jodocus Deodatus Hubertus Temme (1840), Ulrich Jahn (1886), Alfred Haas (1926) und Siegfried Neumann (1991). In den 1930er Jahren endeten vorerst die Sagensammlungen. Danach wurden die Sagen mehr lokal aufgearbeitet. Größere Arbeiten über Mecklenburg und Pommern auf wissenschaftlicher Grundlage kamen in den letzten Jahrzehnten von Siegfried Neumann aus dem heutigen Institut für Volkskunde Rostock der Universität Rostock, das seit 1999 von Christoph Schmitt geleitet wird.

Die Suche nach neuen Sagen erfolgt auf unterschiedlichen Wegen. Das CRYPTONEUM Legenden-Museum hat sich seit den 1990er Jahren auch der noch nicht als Sagenstoff verzeichneten Legenden angenommen. So werden die Rathausschlange oder Tycho Brahe (beide siehe Rostock) aus historischen Quellen erstmalig in einem regionalen Sagenband wiedergegeben. Mit der mündlich überlieferten Legende um Brahes goldene Nase als Grundlage wurde ein weltweit bekannter Wissenschaftler lokal eingebunden und ihm ein bronzenes wie schriftliches Denkmal gesetzt. Aus dem ursprünglich mündlichen Streit ob Aal oder Schlange bei der Rostocker Rathausschlange entstand unter Anleitung des Legenden-Museums sogar ein neues (materielles) Fabelwesen in Bronze – eine Schlange mit Aalschwanz. Die Recherchen zum Magier Bellachini (Parchim) erfolgten außer in Archiven vor allem in der Fachliteratur zur Zauberkunst.

Wer mehr über deutsche Legenden und Sagen erfahren möchte, kann im Internet unter www.cryptoneum.de oder www.legendenmuseum.de auf die Suche gehen. Zu mancher, in diesem Buch aufgeführten, Legende kommen hier aktuelle Ergänzungen.

Zu Dank bin ich den vielen Hobbyforschern, Archivaren, Archäologen, Historikern und besonders den Mitarbeitern der heimischen Museen für Hinweise und Zuarbeiten verpflichtet. Vor allem danke ich Holger Björkquist, der durch präzise Recherchen vor Ort einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen dieses Bandes geleistet hat. Über Hinweise, neue Legenden aus ganz Deutschland und natursowie kulturgeschichtliche Informationen freue ich mich jederzeit. Falls Sie mal allein im Wald stehen und ein Riesenbett oder einen Sühnestein aus diesem Buch nicht finden, schicken Sie uns eine E-Mail. Wir versuchen dann gern, Ihnen zu helfen.

Viel Freude dabei, Verborgenes in Mecklenburg-Vorpommern zu entdecken, wünscht Ihnen

Dr. Hartmut Schmied
CRYPTONEUM
Legenden-Museum Rostock
www.cryptoneum.de

Symbole

KULTURERBE

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Burgen und Schlösser

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Wachtürme, Burgruinen

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Kirchen und Klöster

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Kapellen

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Kreuze, Bildstöcke, Gedenksteine, Friedhöfe, Flurdenkmäler

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Vorgesch. Denkmäler, Hünenund Hügelgräber

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Häuser, Gasthäuser, Mühlen, Baudenkmäler

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Standbilder, Reliefs, Skulpturen, Gemälde, Wahrzeichen

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Wappen

NATURERBE

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Naturdenkmäler: Inseln, Steine, Felsen und Berge

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Hervorragende Bäume, Wälder

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Quellen

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Flüsse, Seen und Wasserfälle, Moore

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Höhlen und Grotten

Bitte beachten: Diese grobe Einteilung beinhaltet Überschneidungen, z.B. bei Steinen, die durch Menschen bearbeitet oder versetzt wurden.

A

Altenkirchen (Lkr. Rügen)

Kirche mit »Swantewit-Stein«

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Im Zentrum von Rügens nördlichster Halbinsel Wittow liegt die Gemeinde Altenkirchen mit einer der ältesten Kirchen des Ostseeraumes aus der Frühzeit der Christianisierung. Seit 1168 wurde unter dänischer Herrschaft das Christentum auf die Insel gebracht. Altenkirchen wurde später durch seinen Dichter und Pfarrer Gottthard Ludwig Theobul Kosegarten (1758 –1818) und dessen Briefwechsel u.a. mit Goethe, Schiller und Humboldt bekannt.

Um 1200 entstand die spätgotisch umgebaute Kirche, von der noch der romanische Chor erhalten ist. Sieben kleine archaische Maskenköpfe, Konsolsteine des Schmuckfrieses, blicken auf den umgebenden Friedhof. In der südlichen Vorhalle ist der berühmte »Swantewit-Stein« querliegend eingemauert. Dieser slawische Grabstein soll aus der Zeit vor 1168 stammen.

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Der Granitbildstein zeigt das Relief eines bärtigen Mannes mit einem großen Trinkhorn in den Händen – der Legende nach der Hauptgott der Rügenslawen Swantewit. Die Darstellung des Mannes mit Trinkhorn und nur einem Gesicht (Swantewit hatte vier Gesichter) lässt eher auf den Tempelpriester des slawischen Heiligtums von Arkona schließen. Von diesem wird berichtet, dass er alljährlich nach der Ernte das Trinkhorn des hölzernen Götzen Swantewit benutzte, um daraus die Ernte des kommenden Jahres vorherzusagen. Dazu goss er Met in das Horn. Verringerte sich der Honigwein bis zum nachfolgenden Tag, war dieses ein schlechtes Zeichen. Der Priester mahnte dann zur Sparsamkeit. Blieb der Flüssigkeitspegel konstant, so war mit einer guten Ernte zu rechnen. Nach jedem Gebet durfte der Gottesdiener das Horn leeren.

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»Swantewit-Stein«, ein slawisches Bildwerk in der Kirche von Altenkirchen

An der Ostwand der südlichen Kirchenvorhalle sind Ritzzeichnungen auf den Backsteinziegeln zu sehen. Sie ähneln Runen, den germanischen Schriftzeichen, die als Symbole in vorchristlicher Zeit bei magischen Handlungen wie Beschwörungen oder Orakeln Verwendung fanden. Als Stufe zur Vorhalle ist eine steinerne Vertikal-Sonnenuhr (um 1800) eingebaut. Der aus Kalkstein gefertigte Taufstein mit Köpfen in alle vier Himmelsrichtungen aus der Zeit um 1240 hätte den Namen »Swantewit-Taufstein« durchaus verdient.

→ Bergen, → Putgarten, → Röbel

Ankershagen (Lkr. Müritz)

Kirche

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Etwas südlich der Luftlinie Waren – Neubrandenburg liegt fast mittig das Dorf Ankershagen, das der Altertumsforscher Heinrich Schliemann (1822–1890) nahezu weltberühmt gemacht hat. Man erreicht es über die Bundesstraße 192 ab Abzweig Penzlin nach wenigen Kilometern in Richtung Südwesten. Hier verbrachte der im mecklenburgischen Neubukow geborene Pfarrerssohn seit dem zweiten Lebensjahr acht Jahre seiner Jugend. Das Pfarrhaus, in dem er aufwuchs, steht gegenüber der Kirche und ist seit 1980 Heinrich-Schliemann-Museum.

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Heinrich Schliemann, Porträt der 1880er Jahre

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Schliemanns Sagenwelt: Odysseus, Stich 1868

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Als Sechzigjähriger erinnerte sich Schliemann in seiner Autobiographie an das »Geheimnisvolle und Wunderbare« in Ankershagen. Der Archäologe unterstützte seine eigene Legendenbildung und stellte eine Verbindung zwischen den heimischen Sagen um Ankershagen und den griechischen Mythen Homers her. Angeregt durch die mecklenburgischen Sagen soll er hier im Elternhaus als Achtjähriger den Wunsch zur Ausgrabung von Troja geäußert haben.

Tatsächlich ist diese Gegend besonders reich an Sagen und der aufgeweckte Junge mag von den Abenteuern des Raubritters, der goldenen Wiege, dem Schatz in der Kirche, unterirdischen Gängen, dem Teich Silberschälchen und von der Entstehung seines Heimatdorfes zum Forscherdrang angeregt worden sein.

Die Entstehung des Namens von Ankershagen ist ein Gleichnis. Ein Schiffer von einem nahegelegenen See hatte wegen großer Armut seine Seele an den Teufel verkauft, worauf es ihm zunächst besser ging. Um den Vertrag einzulösen, trug der Teufel den Schiffer bei einem Sturm weit ins Land hinein. Der Seemann betete in seiner Angst und warf den Anker aus. Er fand Halt in der Kirche, genauer am Kirchendach. Als Dankeschön für die Rettung wurde das Dorf Ankershagen genannt und das Bild eines Ankers an der Türinnenseite angebracht. Wahrscheinlicher ist aber die Ortsgründung durch einen Mann mit ähnlichem Namen. Das Ensemble des Pfarrhauses mit Garten und der Dorfkirche lässt die Welt des jungen Schliemann besser verstehen. In der frühgotischen Feldsteinkirche finden sich Wandmalereien vom Teufel und dem Drachentöter sowie ein einst geheimer Turmgang. Von diesen Dingen wird der Junge beeindruckt gewesen sein. Auf dem Friedhof steht noch das eiserne Grabkreuz seiner Mutter Luise, die im 38. Lebensjahr starb. Dieses Kreuz hatte Schliemann vom fernen Petersburg aus in Auftrag gegeben.

Schliemann erzählte auch die bekannte Sage vom Ritter Henning Bradenkierl: Henning von Holstein war ein grausamer Raubritter, der in der Burg von Ankershagen seinen Wohnsitz hatte. Als er einen Überfall auf den mecklenburgischen Herzog plante, wurde dieser durch die Warnung eines Kuhhirten vereitelt. Der Ritter nahm grausame Rache an dem Verräter und warf ihn ins Kaminfeuer. Als der Kuhhirte um sein Leben kämpfte und aus den Flammen heraus wollte, stieß ihn der Raubritter mit dem Fuß zurück. Das soll ihm den Namen »Bradenkierl« (Bratenkerl) zugetragen haben. Nicht lange darauf wurde Henning Bradenkierl vom Herzog getötet, aber die Seele des Toten fand keine Ruhe. Immer wieder soll der Fuß des toten Raubritters bis zum Knie aus der Erde herausgewachsen sein, bis man schließlich das abgeschnittene Bein in der Kirche unter dem Altar bestattete.

Silberschälchen

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Als Einleitung zu seiner Autobiographie aus dem Jahre 1892 schrieb der Forscher über Ankershagen: »In unserem Gartenhause sollte der Geist von meines Vaters Vorgänger, dem Pastor von Russdorf, ›umgehen‹ und dicht hinter unserm Garten befand sich ein kleiner Teich, das sogenannte ›Silberschälchen‹, dem um Mitternacht eine gespenstische Jungfrau, die eine silberne Schale trug, entsteigen sollte.« Bei Mondschein und nur zu Johannis (24. Juni) auch am Tage sollte die geheimnisvolle Frau erscheinen. Und da der Teich noch zu sehen ist, darf man weiter hoffen. Die Aufzählungen von den geliebten Sagen um Ankershagen bei Heinrich Schliemann haben bis heute für ihren Erhalt und ihre Verbreitung gesorgt.

Anklam (Lkr. Ostvorpommern)

Hoher Stein

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Über die südöstliche Ausfahrt der B 109 in Anklam fährt man am Wohngebiet Hohen-Stein vorbei. Etwa 2 km vom Ortsausgang entfernt steht auf der rechten Seite der Hohe Stein. Der massive, runde Turm mit pyramidenförmiger Spitze und Zinnenkranz hat keinen Eingang, keine Fenster und wird deshalb der Hohe Stein genannt. Schon die Feinde Anklams rätselten, wie der Wach- und Wartturm aus dem 15. Jh. zu seiner Besatzung kam. Der »Stein« ist zusammen mit dem flachen Erdwall der letzte Zeuge einer mittelalterlichen Landwehr, die Anklam großräumig bis an die Peene umschloss. Weil von der Südseite meist die Schweriner angriffen, wurde der Turm auch Schwerinsturm genannt.

Das Geheimnis der schnellen Besetzung mit Wachmannschaften lag im unterirdischen Gang, der im dann 1842 abgebrochenen Rathaus endete. Sobald der Wächter auf dem Turm die Feinde sah, zündete er auf der abgestumpften Pyramide ein qualmendes Feuer an und stieß in seine Trompete. Sofort liefen die Verteidiger durch den Gang in den Hohen Turm und verjagten von oben die Angreifer mit Feuerwaffen und Wurfgeschossen.

→ Schwerinsburg

B

Bad Doberan (Lkr. Bad Doberan)

Wappen

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Die heutige Kreisstadt liegt an der B 105 zwischen Wismar und Rostock. Das Zisterzienserkloster mit dem Münster und die klassizistischen Gebäude der Stadt sind der größte Anziehungspunkt. Die altslawische Siedlung mit dem 1171 gegründeten Kloster entwickelte sich ab 1218 zum Marktflecken. Noch in der zweiten Hälfte des 18. Jh. lebten hier kaum hundert Leute. Seine Bedeutung erfuhr Doberan seit Ende des 18. Jh. als Moor- und Mineralbad unter der Regierung des Herzogs und späteren Großherzogs Friedrich Franz I. (1756 –1837), der seine Sommerresidenz in Doberan hatte, während er im Winter von dem südlich der Hauptstadt Schwerin gelegenen Ludwigslust aus regierte.

Das erste deutsche Seebad Heiligendamm (Gründung 1793 am »Heiligen Damm bey Dobberan«) und die erste deutsche Pferderennbahn (1823) sowie der Klassizismus der »Weißen Stadt am Meer« sind diesem lebensnahen mecklenburgischen Herrscher zu verdanken. Im Jahre 1879 wurde Doberan Stadt, seit 1929 trägt es die Bezeichnung Bad. 1936 wurde Heiligendamm eingegliedert. Das Stadtwappen Doberans zeigt Hirsch, Bischofsstab (der Doberaner Abt durfte seit 1402 die bischöflichen Insignien tragen) und Schwan.

Der Hirsch ist das in der deutschen Städteheraldik am häufigsten verwendete Tier des Waldes. Er steht als Christussymbol für Tugend und Enthaltsamkeit. Dem weißen Schwan wird Reinlichkeit zugeordnet. Das Wappen ist eng mit der Entstehung der Kirche verknüpft, worüber man sich folgendes erzählt: Die Erbauer der Kirche waren sich nicht einig, wo die zukünftige Kirche stehen sollte. Sie einigten sich vor einer Hirschjagd, dass dort, wo der erste Hirsch geschossen würde, die Kirche stehen solle. Es kam zum Schuss. Von der nun festgelegten Stelle flog ein Schwan auf, der mit dem Ruf »Dobber, dobber!« (slawisch: »gut«) eine weitere Empfehlung zum Bau der Klosterkirche gab.

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Wappen von Doberan, 1742

Im Klosterpark erinnert ein Schwanendenkmal an dieses Ereignis. Der eichene, vierteilige Originalschwan aus dem 19. Jh. steht jetzt gegenüber dem legendären Hirschgeweih im Münster.

→ Heiligendamm

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Das Doberaner Münster, 1856

Münster

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Die eigentliche Geburtsstätte des Klosters Doberan ist Althof, der nächstgelegene Ort südöstlich der heutigen Kreisstadt, wo im Jahre 1171 zwölf Mönche aus dem niedersächsischen Zisterzienserkloster Amelungsborn das erste mecklenburgische Kloster gründeten. Die Althofer gotische Klosterscheune aus der Mitte des 13. Jh. gilt als das älteste erhaltene Profangebäude Mecklenburgs. Wegen eines Slawenaufstandes wurde die Anlage 1179 zerstört und der Sitz nach Doberan verlegt. Nur 200 m weiter steht mit einem mittelalterlichen Kern die 1886/88 durchgreifend erneuerte neugotische Kapelle, die vor allem durch Bezüge zum Doberaner Münster, z.B. bei den Fabeltieren der Fußbodenplatten, interessant wird. Dieser Bau wird als »das erste und älteste christliche Gotteshaus Mecklenburgs« beschrieben.

Das Doberaner Münster liegt inmitten der heute größtenteils aus Ruinen bestehenden, seit 1186 erneut aufgebauten Zisterzienser-Klosteranlage. Das Kloster Doberan war geistiges, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Mecklenburgs auch über seine Säkularisierung im Jahre 1552 hinaus. Das Münster war seit dem Jahre 1200 bis 1920 Hauptgrablege des bis 1918 regierenden mecklenburgischen Fürstengeschlechts.

Gestühlswange

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Im Münster finden sich viele sagenumwobene Kuriositäten. Neben dem Gründungshirschgeweih am Hochaltar fallen vor allem der mittelalterliche mystisch-magische Bildzauber gegen das Böse auf. Ein Konsolstein am nördlichen »Totenportal« zeigt als Blattdekor Beifuß – ein Hexenkraut. Es ließ, als an die Füße gebundene Zauberpflanze, den Wanderer niemals müde werden. Man beachte den Namen! Beifuß im Hause hielt nach abergläubischen Vorstellungen den Teufel fern. Das Pentagramm darunter bekräftigt diesen Abwehrzauber. Der bronzene Löwen-Türzieher aus dem 14. Jh., ursprünglich außen angebracht, heute an der Sakristeitür, soll als niemals schlafender Wächter alles Böse von der Kirche fernhalten.

Die schönsten Legenden jedoch ranken sich um die Glück bringende westliche Wange an der Südseite des Konversengestühls mit Mönch und Teufel im Dialog. Am Ende des 13. Jh. entstand die eichene Schnitzerei als Abwehrzauber und Warnschild vor dem mit seinen Verführungen allgegenwärtigen Teufel für die hier zum Gottesdienst vorbeiziehenden Konversen (Laienbrüder). Durch sein eigenes Abbild sollte ebenso der Teufel erschreckt werden. Die Anwendung Weißer (guter) Magie in der Kirche war zu dieser Zeit legitim. Der Hornaufsatz des Teufels scheint dem mecklenburgischen Wappentier entlehnt. Im Dialog gibt der Teufel auf dem Spruchband dem Mönch zu verstehen: »Bruder, was machst Du hier, komm mit mir!« Die Antwort des vorbildlichen Konversen: »An mir wirst Du nichts Böses finden, Du widerliche Bestie!« Nur drei überlieferte Bezüge sollen genannt werden. Erstens: Das Streicheln (von Hörnern und Schwänzchen) bringt Glück. Zweitens: Der Teufel sagt angeblich »Komm mit in den Krug – in der Kirch sind genug!« Und drittens: die derbe Variante – Teufel zum Mönch, dessen Rockzipfel mit Blick auf sein eigenes Schwänzchen hebend: »Hast Du auch so ’n Ding?«

→ Heiligendamm

Bad Sülze (Lkr. Nordvorpommern)

Fluss Recknitz

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Geht der Finger auf der Landkarte von Ribnitz-Damgarten in südöstlicher Richtung die auffällig stark gekrümmte Recknitz entlang, so kommt man nach Bad Sülze. Von Rostock aus erreicht man das Städtchen per Auto über die B 110 bis Sanitz und von dort weiter auf der Landstraße in Richtung Osten. Das Flüsschen Recknitz fließt an der Ostseite Sülzes vorbei und ist über diese Straßenausfahrten zu erreichen.

Sülze wurde 1262 erstmalig als Stadt erwähnt. Die Saline zur Salzgewinnung war schon seit 1243 schriftlich fixiert. Seine höchste Salzproduktion erreichte das mecklenburgische Städtchen während der Kontinentalsperre 1807/13. Für die Feuerung spielte die Torfmoorproduktion (mit Torfschichten bis zu zehn Metern) eine große Rolle. 1907 wurde die Salzproduktion eingestellt. Heute befindet sich das Salzmuseum im früheren Salzamtsgebäude aus dem Jahre 1759.

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In den 1950/60er Jahren verkürzte man die Recknitz zwischen Laage und Marlow durch Meliorationsarbeiten von 122 km auf 69 km. Die Renaturierung des Landschaftsschutzgebietes Recknitztal erfolgte dann in den 1990er Jahren. So auch die Wiederherstellung der Talmoorflächen mit ihrer durch Schleifen und Bögen kurvigen und träge fließenden Recknitz. Dass die Recknitz so schief und krumm ist, führt der Volksmund auf die Erschaffung der Erde zurück. Dabei soll der liebe Gott aus Zeitnot neben den Engeln auch den Teufel zur Arbeit herangezogen haben. Dieser spannte dann seine Großmutter vor den Pflug, um das Flussbett der Recknitz auszuheben. Bei der Hitze wurden die Fliegen und Bremsen besonders lästig und des Teufels Großmutter hüpfte ständig hin und her. Dadurch hat sie Spuren bis in unsere Zeit hinterlassen, die nun wieder zu Ehren kommen.

Barth (Lkr. Nordvorpommern)

Vineta-Blick

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Die Vineta-Stadt Barth liegt als »Tor zum Darß« zwischen Ribnitz-Damgarten und Stralsund nördlich der Bundesstraße 105, die man bei Löbnitz verlässt. Im Jahre 1999 erhielt der Ort die offizielle Bezeichnung »Vineta-Stadt Barth«, nachdem der Bürgermeister zuvor das sagenhafte »Vineta« als Marke für die Stadt schützen ließ. Ein knappes Jahr zuvor bekam das »Vineta-Museum« seinen Namen.

Am Stadthafen südlich des Barther Boddens erinnerte von 1998 bis 2005 der »Vineta-Blick« – eine mehr als mannshohe, schmale Palisadenwand – an die wissenschaftliche Wiederentdeckung der berühmten, vor etwa eintausend Jahren untergegangenen, Stadt bei Barth. Seit 2005 steht dort stattdessen eine Holzsäule des Künstlers Tobias Bork im Stile der Götter-Idole der Slawen zum Gedenken an die einst slawische Stadt Vineta. Der Sage nach liegt Vineta, das bei einem Sturm, kriegerischen Auseinandersetzungen oder Deichbrüchen untergegangen sein soll, bei Usedom. Seit den 1950er Jahren grub der polnische Archäologe Prof. Wladislaw Filipowiak eine große slawische Siedlung in Wolin bei Szczecin (Stettin) aus, die als wiedergefundenes Vineta gilt. 1998 wurde die These der Berliner Wissenschaftler Dr. Klaus Goldmann und Günter Wermusch bekannt, wonach die legendäre Stadt bei Barth gelegen haben soll. Die jährlichen Barther Vineta-Festtage im August erinnern seitdem an die Sage, nach der die alte Stadt wegen ihrer Verschwendungssucht untergegangen sein soll.

→ Groß Raden, → Prillwitz, → Usedom, → Zinnowitz

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Barther Stadthafen. Stich, 1590

Wundereiche

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Im Barther Stadtforst steht die vielleicht einzige noch erhaltene, sich wohl im Sterben befindliche, sagenhafte Wundereiche des Landes. Sie ist erreichbar über den Stadtausgang Barth in Richtung Westen zum Darß. Statt rechts auf die Halbinsel zu fahren, geht es noch einige Meter weiter, um dann nach links in Richtung Planitz abzubiegen. Ein Fußmarsch in das Barther Stadtholz entlang des südwestlichen Hauptwegs führt schon bald zur ausgeschilderten Wundereiche. Solche Wundereichen (manchmal auch Buchen) standen in den vergangenen Jahrhunderten in großer Zahl im Lande. Die häufigen mit diesen Wundereichen verbundenen Heilungen bei Leiden wie Rheuma, Gicht oder Lähmungen werden erklärt durch den psychischen Wunder-Effekt und die Willensanstrengung beim Ersteigen.

Bei der Barther Eiche, von der ein Foto aus den 1920er Jahren erhalten ist, gab es das seltene Verwachsen des Hauptstammes mit einem Ast. Dadurch bekam der Baum eine Öffnung, durch die der Heilungssuchende hindurch musste. In etwa drei Meter Höhe war unterhalb der Öffnung eine Plattform angebracht, auf die man über eine Leiter kam. Wegen der meist schnellen Heilung sollen bis zu fünfzig Krücken gleichzeitig im Baume gehangen haben. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. soll die Heilkraft der Eiche schon versiegt sein. Als Grund wird erzählt, dass ein Schäfer seinen kreuzlahmen Hund durch das Loch geschickt hatte, das den Menschen vorbehalten war. Auch die Öffnung hat sich seitdem verkleinert.

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Wundereiche bei Barth. Foto, 1926

Bergen (Lkr. Rügen)

Marienkirche – Slawischer Bildstein

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Bergen ist als Kreisstadt das politische, wirtschaftliche und geografische Zentrum der Insel Rügen. Seit dem 12. Jh. befestigter Handelsplatz, erhielt Bergen erst 1613 das Stadtrecht. Der Name der Stadt weist auf ihren Standort hin. Am Südhang des 91 m hohen Berges, dem Rugard, entstand der Ort vermutlich aus zwei Siedlungen. Das älteste bauliche Zeugnis für die Christianisierung der Insel durch die Dänen ist die Marienkirche von Bergen. Nach der Eroberung Rügens durch den Dänenkönig Waldemar III. im Jahre 1168 legte Fürst Jaromar I. von Rügen (1168 –1218) als dänischer Lehnsherr 1180 den Grundstein für die Kirche. Bald erfolgte die Gründung eines Benediktinerklosters (ab 1215 Zisterzienserinnen). St. Marien wurde 1193 zur Stiftskirche geweiht. Die teils spätromanischen Totalausmalungen nach Befunden des 19. Jahrhunderts gelten in ihrer Einheitlichkeit als einmalig für Norddeutschland. Durch die Reformation eingeleitet, war die Klosteranlage von 1539 bis 1945 ein adeliges Damenstift. Beide heutigen Stiftsgebäude wurden 1732 gebaut.

Eines dieser Häuser beherbergt das Stadtmuseum Bergen mit Ausstellungen über das Kloster und die Slawengötter.

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Das wahrscheinlich älteste Stück der Kirche ist der »Mönch«- oder »Nonnenstein«. Dieser slawische Bildstein aus Granit befindet sich am Fuß der Westseite des Kirchturmes. Nur zwei slawische Bildsteine gibt es auf Rügen – diesen und den in Altenkirchen. Die Figur auf dem Stein steht mit weitem Mantel zu ebener Erde und trägt eine nach oben zugespitzte Kappe.

Die Herkunft des Granitsteines ist umstritten. Mindestens vier Varianten existieren: Ursprünglich deutete man dieses Bild ähnlich dem Stein in Altenkirchen als den Wendengott Swantewit. (Variante 1) Der slawische Gott hat aber eigentlich vier Köpfe. Variante 2: Der Sagenerzähler Temme sah in seiner Sammlung aus dem Jahre 1840 »ein altes steinernes Bild eines Mönches, der ein Crucifix in der Hand hält«. Ein Mönch des ersten Benediktinerklosters stand hier wohl Pate. Dieser Mönch oder eine Nonne (Variante 3) des späteren Zisterzienserinnenklosters sollen hier als Mitbegründer begraben worden sein. Dagegen spricht die als gesichert geltende slawische Fertigung des Bildsteines in einer vorchristlichen Zeit ohne Mönche und Nonnen. Die modernere vierte Variante klingt glaubwürdiger: Danach handelt es sich um den Grabstein des zum Christentum bekehrten slawischen Klostergründers Fürst Jaromar I. von Rügen. In der linken Hand der Steinfigur kann ein Kreuz erahnt werden, das möglicherweise im Nachhinein gegen das dort ursprünglich vermutete slawische Trinkhorn »ausgetauscht« wurde. Über der rechten Hand scheint ein Stück (das Horn?) herausgemeißelt worden zu sein. Am sekundären, spätmittelalterlichen Standort wurde der zum Christentum Bekehrte als Denkmal und Vorbild sozusagen als Vor-Bildstein für die Ewigkeit eingemauert. Auch für die Frage, warum der Gedenk- oder Grabstein gerade dort am Kirchturmfuß plaziert wurde, hält die Sage eine Antwort bereit: Der Baumeister der Kirche hat den Standort für den Stein so berechnet, dass sich die Spitze der »Mönchskappe« mit der Spitze der Marienkirche zu Stralsund in genau gleicher Höhe befindet.

→ Altenkirchen, → Putgarten

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Bergen. Stich, 1618

Mägdesprung auf dem Rugard

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Die »Rosstrappe von Rügen« findet man östlich der Bergener Innenstadt unweit der höchsten Erhebung des Berges Rugard. Bester Ausgangspunkt ist der stadtbekannte 26 m hohe Ernst-Moritz-Arndt-Turm. Der Denkmals- und Aussichtsturm wurde 1869/78 zu Ehren des auf Rügen geborenen pommerschen Dichters, Schriftstellers und Kämpfers gegen die napoleonische Fremdherrschaft, Ernst Moritz Arndt (1769 –1860), gebaut. Der sagenumwobene Stein liegt nur etwa 500 m in nördlicher Richtung entfernt. An Weggabelungen ist er ausgeschildert.

Bis 1830 war der mächtige slawische Burgwall, auf dem sich Turm und Mägdesprung befinden, völlig unbewaldet. Seitdem wurde der Berg unter Fürst Malte von Putbus als Park aufgeforstet. In dieser Zeit wurde (um 1840) die Sage aufgeschrieben. Sie erklärt die Abdrücke von Fuß und Peitsche im »Mägdesprung«- Stein.

Auf dem Rugard ging des öfteren ein Junker auf »Schürzenjagd«. Einmal traf er bei diesem Stein eine Jungfrau, die er sogleich mit seinen obligatorischen Liebesschwüren betörte. Um sich vor dem Schürzenjäger zu retten, sprang das Mädchen in seiner Angst vom Stein in das Tal. Der wütende Jungritter schlug daraufhin mit seiner Peitsche auf den Sprungstein. Zwei Wunder geschahen: Das vergängliche – die junge Frau kam unversehrt im Tal an. Das unvergängliche – ihr Fußabdruck und die Spur des Peitschenschlages blieben erhalten.

Boitin (Lkr. Güstrow)

Steintanz

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Der Boitiner Steintanz (nach dem Reigen- oder Kreistanz) gilt als das »Stonehenge« von Mecklenburg. Von Sternberg aus fährt man in nördlicher Richtung an Groß Raden vorbei. Im Forst zwischen Diedrichshof und Tarnow liegt auf halber Strecke an der höchsten Stelle der berühmte Steintanz. Da es drei größere (Durchmesser 7–12 m) Kreise und ein kleiner Kreis (etwa 150 m südöstlich der großen Kreise) sind, wird die Anlage auch »Boitiner Steintänze« genannt. Hartnäckig hält sich die These von einer 3000 Jahre alten Sternwarte, die schwerlich zu belegen sein wird, da über die Jahrtausende die Steine wohl ebenso wie die in Stonehenge verschoben wurden.

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Der Steintanz im Boitiner Gehege