Cover

Byron Katie

Michael Katz

Ich brauche deine Liebe – ist das wahr?

Liebe finden, ohne danach zu suchen

Aus dem amerikanischen Englisch
von Gisela Kretzschmar

Danksagung

Hunderte von Menschen – zu viele, um sie alle namentlich zu nennen – haben zu diesem Buch beigetragen, indem sie ihre Gedanken überprüft und mir die Ergebnsisse per E-Mail mitgeteilt haben. Einige der Berichte erscheinen hier – natürlich in anonymer Form. Dem Manuskript selbst haben Carol Williams und John Tarrant großes Engagement und redaktionelles Geschick gewidmet, um in Worte zu fassen, was eigentlich eine wortlose Erfahrung ist. Belinda Fernandez hat frühe Entwürfe des Buches gelesen, die Übungen ausprobiert und ihre Erfahrungen präzise kommentiert. Gegen Ende des Prozesses hat Stephen (»das Genie«) Mitchell sich mitten in den Wasserfall aus Worten gesetzt und unverzüglich einen sanften Strom daraus gemacht. Ihnen allen sei herzlich gedankt.

Weitere Werkzeuge für die Überprüfung

Die folgende Liste enthält die vier Fragen zusammen mit einer Reihe von Anschlussfragen, die bei der Überprüfung eines widerspenstigen Gedankens hilfreich sein können.

 

 

1. Ist das wahr?

 

Wenn Ihre Antwort nein lautet, fahren Sie fort mit Frage 3.

 

Mögliche Anschlussfragen:

2. Können Sie absolut sicher wissen, dass es wahr ist?

 

Mögliche Anschlussfragen:

3. Wie reagieren Sie, wenn Sie diesen Gedanken glauben?

 

Mögliche Anschlussfragen:

4. Wer wären Sie ohne diesen Gedanken?

 

Mögliche Anschlussfragen:

Drehen Sie den Gedanken herum

 

Aussagen können herumgedreht werden im Hinblick auf Sie selbst, auf den anderen und in ihr Gegenteil. Finden Sie drei Beispiele in Ihrem Leben, bei denen die Umkehrungen genauso wahr oder wahrer sind. Seien Sie präzise und so detailliert wie möglich.

 

Mögliche Anschlussfragen:

Das Arbeitsblatt: Beurteile deinen Nächsten

 

Beurteile deinen Nächsten, schreibe es auf, stelle die vier Fragen und dreh’s rum.

 

Füllen Sie die Leerzeilen aus und schreiben Sie über jemanden, dem Sie noch nicht hundertprozentig vergeben haben. (Schreiben Sie noch nicht über sich selbst.) Benutzen Sie kurze, einfache Sätze. Zensieren Sie sich nicht selbst – erlauben Sie sich, kritisch und kleinlich zu sein. Versuchen Sie, den Zorn oder Schmerz voll zu erleben, so als würde sich die Sache gerade jetzt ereignen. Nutzen Sie diese Gelegenheit, Ihre Urteile zu Papier zu bringen.

  1. Über wen bist du wütend, verärgert, frustriert oder verwirrt und warum? Wen kannst du nicht leiden und weshalb? (Zum Beispiel: Ich bin wütend über Paul, weil er mir nicht zuhört, mich nicht zu schätzen weiß und über alles, was ich sage, mit mir streitet.)
  2. Wie soll sich diese Person ändern? Was soll diese Person tun?
  3. Was sollte er/sie tun oder nicht tun, sein, denken oder fühlen? Welchen Rat hast du anzubieten?
  4. Was soll er/sie tun, damit du glücklich bist?
  5. Was denkst du über ihn/sie? Mache eine Liste.
  6. Was willst du mit dieser Person nie wieder erleben?

Die Umkehrung für Nummer 6

 

Die Umkehrung für Aussage Nummer 6 unterscheidet sich etwas von den anderen Umkehrungen. Aus »Ich will nie wieder einen Streit mit Paul erleben« wird »Ich bin bereit, wieder einen Streit mit Paul zu erleben« und »Ich freue mich darauf, wieder einen Streit mit Paul zu erleben.«

Die Umkehrung für Nummer 6 besteht darin, Ihre Gedanken und Erfahrungen mit offenen Armen willkommen zu heißen. Wenn Sie irgendeinen Widerstand gegen einen Gedanken empfinden, sind Sie mit Ihrer WORK noch nicht fertig. Erst wenn Sie sich aufrichtig auf Erfahrungen freuen können, die Ihnen früher unangenehm waren, gibt es in Ihrem Leben keine Furcht mehr – Sie sehen alles als Geschenk, das Liebe, Lachen und Frieden in Ihr Leben bringen kann.

Bleiben Sie bei Ihren eigenen Angelegenheiten

ÜBUNG

Wenn Sie wütend oder erregt sind und sich selbst sagen oder denken hören: Er/sie sollte … , sollte nicht … , muss … und so weiter, dann halten Sie inne und fragen Sie: Ist das wahr? Kann ich das wirklich über ihn/sie wissen? Kümmere ich mich um anderer Leute Angelegenheiten? Dann drehen Sie die Aussage herum: Ich sollte…, ich sollte nicht…, ich muss … und so weiter. Schreiben Sie sich selbst vor, was Sie einem anderen Menschen vorschreiben wollten, und warten Sie ab, was passiert.

ÜBUNG

Wenn Sie das Bedürfnis haben, jemandem ungebeten einen Rat zu erteilen (ob laut oder in Gedanken), oder feststellen, dass Sie zu wissen glauben, was für jemanden richtig ist, dann fragen Sie sich: Um wessen Angelegenheiten kümmere ich mich? Hat mich irgendjemand nach meiner Meinung gefragt? Kann ich wissen, was für jemand anders richtig ist? Hören Sie dann auf Ihren eigenen Rat und machen Sie sich klar, dass er für Sie selbst gedacht ist. Bleiben Sie bei Ihren Angelegenheiten und seien Sie glücklich.

Kontaktadressen

Mehr über THE WORK von Byron Katie erfahren Sie bei:

Byron Katie International, Inc.
P. O. Box 1206
Ojai, CA 93024 USA
E-Mail: customercare@thework.com
www.thework.com

Byron Katie International, Inc. bietet weltweit Veranstaltungen an und verschickt auf Anforderung auch kostenlos schriftliches Informationsmaterial. Byron Katie International ist eine gemeinnützige Organisation, die sich über Spenden finanziert. Auch Ihre Spende wird dankbar entgegengenommen und für den gemeinnützigen Zweck verwendet.

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Glauben Sie, was Sie denken?

Haben Sie schon einmal gespürt, dass die Liebe sich Ihnen umso mehr entzieht, je intensiver Sie danach suchen? Oder dass die Suche nach Anerkennung Sie unsicher macht? Wenn ja, dann gibt es dafür einen Grund: Die Suche nach Liebe und Anerkennung ist der sicherste Weg, den Sinn für beides zu verlieren. Sie können den Sinn für die Liebe verlieren, aber niemals die Liebe selbst. Liebe ist das, was wir sind. Aber wenn das so ist, warum suchen wir dann so verzweifelt danach, und warum ist unsere Suche oft so erfolglos? Schuld daran sind allein unsere Gedanken – die Gedanken, die wir glauben und die doch nicht wahr sind.

Sie müssen mir das alles nicht glauben. Sie können es selbst herausfinden, während Sie dieses Buch lesen oder indem Sie das Buch beiseite legen und die vier Fragen über Ihre Beziehungen oder den Mangel daran stellen und dann entdecken, wie dramatisch sich Ihr Leben ändert.

Was denken wir, wenn wir nach Liebe, Anerkennung und Wertschätzung suchen? Wir denken, dass die Liebe und Anerkennung, die andere uns entgegenbringen, die Schlüssel zum Himmel sind – oder jedenfalls zu allen guten Dingen in der Welt. Wir denken, dass die Suche nach Romantik uns Liebe bringt, einen Sexualpartner, dauerhafte Nähe, Ehe und Familie. Und wir denken, dass der Versuch, die Bewunderung der richtigen Leute zu erlangen, der beste Weg zu Ruhm, Reichtum und einem erfüllten Leben ist.

Deshalb meinen wir, wenn unsere Suche erfolgreich ist, werden wir zu Hause sein: sicher, warm und hoch geschätzt. Und was ist, wenn wir versagen? Dann sind wir heimatlos, draußen in der Kälte, verloren in der Menge, unbemerkt, einsam und vergessen. Wenn so viel auf dem Spiel steht, ist es nicht erstaunlich, dass unsere Suche mit großen Ängsten besetzt und alles verzehrend ist. Kein Wunder, dass ein Kompliment unseren Tag retten und ein hartes Wort ihn ruinieren kann.

Die gewaltigen Urängste kommen selten an die Oberfläche. Nur wenige Leute fürchten wirklich, sie könnten durch den gesellschaftlichen Rost fallen und einfach verschwinden. Stattdessen tauchen den ganzen Tag lang Tausende ängstlicher Gedanken auf: »Bin ich bemerkt worden?« »Warum hat sie nicht gelächelt?« »Habe ich einen guten Eindruck gemacht?« »Warum hat er mich nicht zurückgerufen?« »Sehe ich gut aus?« »Hätte ich das sagen sollen?« »Was werden sie jetzt von mir denken?« Es ist eine ständige Überwachung, um zu sehen, ob wir bei der großen Anerkennungslotterie Boden gewinnen oder verlieren. Diese kleinen Zweifel werden kaum wahrgenommen oder hinterfragt, und doch setzen sie Hunderte von Strategien in Bewegung, mit deren Hilfe wir Zuneigung und Bewunderung erringen oder einfach nur gefallen wollen. Dahinter steht die unausgesprochene Überzeugung, dass wir ohne die Anerkennung anderer Leute nichts wert sind.

Die Ironie liegt darin, dass der Kampf um Liebe und Anerkennung es sehr schwierig für uns macht, sie zu erleben. Chronische Anerkennungssucher erkennen nicht, dass sie nicht wegen, sondern trotz ihrer Bemühungen geliebt und unterstützt werden. Und je angestrengter sie suchen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen das auffällt.

Wie geraten wir in diese Zwangslage? Auf den nächsten Seiten wollen wir uns einfach ansehen, auf welche Weise ungeprüfte Gedanken unsere Erfahrung erzeugen. Wir werden sehen, wie oft unbemerkte Gedanken, die die meisten von uns haben, uns dazu bringen, das zu brauchen, zu wollen, zu wünschen und anzustreben, was wir längst haben. Die Gedanken hinter einer vertrauten Angstattacke um drei Uhr nachts sind ein guter Ausgangspunkt.

 

 

Gedanken um drei Uhr nachts:
Nirgendwo finde ich Unterstützung

 

Plötzlich wachen Sie mitten in der Nacht auf, schauen kurz auf die Uhr und wünschen sich, Sie würden noch schlafen. Ein Gedanke taucht auf: »Was wird mit mir geschehen? Das Universum ist kalt und unbarmherzig. Ich weiß nicht, was ich tun soll.« Diese Gedanken wurden vielleicht durch den Werbespot einer Lebensversicherung angeregt, den Sie am Abend gesehen haben, aber das ist Ihnen nicht klar. Die nächsten Gedanken stammen von einer Motivationskassette, an die Sie sich nur halb erinnern. »Es gibt keine Garantien in dieser Welt. Nichts wird für dich geschehen, wenn du nicht selbst dafür sorgst.« Dieser Gedanke gibt Ihnen kurzfristig einen kleinen Auftrieb, dem ein größerer Durchhänger folgt, als Sie sich daran erinnern, dass die Selbstständigkeit bei Ihnen nie so besonders gut funktioniert hat. »Ich brauche so viel. Und ich habe so wenig Möglichkeiten, es mir zu beschaffen. Meine Überlebensfähigkeit ist nicht besonders ausgeprägt und eigentlich nur vorgetäuscht. Ich bin hilflos und alleine.« Der nächste Gedanke bringt etwas Hoffnung: »Wenn ich doch nur mehr Liebe von meiner Familie und meinen Freunden bekommen könnte, wenn nur ein einziger Mensch wirklich nett zu mir wäre, wenn mein Chef mir wirklich vertrauen würde, dann wäre ich nicht so ängstlich und könnte darauf zählen, dass mich etwas aufrecht hält.«

Der Gedanke »Nirgendwo finde ich Unterstützung, ohne mich selbst darum zu bemühen« gehört einfach zu den ungeprüften und oft unbemerkten Überzeugungen, die unsere Suche nach Liebe und Anerkennung in Bewegung setzen. Wir wollen hier nun kurz innehalten und uns das Gegenteil näher ansehen.

 

 

Die Realität am helllichten Tag:
Alles unterstützt mich

 

Woher wissen Sie, was Ihre Existenz gerade jetzt unterstützt?

Stellen wir uns einfach vor, Sie hätten gefrühstückt, sich in Ihren Lieblingssessel gesetzt und dieses Buch in die Hand genommen. Ihr Nacken und Ihre Schultern unterstützen Ihren Kopf. Die Knochen und Muskeln Ihres Brustkorbs unterstützen Ihre Atmung. Der Sessel unterstützt Ihren Körper. Der Boden unterstützt Ihren Sessel. Die Erde unterstützt das Gebäude, in dem Sie leben. Verschiedene Sterne und Planeten halten die Erde auf ihrer Umlaufbahn. Draußen vor Ihrem Fenster geht ein Mann mit seinem Hund über die Straße. Können Sie sicher sein, dass er nicht auch eine Rolle bei Ihrer Unterstützung spielt? Vielleicht sitzt er jeden Tag in einem Büro und füllt Formulare für das Elektrizitätsunternehmen aus, dessen Strom dafür sorgt, dass Ihre Lampen brennen.

Und können Sie sicher sein, dass unter den Leuten, die Sie auf der Straße sehen, unter den zahllosen Händen und Augen, die im Hintergrund arbeiten, wirklich niemand ist, der Ihre Existenz unterstützt? Dieselbe Frage stellt sich im Hinblick auf die Generationen Ihrer Vorfahren und die verschiedenen Pflanzen und Tiere, die etwas zu Ihrem Frühstück beigetragen haben. Wie viele unwahrscheinliche Zufälle haben dazu geführt, dass Sie jetzt hier sind!

Schauen Sie sich um und sehen Sie, ob es irgendetwas gibt, von dem Sie mit Sicherheit sagen können, dass es nichts mit Ihrer Unterstützung zu tun hat. Und jetzt betrachten Sie noch einmal den Gedanken, den Sie um drei Uhr in der Nacht hatten: »Nirgendwo finde ich Unterstützung, ohne mich selbst darum zu bemühen.« Würde es in diesem Moment nicht mehr der Wahrheit entsprechen zu sagen: »Überall finde ich Unterstützung, ohne mich selbst darum zu bemühen«? Der Beweis ist, dass Sie hier sind, in Ihrem Sessel sitzen, nichts tun und dabei doch voll unterstützt werden.

Alles unterstützt Sie, ob Sie es bemerken oder nicht, ob Sie daran denken oder nicht, ob Sie es verstehen oder nicht, ob Sie es lieben oder hassen, ob Sie glücklich oder traurig sind, schlafen oder wachen, motiviert sind oder nicht. Alles unterstützt Sie, ohne dafür irgendeine Gegenleistung zu verlangen.

In diesem Augenblick sitzen Sie in Ihrem Sessel, und beim Atmen bemerken Sie, dass nicht Sie selbst aktiv atmen, sondern dass Sie geatmet werden. Sie müssen sich dessen nicht einmal bewusst sein, Sie brauchen nicht einmal daran zu denken, denn auch Ihre Atmung wird unterstützt. So kompliziert Ihre existenziellen Bedürfnisse auch sein mögen, sie werden alle erfüllt. In diesem Augenblick gibt es nichts, was Sie brauchen oder tun müssten. Achten Sie darauf, wie es sich anfühlt, diesen Gedanken ganz in sich aufzunehmen.

Und jetzt denken Sie an etwas, das Sie nicht haben. Ich bin sicher, dazu fällt Ihnen etwas ein …

 

 

Der Gedanke, der Sie aus dem Paradies vertreibt

 

Der Gedanke, der Sie aus dem Paradies vertreibt, könnte beispielsweise lauten: »Es wäre etwas bequemer, wenn ich ein Kissen hätte.« Oder: »Ich wäre glücklicher, wenn mein Partner hier wäre.«

Ohne diesen Gedanken sind Sie im Paradies – Sie sitzen einfach in Ihrem Sessel, werden unterstützt und atmen von ganz alleine. Was erleben Sie nun, wenn Sie dem Gedanken Glauben schenken, dass Ihnen irgendetwas fehlt? Der Soforteffekt mag subtil sein – nur eine leichte Unruhe, wenn sich Ihre Aufmerksamkeit von dem abwendet, was Sie schon haben. Aber indem Sie Ihre Überlegung in eine andere Richtung lenken, geben Sie den Frieden auf, den Sie empfinden, während Sie in Ihrem Sessel sitzen. Auf der Suche nach Behaglichkeit machen Sie es sich selbst unbehaglich.

Und wenn Sie sich nun ein Kissen holen würden? Das könnte funktionieren (wenn Sie ein Kissen haben). Vielleicht sind Sie anschließend wieder zurück im Paradies. Vielleicht haben Sie genau das gebraucht. Oder Sie könnten nach dem Telefon greifen und Ihren Partner (wenn Sie einen haben) überreden, zu Ihnen zu kommen. Vielleicht wäre er oder sie tatsächlich bald da. Vielleicht wären Sie dann glücklicher, vielleicht auch nicht. Ihren inneren Frieden haben Sie unterdessen auf alle Fälle verloren.


Himmel:
»Hier ist es wunderbar.
Ich könnte für immer hier bleiben.«

 

Hölle:
»Hier ist nichts gut genug.«


Der Gedanke, der Sie aus dem Paradies vertreibt, muss nichts mit Bequemlichkeit oder Glück zu tun haben. Er könnte auch lauten: »Ich wäre sicherer, wenn …« oder: »Würde es doch nur immer so sein wie jetzt«, oder es ist einfach der Gedanke an eine Tasse Kaffee. Die meisten Leute sind so eifrig dabei, irgendwelche Verbesserungen vorzunehmen, dass sie es gar nicht merken, wenn sie das Paradies verlassen haben. Wo immer sie sind, irgendetwas oder irgendjemand könnte stets besser sein.

Und wie kommen Sie ins Paradies zurück? Zunächst einmal achten Sie einfach auf die Gedanken, die Sie aus dem Paradies vertreiben. Sie müssen nicht alles glauben, was Ihre Gedanken Ihnen sagen. Machen Sie sich einfach mit den besonderen Gedanken vertraut, die Sie benutzen, um sich selbst das Glück vorzuenthalten. Anfangs kann es Ihnen merkwürdig vorkommen, sich auf diese Weise kennen zu lernen, aber die wachsende Vertrautheit mit Ihren bedrückenden Gedanken wird Ihnen den Weg nach Hause zeigen, wo Sie alles haben, was Sie brauchen.

 

 

Sich selbst kennen lernen

 

Wenn Sie damit beginnen, auf Ihre Gedanken zu achten, werden Sie ziemlich als Erstes bemerken, dass Sie niemals alleine sind: weder mit Ihrem Liebsten noch mit sonst irgendjemandem, ja nicht einmal mit sich selbst. Wo Sie auch immer hingehen, mit wem Sie auch immer zusammen sind, die Stimme in Ihrem Kopf geht mit Ihnen, flüsternd, nörgelnd, verlockend, urteilend, plappernd, beschämend, beschuldigend oder kreischend. Wenn Sie morgens aufwachen, wachen Ihre Gedanken mit Ihnen auf. Sie drängen Sie aus dem Bett und folgen Ihnen zur Arbeit. Sie kommentieren die Leute im Büro und die Leute im Laden. Sie folgen Ihnen auf die Toilette, steigen mit Ihnen ins Auto und kommen mit Ihnen wieder nach Hause. Ob dort jemand auf Sie wartet oder nicht, Ihre Gedanken werden in jedem Fall auf Sie warten.

Wenn Sie Angst haben, alleine zu sein, heißt das, dass Sie Angst vor Ihren Gedanken haben. Würden Sie Ihre Gedanken lieben, dann wären Sie glücklich, irgendwo mit ihnen alleine zu sein. Würden Sie Ihre Gedanken lieben, dann müssten Sie nicht das Radio einschalten, wenn Sie ins Auto steigen, und nicht den Fernseher, wenn Sie nach Hause kommen. Das Verhältnis, das Sie zu Ihren Gedanken haben, ist das, was Sie in jede Ihrer Beziehungen einbringen, einschließlich Ihrer Beziehung zu sich selbst.

 

 

Aber Moment mal!

 

Sie könnten nun fragen: »Die Stimme in meinem Kopf, bin das nicht ich? Denke nicht ich meine Gedanken?« Sie können diese Frage selbst beantworten. Wenn Sie selbst die Stimme in Ihrem Kopf sind, wer ist dann derjenige, der ihr zuhört?

Wenn Sie morgens aufwachen, bemerken Sie vielleicht, dass in dem Augenblick, wo Ihnen klar wird, dass Sie denken, die Gedanken bereits da sind. Die Gedanken erscheinen einfach. Hin und wieder mag es sein, dass Sie vor Ihren Gedanken aufwachen. Der Geist wirbelt ein paar Sekunden herum, um sich zu orientieren, und dann beginnt die Welt von neuem in Ihren Gedanken, Stück für Stück. »Ich bin so und so. Dies ist Philadelphia. Die Person neben mir ist mein Ehemann. Es ist Dienstag. Ich muss aufstehen und zur Arbeit gehen.« Das geschieht andauernd, wenn Sie wach sind. Gedanken erschaffen in jedem Augenblick Ihre Welt und Ihre Identität.


Ihre intimste Beziehung
ist die, die Sie zu Ihren eigenen
Gedanken haben.


 

 

Was haben Ihre Gedanken über die Liebe zu sagen?

 

Wenn Sie Ihren Gedanken zuhören, werden Sie feststellen, dass sie Ihnen sagen, was die Liebe für Sie tun kann. Nach einem Liebeskummer fühlen Sie sich vielleicht wund und allein. Ihre Gedanken sagen Ihnen vielleicht, dass Sie verlassen, ausgeschlossen, leer, einsam und unvollständig sind. Sie sagen Ihnen vielleicht, dass nur die Liebe dafür sorgen wird, dass Sie sich wieder gut fühlen. Wenn Sie sich fürchten und nach Sicherheit sehnen, werden Ihre Gedanken Ihnen vielleicht sagen, dass die Liebe Ihnen eine Zuflucht bietet. Wenn das Leben enttäuschend ist oder sinnlos erscheint, meinen viele Leute, die Liebe sei auch darauf eine Antwort. Es wäre nützlich, wenn Sie an diesem Punkt genau wüssten, was Sie denken. Fragen Sie sich einfach selbst, was Sie von der Liebe erhoffen oder erwarten, und listen Sie fünf Dinge auf, die Ihnen die Liebe Ihrer Meinung nach bringen wird.


Ich begegne meinen Gedanken
so, wie ich meinem Ehemann
oder meinen Kindern begegne:
mit Verständnis.


Die meisten Leute glauben, dass lieben und brauchen Synonyme sind. »Ich liebe dich, ich brauche dich« ist der Aufhänger für Tausende von Liebesliedern.

Wenn Sie sich fragen, was Sie wirklich im Leben brauchen, wird diese Liste wahrscheinlich genauso aussehen wie die, die Sie gerade über die Liebe gemacht haben. Die Menschen wollen im Laufe ihres Lebens alle dasselbe haben. Nur die Art, wie wir es verlangen, wird etwas kultivierter:

Mamiiii!
Meins!
Gib mir!
Ich will …
Ich brauche …
Bitte …
Ich brauche deine Liebe.
Du erfüllst in dieser Beziehung nicht meine Bedürfnisse.
Ich möchte, dass du …
Ich kann nicht darauf verzichten …
Dies ist es, was ich brauche …

Gedanken über das, was Sie wollen und brauchen, können sehr herrisch sein. Wenn Sie ihnen glauben, können Sie den Eindruck haben, Sie müssten tun, was sie sagen – Sie müssten die Liebe und Anerkennung anderer Menschen erringen. Aber Sie können auch anders auf einen Gedanken reagieren und ihn überprüfen. Wie können Sie Ihre Wünsche und Bedürfnisse hinterfragen? Wie können Sie Ihren Gedanken begegnen, ohne ihnen zu glauben?

2
Prüfen Sie Ihre Gedanken über die Liebe

Gedanken und Gefühle bei der Suche nach Liebe

 

Es mag uns zunächst seltsam vorkommen, große Leidenschaften oder unglückliche Gefühle, vor allem Liebeskummer, als Gedanken zu betrachten. Aber wenn Sie langsam an die Sache herangehen, werden Sie feststellen, dass es immer einen bestimmten Gedanken gibt, der ein bedrückendes Gefühl auslöst. Ängstlichkeit in Bezug auf die Liebe ist das Resultat einfacher, kindlicher Gedanken, die jeder hat, sogar noch im hohen Alter. »Ich brauche deine Liebe.« »Ohne dich wäre ich verloren.« Ungeprüfte Gedanken wie diese weisen uns scheinbar den Weg zur Liebe, sind aber in Wirklichkeit Hindernisse auf diesem Weg.

Leute, die sich oft aufregen, sagen, sie könnten den Gedanken nicht identifizieren, der diese Aufregung verursacht; sie könnten nur eine Flut von Emotionen empfinden. Das bedeutet nicht, dass der Gedanke nicht da ist. Nehmen wir beispielsweise an, Sie sagen jemandem etwas, das Sie aus tiefstem Herzen empfinden, und der andere antwortet nicht; er steht einfach auf und verlässt den Raum. Sie bleiben zurück mit dem Gefühl, dass die Welt gerade untergegangen ist. Sie denken vielleicht: »Er interessiert sich nicht für mich.« Daraus könnte werden: »Wozu das alles? Niemand interessiert sich wirklich für mich.«

Wenn Sie im Moment beim Lesen keine negativen Gefühle haben, erinnern Sie sich an frühere Situationen, in denen Sie sich aufgeregt haben; lassen Sie zu, dass sich dieses Gefühl jetzt wieder einstellt. Wenn Sie aufgeregt sind und meinen, Sie könnten den Gedanken hinter den Gefühlen nicht finden, versuchen Sie Folgendes: Nehmen Sie sich Zeit für eine Reise nach innen zu dem Ort, wo das Gefühl am intensivsten ist. Das bedeutet, das Gefühl auf der körperlichen Ebene zu spüren. Steigern Sie sich in Ihrem eigenen Interesse voll in die Aufregung hinein und geben Sie ihr diesmal eine Stimme. Wenn das Gefühl reden könnte, was würde es sagen und zu wem würde es sprechen?

Setzen Sie sich dabei nicht unter Zeitdruck. Seien Sie präzise. Sonst kommt dabei wahrscheinlich irgendetwas heraus, das klug oder freundlich wirkt – der Gedanke, von dem Sie meinen, Sie sollten ihn denken – nicht der Gedanke, der tatsächlich da ist und wehtut.

Angenommen, Sie sind gerade zurück von einer einwöchigen Reise mit einem neuen Freund, und Ihre Hoffnungen sind in jeder Hinsicht enttäuscht worden. Aber ein psychologisch angemessener Gedanke wie »Ich habe einfach zu viel erwartet« ist nicht das, wonach Sie suchen, wenn Ihre wirklichen Gefühle sagen: »Er hat mich im Stich gelassen«, »er hat mir wehgetan«, »er hat mich belogen«, »er ist nicht der Mensch, der er zu sein vorgibt«. Ihren tatsächlichen Gedanken, mit dem Sie im Augenblick wie ein Kind herausplatzen  – schreiben Sie den so unzensiert wie möglich auf. Das ist der Gedanke, nach dem Sie suchen.

Wenn Sie leiden oder deprimiert sind, stecken dahinter oft Gedanken, die Sie so lange schon haben und die Ihnen so vertraut sind, dass Sie sie gar nicht mehr bemerken. Und Sie haben nie innegehalten, um zu sehen, ob Sie diese Gedanken überhaupt glauben.

Und wenn Sie sich das jetzt fragen würden? Wenn Sie eine Methode hätten, mit der Sie feststellen könnten, ob Sie wirklich an die Gedanken glauben, die Sie am stärksten verstören? Genau das ist THE WORK, etwas, was auch als »Überprüfung« bezeichnet wird. Sie werden darin nur vorübergehend eine Methode sehen. Nachdem Sie die Überprüfung eine Weile praktiziert haben, werden Sie feststellen, dass sie automatisch abläuft – als Ihre natürliche Art, mit Ihren Gedanken umzugehen. Ihren Gedanken einfach zu glauben wird zunehmend unnatürlich; es ist etwas, mit dem Sie sich selbst in die Irre führen, und es wird immer klarer, dass die Überprüfung Sie in die Wirklichkeit zurückbringt.

Und wie überprüfen Sie nun einen Gedanken?

 

 

Anwendung von THE WORK auf die Suche nach Liebe und Anerkennung

 

Bevor Sie konkret lernen, einen Gedanken zu überprüfen, wollen wir uns den Prozess genauer ansehen, damit Sie ein Gefühl dafür bekommen.

 

Ist das wahr?

Wenn Sie den Gedanken gefunden haben, der Sie aufregt, besteht der erste Schritt darin zu fragen, ob er stimmt. Das bedeutet, dass Sie ihn an Ihrer eigenen Wahrheit messen, dass Sie in sich gehen und sehen, ob Sie den Gedanken, der Sie bedrückt, wirklich glauben können. Stimmt er mit dem überein, was Sie als Realität kennen? In den meisten Fällen tut er das nicht.

Es gibt keinen Grund zu glauben, dass Gedanken der Realität entsprechen. Während Sie durchs Leben gehen, tauchen Gedanken auf wie Lichtblitze in der Dunkelheit. Sie sind nicht mehr als vage Versuche herauszufinden, was um Sie herum und in Ihrem Inneren vor sich geht. Wenn Sie Liebe und Anerkennung suchen, zielen viele Gedanken darauf ab, das Verhalten Ihrer wichtigsten Bezugspersonen zu interpretieren oder darüber zu theoretisieren, was in ihren Köpfen vorgeht.

In gewissem Sinne stellt jeder Gedanke eine Frage dar, ungefähr in der Art: »Ist es das, was jetzt vorgeht?« Ein Gedanke über etwas, das wir wahrgenommen haben, könnte präzise ausgedrückt bedeuten: »Ich denke, er hat mich beleidigt – ist es das, was geschehen ist?« Aber wie Kinder neigen wir dazu, uns auf den alarmierenden Teil zu konzentrieren: »Er hat mich beleidigt.« Danach greifen wir und reagieren dann so, als sei der Gedanke eine Tatsache. Wir fühlen uns verletzt oder gehen zum Angriff über, statt die Frage zu beantworten, die der Gedanke beinhaltet: »Er hat mich beleidigt – ist es das, was wirklich geschehen ist?« (Was wäre, wenn er auf Ihr freundliches Winken nur deshalb nicht reagiert hat, weil er seine Brille nicht trug und Sie deshalb nicht sehen konnte?)

 

Wie leben Sie mit dem Gedanken und ohne ihn?

Jedes Gefühl von Unbehagen oder Stress ist ein Alarm, der Sie wissen lässt, dass Sie einen unwahren Gedanken glauben. Bei diesem Schritt untersuchen Sie zunächst, was passiert, wenn Sie Ihren Gedanken glauben. Sie sehen sich in allen Einzelheiten an, was der Gedanke in Ihrem emotionalen und körperlichen Leben bewirkt. Nehmen wir beispielsweise an, der Gedanke wäre: »George interessiert sich nicht für mich.« Sehen Sie sich genau an, wie Sie leben, wenn dieser Gedanke Sie im Griff hat. Auf welche Weise beeinträchtigt er Sie? Wie behandeln Sie sich selbst und andere, einschließlich George, wenn Sie diesen Gedanken glauben? Versinken Sie in Selbstmitleid? Fühlen Sie sich verletzt und wütend? Ist das der Moment, in dem Sie zum armen Opfer werden? Reden Sie nicht mehr mit George, oder werfen Sie ihm einen vernichtenden Blick zu? Behandeln Sie Ihre Kollegen oder Ihre Kinder schnippisch? Beeinträchtigt der Gedanke Ihren Schlaf?

Anschließend machen Sie in Ihrer Vorstellung einen Sprung. Sie überlegen, wie Ihr Leben ohne diesen Gedanken wäre, wenn Sie ihn nicht glauben würden oder sogar unfähig wären, ihn zu denken. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Gedanke wahr ist oder nicht. Es geht nur um das Experiment, sich anzusehen, wie Ihr Leben wäre, wenn Sie diesen Gedanken nicht glauben würden. Stellen Sie sich vor, wie Sie George ohne den Gedanken »Er interessiert sich nicht für mich« ansehen würden, und bleiben Sie eine Weile bei dieser Erfahrung.

Diese Schritte lassen Sie erkennen, welche Folgen es hat, wenn Sie einen Gedanken glauben. Erst tauchen Sie tief in das Leben mit dem Gedanken ein, und anschließend geben Sie sich selbst einen Eindruck von Ihrem Leben ohne ihn.

 

Umkehrungen: Ist das Gegenteil genauso wahr?

Das ist der letzte Schritt bei der Überprüfung des Gedankens. Wie ein Spiegel stellt unser Geist die Dinge oft genau seitenverkehrt dar. Nehmen Sie also den Gedanken und drehen Sie ihn herum. Das bedeutet, die Aussage buchstäblich auf jede nur erdenkliche Weise umzukehren. Dann fragen Sie sich selbst, ob diese umgekehrten Versionen genauso wahr oder wahrer sein könnten als Ihr ursprünglicher Gedanke. Oft ist das der Fall.

Nehmen wir also den Gedanken »Er hat mich beleidigt« und drehen ihn herum, erst in Bezug auf die andere Person, dann in Bezug auf uns selbst und schließlich noch im Sinne der Verneinung.

Ich habe ihn beleidigt. (Mit meiner Schlussfolgerung und meinem harten Urteil, als er nicht zurückgewinkt hat.)

Ich habe mich beleidigt. (Ich habe ein vielleicht unschuldiges Verhalten als Beleidigung interpretiert. Ich war diejenige, die in ihrem eigenen Kopf die Beleidigung hervorgebracht hat. Und meine zornigen Gedanken haben mir das Gefühl vermittelt, kleinlich und gemein zu sein.)

Er hat mich nicht beleidigt. (Vielleicht hat er mich einfach nicht gesehen. Vielleicht hat er an etwas anderes gedacht. Ich kann wirklich nicht wissen, was seine Absicht war.)

Wenn unser Geist wirklich beweisen will, dass der Gedanke stimmt, werden wir uns immer tiefer in ihn versenken, ähnlich wie ein Auto, das sich im Schlamm festfährt. Indem Sie Umkehrungen ausprobieren und überlegen, ob sie vielleicht wahr sind, schaukeln Sie den Wagen vor und zurück, um ihn aus dem Schlamm zu befreien.

Nehmen wir beispielsweise an, Sie sind überzeugt, es wäre ganz entsetzlich, wenn Ihr Freund tausend Kilometer entfernt von Ihrem Wohnort einen Job annehmen würde. Bei diesem Gedanken sind Sie gelähmt vor Angst. Die Umkehrung lässt Sie eine Möglichkeit erkennen, die Ihr festgefahrener Geist nie in Betracht gezogen hätte. Hätte es nicht vielleicht auch seine guten Seiten, wenn Ihr Freund den Job annehmen und wegziehen würde? Womöglich weigert sich Ihr Geist, diese Möglichkeit auch nur zu erwägen. Er ist einfach absolut festgefahren.

Aber was wäre, wenn Sie auch nur einen guten Grund finden könnten, der für die Umkehrung spräche? Sie könnten auf folgende Idee kommen: Vielleicht würde der neue Job Ihrem Freund zu großer Erfüllung verhelfen, und dadurch würde sich auch Ihre Beziehung verbessern. Wenn Sie auch nur die geringste Möglichkeit sehen, dass diese Überlegung wahr sein könnte, dann muss die Angst nachlassen. Seine Abwesenheit könnte Ihnen auch erlauben, mehr Zeit mit anderen Freunden zu verbringen oder Sport zu treiben oder den Kurs zu besuchen, für den Sie sich schon so lange interessieren. Vielleicht würde sein Umzug in eine reizvolle Stadt auch dazu führen, dass Sie ihn dort öfter besuchen oder sogar selbst dorthin ziehen – wer weiß? Sie müssen das alles nicht glauben oder entsprechend handeln  – es kann schon helfen, wenn Sie einfach einen Grund finden. Wahrscheinlich werden Sie staunen, welche Erleichterung damit verbunden ist, sich für die Möglichkeit zu öffnen, dass etwas, das Sie für so entsetzlich gehalten haben, am Ende gar nicht so schlimm ist.

Natürlich könnte es sein, dass Sie diese Übung nicht machen wollen, weil Sie glauben, sie würde genau das herbeiführen, was Sie fürchten. Im obigen Beispiel denken Sie vielleicht, wenn Sie sich auch nur einen Augenblick für den Umzug Ihres Freundes offen zeigen, dann würden Sie in Ihrer Abwehr geschwächt. Aber wenn Sie sich den Gedanken wirklich ansehen, dann ist das Gegenteil wahrscheinlicher: Wenn Leute eine furchtsame und starre Haltung einnehmen, dann lösen sie damit oft das aus, was sie eigentlich verhindern wollen. Umkehrungen eröffnen größere Freiräume. Sie erlauben Ihnen zu sehen, wie sich die Dinge auf friedliche Weise entwickeln können, weit über das hinaus, was Sie sich aus Ihrer Abwehrhaltung heraus vorgestellt haben.

Wenn jemand Schwierigkeiten hat, auch nur einen Grund zu finden, der für eine Umkehrung spricht (»Das ist ein entsetzlicher Rückschlag, und damit basta« oder: »Dabei könnte etwas Gutes herauskommen? Nie! Da würde ich nicht einmal im Traum dran denken!«), dann schlage ich demjenigen oft vor, drei Gründe dafür zu finden, dass die Umkehrung wahr sein könnte. Wenn Ihr Geist jede Bewegung verweigert, könnte es sich herausstellen, dass drei gute Gründe, sogar wenn sie Ihnen zunächst unsinnig oder bedeutungslos vorkommen, Sie aus Ihrem Schlammloch befreien und wieder zurück auf die Straße zu interessanten Möglichkeiten bringen.

 

 

Wie Sie Ihre Gedanken überprüfen

 

Nachdem Sie den Überblick gelesen haben, folgt nun die Anleitung:

 

1. Wenn Sie sich verstört, aufgeregt oder einfach unglücklich wegen einer Situation in der Gegenwart oder Vergangenheit fühlen, achten Sie auf die Gedanken, die Ihnen in diesem Zusammenhang durch den Kopf gehen, und schreiben Sie denjenigen auf, der im Augenblick am meisten wehtut. Wenn Sie überzeugt sind, dass es sich um ein Gefühl und nicht um einen Gedanken handelt, geben Sie dem Gefühl eine Stimme. Schreiben Sie als eine kurze, schlichte Aussage auf, was das Gefühl sagen würde, beispielsweise: »Er ist einfach weggegangen, und das heißt, dass ich ihm gleichgültig bin.« Schon das Aufschreiben des Gedankens, der Sie quält, ist ein kraftvoller Vorgang. Jetzt können Sie die Fragen stellen.


Nicht ich beherrsche meine
Gedanken; sie beherrschen mich –
bis ich sie überprüfe.


 

2. Fragen Sie sich selbst, ob das wahr ist: »Ich bin ihm gleichgültig – ist das wahr?« Fragen Sie nicht, ob der Gedanke dem entspricht, was man Ihnen gesagt hat oder was Sie erfahren haben. Denken Sie nicht darüber nach, wie das Leben sein sollte. (Er hat die Zeitung nicht weggelegt, als Sie in die Küche kamen; er hat nicht angerufen, um Ihnen zu sagen, dass er später nach Hause kommt; er hat das Haus verlassen, ohne sich von Ihnen zu verabschieden – aber können Sie daraus mit Sicherheit schließen, dass Sie ihm gleichgültig sind?) Lassen Sie sich nicht von der Stimme in Ihrem Kopf beeinflussen, die weiß, wie die Antwort lauten sollte. Die Frage ist, ob der Gedanke Ihrem inneren Wissen entspricht. Steht der Gedanke im Einklang mit Ihrem tiefsten Realitätssinn? Können Sie absolut sicher wissen, dass Sie ihm tatsächlich gleichgültig sind? (»Ich weiß es nicht« gilt hier genauso als Antwort wie »ja« oder »nein«.)

 

3. Untersuchen Sie, wie Sie leben, wenn Sie diesen Gedanken glauben. Bringt dieser Gedanke insgesamt mehr Frieden oder mehr Stress in Ihr Leben? Bringt er Sie den Menschen, die Sie lieben, näher, oder trennt er Sie von ihnen? Wie reagieren Sie, wenn Sie den Gedanken glauben: »Ich bin ihm gleichgültig«? Wie behandeln Sie ihn? Nehmen Sie sich Zeit für diesen Prozess. Machen Sie sich ein Bild von sich selbst, wie Sie den Gedanken glauben. Reagieren Sie mit Traurigkeit? Depression? Wut? Ziehen Sie sich von ihm zurück? Versuchen Sie, sein Interesse wiederzugewinnen? Geben Sie sich selbst die Schuld und fühlen sich als Versagerin? Greifen Sie zur Zigarette oder suchen Sie Trost im Kühlschrank? Seien Sie so präzise und detailliert wie möglich.

 

4. Untersuchen Sie, wie das Leben ohne diesen Gedanken sein würde. Benutzen Sie Ihre Vorstellungskraft, um sich einen kurzen Blick darauf zu gestatten, wer oder was Sie ohne diesen Gedanken wären. Suchen Sie nicht nach einem besseren Gedanken als Ersatz für den schmerzlichen. Leben Sie einfach eine Weile in dem Raum, der sich öffnet, wenn Sie Ihre Situation ohne den alten Gedanken betrachten. Nehmen Sie an, Sie wären zu diesem Gedanken gar nicht fähig. Wie würde sich das anfühlen? Sehen Sie Ihren Partner vor Ihrem geistigen Auge ohne den Gedanken: »Ich bin ihm gleichgültig.« Vielleicht sehen Sie dann einfach einen Mann, der völlig konzentriert seine Zeitung liest, der seine Frau liebt, aber ihr im Moment seine Aufmerksamkeit nicht zuwenden will. Ohne den Gedanken »Ich bin ihm gleichgültig« fällt es Ihnen möglicherweise leicht, sich darüber zu freuen, dass er seine Lektüre genießt.

 

5. Drehen Sie den Gedanken herum. Erwägen Sie gegenteilige Versionen des Gedankens. Wenn Sie eine bestimmte Umkehrung nicht für sinnvoll halten, dann halten Sie sich nicht weiter damit auf. Drehen Sie die ursprüngliche Aussage auf so viele Arten herum, wie Sie wollen, bis Sie die Umkehrungen finden, die am tiefsten gehen.

Mögliche Umkehrungen für »Ich bin ihm gleichgültig« sind: Er ist mir gleichgültig (wenn ich mich verletzt fühle, ziehe ich mich zurück oder werde wütend, und dann ist es mir gleichgültig, was er dabei empfindet).

Ich bin mir gleichgültig. (Ich kümmere mich nicht um mich selbst, wenn ich Krieg gegen jemanden führe, den ich liebe. Ich raube mir selbst meinen inneren Frieden. Ich versetze mich selbst in eine feindselige Situation, ich werde mir selbst zum Feind, ich verursache mir selbst eine Menge Stress und Traurigkeit. Das ist der Moment, wo Suchtverhalten wie Trinken, Rauchen oder Esssucht ins Spiel kommt.)

Ich bin ihm nicht gleichgültig. (Es könnte sein, dass er mich liebt und trotzdem schroff mit mir spricht. Es könnte sein, dass er mich liebt und mich trotzdem verlassen will.)

Fragen Sie sich, ob irgendeine der Umkehrungen genauso wahr oder sogar wahrer sein kann als Ihr ursprünglicher Gedanke, und wenn das so ist, dann finden Sie drei gute Beispiele, in denen die jeweilige Umkehrung wahr ist. Umkehrungen können Sie auf dramatische Weise von einem Gedanken befreien, vor allem, wenn Sie Ihren Glauben daran durch die zuvor geschilderten Schritte schon gelockert haben.

 

 

Vier Fragen und die Umkehrung:
die Kurzfassung von THE WORK

 

Wann immer ein Gedanke Sie bedrückt, werden diese vier Fragen und die Umkehrung Sie durch die Überprüfung leiten:

Ist das wahr?

Kann ich absolut sicher wissen, dass es wahr ist?

Wie reagiere ich auf diesen Gedanken?

Wer oder was wäre ich ohne diesen Gedanken?

Drehen Sie den Gedanken um und finden Sie drei gute Beispiele, in denen die jeweilige Umkehrung wahr oder wahrer ist als die ursprüngliche Aussage.

Mit dieser Kurzfassung können Sie beginnen. Wenn es irgendwelche Gedanken gibt, die Ihnen weiterhin Kummer machen, finden Sie eine ausführliche Anleitung zur Problemlösung im Kapitel »Weitere Werkzeuge für die Überprüfung«.