Cover

Das Buch

Ein geistesgestörter Serientäter richtet ein grauenhaftes Blutbad unter zwei Familien an. Indizien reihen sich an Indizien, ohne dass das FBI eine Verbindung zwischen den beiden Morden entdecken kann bis Sonderermittler Will Graham sich einschaltet. Seine Fähigkeit, sich in das Denken und Fühlen des Täters zu versetzen, hat schon den Massenmörder Hannibal Lecter hinter Gitter gebracht. Die Ermittler führen Graham auf die Spur eines missgestalteten, von schrecklichen Sexualphantasien getriebenen Mörders, der immer bei Vollmond zuschlägt. Drei Wochen stehen Graham noch zur Verfügung, dann ist es wieder soweit …

Der Autor

Thomas Harris, 1940 geboren, begann seine Karriere als Kriminalreporter in den USA und Mexiko, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Er ist Schöpfer der legendären Serienkiller-Figur Hannibal Lecter, die erstmals in dem Roman Roter Drache auftritt. Der internationale Bestseller Das Schweigen der Lämmer machte Thomas Harris schließlich weltberühmt, die Verfilmungen der Hannibal-Bücher wurden zu großen Erfolgen. Nach einer längeren Pause feiert Harris mit seinem Thriller Cari Mora ein sensationelles Comeback!

THOMAS

HARRIS

ROTER

DRACHE

THRILLER

AUS DEM AMERIKANISCHEN

VON SEPP LEEB

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Red Dragon bei Dell Publishing (Randomhouse Inc.), New York

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Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 06/2019

Copyright © 1981 by Yazoo Fabrications Inc.

Copyright © 1988/2019 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel unter Verwendung

von Motiven von Shutterstock.com

(DOLININAN, Nik Merkulov)

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN 978-3-641-21574-3
V004

www.heyne.de

Man kann nur sehen, worauf man seine Aufmerksamkeit

richtet, und man richtet seine Aufmerksamkeit

nur auf Dinge, die bereits einen Platz

im Bewusstsein einnehmen.

ALPHONSE BERTILLON

… Denn Gnade hat ein menschlich Herz,

Und Mitleid ein menschlich Antlitz,

Und Liebe, des Menschen göttliche Gestalt,

Und Friede, des Menschen Kleid.

WILLIAM BLAKE, Gesänge der Unschuld, ­(›Das göttliche Abbild‹)

Grausamkeit hat ein menschlich Herz,

Und Eifersucht ein menschlich Antlitz,

Schrecken, des Menschen göttliche Gestalt,

Geheimhaltung, des Menschen Kleid.

Des Menschen Kleid geschmiedet Eisen,

Des Menschen Form die flammende Esse,

Des Menschen Antlitz ein versiegelt Ofen,

Des Menschen Herz sein gier’ ger Schlund.

WILLIAM BLAKE, Gesänge der Erfahrung, ­(›Ein göttliches Abbild‹)*

*   Dieses Gedicht wurde erst nach Blakes Tod mit Abdrucken von Druckplatten von Gesänge der Erfahrung gefunden und ist deshalb nur in posthumen Ausgaben erschienen.

Vorwort zu einem verhängnisvollen Gespräch

Ich möchte Ihnen die Umstände schildern, unter denen ich Dr. Hannibal Lecter zum ersten Mal begegnet bin.

Im Herbst 1979 kehrte ich aufgrund eines Krankheitsfalls in der Familie ins Mississippi Delta zurück und blieb dort achtzehn Monate. Ich arbeitete an Roter Drache. Freundlicherweise stellte mir mein Nachbar in dem Dorf Rich ein Shotgun-Haus (Südstaatenbezeichnung für ein Haus, in dem sämtliche Zimmer in einer Reihe angeordnet sind, so dass man praktisch mit einer Flinte durchs ganze Haus schießen könnte) inmitten eines riesigen Baumwollfelds zur Verfügung, und dort arbeitete ich, oft nachts.

Wenn man einen Roman schreibt, beginnt man mit dem, was man sehen kann, und dann fügt man hinzu, was davor und was danach kam. Hier, im Dorf Rich in Mississippi, wo ich unter schwierigen Bedingungen arbeitete, konnte ich den Ermittler Will Graham sehen, wie er sich im Haus der ermordeten Familie, in dem Haus, in dem sie alle gestorben waren, die 8mm-Filme der toten Familie ansah. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wer die Verbrechen beging. Ich versuchte, es herauszufinden, zu sehen, was davor kam und was danach. Ich ging mit Will im Dunkeln durch das Haus, den Tatort, und konnte nicht mehr und nicht weniger sehen, als er sehen konnte.

Manchmal ließ ich nachts in meinem kleinen Haus die Lichter an und ging über die flachen Felder. Wenn ich aus einiger Entfernung zurückschaute, sah das Haus aus wie ein Schiff auf hoher See und ringsum die unermessliche Deltanacht.

Bald schloss ich Bekanntschaft mit den halbwilden Hunden, die mehr oder weniger in einem Rudel durch die Felder streunten. Einige von ihnen hatten unverbindliche Abmachungen mit den Farmarbeiterfamilien, aber die meiste Zeit mussten sie sich selbst versorgen. In den schweren Wintermonaten, als der Boden gefroren und trocken war, fing ich an, ihnen Hundefutter zu geben, und bald verdrückten sie davon gut zwanzig Kilo pro Woche. Sie folgten mir überallhin, und sie waren ein umfangreiches Gefolge – große Hunde, kleine Hunde, relativ brave Hunde und große, grobe Hunde, die man nicht anfassen durfte. Sie waren nachts auf den Feldern mit mir unterwegs, und wenn ich sie nicht sehen konnte, konnte ich sie um mich herum hören, wie sie in der Dunkelheit atmeten und hechelten. Wenn ich im Haus arbeitete, warteten sie auf der Eingangsveranda, und bei Vollmond heulten sie.

Wenn ich mitten in der Nacht staunend auf den riesigen Feldern vor meinem Haus stand, um mich herum die Geräusche leisen Atmens, mein Blick noch von der Schreibtischlampe getrübt, versuchte ich zu erkennen, was am Tatort passiert war. Alles, was an mein schwaches Sehvermögen drang, waren Schemen, Andeutungen, ein gelegentliches Schimmern, wenn eine nicht menschliche Netzhaut den Mond reflektierte. So viel stand fest, etwas war passiert. Dazu müssen Sie wissen, dass man nichts erfindet, wenn man einen Roman schreibt. Es ist alles da, man muss es nur finden.

Will Graham musste jemanden fragen, er brauchte Hilfe, und er wusste es. Er wusste, wohin er gehen musste, schon lange, bevor er sich daran zu denken gestattete. Ich wusste, dass Graham bei einem früheren Fall schwer verletzt worden war. Ich wusste, dass es ihm zutiefst zuwider war, die beste Quelle, die er hatte, um Rat zu fragen. Damals erwuchsen auch mir selbst jeden Tag schmerzhafte Erinnerungen, und bei meiner abendlichen Arbeit konnte ich gut mit Graham fühlen.

Deshalb begleitete ich ihn mit recht gemischten Gefühlen ins Baltimore State Hospital für geistesgestörte Straftäter, und dort trafen wir, bevor wir uns an die Arbeit machen konnten, ärger­licherweise auf die Sorte Trottel, die Sie aus Ihrem eigenen Alltag zur Genüge kennen – Dr. Frederick Chilton, der uns zwei oder drei endlose Tage aufhielt.

Ich stellte fest, dass ich Chilton bei brennendem Licht im Haus lassen und, umgeben von meinen Freunden, den Hunden, aus dem Dunkeln zu ihm hineinschauen konnte. Ich war dann unsichtbar dort draußen in der Dunkelheit, so, wie ich für meine Figuren unsichtbar bin, wenn ich im selben Zimmer mit ihnen bin und sie mit wenig oder gar keiner Unterstützung meinerseits ihr Schicksal bestimmen.

Endlich fertig mit dem lästigen Chilton, gingen Graham und ich in die Station für die Gewalttätigen, und die Stahltür schlug mit einem schrecklichen Krachen hinter uns zu.

Als Will Graham und ich uns Dr. Lecters Zelle näherten, war Graham verkrampft, und ich konnte seine Angst riechen. Ich dachte, Dr. Lecter schliefe, und ich zuckte zusammen, als er Will Graham an seinem Geruch erkannte, ohne die Augen zu öffnen.

Ich genoss die Immunität, die ich bei der Arbeit immer habe, meine Unsichtbarkeit für Chilton und Graham und das Personal, aber in Dr. Lecters Anwesenheit fühlte ich mich nicht wohl, ich war mir nicht sicher, ob mich der Doktor tatsächlich nicht sehen konnte.

Wie Graham fand – und finde – ich den musternden Blick Dr. Lecters unangenehm, aufdringlich, wie das Summen in den Gedanken, wenn sie einem den Kopf röntgen. Grahams Gespräch mit Dr. Lecter verlief rasch, in Echtzeit wie ein Klingenkreuzen, und während ich ihm folgte, gerieten meine hektischen Notizen auf den Rand und auf jede Oberfläche, die sich auf ­meinem Tisch gerade zuoberst befand. Ich war ausgelaugt, als es vorbei war – das Scheppern und das Geheul, das zu einer Nervenheilanstalt gehört, blieb weiter in meinem Kopf, und auf der Veranda meines Hauses in Rich jaulten dreizehn Hunde, die mit geschlossenen Augen, die Köpfe dem Vollmond entgegengereckt, dasaßen. Die meisten von ihnen jodelten ihren einzigen Vokal zwischen O und U, ein paar summten bloß mit.

Ich musste Grahams Gespräch mit Dr. Lecter hundert Mal durchgehen, um es zu verstehen und das überflüssige Rauschen auszublenden, die Gefängnisgeräusche, das Schreien der Verdammten, derentwegen manche der Wörter schwer zu hören gewesen waren.

Ich wusste immer noch nicht, wer die Verbrechen beging, aber ich wusste zum ersten Mal, dass wir es herausfinden würden und dass wir bei ihm ankommen würden. Außerdem wusste ich, für dieses Wissen würden andere im Buch einen schrecklich, vielleicht sogar tragisch, hohen Preis zahlen. Und so kam es auch.

Jahre später, als ich Das Schweigen der Lämmer begann, wusste ich nicht, dass Dr. Lecter zurückkehren würde. Ich hatte die Figur der Dahlia Iyad in Schwarzer Sonntag immer gemocht und wollte einen Roman mit einer starken Frau als Hauptfigur schreiben. Deshalb begann ich mit Clarice Starling und stellte schon nach weniger als zwei Seiten fest, dass sie den Doktor aufsuchen musste. Ich bewunderte Clarice Starling enorm, und ich glaube, ich empfand so etwas wie Eifersucht angesichts der Leichtig­keit, mit der Dr. Lecter in ihr Innerstes sah, während es mir so schwer fiel.

Bis ich anfing, die Ereignisse in Hannibal aufzuzeichnen, hatte der Doktor zu meiner Überraschung ein Eigenleben entwickelt. Offensichtlich fanden Sie ihn genauso seltsam einnehmend wie ich.

Ich hatte Angst davor, Hannibal zu machen, hatte Angst vor der persönlichen Beanspruchung und Abnutzung, Angst vor den Möglichkeiten, die ich zu berücksichtigen hätte, Angst um Starling. Am Ende ließ ich sie los, wie man Figuren loslassen muss, ließ Dr. Lecter und Clarice Starling gemäß ihrem Wesen den Lauf der Dinge bestimmen. Dabei spielt ein gewisses Maß an Höflichkeit mit.

Wie ein Sultan einmal sagte: Ich halte keine Falken – sie leben mit mir.

Als ich im Winter 1979 das Baltimore State Hospital für geistesgestörte Straftäter betrat und die schwere Metalltür krachend hinter mir zuschlug, hatte ich keine Ahnung, was am Ende des Korridors wartete, wie selten wir das Geräusch erkennen, wenn das Schloss unseres Schicksals zuschnappt.

T.H.

Miami, Januar 2000

1

Will Graham ließ Crawford an dem Gartentisch zwischen dem Haus und dem Meer Platz nehmen und bot ihm ein Glas Eis­tee an.

Jack Crawford betrachtete das schöne alte Haus, dessen Holz in dem klaren Licht salzversilbert schimmerte. »Ich hätte dich besser in Marathon abfangen sollen, als du nach der Arbeit nach Hause fuhrst«, begann er. »Ich kann mir gut vorstellen, dass du hier nicht darüber sprechen willst.«

»Ehrlich gestanden, möchte ich nirgendwo über die Sache sprechen, Jack. Doch nachdem sich dies nun einmal leider nicht umgehen lässt, bringen wir es besser gleich hinter uns. Komm mir bitte nicht mit irgendwelchen Fotos. Falls du welche mitgebracht hast, lässt du sie bitte in deinem Aktenkoffer. Molly und Willy werden nämlich gleich zurück sein.«

»Wieviel weißt du bereits?«

»Nur, was im Miami Herald und in der Times stand«, erwiderte Graham. »Zwei Familien, die im Abstand von einem Monat in ihren Häusern ermordet wurden. In Birmingham und Atlanta. Die Umstände waren sehr ähnlich.«

»Nicht nur ähnlich – vollkommen identisch.«

»Wie viele Personen haben sich bisher zu der Tat bekannt?«

»Heute Nachmittag waren es achtundsechzig«, erklärte Crawford. »Lauter Irre. Keiner wusste über Einzelheiten Bescheid. Er hat die Spiegel im Haus zerschlagen und dann die Scherben verwendet. Keiner unter den angeblichen Tätern wusste das.«

»Welche Informationen habt ihr der Presse sonst noch vorenthalten?«

»Er ist blond, Rechtshänder und außergewöhnlich stark; hat Schuhnummer elf, versteht mit einer Buline umzugehen und hinterlässt keine Fingerabdrücke. Offensichtlich trägt er bei der Arbeit Handschuhe.«

»Das hast du bei deinem letzten Fernsehauftritt gesagt.«

»Mit Türschlössern hat er dagegen etwas Schwierigkeiten«, fuhr Crawford unbeirrt fort. »Beim letzten Mal ist er mit Hilfe eines Glasschneiders und eines Saughalters in das Haus eingedrungen. Ach ja, und seine Blutgruppe ist AB positiv.«

»Hat ihn denn jemand verletzt?«

»Nicht, dass wir wüssten; darauf konnten wir aufgrund der Untersuchung seines Spermas und seines Speichels schließen.« Crawford ließ seine Blicke über das ruhige Meer schweifen. »Will, ich muss dich etwas fragen. Du hast natürlich in der Zeitung dar­über gelesen. Über den zweiten Fall wurde auch im Fernsehen ausführlich berichtet. Hast du eigentlich je in Erwägung gezogen, mich anzurufen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Über den ersten Vorfall in Birmingham wurden anfänglich kaum Einzelheiten veröffentlicht. Es hätte alles Mögliche sein können – Rache, eine familiäre Auseinandersetzung.«

»Aber nach dem zweiten wusstest du doch, worum es sich dabei handelt?«

»Natürlich. Ein Psychopath. Ich hab’ dich nicht angerufen, weil ich nicht wollte. Zudem weiß ich, wer diesen Fall bereits für dich übernommen hat. Ihr habt das beste Labor. Außerdem kannst du auf Leute wie Heimlich in Harvard zurückgreifen, oder auf Bloom an der University of Chicago –«

»Und auf dich, wenn du hier unten nicht diese verdammten Bootsmotoren reparieren müsstest.«

»Ich glaube nicht, dass ich dir in dieser Sache von allzu großem Nutzen sein könnte, Jack. Das ist für mich endgültig aus und vorbei.«

»Tatsächlich? Immerhin hast du doch zwei geschnappt. Die letzten zwei, derer wir uns annehmen mussten, hast du gefasst.«

»Na und? Ich habe nichts anderes getan, als du und deine Leute auch getan hätten.«

»Das ist nicht ganz richtig, Will. Es ist deine Art zu denken.«

»Na, ich weiß nicht, was daran so Großartiges sein soll.«

»Du hast immerhin einige Schlüsse gezogen, die du uns nie erklärt hast.«

»Aber ihr hattet doch die Beweise vorliegen«, hielt Graham dem entgegen.

»Gewiss. Wir hatten die Beweise vorliegen. Eine ganze Menge sogar – aber erst danach. Doch zuvor hatten wir so wenig, dass wir nicht einmal ausreichend Gründe für einen Haftbefehl vorweisen hätten können.«

»Ihr habt durchaus fähige Leute, die das für euch erledigen werden, Jack. Ich glaube nicht, dass ich eine nennenswerte Verstärkung darstellen würde. Außerdem habe ich mich hierher zurückgezogen, um endlich von all dem loszukommen.«

»Ich weiß. Beim letzten Mal hast du erhebliche Verletzungen davongetragen. Ich muss jedoch sagen, dass du mittlerweile wieder einen blendenden Eindruck machst.«

»Mit mir ist alles wieder in Ordnung. Aber es ist nicht, weil es mich mal erwischt hat – das ist dir schon genauso passiert.«

»Mag sein, aber in dem Maß hat es mich keineswegs erwischt.«

»Trotzdem war das nicht der Grund aufzuhören. Plötzlich wollte ich einfach nicht mehr. Allerdings glaube ich nicht, dass ich das erklären kann.«

»Wenn du den Anblick nicht mehr ertragen könntest, ich könnte es, weiß Gott, verstehen.«

»Auch das ist es nicht. Das Hinsehen-Müssen ist immer schlimm, aber solange sie nur tot sind, schafft man das schon irgendwie. Die Krankenhausbesuche, die Gespräche – das ist wesentlich schlimmer. Man muss das von sich abschütteln und den Verstand weiter gebrauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jetzt dazu in der Lage wäre. Ich könnte mich dazu bringen hinzusehen, aber ich würde mein Denken ausschalten.«

»Die sind alle tot, Will«, sagte Crawford so behutsam wie möglich.

Jack Crawford hörte den Rhythmus und die Syntax seiner eige­nen Sprechweise in Grahams Stimme. Er hatte mehrfach schon die Erfahrung gemacht, dass Graham im Verlauf eines intensiven Gesprächs häufig die Sprechweise seines Gegenübers übernahm. Erst hatte Crawford gedacht, er täte dies absichtlich, als handelte es sich dabei um eine Art Trick, um einen engeren Kontakt mit dem Gesprächspartner herzustellen.

Doch später wurde Crawford bewusst, dass Graham dies unwillkürlich tat und dass er es manchmal sogar zu unterdrücken versuchte, jedoch ohne Erfolg.

Crawford griff in seine Jackentasche, holte zwei Fotos daraus hervor und schob sie mit der Bildseite nach oben über den Tisch.

»Alle tot«, bemerkte er dazu.

Graham starrte Crawford erst einen Moment lang an, bevor er nach den Fotos griff.

Es waren ganz gewöhnliche Schnappschüsse – eine Frau, die, gefolgt von drei Kindern und einer Ente, einen Picknickkorb das Ufer eines Teichs hinauftrug; und eine Familie, die sich um eine Torte gruppiert hatte.

Nach einer halben Minute legte er die Fotos auf den Tisch ­zurück. Er schob sie behutsam übereinander und ließ seine Blicke dann zum Strand hinunterschweifen, wo der Junge am Boden kauerte und irgendetwas im Sand beobachtete. Die Frau stand daneben und sah ihm dabei zu; eine Hand ruhte auf ihrer Hüfte, und die auslaufenden Wellen umschäumten ihre Fußgelenke. Dann beugte sie sich landwärts, um ihr feuchtes Haar von ihren Schultern zu schütteln.

Ohne seinem Gast die geringste Beachtung zu schenken, betrachtete Graham seine Frau Molly und den Jungen nun ebenso lange, wie er vorher die Fotos angesehen hatte.

Crawford war zufrieden. Mit derselben Sorgfalt, die er auf die Wahl ihres Treffpunkts verwendet hatte, verbot er nun auch ­seiner Zufriedenheit, sich in seiner Miene widerzuspiegeln. Er glaubte Graham am Haken zu haben. Jetzt galt es nur noch zu warten.

Drei bemerkenswert hässliche Hunde tappten auf sie zu und ließen sich um den Tisch herum zu Boden plumpsen.

»Mein Gott«, entfuhr es Crawford.

»Vermutlich sollen das Hunde sein«, erläuterte Graham. »Ständig setzen die Leute hier junge Hunde aus. Diejenigen, die ganz süß aussehen, kann ich in der Regel weggeben. Die weniger ansehnlichen bleiben uns dann und werden langsam größer.«

»Hunger zu leiden scheinen sie ja zumindest nicht.«

»Molly zieht herrenlose Hunde an wie ein Magnet.«

»Ein schönes Leben hast du hier, Will. Mit Molly und dem Jungen. Wie alt ist er eigentlich?«

»Elf.«

»Ein verdammt gut aussehender Bengel. Er wird sicher mal größer als du.«

Graham nickte. »Sein Vater war es ja auch. Es geht mir wirklich gut hier. Das sage ich mir immer wieder.«

»Ich wollte eigentlich Phyllis mitbringen. Florida. Mich schon mal nach einem schönen Plätzchen umsehen, wenn ich in Pension gehe und endlich mal aufhöre, ein Leben zu führen wie ein Grottenolm. Sie sagt, alle ihre Bekannten leben in Arlington.«

»Ich wollte mich eigentlich schon die ganze Zeit für die Bücher bedanken, die sie mir ins Krankenhaus geschickt hat, aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen. Übernimm du das bitte für mich.«

»Ich werd’s ihr ausrichten.«

Zwei kleine bunte Vögel ließen sich in der Hoffnung, ein paar Brösel aufpicken zu können, auf dem Tisch nieder. Crawford beobachtete, wie sie eine Weile darauf herumhüpften und schließlich wieder davonflogen.

»Will, dieser Irre scheint so etwas wie mondsüchtig zu sein. Die Jacobis in Birmingham hat er am achtundzwanzigsten Juni, einem Samstag, bei Vollmond ermordet. Die Familie Leeds in ­Atlanta vorgestern Nacht, am sechsundzwanzigsten Juli. Das ist ein Tag vor dem vollen Ablauf einer Mondphase. Wenn wir also Glück haben, bleiben uns etwas mehr als drei Wochen, bevor er das nächste Mal zuschlägt.

Ich kann mir nun beim besten Willen nicht vorstellen, dass du hier unten in den Keys einfach tatenlos zusehen wirst, Will, bis du im Miami Herald vom nächsten Mord liest. Ich bin ja nun, weiß Gott, nicht der Papst, um zu sagen, was du zu tun und zu lassen hast, Will, aber eines möchte ich dich doch fragen: Bist du einer Meinung mit mir, was meine Einschätzung der Lage betrifft?«

»Ja.«

»Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ihn eher fassen können, wenn du dich bereit erklärst, mit uns zusammenzuarbeiten. Ich bitte dich, Will, hilf uns. Komm nach Atlanta und Birmingham, sieh dir das Ganze aus nächster Nähe an und komm dann nach Washington.«

Graham gab ihm keine Antwort.

Crawford wartete, bis fünf Wellen über den Strand geschwappt waren, um dann aufzustehen und sich seine Anzugjacke über die Schulter zu werfen. »Wir können ja am Abend noch mal darüber sprechen.«

»Bleib doch zum Essen.«

Crawford schüttelte den Kopf. »Ich komme später noch einmal zurück. Sicher warten im Holiday Inn inzwischen einige dringende Nachrichten auf mich; ich werde mich erst noch eine Weile hinters Telefon klemmen müssen. Sag Molly trotzdem herzlichen Dank für die Einladung.«

Crawfords Mietwagen wirbelte eine Wolke aus feinem Staub auf, der sich auf die Büsche zu beiden Seiten der unbefestigten Zufahrt niederließ.

Graham kehrte an den Tisch im Garten zurück. Er hatte Angst, dass er sich genau so an das Ende von Sugarloaf Key erinnern würde – in zwei Teegläsern schmelzende Eiswürfel, Papierservietten, die durch die Brise vom massiven Redwoodtisch flattern, und Molly und Willy unten am Strand.

Sonnenuntergang auf Sugarloaf, die Reiher ruhig und die rote Sonne immer größer werdend.

Ihre Gesichter von der untergehenden Sonne in kräftiges Orange getaucht, die Rücken in violettem Schatten, saßen Will Graham und Molly Foster Graham auf einem vom Meer ausgebleichten, angeschwemmten Baumstamm. Sie ergriff seine Hand.

»Crawford hat mich kurz im Laden aufgesucht«, begann sie, »bevor er hier rausgekommen ist. Er hat sich nach dem Weg erkundigt. Ich habe versucht, dich anzurufen. Zumindest ab und zu solltest du ans Telefon gehen. Wir haben den Wagen gesehen, als wir nach Hause gekommen sind, und sind gleich an den Strand hinuntergegangen.«

»Was hat er dich sonst noch gefragt?«

»Wie es dir geht.«

»Und was hast du gesagt?«

»Es ginge dir blendend, und er solle dich um Himmels willen in Frieden lassen. Was will er von dir?«

»Dass ich mir Beweismaterial ansehe. Ich bin Spezialist für gerichtsmedizinische Untersuchungen, Molly. Du hast doch selbst mein Diplom gesehen.«

»Das einzige, was ich davon gesehen habe, war, wie du damit einen Riss in der Tapete zugekleistert hast.« Sie setzte sich rittlings auf den Baumstamm und sah ihn an. »Wenn du das vermissen würdest, was du früher getan hast, nehme ich doch an, dass du öfter darüber sprechen würdest. Aber das tust du doch nie. Du bist inzwischen so offen und ruhig und optimistisch … ich finde das wunderbar.«

»Wir verbringen doch eine wirklich schöne Zeit miteinander, oder nicht?«

Ihr kurzes Blinzeln verriet ihm, dass er den Sachverhalt wohl mit etwas mehr Begeisterung hätte darstellen können. Doch bevor er dieses Versäumnis wiedergutmachen konnte, fuhr sie fort.

»Was du für Crawford getan hast, war nicht gut für dich. Er hat doch eine Menge anderer Leute, die ihm helfen – vermutlich sogar die ganze bescheuerte Regierung. Warum kann er dann uns nicht in Frieden lassen?«

»Hat Crawford dir das nicht erzählt? Er war in den beiden Fällen, in denen ich der FBI-Akademie den Rücken gekehrt habe, um mich mal wieder in den Außendienst zu stürzen, mein Supervisor. Und diese zwei Fälle waren die einzigen ihrer Art, die ihm je untergekommen sind, wobei gesagt werden muss, dass Jack schon verdammt lange im Geschäft ist. Und jetzt liegt neuerlich ein solcher Fall vor. Diese Sorte Psychopathen treten sehr selten in Erscheinung. Und Jack weiß, dass ich mit sowas – na ja – Erfahrung habe.«

»Das kann man wohl sagen«, schnaubte Molly aufgebracht. Sein Hemd war aufgeknöpft und gab den Blick auf die schleifenförmige Narbe auf seinem Bauch frei. Sie war einen Finger breit und hob sich leicht von der Hautoberfläche ab, und sie bräunte sich nie wie seine übrige Haut. Sie verlief von seinem linken Hüftknochen über seinen Bauch bis zum linken unteren Teil seines Brustkorbs.

Die Verletzung hatte ihm Dr. Hannibal Lecter mit einem Stanley-Messer beigebracht. Das war ein Jahr, bevor Molly Graham kennengelernt hatte, und es hätte ihn um ein Haar das Leben gekostet. Dr. Lecter, der sich in der Regenbogenpresse als ›Hannibal der Kannibale‹ einen Namen gemacht hatte, war der zweite Psychopath, den Graham gefasst hatte.

Nach seiner Entlassung aus der Klinik hatte Graham beim ­Federal Bureau of Investigation seinen Abschied eingereicht. Er zog von Washington nach Florida, wo er auf einer kleinen Bootswerft in Marathon auf den Keys eine Stellung als Mechaniker fand. Bis er Molly kennenlernte und in ihr herrliches altes Haus auf Sugarloaf Key zog, wohnte er in der Nähe der Bootswerft in einem Wohnwagen.

Nun setzte auch er sich rittlings auf den angeschwemmten Baumstamm und fasste Molly an beiden Händen. Ihre Füße hatten sich unter den seinen in den Sand gewühlt.

»Weißt du, Molly, Crawford denkt, ich hätte irgendwie einen besonderen Draht zu diesen Irren. Das ist bei ihm fast eine Art Aberglauben.«

»Hängst du dem denn auch an?«

Graham beobachtete drei Pelikane, die in einer Reihe über das von der Ebbe freigelegte Watt flogen. »Ein intelligenter Psychopath – vor allem ein Sadist – ist aus verschiedenen Gründen nur sehr schwer zu fassen. Erstens besteht kein erkennbares Motiv, womit bereits ein wichtiger Anhaltspunkt fehlt. Darüber hinaus können einem in solch einem Fall auch die üblichen Polizeiinformanten nicht weiterhelfen. Du machst dir keine Vorstellung, wie viele Festnahmen die Polizei vorwiegend aufgrund von Informationen aus einschlägigen Kreisen vornimmt. Aber das fällt in ­einem Fall wie diesem von vornherein flach. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass nicht einmal der Täter selbst weiß, dass er die Tat begangen hat. Demnach muss man auf sämtliche vorhandenen Anhaltspunkte zurückgreifen und versuchen, sich mit ihrer Hilfe in seine Denkweise und Vorstellungswelt hineinzuversetzen. Man versucht, bestimmte Grundmuster herauszuarbeiten.«

»Um sich auf seine Spur zu begeben und ihn aufzuspüren«, fiel Molly ein. »Ich habe Angst um dich. Falls du dich tatsächlich dar­auf einlässt, diesen Irren – oder wie auch immer du diesen Menschen nennen willst – zu jagen, habe ich einfach Angst, dass dir dabei ähnliches widerfahren wird wie beim letzten Mal.«

»Er wird mich nie zu Gesicht bekommen oder auch nur meinen Namen erfahren, Molly. Ihn zu fassen ist doch Aufgabe der Polizei und nicht meine, falls wir ihm je auf die Schliche kommen sollten. Crawford ist hauptsächlich an meiner anderen Betrachtungsweise interessiert.«

Sie beobachtete, wie die rote Sonne ins Meer tauchte. Darüber erglühten hohe Cirruswolken.

Graham liebte ihre Art, den Kopf zu drehen, ihm in aller Bescheidenheit ihre weniger vorteilhafte Gesichtshälfte zuzuwenden. Er konnte das Schlagen des Pulses an ihrem Hals sehen und glaubte mit einem Mal in aller Deutlichkeit, den Geschmack von Salz auf ihrer Haut zu spüren. Er schluckte, als er hervorstieß: »Was soll ich denn tun?«

»Wozu du dich bereits entschlossen hast. Wenn du hier bliebst und es zu weiteren Morden käme, würde dir dies vielleicht die Freude an diesem Ort vergällen. High Noon und dieser ganze Unsinn. Falls es so ist, war deine Frage keine wirkliche.«

»Und wenn ich dich wirklich fragen würde – was würdest du antworten?«

»Bleib hier bei mir. Bei mir und Willy. Natürlich würde ich ihn ins Spiel bringen, wenn ich wüsste, es hätte einen Sinn. Aber ich soll mir ja doch nur die Tränen abwischen und dir dann mit dem nassgeweinten Taschentuch hinterherwinken. Und falls irgendetwas schiefgeht, werde ich die Genugtuung haben, dass du das Richtige getan hast. Und davon werde ich mir dann auch verdammt viel kaufen können.«

»Aber ich stünde dabei doch nie in vorderster Front.«

»Ich kenne dich doch. Natürlich tätest du das. Ich bin wohl sehr egoistisch, wie?«

»Darum geht es nicht.«

»Ich weiß. Es ist so anregend und schön hier. Aber oft weiß man dieses Glück erst zu schätzen, wenn es zu spät ist.«

Er nickte.

»Ich will dieses Glück weder so noch so verlieren«, fuhr sie fort.

»Das werden wir auch nicht – weder so noch so.«

Rasch brach die Dunkelheit herein, und dicht über dem Horizont wurde im Südwesten Jupiter sichtbar.

Unter dem aufgehenden, noch fast vollen Mond gingen sie gemeinsam zum Haus zurück. Weit draußen, jenseits des Watts, sprangen Köderfische um ihr Leben.

Nach dem Abendessen kam Crawford zurück. Um weniger förmlich zu wirken, hatte er Jackett und Krawatte abgelegt und die Hemdsärmel hochgekrempelt. Molly fand seine dicken, bleichen Unterarme widerlich. In ihren Augen sah er aus wie ein neunmalkluger Affe. Sie servierte ihm unter dem Ventilator auf der Veranda Kaffee und leistete ihm Gesellschaft, während Graham und Willy die Hunde füttern gingen. Sie saß stumm neben ihm. Motten flatterten kaum hörbar gegen das Fliegengitter.

»Er sieht gut aus, Molly«, brach Crawford das Schweigen. »Was auf Sie natürlich keineswegs weniger zutrifft – schlank und braungebrannt.«

»Sie werden ihn doch von hier wegholen, ganz egal was ich sagen werde, oder nicht?«

»Ja. Ich kann nicht anders: Mir bleibt keine andere Wahl. Aber ich schwöre Ihnen, bei allem, was mir heilig ist, Molly, dass ich es ihm so einfach machen werde wie nur irgend möglich. Er hat sich sehr verändert. Ich finde es großartig, dass Sie beide geheiratet haben.«

»Es geht zusehends aufwärts mit ihm. Er hat diese Träume nicht mehr so oft. Eine Weile war er ganz versessen auf die Hunde; inzwischen sorgt er nur noch für sie. Jedenfalls redet er nicht mehr ständig über sie. Sie sind doch sein Freund, Jack. Warum können Sie ihn nicht in Frieden lassen?«

»Weil er das Pech hat, der Beste seines Fachs zu sein. Weil er nicht wie andere Leute denkt. Irgendwie hat sich sein Denken nie festgefahren.«

»Er meint, Sie wollen, dass er sich Beweismaterial ansieht.«

»Genau das will ich auch von ihm. Niemand versteht sich dar­auf besser als er. Aber darüber hinaus verfügt er über Vorstellungskraft, Fantasie und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, oder wie auch immer Sie es nennen wollen. Allerdings ist er darüber nicht gerade glücklich.«

»Das wären auch Sie nicht, wenn Sie sie hätten. Versprechen Sie mir zumindest eines, Jack. Versprechen Sie mir, dass er nicht in vorderster Front stehen wird. Wenn er sich nochmals auf einen Kampf einlassen müsste, könnte das seinen Tod bedeuten.«

»Er wird nicht kämpfen müssen. So viel kann ich Ihnen jetzt schon versprechen.«

Als Graham die Hunde versorgt hatte, half ihm Molly packen.