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Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß

PHILOSOPHIE / WISSENSCHAFTSTHEORIE

  WAS IST DER MENSCH?

  WEM GEHÖRT DAS STERBEN?

  GRENZEN DES WISSENS UND DER WISSENSCHAFT

  GLANZ UND ELEND DER GEISTESWISSENSCHAFTEN

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2011, München/Grünwald

www.komplett-media.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

Inhaltsverzeichnis

WAS IST DER MENSCH?

Von der Metaethik zur angewandten Ethik

Wissenschaft auf dem Wege ins Inhumane?

Der Mensch, das nicht festgestellte Wesen

Vernunft, Person, Würde

Conditio humana

Schlussbemerkung

WEM GEHÖRT DAS STERBEN?

Endlichkeit und Vollkommenheit

Gestalten des Lebens

Das Verfügbare und das Unverfügbare

Würde

Wem gehört das Sterben?

GRENZEN DES WISSENS UND DER WISSENSCHAFT

Ende der Wissenschaft

Die Wissenskugel

Wissenschaftstheoretische Reflexionen

Ökonomische und ethische Grenzen

Lob der Unvollkommenheit

GLANZ UND ELEND DER GEISTESWISSENSCHAFTEN

Die Teilung der Welt

Selbstzweifel

Alle Wissenschaft ist Geisteswissenschaft

Die kulturelle Form der Welt

Schlussbemerkung

Vorwort

Wissen hat heute Konjunktur. Das gilt auch für das wissenschaftliche Wissen. Wissenschaft, vor allem in ihren naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Teilen, steht hoch im Kurs, und die Gesellschaft gefällt sich in der Selbstbeschreibung als Wissensgesellschaft. Unter dieser ist eine Gesellschaft zu verstehen, die erstens über einen klaren Wissensbegriff verfügt, die zweitens ihre Entwicklung und damit ihre Zukunft auf die Leistungsfähigkeit des wissenschaftlichen Verstandes setzt, daher auch drittens im Wissen ihre wesentliche ökonomische Produktivkraft erkennt und im übrigen viertens zwischen Verstand, als Ausdruck eines Verfügungswissens, und Vernunft, als Ausdruck eines Orientierungswissens, klug zu unterscheiden weiß.

In Teilen trifft eine derartige Beschreibung auf die gegenwärtigen Verhältnisse wohl zu, vor allem dort, wo sich das Wissen mit dem Ökonomischen verbindet, in Teilen aber auch nicht, nämlich dort, wo es um einen klaren Wissensbegriff (etwa in Unterscheidung zum Informationsbegriff) geht sowie um die unterschiedlichen Rollen von Verstand, der, z.B. als wirtschaftender Verstand, alles beherrscht, und Vernunft, von der wir uns, auch im Wechselspiel von Wissen und Ökonomie, Orientierung, reflektierte Orientierung versprechen. Diese Situation macht sowohl ein Nachdenken über Wissenschaft und ihre Leistungsfähigkeit als auch ein Nachdenken über den Menschen in einer Wissenswelt und über die sie bevölkernde (schon existierende oder erst werdende) Wissensgesellschaft erforderlich.

Die vier hier wiedergegebenen Vorlesungen widmen sich einem solchen Nachdenken unter jeweils besonderen Aspekten. So werden in der ersten Vorlesung anthropologische und ethische Betrachtungen über die Situation des Menschen in einer Wissenswelt angestellt, die in mancher Hinsicht auf dem Wege ins Inhumane zu sein scheint. Konkretisiert wird dies in der zweiten Vorlesung anhand des Um-ganges mit dem Sterben. Die dritte Vorlesung fragt nach den Grenzen des Wissens und der Wissenschaft, und dies unter sowohl wissenschaftstheoretischen als auch ethischen und ökonomischen Gesichtspunkten. Dem besonderen Status, der hierbei den Geisteswissenschaften zukommt bzw. zukommen sollte, geht schließlich die vierte Vorlesung nach, indem sie sich mit einer in vieler Hinsicht irreführenden Zwei-Kulturen-Vorstellung, Selbstzweifeln der Geisteswissenschaften, aber auch mit deren eigentlichen Aufgaben befaßt, wenn es darum geht, die kulturelle Form der Welt, die auch Wissenschaft und Leben wieder zusammenbringt, zu begreifen.

Alle vier Vorlesungen stützen sich zu großen Teilen auf bereits publizierte Überlegungen. Für Was ist der Mensch?: Machen wir uns selbst? Über die biologische und die kulturelle Natur des Menschen, in: D. Lorenz (Ed.), Rechtliche und ethische Fragen der Reproduktionsmedizin, Baden-Baden (Nomos Verlagsgesellschaft) 2003, 39–48; Das “nicht festgestellte Wesen”. Der Mensch zwischen Endlichkeit und Vollkommenheit, in: H. Schmidinger/C. Sedmak (Eds.), Der Mensch – ein “animal rationale”? Vernunft – Kognition – Intelligenz, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2004, 20–31. Für Wem gehört das Sterben?: Wem gehört das Sterben?, in: C. Y. Robertson-von Trotha (Ed.), Tod und Sterben in der Gegenwartsgesellschaft. Eine interdisziplinäre Auseinandersetzung, Baden-Baden (Nomos Verlagsgesellschaft) 2008, 19–34. Für Gibt es Grenzen des Wissens und der Wissenschaft?: Gibt es Grenzen des Wissens?, in: J. Mittelstraß, Wissen und Grenzen. Philosophische Studien, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 2001, 120– 137; Was heißt “Grenzen des Wissens”?, in: P. Walde/F. Kraus (Eds.), An den Grenzen des Wissens, Zürich (vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich) 2008 (Zürcher Hoch-schulforum 41), 9–25. Für Glanz und Elend der Geisteswissenschaften: Zwischen Geist und Natur. Die Stellung der Geisteswissenschaften im System der Wissenschaft und ihre Aufgaben in der modernen Welt, in: Conceptus. Zeitschrift für Philosophie 35 (2002/2003), Nr. 86–88, 109–126.

Salzburg, im April 2010

WAS IST DER MENSCH?

Anthropologische und ethische Betrachtungen

Es kommt darauf an, jenseits einer Absolutsetzung entweder biologischer Erklärungen (Biologismus) oder kultureller Erklärungen (Kulturalismus), die sich auf das Leben und die Gesetze, unter die das Leben tritt, beziehen, wieder eine wissenschaftlich informierte und philosophisch reflektierte Position einzunehmen. Der Mensch soll nicht auf das reduziert werden, was er als (pure) Natur ist oder als (absoluter) Geist sein will. Philosophische Anthropologie und Ethik finden hier ihre modernen Aufgaben.

Der Mensch ist sich selbst noch immer das rätselhafteste Wesen. Die Wissenschaften vom Menschen haben daran wenig geändert. Sie messen aus, was meßbar ist, und sie erklären, was mit wissenschaftlichen Mitteln erklärbar ist. Aber erklären sie den Menschen? Den Menschen nicht allein als Wesen unter anderen Wesen, den Menschen nicht allein als wissenschaftliches Objekt, als möglichen Gegenstand wissenschaftlicher Analysen, sondern auch in seiner Selbstwahrnehmung, in seinem Selbstverständnis und in seiner Selbstdarstellung?

Erklärt der wissenschaftliche Verstand z.B. Vernunft und Leidenschaft, das Rationale und das Irrationale, den Verstand, der er selbst ist? In Teilen sicher, wie Biologie, Medizin und Psychologie lehren, doch ist der biologische, der medizinische und der psychologische Verstand schließ-lich selbst von der Art, die hier erklärt sein will. Erklärt, begreift das, was alles erklärt und begreift, auch sich selbst? Für den wissenschaftlichen Verstand mag dies reichlich philosophisch und damit, so meinen viele, noch immer vorwissenschaftlich, zumindest wissenschaftsfern klingen. Dieser Verstand ist in seinem Wesen reduktionistisch eingestellt, auf Erklärungen aus einem Prinzip, und das, so scheint es, gilt auch hinsichtlich dessen, was sich als philosophischer Verstand in die Geschäfte des wissenschaftlichen Verstandes mischt.

Doch so sehen die philosophischen und die wissenschaftlichen Dinge wohl doch nicht mehr aus. Die Philosophie hat gelernt, sich in einer Welt einzurichten, die sich in immer größeren Teilen der Arbeit des wissenschaftlichen Verstandes verdankt. Die Wissenschaft hat gelernt, daß Wirklichkeit, auch eine Wirklichkeit, in der sie selbst lebt und arbeitet, nicht allein das ist, was wissenschaftlich der Fall ist. Unsere Probleme, so ließe sich auch sagen, tun uns auch heute nicht den Gefallen, sich entweder als philosophische oder als wissenschaftliche Probleme zu definieren. Auch verbinden sich in dem Maße, in dem die Welt mehr und mehr zum Werk des Menschen wird und dieses Werk sich den Menschen anzueignen beginnt, zunehmend wissenschaftliche Entwicklungen, z.B. in Gentechnik und Reproduktionsmedizin, mit philosophischen, vor allem ethischen Fragen, und philosophische Entwicklungen mit wissenschaftlichen Fragen – und Antworten.

Von diesen Fragen (und Antworten) soll im Folgenden unter einer anthropologischen und ethischen Perspektive die Rede sein. Auch die Anthropologie hat viele ihrer Fragen und Antworten heute an die Wissenschaften vom Menschen abgetreten, gleichwohl ist sie im Kern eine philosophische Bemühung geblieben. Schließlich gilt es auch das, was der wissenschaftliche Verstand über den Menschen weiß, in ein Begreifen des Menschen aufzunehmen, das nicht allein in seinen wissenschaftlichen Manifestationen aufgeht. Die Selbstreflexion, die zum Wesen des Menschen gehört, erfaßt auch die wissenschaftliche Seite, aber sie geht in dieser Seite nicht auf. Schon gar nicht, wenn es um anthropologische und ethische Fragen geht.

1.  Von der Metaethik zur angewandten Ethik

Es ist noch nicht lange her, da brachte eine aufgeregte, in vieler Hinsicht reichlich provinzielle Debatte über die neuen Möglichkeiten biologischer Manipulation, d.h. über die interventionistischen Potentiale der neuen Biologie, den Blätterwald der Republik zum Rauschen. Da war, bezogen auf den Menschen, von Züchtung, Selektion, Menschenpark und dessen Regeln sowie von Anthropotechniken, d.h. Techniken zur Veredelung des Menschen, die Rede, mit denen der Mensch nunmehr die Regie über sein weiteres Schicksal übernehmen würde oder sollte. Zur Ab-wehr wurde gelegentlich an die Eugenikprogramme im Nationalsozialismus erinnert. Es kam viel Unausgegorenes zusammen – und viele Naturwissenschaftler staunten einmal wieder über die eigentümliche Fähigkeit der Geisteswissenschaftler und Philosophen, auf naturwissenschaftliche Entwicklungen und Ergebnisse mit wirrem Zeug zu reagieren, wo es doch zunächst einmal darum gehen sollte, zur Kenntnis zu nehmen und nüchtern zu prüfen, was der wissenschaftliche Verstand herausgefunden hat und wohin er sich bewegt.

Eben dies tun denn auch die Solideren unter den Philosophen, und zwar, von unseren Feuilleton-Denkern souverän übersehen, schon seit langem. Wo wissenschaftliche Entwicklungen einen ethischen Schatten werfen, hat die Philosophie stets ihre Stimme erhoben. Ethik als philosophische Disziplin ist von Beginn an nicht nur mit den Problemen eines (moralisch) guten Lebens und Bedingungen der Glückseligkeit, wie die Philosophie ganz unbefangen sagte, befaßt, sondern auch mit dem keineswegs einfach zu lösenden Problem, das wissenschaftliche Tun mit vernünftig begründeten Maximen und Imperativen des individuellen und gesellschaftlichen Handelns zur Übereinstimmung zu bringen. Dazu bedarf es aber auch auf Seiten einer ethischen Reflexion, die das Wissenschaftliche mit dem Leben verbinden soll, kompetenter Einsicht in das wissenschaftliche Tun und großer Erfahrung im Umgang mit wissenschaftlichen Prozessen und Ergebnissen. Eben dies fehlt häufig, wenn sich Philosophen in wissenschaftliche (und andere) Dinge einmischen. Sie versuchen im Hase-Igel-Spiel den Igel zu spielen und sind in Wahrheit doch der Hase, der allemal zu spät kommt und auf der Jagd nach tiefen Einsichten häufig die einfachsten und für die Welt wichtigsten übersieht – und seine eingeschränkten Kompetenzen allemal.

Oder was würden Sie zu jemandem sagen, der eines schönen Tages in Ihr Labor, in Ihre Studierstube oder in Ihr Unternehmen käme und, erkennbar ahnungslos, über Ihre gesellschaftliche und intellektuelle Zukunft räsonierte? Sie würden ihn rauswerfen. Das kann die Philosophie nicht. Ihr Stall ist voller bunter Hunde, freundlicher ausgedrückt: voller Leute im bunten Rock, aber sie bemüht sich redlich, die Stimme des Sachverstandes, des urteilsstarken Nachdenkens – früher hätte man emphatisch gesagt: die Stimme der Vernunft – hörbar zu machen bzw. in ein kooperatives Verhältnis mit dem wissenschaftlichen und dem nicht-wissenschaftlichen Verstand zu treten. Das gilt, wie gesagt, vor allem in ethischen Dingen.

Ethik hat heute ihre Anwendungen wiederentdeckt. Als philosophische Ethik in erster Linie mit Prinzipien jeder Form von Moralität befaßt, also als Theorie der Moral verstanden, hatte sie sich zuletzt, unter dem Stichwort Metaethik, vornehmlich mit der sprachlichen Analyse moralischer Urteile beschäftigt. Der Weg führte insofern nicht in Anwendungen, in eine unter ethischen Gesichtspunkten betrachtete Praxis, sondern im Gegenteil noch weiter von dieser Praxis fort. Es ging (und geht) in einer metaethischen Betrachtungsweise um die Möglichkeit, sich mit Ethik selbst auf eine wissenschaftliche Weise zu befassen. Metaethik in diesem Sinne ist selbst ethisch neutral – und damit auch moralisch (in dieser Bedeutung als Anwendungsfall ethischer Urteile) neutral. Mit dieser als ‚Neutralitätsthese‘ bezeichneten Einstellung sucht die (philosophische) Ethik selbst einen wissenschaftlichen Status zu gewinnen – um den Preis ihres ethischen, damit auch moralischen, Gehalts, und das heißt: um den Preis ihrer Anwendungen, ihres Einflusses auf das (moralisch beurteilbare oder zu beurteilende) Handeln.

Diese Situation hat sich heute verändert. Zwar geht es in der Ethik noch immer um Prinzipien der Moral und um die systematische, auch sprachanalytisch geklärte Rolle derartiger Prinzipien, doch melden sich dabei zunehmend Probleme zu Wort, die sich nicht so sehr in der philosophischen Analyse selbst, als systematische Probleme, geltend machen, sondern in der Praxis, auch in der Praxis einzelner Wissenschaften, als ethische oder moralische Probleme, und in diesem Sinne als empirische Probleme, nach einer Lösung rufen, auch einer solchen, die ihre eigenen systematischen Fragen mit sich führt.

Konkret haben unter dem allgemeinen Rahmentitel einer angewandten Ethik Probleme an Bedeutung gewonnen, die etwa unter den Stichworten Medizinethik, Umweltethik, Technikethik und Wirtschaftsethik behandelt werden. Dabei handelt es sich um Probleme und Fragen, die sich vornehmlich der modernen Wissenschaftsentwicklung verdanken. Dies gilt insbesondere für die Entwicklung der modernen Medizin und Biologie, weshalb auch zu den genannten Stichworten das Stichwort Bioethik bzw. das einer biomedizinischen Ethik tritt. In ihr geht es um ethische Fragen und Probleme, die im Zuge neuerer wissenschaftlicher Entwicklungen den Bereich des Lebendigen betreffen, also nicht nur humanethische, sondern auch tierethische und ökologische, die auch schon unter dem Stichwort Umweltethik diskutiert wurden. Dabei sind es vor allem Entwicklungen in der Gentechnik und der Reproduktionsmedizin, die die Bioethik heute zu einem zentralen Thema der ethischen Reflexion machen. Die philosophische Ethik ist mitten in die wissenschaftliche Entwicklung geraten, nicht, indem sie sich selbst in eine Wissenschaft zu verwandeln sucht, wovon die älteren metaethischen Betrachtungen zeugen, sondern indem sie sich mit ethischen (und moralischen) Problemen wissenschaftlicher Entwicklungen konfrontiert sieht, die die Wissenschaft selbst nicht lösen kann, und die auch andere gesellschaftliche Instanzen ohne die Anstrengungen einer philosophischen Ethik nicht lösen können. Das wiederum liegt nicht zuletzt daran, daß auf dem Felde der Bioethik, auf den Menschen bezogen, wissenschaftliche, ethische und anthropologische Aspekte ineinandergreifen. Es geht nicht um irgendwelche Dinge, die einen ethischen Schatten werfen, sondern um den Menschen selbst, sein Selbstverständnis und seine Zukunft – als biologisches und kulturelles Wesen.

In diesem Sinne einige Überlegungen über die Natur des Menschen in einer ethischen, vor allem den dabei häufig herangezogenen Begriff der Menschenwürde kritisch ins Auge fassenden Perspektive. Die zentrale Frage, angesto-ßen durch moderne Entwicklungen in der Biologie und der Medizin, lautet: ‚Machen wir uns selbst?‘ Diese Frage wird in vier Anläufen zu beantworten versucht.

2.  Wissenschaft auf dem Wege ins Inhumane?

Daß der Mensch in seiner biologischen Natur nicht aufgeht, ist eine alte Einsicht. Sie hat bei den Griechen, die wir gern (und zu Recht) als die ‚Entdecker‘ von Vernunft, Philosophie und Wissenschaft bezeichnen, d.h. als die Entdecker des ‚theoretischen‘ Wesens des Menschen, zur Definition des Menschen als animal rationale, als des mit Vernunft und Verstand begabten Lebewesens geführt, bei Descartes, dem ‚Vater‘ der neuzeitlichen Philosophie, zur Zerlegung des Menschen in eine körperliche und eine geistige Substanz, die beide in ihrer Konstitution nichts miteinander zu tun haben, und im Deutschen Idealismus zu der wahrhaft ‚idealistischen‘ Bestimmung, daß die wahre Wirklichkeit die des Geistes ist. Nach Descartes ist der Mensch einerseits eine Gliedermaschine und darin ein Stück mechanische Natur, andererseits reiner Geist, reiner Verstand, unabhängig und frei von aller körperlichen Natur. In der Philosophie des Deutschen Idealismus ist alles Geist, selbst die Natur, die insofern nur die andere Seite des Geistes wäre. Weit weniger philosophisch – und weniger emphatisch – wird, wiederum seit der Antike, zwischen der biologischen und der kulturellen Natur des Menschen, nämlich dem, was an ihm selbst Natur (im physischen und biologischen Sinne), und dem, was an ihm selbst Kultur, sein kulturelles Wesen ist, unterschieden.

Die Frage ‚machen wir uns selbst?‘, die ich hier zur Ausgangs- und Leitfrage meiner Überlegungen machen will, wurde in traditioneller Weise denn auch bezogen auf das kulturelle Wesen, die kulturelle Natur des Menschen mit „Ja“, bezogen auf das natürliche Wesen des Menschen, seine physische und biologische Natur, mit „Nein“ beantwortet. In der Kultur, in unserem kulturellen Wirken, sind wir Schöpfer, in der Natur, in unserer natürlichen Befindlichkeit, sind wir Geschöpfe. Also ein klares Ja und ein klares Nein – vielleicht mit einer kleinen Einschränkung im Hinblick auf die Kunst des Arztes, die in heilender Absicht in die physische Natur des Menschen eingreift, sie also verändert. Heute wohl auch im Hinblick auf die Kunst des plastischen Chirurgen, die mal heilt, mal täuscht, sowie im Hinblick auf die Wirkung hygienischer Maßnahmen und sportlicher Ertüchtigungen. Der fundamentale Unterschied zwischen dem kulturellen und dem natürlichen (physischen und biologischen) Wesen des Menschen war dadurch nicht in Frage gestellt, im Gegenteil eher bestätigt – weil es ja darum ging, mit natürlichen Gegebenheiten fertigzuwerden.